Lebensdaten
1793 bis 1864
Geburtsort
Poppitz bei Znaim (Popice, Mähren)
Sterbeort
Solothurn
Beruf/Funktion
Dichter ; Publizist
Konfession
katholisch/bis etwa 1823,evangelisch
Normdaten
GND: 118612476 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Postel, Carl
  • Postel, Karl
  • Postl, Carl Anton Magnus (eigentlich)
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Zitierweise

Sealsfield, Charles, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118612476.html [15.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Anton (1768–1839), Weinbauer u. Ortsrichter in P., S d. Godfried Postl (1734–1808) u. d. Justina Kutner (1729–1804);
    M Juliana Rab(e)l (1768–1848);
    10 Geschw; – ledig.

  • Leben

    S. studierte nach dem Besuch des Gymnasiums in Znaim seit 1808 in Prag Philosophie, seit 1811 Theologie, u. a. bei Bernhard Bolzano, und wurde 1814 zum Priester geweiht. Seit 1810 Mitglied des Kreuzherrenordens, verkehrte er als Sekretär des Großmeisters in den Kreisen der liberalen und vermutlich freimaurerischen Prager Aristokratie. 1823 verließ er Prag aus ungeklärten Gründen und emigrierte über Wien und Stuttgart in die USA, wo er sich eine neue Identität aufbaute, zuerst als Charles Sidons, dann seit 1826 als C. S. Er lebte, wahrscheinlich zunächst als prot. Geistlicher, in Kittaning (Pennsylvania) und in New Orleans. 1826/27 hielt er sich wieder in Europa, v. a. in London, auf, publizierte Reiseberichte und bot dem österr. Staatskanzler Metternich erfolglos seine Dienste als Geheimagent an. Nach seiner Rückkehr in die USA war S. u. a. in New York City als Journalist tätig und hatte Kontakt mit Joseph Bonaparte. Ende 1830 ging S. abermals nach Europa, ließ sich in der Schweiz nieder und erlangte mit mehreren zunächst anonym veröffentlichten Romanen internationale Erfolge. Eine kurze USA-Reise 1837 diente der rechtlichen Absicherung seiner amerik. Identität; ein USA-Aufenthalt 1853–58 brachte ihm offiziell die amerik. Staatsbürgerschaft. 1858 kaufte er ein Haus in Solothurn, das er bis zu seinem Tod bewohnte. Seit 1843 hatte er nichts mehr veröffentlicht und war weitgehend vergessen; die Eröffnung seines Testaments und die Enthüllung seiner früheren Identität als Carl Postl erregte aber großes Aufsehen und führte zu intensiven biographischen Forschungen.

    S.s erste Publikation, von Zeitschriftenbeiträgen abgesehen, war der Reisebericht „Die Vereinigten Staaten von Nordamerika, nach ihrem politischen, religiösen und gesellschaftlichen Verhältnisse betrachtet [ . . . ]“, der 1827 erschien (rev. engl., 2 Bde., 1828). Im selben Jahr folgte die anonyme Veröffentlichung „Austria as it is, or sketches of continental courts, by an eye-witness“ (kommentierte Ed., hg. v. P.-H. Kucher, 1994), die scharfe Kritik am Metternich-System übte und eine Suche der österr. Geheimpolizei nach dem Verfasser auslöste. Der an James Fenimore Coopers „Last of the Mohicans“ (1826) erinnernde Indianerroman „Tokeah, or the White Rose“ (3 Bde., 1829) war zunächst kein Erfolg; erst nach einer grundlegenden Umarbeitung (Der Legitime u. d. Republikaner, Eine Gesch. aus d. letzten amerik.-engl. Krieg, 3 Bde., 1833) fand der Roman ein interessiertes Publikum.

    S. verstand sich als politischer Autor. Er hielt sich später zugute, den „nazionalen oder höheren Volks-Roman“ erfunden zu haben, in dem an die Stelle eines Einzelhelden ein ganzes Volk gesetzt wird; als Zweck seines Schreibens gab er an, den amerik. „Civilisazionsproceß“ darstellen zu wollen. Tatsächlich behandeln S.s Romane einerseits die funktionierende amerik. Republik (Lb. aus d. westl. Hemisphäre, 5 Bde., 1834–37), andererseits die nicht-funktionierende Republik in Mexiko (Der Virey u. d. Aristokraten oder Mexiko im J. 1812, 3 Bde., 1833; Süden u. Norden, 3 Bde., 1842/43). S.s Versuche, das transatlantische Verhältnis zwischen Europa und den USA zu behandeln, scheiterten; beide Romane (Morton oder Die große Tour, 2 Bde., 1835; Die Dt.-Amerik. Wahlverwandtschaften, 4 Bde., 1839/40) blieben unvollendet. Da ihn die politische und soziale Entwicklung in den USA zunehmend desillusionierte, erschloß er sich mit seinem bis heute bekanntesten Werk, „Das Cajütenbuch oder Nationale Charakteristiken“ (2 Bde., 1841), in dem eben erst unabhängig gewordenen Texas einen neuen utopischen Raum. S. erscheint in seinen Romanen als überzeugter Verfechter des politischen und sozialen Systems der USA, allerdings in dessen agrarisch-südstaatlicher Ausprägung, weshalb er die Institution der Sklaverei verteidigte. Von den Zeitgenossen, etwa den Jungdeutschen, wurden die Romane als Bilder der amerik. Demokratie geschätzt; auf manchen problematischen Zug von S.s Ideologie hat erst die jüngere Forschung aufmerksam gemacht. Als sprachliche Kunstwerke sind die Bücher bis heute bemerkenswert; ihre Vitalität hebt sie aus der Masse der zeitgenössischen dt.sprachigen Romanproduktion heraus.

  • Auszeichnungen

    Briefmarke d. Österr. Post (1993); C.-S.-Ges. (seit 1964); Internat. C.-S.-Ges. (seit 2002); S.-Archiv Albert Kresse (seit 1982 an d. Zentralbibl. Solothurn; Kat., hg. v. F. Bornemann, 1974).

  • Werke

    Ges. Werke, 18 Bde., 1843–46;
    Ausgew. Werke, hg. v. O. Rommel, 8 Bde., 1909–12;
    Exot. Kulturromane in neuer Auswahl u. Anordnung, hg. v. H. Conrad, 7 Bde., 1917 (P);
    Sämtl. Werke, hg. v. K. J. R. Arndt u. a., voraussichtl. 33 Bde., 1972 ff.;
    Briefe u. Dok.:
    Das Geheimnis d. Gr. Unbekannten, C. S. = Carl Postl, Die Qu.schrr. mit Einl., Bildnis, Hs.probe u. ausführl. Reg., hg. v. E. Castle, 1943 (neu hg. v. W. Kriegleder, in: C. S., Sämtl. Werke, Suppl.reihe, Materialien u. Dok., Bd. 2, 1995);
    Der gr. Unbekannte, Das Leben v. C. S. (Karl Postl), Briefe u. Aktenstücke, hg. v. E. Castle, 1955;
    R. F. Spiess (Hg.), C. S.s Werke im Spiegel d. lit. Kritik, 1977;
    Bibliogrr.:
    O. Heller u. T. H. Leon, C. S., Bibliography of His Writing Together with a Classified and Annotated Catalogue of Literature Relating to His Work and His Life, 1939;
    F. Bornemann u. H. Freising, S.-Bibliogr. 1945–1965, 1966;
    A. Kresse, Erläuternder Kat. meiner S.-Slg., hg. v. F. Bornemann, 1974;
    A. Ritter, S.-Bibliogr. 1966–1975, 1976;
    ders., S.-Bibliogr. 1976–1986, in: Schrr.reihe d. C.-S.-Ges. 1, 1987, S. 50–65;
    ders., C.S.-Bibliogr. 1987–1998, in: S.-Stud. 1, 2000, S. 177–202;
    ders., S.-Bibliogr. 1998–2000, ebd. 2, 2000. S. 177–81;
    ders., S.-Bibliogr. 2000–2003, in: C. S., Perspektiven neuerer Forsch., hg. v. dems., 2004, S. 225–34;
    Nachlaß:
    Zentralbibl. Solothurn (Slg. v. Briefen, Büchern u. weiteren Materialien, Kat., in: C. S., Sämtl. Werke, Bd. 27, 1991).

  • Literatur

    ADB 33;
    E. Castle, Der große Unbekannte, Das Leben v. C. S. (Karl Postl), 1952 (P, neu hg. v. G. Schnitzler, in: C. S., Sämtl. Werke, Suppl.reihe, Materialien u. Dok., Bd. 1, 1993);
    A. Ritter, Darst. u. Funktion d. Landschaft in d. Amerika-Romanen v. C. S. (Karl Postl), Diss. Kiel 1969;
    H. Fritz, Die Erzählweise in d. Romanen C. S.s u. Jeremias Gotthelfs, Zur Rhetoriktradition im Biedermeier, 1976;
    F. Schüppen, C. S., Karl Postl, ein österr. Erzähler d. Biedermeierzeit im Spannungsfeld v. Alter u. Neuer Welt, 1981;
    J. Schuchalter, Frontier and Utopia in the Fiction of C. S., 1986;
    W. Grünzweig, Das demokrat. Kanaa, C. S.s Amerika im Kontext amerik. Lit. u. Ideol., 1987;
    G. Schnitzler, Erfahrung u.|Bild, Die dichter. Wirklichkeit d. C. S. (Karl Postl), 1988;
    C. L. Brancaforte (Hg.), The Life and Works of C. S. (Karl Postl) 1793–1864, 1993;
    J. Sammons, in: Nineteenth Century German Writers to 1840, hg. v. J. Hardin, 1993, S. 248–54;
    F. B. Schüppen (Hg.), Neue S.-Studien, Amerika u. Europa in d. Biedermeierzeit, 1995;
    J. P. Strelka (Hg.), Zw. Louisiana u. Solothurn, Zum Werk d. Österreich-Amerikaners C. S., 1997;
    W. Grünzweig, in: Nineteenth Century American Western Writers, hg. v. R. L. Gale, 1997, S. 336–47;
    G.-A. Pogatschnigg (Hg.), C. S., Pol. Erzähler zw. Europa u. Amerika, Perspektiven internat. Forsch., Symposion Bergamo, Okt. 1994, 1998;
    W. Kriegleder, Vorwärts in d. Vergangenheit, Das Bild d. USA im dt.sprach. Roman v. 1776 bis 1855, 1999;
    ders., in: Lex. dt.mähr. Autoren, 2002;
    L.-P. Linke, Reise, Abenteuer u. Geheimnis, Zu d. Romanen C. S.s, 1999;
    E. Grabovszki, Zw. Kutte u. Maske, Das geheimnisvolle Leben d. C. S., 2005 (P);
    – Schrr.reihe d. C.-S.-Ges., seit 1987 (P);
    S.-Bibl., seit 2003;
    Enc. Britannica;
    DAB;
    Schweizer Lex.;
    ÖBL;
    Biogr. Lex. Böhmen;
    Killy;
    Metzler Autorenlex. (P);
    Kosch, Lit.-Lex.3 (W, L);
    BBKL 19;
    ANB.

  • Portraits

    Foto, 1864 (S.-Archiv Albert Kresse, Zentralbibl. Solothurn).

  • Autor/in

    Wynfrid Kriegleder
  • Empfohlene Zitierweise

    Kriegleder, Wynfrid, "Sealsfield, Charles" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 103-105 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118612476.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Sealsfield: Charles S. nannte sich der Verfasser von einer Reihe schönwissenschaftlicher Schriften, die 1843 ff. als seine „Gesammelten Werke“ in 18 Bdn. erschienen, nachdem dieselben schon während eines Jahrzehnts bei anonymer Aussendung ihren Weg durch Deutschland genommen und hier den Vorzug genossen hatten, viel gelesen zu werden. Ueber die Lebensverhältnisse des Autors, der seinen Wohnsitz in der Schweiz hatte, war indessen nichts in Erfahrung zu bringen; man vermuthete in ihm nur einen Amerikaner, da in seinen Schriften die Verhältnisse der neuen Welt mit einer solchen Treue geschildert waren, wie es nur einem Eingeborenen möglich sein konnte. Erst der Tod des Schriftstellers lichtete das Dunkel, und wenn auch S. in seinem Testamente seinen eigentlichen wahren Namen noch immer verschwiegen hatte, so wies doch der Inhalt desselben die Wege zu weiteren Nachforschungen, und diese ergaben Folgendes: Charles S. hieß mit seinem wirklichen Namen Karl Postl (auch Postel) und wurde am 3. März 1793 zu Poppitz bei Znaim in Mähren als der Sohn des Ortsrichters Anton Postl geboren. Die Verhältnisse im Vaterhause waren bei einer zahlreichen Familie wohl beschränkt, aber doch nicht dürftig, und so konnten die Eltern ihren Sohn Karl auf das Gymnasium in Znaim schicken, nach dessen Absolvirung er dann einen Platz als Conventstudent|im Prager Kreuzherrnstifte erhielt, wo er die philosophischen Studien beendete. Nunmehr vor die Wahl eines Berufes gestellt, beugte sich S. dem ausdrücklichen Wunsche seiner Mutter, die in ihm einen Geistlichen zu sehen ersehnte, und so trat er 1813 als Novize in das Ordenshaus der Kreuzherren vom rothen Stein zu Prag ein, erhielt nach Ablauf des Noviziats die Priesterweihe und wurde, nachdem er eine Zeitlang Secretariatsadjunct gewesen, zum Ordenssecretär ernannt, eine Beförderung, die er vornehmlich seinen Sprachkenntnissen zu verdanken hatte. Indessen vermochte diese bevorzugte Stellung nicht, ihn mit dem Klosterleben auszusöhnen, dem er sich ja nur unfreiwillig geweiht hatte, und auf die Dauer mußte ihm bei seinen freieren Ansichten der klösterliche Zwang unerträglich werden. Als er daher im April 1823 einen Ordensbruder nach Karlsbad begleitete, um dort selber die Kur zu gebrauchen, benutzte er diese Gelegenheit, dem Kloster und seinem Vaterland zu entfliehen| wahrscheinlich erst nach England, um dann schließlich in Amerika festen Fuß zu fassen. Ueber seine Schicksale in der neuen Welt ist nur wenig Sicheres bekannt geworden; wenn aber S. wirklich der Verfasser des ihm zugeschriebenen Buches „Die Vereinigten Staaten von Nordamerika, nach ihrem politischen, religiösen und gesellschaftlichen Verhältnisse betrachtet. Mit einer Reise durch den westlichen Theil von Pennsylvanien, Ohio, Kentucky, Indiana, Illinois, Missouri, Tenessee, das Gebiet Arkansas, Missisippi und Louisiana. Von C. Siddons (Pseudonym für Sealsfield)“ (II, 1827) sein sollte, so muß er die ersten Jahre seines Lebens in Amerika zu ausgedehnten Reisen und besonders zu eingehenden Studien der dortigen Verhältnisse benutzt haben. Daß er zur Herausgabe des Werkes mit dem Verleger Cotta in Stuttgart persönlich habe unterhandeln und deshalb in Deutschland anwesend sein müssen (1826), ist nicht gerade nothwendig, wenngleich es auch nicht ausgeschlossen ist+) Ergänzunggeändert aus: S. 500. Z. 25 v. o. [d. Red.]: Sealsfield war wirklich 1826 in Deutschland; einige seiner Briefe an Cotta sind aus Frankfurt a. M. datirt. ; dagegen war S. im folgenden Jahre (1827) in London und veröffentlichte hier sein Buch „Austria as it is“ (1828), das wegen der freimüthigsten und rücksichtslosesten Schilderung der österreichischen Zustände sowohl in Oesterreich als auch vom Deutschen Bunde aufs strengste verboten wurde. Nach Amerika zurückgekehrt, bereiste S. 1827 die südwestlichen Staaten der Unionund schrieb den Roman „Tokeah or the white rose“ (1828)|, den er später in deutscher Sprache völlig umgearbeitet hat. Inzwischen war S. Besitzer einer Plantage am Red River geworden und gedachte sich hier dauernd niederzulassen, als er durch den Bankerott seines Banquiers in New Orleans den größten Theil seines Vermögens einbüßte und nun gezwungen ward, einen andern Lebensweg zu suchen. Er wählte den Beruf eines Schriftstellers. Einige Novellen und Reiseskizzen, die er früher in Journalen veröffentlicht, hatten bereits die Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet, und in New York, wo er sich nun bleibend niederließ, wurde ihm bald die Redaction des Courier des Etats Unis übertragen, desjenigen Blattes, das den Interessen der französischen Bevölkerung in Nordamerika diente. Nachdem dasselbe 1830 in den Besitz des ehemaligen Königs von Spanien, Joseph Bonaparte, übergegangen war, der in Amerika als Graf Survilliers lebte, schrieb S. hinfort für den Bonapartismus und gegen die Orleans; doch war der Parteikampf ein ziemlich wirkungsloser, den S. auf die Dauer nicht fortsetzen mochte, und da ihm außerdem die Aerzte riethen, seine angegriffene Gesundheit in Deutschland wieder herzustellen, so verließ er die neue Welt und begab sich zunächst mit Aufträgen und Empfehlungen von Joseph Bonaparte nach London. Hier verkehrte er mit den hervorragendsten Staatsmännern, wie Aberdeen, Brougham, Palmerston, betheiligte sich auch als Schriftsteller an dem monatlich erscheinenden „Englishman“. Dann ging er nach Paris, von wo aus er in den „Morning Courier and Enquirer correspondirte, und 1832 nach der Schweiz, wo er mit Louis Napoleon, späterem Kaiser der Franzosen, in Verbindung trat, sich aber vorwiegend der Schriftstellers zuwandte. Einen festen Wohnsitz suchte S. nicht; er lebte theils in Arenenberg, theils in Zürich, oder am Bodensee, in der schön gelegenen Villa Werner bei Schaffhausen, in Baden im Aargau, machte wiederholt Besuche in Paris und in den Jahren 1837, 1850 und 1859 auch länger währende Reisen nach Nordamerika, wohin ihn Vermögensangelegenheiten riefen und wo er stets auf das ehrenvollste aufgenommen wurde. Während des letzten Aufenthalts daselbst ließ er durch einen seiner Freunde in der Nähe von Solothurn ein kleines Landgut kaufen, dem er den Namen „Unter den Tannen“ gab, und das er bis zu seinem Tode am 26. Mai 1864 bewohnte. Das Geheimniß seines Namens hat S. mit ins Grab genommen. Warum er denselben so beharrlich verschwieg, wird wohl nicht aufgeklärt werden. „Die ergreifenden Worte der Selbstanklage in der nach seiner Bestimmung ausgeführten Grabschrift deuten wohl auf eine geheime Schuld, die ihn sein Leben lang bedrückt haben mochte"; welcher Art dieselbe aber gewesen, kann kaum vermuthet werden, da S. vor seinem Ableben alle seine Papiere verbrannt hatte, darunter auch seine „Memoiren", die Erzählung „Ein Mann aus dem Volke" und einen Roman „Ost und West“, ein Gegenstück zu seinem Roman „Süden und Norden“. Nur ein altes Schreibheft, dessen sich S. als Unterlage beim Schreiben bediente, war der Vernichtung entgangen, und aus ihm hat Alfred Meißner die groteske Erzählung „Die Grabesschuld. Nachgelassene Novelle von S.“ (1875) mühsam zusammen gelesen und herausgegeben. Die von S. bei Lebzeiten veröffentlichten Romane sind der Reihe nach folgende: „Der Legitime und die Republikaner. Eine Geschichte aus dem letzten amerikanisch-englischen Kriege“ (II, 1833), eine deutsche Be- und Umarbeitung des oben genannten Romans „Tokeah“ — „Transatlantische Reiseskizzen“ (II, 1834 der 1. Theil der Lebensbilder aus beiden Hemisphären) — „Der Virey und die Aristokraten oder Mexiko im Jahre 1812" (III, 1835) — „Lebensbilder aus beiden Hemisphären" (VI, 1835—37) mit den besonderen Titeln: „George Howard's Brautfahrt"; „Ralph Doughby's Brautfahrt"; „Pflanzerleben"; „Die Farbigen"; „Nathan, der Squatter-Regulator" — „Morton oder die große Tour" (II, 1838) — „Die deutsch-amerikanischen Wahlverwandtschaften" (IV, 1839) — „Das Cajütenbuch oder nationale Charakteristiken“ (II, 1841) — „Süden und Norden“ (III, 1842—1843). — „Charles S. ist ein Autor von hoher dichterischer Befähigung, glühender Phantasie, rastloser Lebendigkeit, von scharfem Blicke für die Auffassung großer Culturtypen und der Schöpfer des exotischen Culturromans in unserer Litteratur. Wenn der Kosmopolitismus unserer Dichter im Ganzen abstract oder auf litterarische Vermittelungen beschränkt blieb, so tritt er uns bei S. mit praktischem Weltblicke, in concreter Weise gegenüber; die Factoren, mit denen er rechnet, um das geistige Product der Zukunft zu gewinnen, sind Continente und Hemisphären; er schildert die Menschheit in allen ihren Raceunterschieden, in ihrer unendlichen Bedingtheit durch die continentale Natur bis auf die kleinsten und feinsten provinziellen Unterschiede und vergißt nie über der sorgfältigsten Farbengebung im einzelnen die große historische Mission der Nationen und Welttheile. Amerika, der jugendlichste und zukunftsvollste Continent, bildet den Mittelpunkt seiner Schilderungen. Der Kampf des Menschen mit der Natur, der Sieg des Geistes, der Arbeit, der Thatkraft über den Urwald und die Steppe begeistert unsern Rhapsoden zur lautesten Feier dieses unberühmten und namenlosen Heroismus der Masse, der keine blutigen Schlachtfelder schafft, aber Felder des Segens für die Nachkommen unter tausend Entbehrungen und Opfern der Natur abgewinnt und Land gewinnt, nicht zum Herrentausche, sondern herrenloses Land dem Herrn der Schöpfung“ (Gottschall). Selbstverständlich ist der Autor begeistert für die|großen Erfolge des Unabhängigkeitskampfes der nordamerikanischen Freistaaten und für ihre selbständige Entwickelung, und durch diese Begeisterung will er seinen Landsleuten in der alten Welt begreiflich machen, was Freiheit sei, will er sie für dieselbe empfänglich machen. Sealsfield's poetische Gestaltungsgabe zeigt sich weniger in der Composition seiner Dichtungen, als in der Schilderung des Details. Er ist ein Meister in der Volks- und Racenmalerei. „Mit gleicher Sicherheit und Wahrheit schildert er Neger und Indianer, Eingeborne und neue Ankömmlinge, die leichtfertigen Franzosen des Südens, die kalten berechnenden Yankees des Nordens, die warmblütigen spanischen Creolen, den stolzen Virginier und den heißköpfigen Kentuckier; mit gleicher Sicherheit und Wahrheit die verschiedenen Stände vom reichen Kaufmanne bis zum ärmsten Trödler, den von tausend Sclaven umgebenen Pflanzer sowie den Hinterwäldler, der sein Blockhaus verläßt, um sich in weiter Ferne ein neues zu gründen; und oft weiß er durch die einfachsten Mittel die großartigsten Charakterzeichnungen zu geben“ (Kurz). Ebenso bedeutend ist Sealsfield's Talent für Naturmalerei; es ist geschult in der genauesten Beobachtung des Reisenden, der sich nicht bloß über seine eigenen Erlebnisse, sondern auch über die Landschaft Rechenschaft giebt. Mag er uns den südwestlichen Urwald oder das bald ruhige, bald vom Sturm gepeitschte Meer schildern, mag er uns durch die Gebirgswelt führen oder durch unermeßliche Steppen, mag er uns die Vegetation und das Leben in Pennsylvanien, am Susquehannah, Red River und Missouri oder im südlichen Mexiko, in den öden Sandwüsten von Veracruz ausmalen: immer athmen seine Schilderungen eine große Naturbegeisterung, und je großartiger die Erscheinung ist, desto mächtiger und gewaltiger, aber auch desto reiner wird seine Darstellung. „Der Stil Sealsfield's ist originell, oft begeistert, wild, von einer an Ausrufungen reichen Lebendigkeit, oft krampfhaft hastig, fragmentarisch hingeworfen, rasch und jählings ausgestoßen und häufig durch seine Sprachmengerei ein Schrecken der deutschen Puristen“. Zwar sucht der Autor sein transatlantisches Kauderwelsch, das sich in den unartikulirten Lauten der Indianer, in den sonderbarsten Ausdrücken der Yankees, in französischen, englischen, spanischen Brocken und ganzen Sätzen kennzeichnet, zu rechtfertigen, weil es charakteristisch für seine Volks- und Sittenzeichnung sei, immerhin thut aber diese babylonische Sprachvermischung dem guten Geschmack nicht wohl. Trotz allem bleibt S. ein genialer Dichter, und für das Verständniß amerikanischen Lebens wird er ebenso unentbehrlich sein, wie etwa Goethe für das Verständniß deutscher Anschauungsweise.

    • Literatur

      Die Gartenlaube, Jahrg. 1864, S. 53; Jahrg. 1865, S. 94. — Daheim, 1. Jahrg. (1864—65), S. 295. —
      Wurzbach's Lexikon, 33. Bd., S. 228 ff. —
      H. Kurz, Geschichte der deutschen Litteratur, IV, S. 714 ff. — R. Gottschall, Die deutsche Nationallitteratur des 19. Jahrhunderts, IV, S. 365 ff. Zu vgl. ferner Kertbeny, „Besuche bei Sealsfield“ im 2. Band der „Silhouetten und Reliquien“, Prag 1863 und „Erinnerungen an Sealsfield“, Brüssel und Leipzig 1864. Leo Smolle, Sealsfield, Wien 1875. S. Hamburger, Postl; unveröffentl. Briefe, Wien 1879.

  • Autor/in

    Franz Brümmer.
  • Empfohlene Zitierweise

    Brümmer, Franz, "" in: Allgemeine Deutsche Biographie 33 (1891), S. 499-502 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118612476.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA