• Leben

    S. war nach dem Bericht der zeitgenössischen Fredegar-Chronik Kaufmann fränk. Herkunft (de pago Senonago, was unterschiedlich mit dem Gau von Sens, Soignies oder dem Saalegau gedeutet wurde). 623/24 nahm er an einem Aufstand der Wenden/Slaven (damals synonym gebraucht) teil, die in den westlichen Randgebieten des Awarenreiches lebten, wobei ihm wegen seiner Tapferkeit bald eine Führungsrolle zufiel. Tatsächlich gelang es, die awarische Herrschaft abzuschütteln, worauf S. zum König der Wenden erhoben wurde. Die Niederlage der Awaren vor Konstantinopel 626 und die folgenden inneren Auseinandersetzungen um die Würde des Awarenkhagans verhinderten wohl einen erfolgreichen awarischen Gegenschlag.

    Wo genau das Herrschaftsgebiet des S. lag, ist verschieden gedeutet worden. Am ehesten kommt Böhmen als Zentrum seines Reiches in Frage, von wo es möglicherweise auf Mähren, das nördl. Niederösterreich und Teile Überfrankens ausgriff. Jedenfalls drehte es sich um eine slavisch besiedelte Zone zwischen den Reichen der Awaren und der Franken. Nachdem erstere besiegt waren, beanspruchten letztere die Oberherrschaft über das S.-Reich. Die Ermordung fränk. Kaufleute durch Slaven gab 631/32 den Anlaß zum Krieg. Eine fränk. Gesandtschaft forderte Genugtuung, was S. ebenso zurückwies wie die eingeforderte Untertanenpflicht. Daraufhin griff der fränk. König Dagobert ( 638/39) mit drei Heeren sowie alemann, und langobard. Unterstützung die Slavengebiete von den Ostalpen bis nach Böhmen an. Das fränk. Hauptheer erlitt jedoch beim Sturm auf die (sonst unbekannte) Wogastisburg eine schwere Niederlage. Daraufhin schlossen sich auch die Sorben unter ihrem Dux Dervan dem Reich des S. an, und es begann eine Periode von Slaveneinfällen in Thüringen und anderen Grenzgebieten. Denkbar, aber keineswegs belegt ist der Umstand, daß auch die Alpenslaven in loser Abhängigkeit zu ihm standen; erst im 9. Jh. betrachtete die Conversio Bagoariorum et Carantanorum S. retrospektiv als Karantanenfürsten. Seine Regierung soll 35 Jahre gedauert haben. Fredegar erwähnt zudem, daß er 12 wendische Frauen hatte, und insgesamt 22 Söhne und 15 Töchter. Von diesen und von seinem Reich findet sich nach seinem Tod aber keine Spur mehr; die Bildung slavischer Staaten in diesem Raum seit dem 9. Jh. ging andere Wege. Er blieb für längere Zeit der einzige Slavenfürst, dem die zeitgenössischen lat. Quellen den Königstitel zubilligen.

  • Quellen

    Qu Fredegar, Chronica, cap. IV, 48 u. IV, 68, ed. B. Krusch, MGH SS rer. Merov. 2, 1888, Nachdr. 1956; A. Kusternig, Qu. z. Gesch. d. 7. u. 8. Jh., lat. u. dt., 21994; Conversio Bagoariorum et Carantanorum, cap. IV, ed. F. Lošek, MGH Studien u. Texte 15, 1997.

  • Literatur

    ADB 30;
    H. Brachmann, Als aber die Austrasier das castrum Wogastisburc belagerten… (Fredegar IV, 68), in: Onomastica Slavogermanica 19, 1990, S. 17-33;
    W. Fritze, Unterss. z. frühslaw. u. früh-frank. Gesch. bis ins 7. Jh., 1994;
    H. Kunstmann, Über d. Herkunft S.s, in: Welt d. Slaven 25, 1980, S. 293-313;
    W. Pohl, Die Awaren, Ein Steppunvolk in Mitteleuropa, 567-822 n. Chr., 22002, S. 256-61;
    J. Schütz, Fredegar über Wenden u. Slawen, in: Jb. f. fränk. Landesforsch. 52, 1992, S. 45-59;
    H. Wolfram, Grenzen u. Räume, Gesch. Österr.s vor seiner Entstehung, Österr. Gesch., I, 1995, S. 80 f., 301 f.;
    Lex. MA.

  • Autor/in

    Walter Pohl
  • Empfohlene Zitierweise

    Pohl, Walter, "Samo" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 408 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118794310.html#ndbcontent

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  • Leben

    Samo, ein Franke aus der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts, ursprünglich Kaufmann, später König der an der oberen Elbe und westwärts bis zur Saale, im heutigen Böhmen und Königreich Sachsen, ansässigen Wenden, der „deutschen“ Slaven, wie Zeuß sie nennt. Sein Reich grenzte im Westen an Austrasien, zunächst Thüringen, im Süden und Osten an das über Oesterreich und Ungarn sich erstreckende Land der Avaren oder Hunnen. Wann die Wenden in den Besitz dieser Gegenden gelangt und welches ihr politisches Verhältniß zu den beiden Nachbarstaaten war, entzieht sich unserer Kenntniß; beide beanspruchten eine Oberhoheit über das zwischen ihnen gelegene Gebiet, und zwar die Avaren, indem sie seit Jahrzehnten einen unerträglichen Druck ausübten, die Franken, indem ihnen der friedliche Verkehr im Lande als eine stillschweigende Anerkennung ihrer Herrschaft genügen mochte. So erschien denn in den Jahren 623—624 auch S. an der Spitze zahlreicher anderer Handelsleute geschäftshalber bei den Wenden, und als er das Land in Hellem Aufruhr gegen die Avaren und deren Oberhaupt oder Chakan fand, gesellte er sich den Aufständischen zu, gelangte unter ihnen bald zu einer führenden Stellung und machte sich um die Befreiung der Wenden so verdient, daß diese ihn zu ihrem Könige erhoben. In wiederholten Treffen kämpfte das Volk unter seiner Leitung auch später noch gegen die Avaren und blieb jeder Zeit Sieger. Aber auch mit den westlichen Stammesgenossen gerieth S. in Streit: wieder waren fränkische Händler ins Land gekommen und viele derselben beraubt und getödtet worden. Ein Abgesandter König Dagobert's I., Sicharius, der Genugthuung fordern sollte, vermochte nur|in slavischer Verkleidung sich bei S. Zutritt zu verschaffen. Dieser machte Gegenforderungen geltend; Sicharius, seine Vollmacht überschreitend, stieß Drohungen aus, weil S. und sein Volk dem Könige Dagobert Dienstbarkeit schulde. S., der dies einräumte, verlangte dagegen ein freundschaftliches Verhalten Dagobert's. Da trat zum nationalen noch der religiöse Gegensatz: Christen und Knechte Gottes, erklärte Sicharius, könnten mit heidnischen Hunden keine Freundschaft halten. „Wenn ihr denn Gottes Knechte seid und wir die Hunde Gottes, erwiderte S., so dürfen wir euch wegen eures gottwidrigen Betragens mit unseren Bissen zerfleischen.“ Der Gesandte wurde hinausgewiesen, und der Krieg begann, der, nach dieser Unterhandlung zu urtheilen, von S. gern vermieden worden wäre. Der Ausgang des Kampfes war ihm auch diesmal günstig: auf dem Hauptschauplatze wenigstens, bei der Belagerung von Wogastisburg (vielleicht Voigtsberg im Voigtlande oder Voigtsdorf bei Freiberg), unterlagen die Austrasier nach dreitägigen Gefechten und mußten unter schweren Verlusten die Flucht ergreifen. Es folgten nun von Seiten Samo's, zu dem jetzt auch der Sorbenhäuptling Dervan überging, mehrfache Verwüstungszüge ins fränkische Gebiet, die erst dadurch zum Stillstand gelangten, daß König Dagobert 633—634 Austrasien von seinem fränkischen Gesammtstaate abtrennte und seinem Sohne Sigibert mit eignem Majordomus unterstellte, ja auch Thüringens Selbständigkeit unter Herzog Radulf erneuerte. Samo's Stellung blieb bis an sein Ende unerschüttert; der erste größere Slavenftaat, den die Geschichte kennt, war von einem Franken — denn wenn die moderne czechische Geschichtsschreibung ihn für die slavische Nationalität in Anspruch nimmt, so beruht dies auf unkritischer Beurtheilung der Quelle — gegründet worden, und sowohl die Macht der Avaren, als auch die Einheit des Frankenreichs hatte durch ihn einen schweren Stoß erlitten. 35 Jahre lang, also bis 658, herrschte S. glücklich über die Wenden, er hinterließ von 12 slavischen Frauen, die er geheirathet, 22 Söhne und 15 Töchter. Von seinen Nachkommen aber und den weiteren Geschicken seines Reiches verlautet während der folgenden anderthalb Jahrhunderte nichts; erst in den Tagen Karl's des Großen taucht der slavische Name in der Geschichte wieder auf. —

    • Literatur

      Die einzige Quelle über S. ist die Chronik des sog. Scholasticus Fredegar, die nun in der mustergültigen Ausgabe von Krusch vorliegt. Von S. handeln: Palacky in den Jahrbüchern des böhmischen Museums I, 387 ff. ("Ueber den Chronisten Fredegar und seine Nachrichten von S., König von Böhmen") und in der Geschichte von Böhmen I, 76—82; Zeuß, Die Deutschen und die Nachbarstämme S. 636—38; Roepell, Geschichte Polens I, 32; Schafarik, Slavische Alterthümer II, 415—20; Büdinger, Oesterr. Geschichte I, 75—76; Kaufmann, Deutsche Geschichte II, 166; sehr eingehend Ranke, Weltgeschichte V, 1, 253—255.

  • Autor/in

    Oelsner.
  • Empfohlene Zitierweise

    Oelsner, "Samo" in: Allgemeine Deutsche Biographie 30 (1890), S. 309-310 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118794310.html#adbcontent

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