Lebensdaten
1720 bis 1811
Geburtsort
Künzelsau/Kocher
Sterbeort
Augsburg
Beruf/Funktion
Kattunfabrikant
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 119455641 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schüle, Johann Heinrich (bis 1772)
  • Schüle, Johann Heinrich Edler von
  • Schüle, Johann Heinrich (bis 1772)
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Zitierweise

Schüle, Johann Heinrich Edler von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119455641.html [21.07.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Johann Tobias S., Nagelschmied, Pächter e. Eisenhammers in K., S e. Nagelschmieds in K.;
    M Susanne, T d. Simon Wolf, Metzger;
    Ur-Gvv Johann Heinrich, Bäcker, Landwirt in K.;
    4 B, 6 Schw;
    1) Augsburg 1745 Johanna Barbara (1723–92), T d. Georg Christoph Christel, Inh. e. Schnittwarenhandlung in A., 2) Augsburg 1792 Susanna Sabina ( 1] Johann Thomas Ritter, aus A.), T d. Johann Adam Liebert (1697–1766), Bankier in A.;
    2 S aus 1) Johann Heinrich (1753-n. 1818, ⚭ Johanna Regina, * 1763, T d. Benedikt Adam Frhr. v. Liebert, 1731–1810, Reichsadel 1763, Frhr. 1770, auf Liebenhofen, Bankier in A., bayer. Finanzrat, s. Augsburger Stadtlex.), seit 1810 in Chantilly, später Kolorist in e. Kattunfabrik in Wien, bezog seit 1818 e. Pension v. 500 fl. v. seinem Schwager Johann Lorenz v. Schaezler (1762–1826, bayer. Frhr. 1821), Nicolaus Tobias (1756-v. 1811, ⚭ Johanna Friederika, T d. Johann Nikolaus v. Garb, Bankier in A., u. d. Regina Elisabeth Liebert, * 1732, T d. Johann Adam Liebert, 1697–1766, Bankier in A., s. o.), 2 T aus 1) Maria Barbara (⚭ Jean-Michel Haussmann, 1749–1824, aus Colmar, bis 1772 Chemiker in d. Schüleschen Kattunfabrik in A., danach Inh. e. Kattunfabrik in Rouen, seit 1775 Teilh. d. Kattunfabrik in Logelbach b. Colmar), N.|N. (⚭ Dietrich Erzberger, 1779–1851, aus Basel, Teilh. d. Bankhauses Erzberger & Comp. in A., s. NND 28);
    N Johann Matthäus ( N. N., T d. Jean François Gignoux, 1760, Kattunfabr. in A.), eröffnete nach d. Ausbildung b. S. gemeinsam mit seinem Bruder Friedrich e. Kattundruckerei in A., 1772 Gesellschafter d. Kattunfabrik in Josefsthal-Cosmanos (Nordböhmen).

  • Leben

    S. trat 1739 als kaufmännischer Lehrling in eine Schnittwarenhandlung in Straßburg ein. 1742 wechselte er als Kaufmannsgehilfe in das Textilhandelshaus Johann Martin in Kaufbeuren, machte sich dort mit den technischen Methoden der Textilherstellung vertraut und entwickelte ein Verfahren zur Veredelung von Leinwand. 1745 übersiedelte er nach Augsburg. Er übernahm die Schnittwarenhandlung seines Schwiegervaters, betätigte sich als Textilverleger und baute mit finanzieller Unterstützung des Augsburger Bankiers Johann Obwexer ( 1766) einen Großhandel mit bedruckten Kattunen auf. 1758 eröffnete er eine eigene Druckerei, die sich rasch zum führenden Unternehmen in Deutschland entwickelte und vorwiegend aus Ostindien importierte feine Gewebe veredelte. Da S. die vom Augsburger Rat 1762 zum Schutz der Weberzunft erlassenen Einfuhrbeschränkungen für Rohkattune konsequent ignorierte, geriet er in Konflikt mit der Stadtobrigkeit und war 1766 gezwungen, Augsburg zu verlassen.

    Mit Unterstützung von Hzg. Karl Eugen von Württemberg (1728–93) verlagerte S. seinen Betrieb nach Heidenheim/Brenz. 1768 kehrte er nach Augsburg zurück, nachdem er beim Reichshofrat in Wien gegen die Weberzunft Klage geführt und durch Einflußnahme am Kaiserhof die erneute Niederlassung in der Reichsstadt sowie die Importfreiheit für ostind. Tuche erwirkt hatte. Mit wesentlicher finanzieller Beteiligung des österr. Bankiers und Unternehmers Johann Gf. v. Fries (1719–85), in dessen Kattunmanufaktur in Friedau (Niederösterr.) er 1770-73 Mitgesellschafter war, betrieb S. den Neuaufbau des Augsburger Unternehmens. Durch die Einführung des aus England stammenden Kupferplattendrucks, der eine wesentlich feinere Zeichnung als der traditionelle Einsatz von Holzmodeln erlaubte, die Weiterentwicklung chemischer Verfahren zur Gewinnung qualitätvoller und vielfältiger Druckfarben sowie die Verwendung hochwertiger, den Zeitgeschmack treffende und bildende Muster beherrschte er mit seinen Kattunen innerhalb weniger Jahre den europ. Markt.

    1769-71 ließ S., der mit seiner Familie einen luxuriösen Lebensstil pflegte, vor dem Roten Tor einen schloßartigen Fabrikneubau errichten (1996 weitgehend abgebrochen), der zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt zählte und in dem er u. a. Ks. Joseph II. (1777), Ks. Franz II. und Kg. Gustav III. von Schweden empfing. 1772 erhielt er durch ksl. Privileg Musterschutz und eine Fabrikmarke. Bei einer jährlichen Produktion von etwa 70 000 bedruckten Kattunen erwirtschaftete das Unternehmen in seiner Blütezeit 1770-82 mit einem Einlagekapital von 480 000 fl. einen Gewinn von fast 890 000 fl. Noch 1785 beschäftigte S. rund zehn Prozent der Stadtbevölkerung in der Fabrik und als Heimarbeiter. Danach verlor S. durch wachsende Konkurrenz und Schutzzölle allmählich seine marktbeherrschende Stellung auf dem europ. Kattunmarkt. Seit 1792 führten seine Söhne das Unternehmen, das durch den Verlust der europ. Absatzmärkte als Folge der Koalitionskriege und der napoleon. Zollpolitik in eine schwere Krise geriet. Obwohl S. 1802 erneut die Geschäftsführung übernahm, konnte er den Bestand seines unternehmerischen Lebenswerkes nicht sichern. Kurz nach seinem Tod 1811 ging die „Schülesche Kattunfabrik“ in Konkurs.

  • Auszeichnungen

    württ. Rat (1765); ksl. Rat (1772); Schülestraße in Augsburg.

  • Literatur

    ADB 32;
    F. E. Frhr. v. Seida u. Ladensberg, J. H. Edler v. S., d. Hl. Röm. Reichs Rr., ksl.-kgl. wirkl. Rath, Ein biogr. Denkmal d. edeln, würdigen u. würksamen Manne gesetzt, 1805 (P);
    A. Seidl, J. H. v. S. u. sein Prozeß mit d. Augsburger Weberschaft (1764–1785), 1894;
    E. M. v. Schweizerbarth-Roth, Ein Kaufmanns-Schicksal, Zum 200. Geb.tag v. J. H. S., in: Augsburger Rdsch. 2, 1919/20, S. 439 f.;
    J. J. Waitzfelder, Der Augsburger J. H. v. S., ein Pionier d. Textilwirtsch. im 18. Jh., 1929;
    W Zorn, Handels- u. Ind.gesch. Bayer.-Schwabens 1648-1870, 1961, bes. S. 43-46, 50-58, 62-69, 85, 224-29, 239, 258, 267-73, 278, 282 f., 287 f., 306 (P);
    J. J. Whitfield (= Waitzfelder), in: Lb. Bayer. Schwaben 9, 1966, S. 211-30 (P);
    P. Fassl, J. H. v. S., Der Aufstieg u. Fall d. Augsburger Ind.pioniers, in: Augsburger Rdsch. Nr. 244, Augsburger Allg. Ztg. v. 27.9.1984, S. 33;
    R. A. Müller, J. H. v. S., Aufstieg u. Fall d. Augsburger Kattunfabrikanten im zeitgenöss. Urteil, in: ders. (Hg.), Unternehmer – Arbeitnehmer, 1985, S. 160-70 (P);
    G. P. Woeckel, Dur Augsburger Kattunfabr. J. H. Edler v. S. (1720-1811), in: Zs. d. Hist. Ver. f. Schwaben 82, 1989, S. 157-73 (P);
    M. Schmölz-Häberlein. „Voll Feuerdrang nach ausgezeichneter Wirksamkeit“, Die Gebr. v. Obwexer, J. H. v. S. u. d. Handelsstadt Augsburg im 18. Jh., in: J. Burkhardt (Hg.), Augsburger Handelshäuser im Wandel d. hist. Urteils, 1996, S. 130-46;
    Augsburger Stadtlex. (P).

  • Portraits

    Ölgem. v. Sophonias de Derichs, um 1770 (Städt. Kunstslgg. Augsburg, Dt. Barockgal.), Abb. in: G. P. Woeckel (s. L), Umschlagbild, u. R. A. Müller (s. L), S. 163;
    Ölgem. v. H. Girl, 1857, nach e. Vorlage v. Ende d. 18. Jh. (1985 im Bes. d. später insolventen NAK Stoffe AG, Augsburg), Abb. in: G. P. Woeckel|(s. L), S. 173, J. J. Whitfield (s. L), nach S. 224, W. Zorn (s. L), S. 128, J. Erichsen u. U. Laufer (Hg.), Führer durch d. Ausst. z. Wirtsch.- u. Soz.gesch. Bayerns v. 1750-1850, 1985, S. 45, Abb. 106, u. F. Hassler, Die Augsburger Textil-, Metall- u. Papierind., in: Augusta 955-1955, Forsch. u. Stud. z. Kultur- u. Wirtsch.gesch. Augsburgs, 1955, S. 403-426, Tafel 134, Abb. 4;
    Stich v. J. L. Rugendas II., 1804, nach e. Pinseltuschzeichnung v. M. G. Eichler (Städt. Kunstslgg. Augsburg, Graph. Slg.), Abb. in: F. E. Frhr. v. Seida u. Ladensberg (s. L), R. A. Müller (s. L), S. 163, u. Augsburger Stadtlex.

  • Autor/in

    Richard Winkler
  • Empfohlene Zitierweise

    Winkler, Richard, "Schüle, Johann Heinrich Edler von" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 635-637 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119455641.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Schüle: Johann Heinrich v. S. ist als der eigentliche Begründer der deutschen, ja europäischen Kattundruckerei anzusehen. Allerdings war diese Kunst schon vor ihm bekannt und wurde zu Anfang des 18. Jahrhunderts in Augsburg und Hamburg praktisch geübt, aber sie entbehrte noch jener Vollkommenheit, welche ihr für das Alltagsleben eine so große Bedeutung und Verbreitung verliehen hat. Die Drucke, welche vor ihm hergestellt wurden, ermangelten der Reinheit und Dauerhaftigkeit. Diesen Uebelstand zu beseitigen, studirte er unablässig die Farben und ihre Verwendbarkeit. Nachdem er hinter dies Geheimniß gekommen war, ging er einen Schritt weiter, indem er für die Uebertragung der Zeichnungen die Kupferplatten wählte, wodurch es erst gelang, die ersteren in einer bis dahin unerreichten Schönheit und Reinheit wiederzugeben. Endlich aber glückte es ihm Gold und Silber in den Kattun zu malen, wodurch seine Producte jenen Glanz erhielten, der ihre Einführung in den täglichen Gebrauch am meisten förderte. Am 1. Juli 1759 eröffnete er zu Augsburg vor dem rothen Thor seine Fabrik, welche durch ihre Leistungen und inneren Einrichtungen sich in Bälde einen Weltruf gewann. In England, Frankreich, Rußland, Polen, Portugal, Spanien, Italien und Holland fanden seine Erzeugnisse rasch Eingang und zwangen ihn sein Geschäft, um der Nachfrage zu genügen, zu vergrößern, ja sogar an andern Orten Fabriken zu erbauen. So gründete er 1766 eine Kattunfabrik in Heidenheim an der Brenz in Gemeinschaft mit einem gewissen Mebold, daher die Firma: Mebold & Schüle; 1768 betheiligte er sich an der Fabrik, welche zu Fridau in Oesterreich von den Herren v. Grechtler und Fries errichtet wurde. Naturgemäß stachelte sein Vorgang zur Nacheiferung an, so daß auch andere Kattundruckereien in Augsburg entstanden, wie andererseits dadurch die Textilindustrie sich eines bedeutenden Aufschwunges erfreute, der auch darin bestand, daß die Weberei sich auf seine Veranlassung dahin fortbildete, feinere und breitere Waaren zu wirken. Daß jene Zeit der gewerblichen Entwicklung ein besonderes Augenmerk zuwandte, ist bekannt; eine Bestätigung erhält diese Thatsache durch den Umstand, daß Kaiser Joseph II. den genialen Augsburger Industriellen am 16. Februar 1772 in den Adelstand erhob und zum kaiserlichen Rath ernannte und seine Mödel und Zeichnungen vor Nachahmung schützte. Im Jahre 1792 übergab S. sein blühendes, einen Weltruf genießendes Geschäft seinen beiden Söhnen, die aber weder die unermüdliche Thatkraft, noch den erfinderischen Geist ihres Vaters besaßen, so daß dasselbe sichtlich zurückging und von anderen gleichen Unternehmungen, besonders von den Firmen: Schöppler und Hartmann — die heute noch als Actienunternehmen "Kattunfabrik Augsburg" besteht — und Frölich überflügelt wurde. Den alten Mann kümmerte der Niedergang seiner Gründung so sehr, daß er 1802, schon 80 Jahre alt, wieder zur Arbeit griff, bis ihn nach einigen Jahren der Tod davon abrief. Sein Geschäft überdauerte ihn nur um wenig Jahre, aber der Antrieb, den er dem Gewerbsgeist überhaupt, der Kattundruckerei durch seine Erfindungen insbesondere gegeben hat, ist noch heute wirksam, nicht am wenigsten in seiner Vaterstadt, die sich seitdem zu einer der ersten Industriestädte in Deutschland ausgewachsen hat. Neben Schüle's Namen darf aber eine Künstlerin, die Frau Friedrichs, nicht vergessen werden: sie förderte durch ihre vorzüglichen Musterzeichnungen in ganz hervorragendem Maße die Leistungen Schüle's und den Ruf derselben.

    • Literatur

      P. v. Stetten, der Jüngere, Kunst-, Gewerbe- und Handwerks-Geschichte der Reichsstadt Augsburg. — Kurier und Kreutzberg, Geschichte der Zeugdruckerei.

  • Autor/in

    Wilhelm Vogt.
  • Empfohlene Zitierweise

    Vogt, Wilhelm, "Schüle, Johann Heinrich Edler von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 32 (1891), S. 658-659 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119455641.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA