Lebensdaten
um 690 bis 759
Sterbeort
Insel Werd bei Stein/Rhein
Beruf/Funktion
Abt von St. Gallen ; Heiliger
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 11874786X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Otmar der Heilige
  • Otmar
  • Otmar der Heilige

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Zitierweise

Otmar, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11874786X.html [12.12.2018].

CC0

  • Leben

    Aus Alemannien stammend, wurde der offenbar früh verwaiste O. von seinem Bruder zur Erziehung an den Hof des Praeses Victor in Chur übergeben. Nach Empfang der Priesterweihe stand O. eine Zeitlang einer Florinskirche (in Walenstadt, Chur oder Remüs) vor, bis er 719 von Waltram, dem Tribun von Arbon, in die von diesem auf Eigengut errichtete Galluszelle an der Steinach geholt wurde, um dort eine Mönchsgemeinschaft einzurichten. In der 40jährigen Abtszeit O.s wurde St. Gallen zu einem Mittelpunkt religiösen Lebens und zum Träger einer durch materielle Zuwendungen aus weiten Teilen Alemanniens reich dotierten Grundherrschaft. Als nach dem Tod Waltrams die karoling. Hausmeier in den 40er Jahren des 8. Jh. Einfluß auf das Kloster gewannen und seit dieser Zeit Alemannien von ihnen herrschaftlich neu organisiert wurde, sah sich O. mit seinem Kloster dem Zugriff der regionalen Sachwalter der seit 751 zur Königswürde aufgestiegenen Karolinger, der Grafen Ruthard und Warin, ausgesetzt ebenso wie der Absicht des Konstanzer Bischofs Sidonius, St. Gallen zum bischöflichen Eigenkloster zu machen. Der hiergegen opponierende Abt O. wurde von seinen Gegnern zum Zweck der Amtsenthebung vor Gericht gezogen und schließlich im Königshof Bodman gefangen gesetzt. Von dem einflußreichen Adligen Gozbert auf dessen Landgut Stein/Rhein überführt, verbrachte O. auf der Insel Werd noch kurze Zeit bis zu seinem Tod 759. Sein Leichnam wurde 769 nach St. Gallen überführt und hier zunächst in der Klosterkirche beigesetzt. Nachdem um 830 der St. Galler Diakon Gozbert und kurz darauf der Reichenauer Walahfrid Strabo den im Geruch der Heiligkeit stehenden Gottesmann in einer Vita gewürdigt hatten, ließ Bf. Salomo I. von Konstanz 864 die Gebeine O.s feierlich erheben. Drei Jahre später fand O. seine letzte Ruhe in der ihm geweihten Kirche, die sich westl. an das Münster des hl. Gallus anschloß. Neben diesem erscheint O. seit 883 als zweiter Patron des Klosters.

  • Literatur

    ADB 24;
    Sankt O., Die Quellen zu seinem Leben, Lat. u. dt., hg. v. J. Duft, 1959;
    Helvetia Sacra III/1,2, 1986, S. 1266 ff.;
    Die Kultur d. Abtei St. Gallen, hg. v. W. Vogler, 1990;
    W. Berschin, Biogr. u. Epochenstil im lat. MA, III, 1991;
    A. Borst, Mönche am Bodensee 610-1525, 41997;
    LThK;
    LThK;
    Lex. d. christl. Ikonogr. VIII, 1976;
    Lex. MA;
    BBKL.

  • Autor/in

    Thomas Zotz
  • Empfohlene Zitierweise

    Zotz, Thomas, "Otmar" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 648 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11874786X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    St. Otmar, eister Abt von St. Gallen, gestorben am 16. November 759. Nicht der landesfremde Columbansjünger St. Gallus (A. D. B. VIII, 345. 346) ist der Urheber eines eigentlich klösterlichen Lebens und damit der|zukünftigen Größe St. Gallens gewesen, sondern der im curischen Rätien unter der Obhut des dortigen Präses Victor herangebildete Alamanne O. Derselbe stand zuerst einer Kirche des St. Florinus in Rätien — vielleicht derjenigen zu Remüs im Unter-Engadin — vor. Dann aber wurde er nach der von Gallus wahrscheinlich 613 geschaffenen Ansiedelung in der Gebirgseinsamkeit an der Steinach berufen. Der angesehene Centenar Waltram, von dessen Familie die am thurgauischen Bodenseeufer liegende und wahrscheinlich auch den Arbongau in sich schließende Hundertschaft den Namen Waltramshundert erhielt, hatte in O. die geeignete Persönlichkeit erkannt, um bei der Zelle, für die ihm als dem „tribunus Arbonensis“ die Sorge oblag, eine klösterliche Ordnung zu gestalten. 720 geschah diese Einführung des der Regel entsprechenden Lebens, zugleich mit baulichen Veränderungen, die zwar wohl noch in bescheidenem Maßstabe sich hielten. Anstalten zur Aufnahme von Armen, ein Siechenhaus wurden errichtet, und der mildherzige Abt widmete sich ganz voran diesen Werken der Barmherzigkeit. Ebenso ist die Annahme gestattet, daß die ersten Anfänge der Schule schon unter O. fallen. Ferner beginnen zahlreichere urkundliche Nachrichten über die Ausstattung des Klosters, und zwar kommen die Schenkungen und Uebertragungen von Landbesitz alsbald nicht blos aus den nächsten Umgebungen, sondern besonders auch aus den entfernteren zürichgauischen Gegenden des Thurgaus, ferner von den jenseitigen Ufern des Vodensees, sowie aus der Baar und vorzüglich aus dem Breisgau. Als 747 der Majordomus Karlmann nach Niederlegung seiner Gewalt nach Italien ging, besuchte er St. Gallen und empfahl seinem Bruder Pippin brieflich das Kloster. Darauf reiste O. mit diesem Schreiben an den Hof Pippin's. Dieser übergab dem Abte behufs Einführung in St. Gallen die Venedictiner-Regel, vor der nunmehr die Regel Columbans zurücktrat. Ferner schenkte er einige zinspflichtige Leute im Thurgau — eine spätere urkundliche Erwähnung Ludwigs des Frommen gedenkt noch einer ähnlichen Vergabung im Breisgau — und eine Glocke an das Kloster. Der Umstand, daß 746 durch Karlmanns scharfe Maßregeln die Alamannen endgültig zum Gehorsam zurückgebracht worden waren, mag diese nähere Verbindung St, Gallens mit dem arnulfingischen Hause erklären. Dagegen ist in Anbetracht der weitgehenden, in der nachherigen St. Galler Tradition überall zu Tage tretenden Widersprüche abzulehnen, was noch von weiteren Beziehungen des Klosters vorgebracht wird, von einer Uebertragung St. Gallens schon an Karl Martell, sowie von einer Immunitäts-Ertheilung durch Pippin. Das Aufblühen des Klosters rief nun aber Angriffe auf O. hervor. Die durch Pippin als Statthalter mit einer außerordentlichen Amtsgewalt ausgestatteten Grafen Wann und Ruodhart erlaubten sich habgierige Eingriffe in das Klostervermögen und legten Abt O., als er sich für sein Recht bei Pippin verwandte, gefangen. In seiner Haft, wohl nur kurze Zeit nach seiner Wegführung vom Kloster, starb O.: der Platz seines Todes, das Inselchen Werd am Ausflusse des Rheines aus dem Bodensee, vor dem Städtchen Stein, ist bis heute mit seiner Capelle St. Otmar ein Wallfahrtsort. Erst eine aus späteren parteigefärbten Vorstellungen herausgewachsene Beleuchtung dieser Dinge hat in der in St. Gallen erwachsenden Geschichtserzählung den Constanzer Bischof Sidonius in die Angelegenheiten von Otmars Entfernung verflochten.

    Otmar's Leiche blieb längere Zeit auf Werd; denn erst nach zehn Jahren wagten es die Mönche, dieselbe nach dem Kloster zu bringen. Das spätere Attribut des Heiligen, „St. Otmars Läget“, das Fäßchen, welches derselbe auf dem Arme trägt, weist auf ein Wunder hin, das von der Ueberfahrt des Körpers über den See erzählt wird, wobei das im Schiffe für die Ruderer mitgeführte Gefäß eine auch im Sprichwort gerühmte Unversiegbarkeit aufgewiesen|habe. In der Kirche, die in etwas soliderer, geräumiger Bauart durch O. selbst an die Stelle des alten einfachen Bethauses ohne Zweifel gesetzt worden war, wurde er nun beigesetzt. Dann aber gerieth Otmar's Andenken sichtlich allmählich in Vergessenheit, sodaß 830 beim Niederreißen jener alten St. Galluskirche man schwere Steine auf seine Grabstätte niederfallen ließ. Man trug nun die Reliquien in die St. Peterskirche, ließ sie aber wieder ein Menschenalter hindurch liegen. Erst am 24. September 867, drei Jahre nachdem der Leib des Heiligen in die längst beendigte St. Galluskirche zurückgebracht worden war, geschah unter Abt Grimald die letzte feierliche Translation in die inzwischen erstellte und an diesem Tage durch Bischof Salomon J. von Constanz eingeweihte St. Otmarskirche, welche später das westlichste Stück des das Münster bildenden Gebäudecomplexes ausmachte. Diese Translationen gaben ferner den Anlaß zu Monographischen Arbeiten über O. Gleich nach derjenigen von 830 schrieb der gleiche Diakonus Gozbert (A. D. B. IX, 523), welcher schon in seiner Fortsetzung der Wunder des heiligen Gallus von O. gehandelt hatte, ein Leben des Heiligen sammt einigen Wundern, bis auf die Gegenwart hinunter. Nachher, nach den Feierlichkeiten von 864 und besonders von 867, machte sich der Lehrer an der Klosterschule Iso (A. D. B. XIV, 637) an die Arbeit und beschrieb diese Translationen, fügte geschehene Wunder bei, beleuchtete aber vorzugsweise, nach den besten Quellen, nochmals unter Festsetzung der Zeitverhältnisse in einem Excurse die Geschichte des Abtes und seiner Reliquien. Seit 867 stieg das Ansehen Otmar's als eines Heiligen. Von 878 ist die erste Urkunde, welche O. neben Gallus als Schutzpatron des Klosters nennt, während noch der Bauplan aus Abt Gozbert's Zeit Otmar's gar nicht gedacht hatte. Kaiser Karl III. dann war ein besonders warmer Verehrer Otmar's, zu dessen Dienst er den königlichen Hof Stammheim an St. Gallen schenkte. Von da an erscheinen Gallus und O. als einander gänzlich beigeordnet, und noch heute ist in der Umgebung von St. Gallen der 16. November, der Tag Otmar's, ein besonders populärer Festtag.

    • Literatur

      Vgl. die vom Verf. d. Art. in Hft. 12 und 13 der Mitheilungen des histor. Vereins von St. Gallen neu edirten, oben erwähnten Geschichtsquellen und Ratperts Casus, mit den kritischen Erörterungen in dem beigegebenen Commentare.

  • Autor/in

    Meyer von Knonau.
  • Empfohlene Zitierweise

    Meyer von Knonau, "Otmar" in: Allgemeine Deutsche Biographie 24 (1887), S. 546-548 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11874786X.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA