Lebensdaten
um 1445 bis 1522
Geburtsort
Radolfzell/Bodensee
Sterbeort
Freiburg (Breisgau)
Beruf/Funktion
Geschichtsschreiber ; Heraldiker ; Chronist
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 119202913 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Oehem, Gallus
  • Oheim, Gallus
  • Öhem, Gallus
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Orte

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Zitierweise

Öhem, Gallus, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119202913.html [17.10.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Johannes, Stiftsherr in R., kaiserl. Notar;
    M Nesa Schiner; ledig.

  • Leben

    Der uneheliche, 1464 legitimierte Priestersohn studierte in Freiburg (Br.) und Basel, wurde Priester, war Prediger in Innsbruck und seit 1473 Kaplan in Singen, seit 1480 in Radolfzell. 1492 erhielt er die Kaplanspfründe der Reichsabtei Reichenau unter Abt Martin v. Weißenburg (1492–1508). Dort schrieb er die frühhochdeutsche „Cronick des Gotzhuses Rychenowe“, die erste historische Gesamtdarstellung des Klosters Reichenau von den Anfängen bis zum Jahr 1453. Diese behandelt zunächst Stifter, Besitz und Heiligtümer, danach die Abbatiate und ihre Ereignisse, schließlich folgt ein Wappenbuch des mit der Reichenau verbundenen Adels. Mit 13 Handschriften des 16. bis 18. Jh. war O.s „Cronick“ weit verbreitet. Ihr Erfolg dürfte in erheblichem Maß dem beigegebenen Wappenbuch zuzuschreiben sein, auf dessen 503 Wappenschilden sich der schwäb. Adel wiederfand. Das Werk wurde von O. um 1505 in eine provisorische Reinschrift gebracht (Univ.bibl. Freiburg, Hs. 15, teilw. Autograph). In diesem Jahr erhielt O. eine Altarpfründe am Konstanzer Münster. Seit 1514 erscheint sein Name nicht mehr in den Konstanzer Quellen. Mit großer Wahrscheinlichkeit schrieb er zuletzt eine Reichschronik. Ob ihm auch eine Chronik des Bistums Konstanz zuzuschreiben ist, konnte bislang nicht geklärt werden.

  • Werke

    Die Chronik d. G. O., hg. v. K. Brandi, 1893;
    Das Wappenbuch d. G. O., hg. v. H. Drös, 1994 (P).

  • Literatur

    ADB 24;
    G. Blaschitz, Eine „Dt. Chronik“ e. Anonymus aus d. Umkreis d. Klosters Reichenau, Diss. Wien 1983 (ungedr.);
    W. Berschin, Eremus u. Insula, St. Gallen u. d. Reichenau im MA, 1987, S. 46;
    ders., Geleitwort z. Drös (s. W; neue bzw. wiedergefundene Hss.)
    ;
    E. Hillenbrand, in: Gesch.schreibung u. Gesch.bewußtsein im SpätMA, hg. v. H. Patze, 1987, S. 727-55 (schreibt d. anonym u. fragmentarisch überlieferte Chronik d. Bistums Konstanz in St. Gallen, Stiftsarchiv Cod. 339 O. zu);
    K. Graf, Aspekte z. Regionalismus in Schwaben u. am Oberrhein…, in: Historiogr. am Oberrhein im späten MA, hg. v. K. Andermann, 1988, S. 165-92 (schreibt die anonyme Reichschronik Wien, Österr. Nat.bibl. Cod. 2927 O. zu);
    F. Heinzer, Die Reichenauer Inkunabeln d. Bad. Landesbibl., in: Bibl. u. Wiss. 22, 1988, S. 1-132, bes. S. 32-49;
    Vf.-Lex. d. MA2.

  • Portraits

    Kolorierte Federzeichnung in Freiburg, Univ.-bibl. Hs. 15, fol. 1r (Abb. b. Drös, s. W).

  • Autor/in

    Walter Berschin
  • Empfohlene Zitierweise

    Berschin, Walter, "Öhem, Gallus" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 430 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119202913.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Oehem: Gallus, geb. wahrscheinlich zu Nadolfzell wohl im zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts, wahrscheinlich zu Constanz nicht lange nach 1511, Chronist des Klosters Reichenau. Nach der von dem späteren würtembergschen Kanzler Nikolaus v. Wyle, in dessen Eigenschaft als Comes Palatinus, 1464 vollzogenen Legitimation ein uneheliches Kind eines Priesters, studirte Oe., laut seiner Immatriculation, 6. Mai 1461, an der Hochschule zu Freiburg. 1464 heißt er — „alias Martin cognomine“ — Baccalaureus der freien Künste und Cleriker der Diöcese Constanz. 1481 ist er Priester und Caplan in Radolfzell, der Stadt, nach der er sich in der Freiburger Matrikel schrieb (de Cella Ratolfi), und 1488 und 1489 hat er da die sogenannte Abtspfründe inne. Wohl nicht lange nach 1491, wo Abt Martin, Freiherr v. Weißenburg, die Regierung von Reichenau antrat, verfaßte Oe. seine „Widmung“ der Chronik des Gotteshauses Reichenau an diesen Abt, aus welcher hervorgeht, daß er als Caplan dieses Klosters bei seinem höheren Alter und eingetretener Krankheit durch eben diesen Abt des Amtes der Predigt und des geistlichen Hofgerichts entbunden worden sei. Zu dieser Zeit — 1496 war er an der chronikalischen Arbeit — wohnte Oe. wohl auf der Insel; doch ist er kaum, wie nach einem Bilde auf dem ersten Blatte der besten (Freiburger-) Handschrift der Chronik (doch nicht der Originalhandschrift) geschlossen werden könnte, der Tonsur nach, selbst Benedictiner gewesen. Denn schon ehe Oehem's Gönner, Abt Martin, starb (5. September 1508), war er nach Constanz übergesiedelt. Nicht als Caplan des St. Stephansstiftes daselbst, wie Graf Wilhelm Wernher v. Zimmern, der Schreiber der dem Range nach zweiten Donaueschinger-Handschrift, behauptet, sondern als Caplan des St. Andreas- und St. Sebastians-Altars am Domstifte, dazu als Besitzer eines Hauses, lebte Oe. in der dem Kloster benachbarten Hauptstadt des Bisthums. 1511 wird er ein letztes Mal genannt. Ob er hier noch seine Arbeit an der Chronik fortsetzte, ob der Tod ihn hinderte, sein Werk abzuschließen, wissen wir nicht. — In der „Widmung“ seiner Chronik versichert Oe., daß seine Vorderen — 1447 ist als Caplan des Abtes Friedrich ein Hans Oheim genannt — und er selbst von dem Kloster viele Gnaden, Ehren und Gutes genossen hätten; er wolle nun nicht ein dürres Glied sein und den ihm von Gott verliehenen Pfennig nicht vergraben: so habe er sich entschlossen, da Berufenere das leider nicht gethan, aus Liebe zum Gotteshause, dessen Geschichte zu schreiben. Dergestalt wurde noch ganz am Ende des Mittelalters durch Oe. für das in früheren Jahrhunderten geistig höchst wirksame Kloster des Walafrid Strabo und des Hermannus Contractus nachgeholt, was vorher versäumt worden, die Abfassung von Casus, um von dem auf dem Boden der Hausgeschichte so hervorragend bethätigten Nachbarkloster St. Gallen die Bezeichnung herüberzunehmen. Die deutsch, und zwar in ausgeprägt schwäbischem Dialekte, geschriebene Chronik, erst 1866, durch Barack, als 84. Band der „Bibliothek des litterarischen Vereins in Stuttgart“ im Druck herausgegeben, ist eine für ihre Zeit ganz bemerkenswerthe historiographische Leistung. Formell hat das Werk, besonders in den ungewandt aus dem Lateinischen übertragenen Stücken, nichts ausgezeichnetes; doch ist es von sittlichem Ernste erfüllt, von dem Wunsche getragen, angesichts des eingetretenen Verfalles durch die Vorführung der früheren blühenden Verhältnisse den Mitlebenden ein Beispiel vor die Augen zu rücken, und sehr anzuerkennen ist der auf die Sammlung und Verarbeitung eines ausgedehnten Materiales angewandte Fleiß. Oe. zog theils alle im Reichenauer Archive liegenden Urkunden heran; theils kannte er eine Anzahl von geschichtlichen Quellen, die er citirt — so die Vita Pirminii, die Translatio Sanguinis Domini, Regino's Chronik, Burchart's Gesta abbatis Witigowonis, Hermannus Contractus und Bertholds Fortsetzung, u. A. m. — oder mittelbar heranziehen kann. Freilich fehlte es ihm an historischen Vorkenntnissen und an kritischer Sonderung, und in der Hauptsache ist sein Arbeiten ein compilatorisches. In drei Büchern suchte er seine Aufgabe zu bewältigen. Der erste Theil soll nach der „Vorred“ von den Stiftern handeln, bringt aber nach der Gründungsgeschichte noch die Benennung der Reichenau zugetheilten Besitzungen und Ortschaften, sowie der Einkünfte, und eine Beschreibung der Insel mit allen ihren Heiligthümern; der zweite, weit der umfangreichste, führt den Aebten nach die Geschichte des Klosters bis in das 15. Jahrhundert, bricht aber unvollendet schon bei Abt Friedrich.|Wartenberg, welcher 1428 die Abtei antrat, ab. Der dritte Theil, wieder viel kürzer, das „Schiltbuoch“, ist im Texte sehr dürftig, und enthält 507 zwar nicht durchgängig ausgefüllte Wappenschilde der Aebte und Conventherrn, von Fürsten, Grafen, Edeln, Lehensleuten, und anderer Personen. In erster Linie ist Oehem's Chronik selbstverständlich Klostergeschichte, und da bringt er für die älteste Zeit, bis auf Walafrid Strabo, und weiter von der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts an doch manche einzelne wichtige Nachrichten, die ohne ihn nicht erhalten wären. Daneben aber tritt er zeitweise auch auf die allgemein Geschichte ein, und hier ist es sehr erwünscht, daß er im längsten dieser eingeschalteten Stücke eine sonst nur noch in der Continuatio Casuum s. Galli, vom dritten Fortsetzer, herangezogene verlorene Quelle, St. Galler Annalen, über die Jahre 1077 bis 1093, ausgebeutet hat, so daß aus der Continuatio und aus Oe. der Versuch einer Reconstruction dieser Jahrbücher gemacht werden konnte (durch den Verf. d. Art. in „Geschichtschreiber der deutschen Vorzeit“, Zehntes Jahrhundert. Bd. XI, S. 252—266).

    • Literatur

      Vgl. neben Baraks „Schlußwort“ zur Ausgabe (S. 182—194) besonders Osk. Breitenbach: Die Quellen der Reichenauer Chronik des Gallus Oehem und der historische Werth dieses Werkes (im Neuen Archiv d. Gefellsch. f. ältere deutsche Geschichtskunde. Bd. II. 1877, S. 159—203), ferner Notizen von Barack und von M. Gmelin in den „Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung“, Heft I, 1869, S. 125—129, u. Heft IX, 1879, S. 115—120.

  • Autor/in

    Meyer v. Knonau.
  • Empfohlene Zitierweise

    Meyer von Knonau, "Öhem, Gallus" in: Allgemeine Deutsche Biographie 24 (1887), S. 179-181 unter Oehem [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119202913.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA