Lebensdaten
1738 bis 1815
Geburtsort
Wiesenbach (heute Blaufelden, Kreis Schwäbisch Hall)
Sterbeort
Jouy bei Versailles
Beruf/Funktion
Zeugdruckindustrieller ; Fabrikant
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 11901825X | OGND | VIAF: 61660159
Namensvarianten
  • Oberkampf, Christoph Philipp
  • Oberkampf, Christophe P.
  • Oberkampf, Christophe Philipp
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Zitierweise

Oberkampf, Christoph Philipp, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11901825X.html [20.10.2020].

CC0

  • Genealogie

    Die aus Osterwieck (Kr. Halberstadt) stammende Fam. ließ sich nach dem 30-j. Krieg in Vaihingen/Enz nieder;
    V Philipp Jakob (1714–81), Färber in W., Heilbronn u. Basel, Kattunfabr., Landwirt, S d. Matthäus (1684–1745), Färber in Vaihingen/Enz;
    M Anna Magdalena Sehm (1715–79), T e. Hofkunstgärtners in Ingelfingen (Gfsch. Hohenlohe);
    B Friedrich (1740–98), Leiter d. Kattunfabr.-Filiale in Corbeil;
    Schw Sophie Dorothea ( Johannes Widmer, 1734–92, Graveur in Othmarsingen);
    - 1) 1774 Marie-Louise Pétineau, T e. Pariser Weinhändlers, 2) 1785 N. N. Massieu, T e. Reeders in Caen;
    1 S Emil ( T d. Großkaufm. Joly de Bammeville aus Saint-Quentin), 3 T N. N. ( Ludwig Feray, 1772–1836, Reeder in Le Havre), Emilie ( jüngsten S d. Barons Mallet, Leiter d. Bank v. Frankreich), Laura ( ältesten S d. Barons Mallet);
    N Samuel Widmer (1767–1821), Nachfolger O.s.

  • Leben

    O. wurde im Dezember 1749 von seinem Vater in eine Basler Kattunfabrik in die Lehre gegeben. 1758 zog er nach Paris; nach 14 Monaten wurde er Leiter einer Fabrik in Jouy, deren Gesellschafterkreis sich mehrmals änderte. Die Produktion nahm einen großen und raschen Aufschwung mit 900 000 Livres Gesamtgewinn 1762–69. Dank der gesellschaftlichen Beziehungen des Ehepaars Maraise, O.s Teilhabern, erhielt die Fabrik 1783 den Titel „Kgl. Manufaktur“. 1789 beendete O. die Geschäftsverbindung mit Maraise, um seine Kinder und Verwandten in der Manufaktur unterzubringen. Maraise wurde mit 4 500 000 Livres abgefunden, während er 1762 nur 50 000 Livres eingebracht hatte. Diese Steigerung war zurückzuführen auf die 1769-89 erreichte jährliche Gewinnquote von 30%, ermöglicht durch die Nähe des Pariser Marktes, der fast die Hälfte der Produkte abnahm, und den großen inländischen Markt, durch die große Zahl der Muster (mehr als 300 jährlich) und durch den Ruf der unvergleichlichen Qualität der Produkte. Durch Jacques-Louis Pourtalès wurde O. in das Netz der internationalen Märkte in London eingeführt. Seit 1790 war er alleiniger Besitzer des Unternehmens, aber nach und nach beteiligte er seine Verwandten am Gewinn bis zu 50% (1807-10).

    Die Revolutionsjahre hemmten den Betrieb dank der politischen Wendigkeit und Anpassungsfähigkeit O.s. nur wenig. Er arbeitete ständig an der Verbesserung der Fabrikation; sein 1791 von seinem Neffen Samuel Widmer eingerichtetes chemisches Laboratorium wurde nach 1800 zum Mittelpunkt des gelehrten Unterrichts für Chemie in Paris. 1806 bekam er offizielle Anerkennung durch einen Besuch Napoleons in Jouy und durch eine Goldmedaille bei der Nationalausstellung in Paris. 1809 erhielt er den Preis für das „nützlichste Industrieunternehmen in Frankreich“. Er trug wesentlich bei zur industriellen Entwicklung der Baumwollspinnerei und -Weberei in Frankreich. Am Ende der Kaiserzeit wurde sein Unternehmen ein Opfer der verworrenen Wirtschaftspolitik und erlebte nach 1811 erstmalig Verluste. Nach O.s Tod ging es an seinen Neffen Samuel Widmer über, nach dessen Freitod 1821 kaufte es der Geschäftsmann Barbet aus Rouen, der es 1844 schloß.

    O. ist ein Pionier des Fabriksystems und ein herausragendes Beispiel für den Übergang von der handwerklichen Werkstätte zur mechanisierten Fabrik. Die Gebäude erstreckten sich auf einer Fläche von 14 ha und waren zu ihrer Zeit eine der größten Produktionsstätten Frankreichs. Das Unternehmen hatte zwischen 1780 und 1810 ungefähr 1000 festangestellte Arbeiter. Weil er der örtlichen Bevölkerung Arbeit und Lohn beschaffte, wurde O. als „Wohltäter“ betrachtet. Durch seine beiden Heiraten bekam er Zugang zum mittleren Handelsbürgertum und zum großbürgerlichen Unternehmertum. Die Erinnerung an ihn hat sich lange erhalten: 1864 benannte die Stadt Paris eine Straße nach ihm.

  • Literatur

    ADB 24;
    G. Widmer, Denkschr. auf d. Fabrik (1853), 1946;
    P. Hochstetter, Ch. Ph. O., Fabr. zu Jouy, 1859;
    A. Labouchère, O., 1866;
    E. Schmidt-Weissenfels, O. u. d. Zeugdruckerei, in: Zwölf Färber, S. 143-54;
    L. Bergeron, Banquiers, négociants et manufacturiers parisiens du Directoire à l'Empire, 1978;
    S. Chassagne, Un entrepreneur capitaliste au siècle des Lumières, 1980;
    ders., Die Fam. O., in: Lb. aus Schwaben u. Franken 14, 1980, S. 143-65 (P, auch zu Philipp Jakob u. Friedrich Stephan);
    ders., Le coton et ses patrons en France, 1760–1840, 1991.

  • Autor/in

    Bernard Vogler
  • Empfohlene Zitierweise

    Vogler, Bernard, "Oberkampf, Christoph Philipp" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 389 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11901825X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Oberkampf: Christoph Philipp O., Fabrikant, geb. am 11. Juni 1738 in dem damals anspachischen, jetzt würtembergischen Dorfe Wiesenbach, Oberamts Gerabronn, am 4. October 1815 zu Jouy bei Versailles, gehört zu den nicht wenigen Schwaben, welche ihrem Vaterlande auf fremdem Boden Ehre gemacht haben. Er stammte aus einer Färberfamilie von Vaihingen an der Enz, einem würtembergischen Landstädtchen. Schon seinen Vater, Philipp Jakob O., hatte sein strebsamer Sinn und erfinderischer Geist über die Grenzen seines engeren Vaterlandes hinausgezogen. Er errichtete, nachdem er mit seiner Familie wiederholt Aufenthalt und Geschäft gewechselt hatte, im J. 1755 eine Kattundruckerei in Aarau; später verlegte er dieselbe nach Othmarsingen bei Lenzburg, wo er mit einem Schwiegersohne, Namens Widmer, eine Geschäftsverbindung schloß. Der Sohn Christoph Philipp O. war sein Lehrling und Gehilfe, ging aber dann zu seiner weiteren Ausbildung ins Elsaß, wo die Kattunfabriken aufzublühen begannen, und von da nach Paris. Mit seinem jüngeren Bruder und Schüler Friedrich arbeitete er dort als Graveur in mehreren Kattundruckereien. Im J. 1759 veranlaßte er einen Franzosen, Namens Tavannes, in dessen Fabrik er beschäftigt war, eine kleine Kattunmanufactur in Jouy an der Bièvre zu errichten, welche er in der Folge mit einem vermöglicheren Theilhaber, Sarrazin-Demaraise, selbst übernahm. Er brachte die Firma Sarrazin-Demaraise, Oberkampf & Co. mit Unterstützung seines Bruders Friedrich und einiger schweizer Gehilfen unter fruchtbarem Geschäftsverkehr mit seinem Vater und Schwager in Othmarsingen bald zu großer Blüthe, obwol ihm, dem Fremden und Protestanten, der Geschäftsneid manche Hindernisse bereitete. Durch immer neue Erfindungen an Maschinen und Farben, welche er und seine Gehilfen theils selbst machten, theils auf Reisen nach dem Elfaß, der Schweiz und England sammelten, wußte er fortwährend die Erzeugnisse seiner Fabrik zu verbessern und ihren Absatzkreis zu erweitern. Seinen Arbeitern, für die er väterlich sorgte, gab er selbst das Beispiel eines unermüdlich thätigen, nüchternen und friedlichen Lebens. Ludwig XVI.|verlieh im J. 1783 seinem Anwesen den Titel einer Manufacture royale und erhob O. im J. 1787 in den Adelstand, indem er dabei sagte, er habe nie etwas Gerechteres gethan. Nach Ablauf seines Contractes mit Sarrazin-Demaraise übernahm O. das ganze Geschäft, für welches er besonders an seinen Neffen Widmer, seinem Schwiegersohn Feray und seinem Sohne Emil O. tresfliche Gehilfen und später Theilhaber fand, auf eigene Rechnung. Seinem Bruder Friedrich hatte er schon im J. 1769 eine eigene Fabrik in Corbeil gekauft. Die Revolution legte seine Unternehmungen nicht lahm, zwang ihn aber zu schweren Opfern an patriotischen Spenden u. dgl. (von 1789—1794 nicht weniger als 166 795 Francs!). Dagegen brachte sie ihm auch mancherlei Ehren; er wurde im J. 1791 zum ersten Maire von Jouy erwählt und in demselben Jahre decretirte ihm der neu errichtete Generalrath des Departements Seine-et-Oise eine Statue auf dem Hauptplatz von Jouy, ein Beschluß, dessen Ausführung O. in kluger Bescheidenheit zu hintertreiben wußte. Während der Schreckenszeit gelang es ihm und seinen Verwandten, der Habgier der Jakobiner zu entgehen und die von Anfang an mit großer Humanität behandelten Arbeiter in Treue und Ergebenheit zu erhalten. Seine Fabrikanlage zu Jouy und eine andere, welche er zu Essonnes errichtet hatte — sie wurde später durch eine Baumwollspinnerei und Weberei erweitert — dehnten sich mehr und mehr aus und das Ansehen des Besitzers stieg immer höher. Im Mai 1800 wurde O. vom ersten Consul zum Mitglied des Generalrathes des Seine-et-Oise-Departements bestellt, nachdem er nur mit Mühe die Ernennung zum Senator von sich abgelenkt hatte. Napoleon mit seiner bekannten Vorliebe für self-made-men ehrte ihn als Kaiser im J. 1806 durch einen Besuch mit Josephine, wobei er ihm sein eigenes Officierskreuz der Ehrenlegion anheftete. Die Kaiserin ließ durch Isabey eine getuschte Zeichnung dieses Besuches anfertigen, auf welcher neben dem kaiserlichen Gefolge O. mit seiner ganzen Familie und seinen hervorragenden Gehilfen und Arbeitern dargestellt ist; dieselbe befindet sich jetzt in einem Saale des Versailler Schlosses. Einen zweiten Besuch machte der Kaiser in Jouy mit Marie Louise im J. 1810. Da er zufällig O. nicht antraf, lud er ihn zu einem Frühstück nach St. Cloud ein, wobei er mit ihm eine Stunde lang eine für seine handelspolitischen Ansichten denkwürdige Unterredung pflog. Allein die fortwährenden Kriege waren Oberkampf's Geschäften doch sehr nachtheilig und die beiden Invasionen des Jahres 1814 und 1815 brachten, wenn auch Jouy durch seinen Einfluß von Brand und Plünderung bei den Kämpfen um Paris verschont blieb, schweren Schaden. Die Aufregungen jener Tage beschleunigten das Lebensende des Greises. Durch eigene Heirathen — er war zweimal vermählt — und durch die seines Sohnes, seines Töchter und Enkelinnen sah O. sein Haus mit den angesehensten Familien Frankreichs verbunden, aber auch seine schwäbischen Verwandten fanden bei ihm stets freundliche Aufnahme und reichliche Unterstützung. Seine Fabriken, von dem Sohne und den Verwandten noch eine Zeit lang fortgeführt, gingen 1821 durch Kauf in fremde Hand über. Im J. 1843 wurde die Fabrikation in Jouy aufgegeben und die Gebäude dem Verfall überliefert, aber noch lebt in der französischen Industrie das Gedächtniß des „Patriarchen von Jouy“.

    • Literatur

      Vgl. A. Labouchère. Oberkampf. Paris 1866, mit dem dort in Note II gegebenen Nachweis weiterer Litteratur u. P. Hochstetter, Chr. Ph. Oberkampf, Fabrikant zu Jouy. Vaihingen 1859.

  • Autor/in

    Wintterlin.
  • Empfohlene Zitierweise

    Wintterlin, "Oberkampf, Christoph Philipp" in: Allgemeine Deutsche Biographie 24 (1887), S. 94-95 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11901825X.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA