Lebensdaten
unbekannt
Beruf/Funktion
Erzgießerfamilie
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 122063031 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Neidhart

Verknüpfungen

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Zitierweise

Neidhart, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd122063031.html [19.02.2019].

CC0

  • Leben

    Wolfgang (I) (1551-99), wohl Sohn des Nürnberger Rotschmieds Niclas ( Dez. 1555), arbeitete vermutlich noch in der Werkstatt des Ulmer Gießers Hans Algeier (Algöwer, 1573). Vier Monate nach dessen Tod heiratete er dessen Witwe und wurde am 1.7.1574 als Stadtrotschmied vereidigt. Er war der bedeutendste Ulmer Gießer, der neben Glocken, vor allem für Ulm und das nördliche Württemberg, und Geschützen auch Bildwerke schuf (Grabmal Wilhelms v. Zimmern in Meßkirch, 1599). Nach seinem Tod übernahm sein Stiefsohn Valentin Algeier die Ulmer Gießhütte; den eigenen Sohn Wolfgang (II) (1575-1632) hatte er bereits 1596 dem Augsburger Rat, der mit den Nachkommen seines Gießers Peter Wagner wegen eines mißratenen Stückgusses unzufrieden gewesen war, empfohlen. Wolfgang erhielt nach einem Probejahr am 25.8.1597 das Augsburger Bürgerrecht als Zeugwart und Stadtgießer. Nach dem Tod seiner ersten Frau Katharina Reiser heiratete er 1619 Rosina Burkhardt, eine Schwägerin von Elias Holl, 1627 Jakobina Bayer. 1613-31 war er Mitglied des Großen Rates, 1627 wurde er einstimmig in den Inneren Rat gewählt. Aufgrund seiner besonderen künstlerischen Begabung war Wolfgang (II) das berühmteste Mitglied der Familie. Nach den Modellen von Adriaen de Vries vollendete er 1599 in Augsburg den Merkurbrunnen und 1602 den Herkulesbrunnen. Nach den Modellen von Hans Reichle goß er 1605 die große Kreuzigungsgruppe von St. Ulrich und Afra und den hl. Michael im Kampf mit den Teufel am Giebel des ehem. Zeughauses. Für das Rathaus lieferte er das Stadtwappen nach dem Vorbild von Christoph Murmann und vierzehn Kaiserbrustbilder. Seine Glocken sind 1601-30 in Bayerisch-Schwaben von Kaufbeuren bis zu dem schon von seinem Vater belieferten Nördlinger Raum anzutreffen sowie in Oberbayern, Tirol und Salzburg, wo er sich zusammen mit seinem jüngsten Sohn Johannes 1628 für den Guß des Domgeläutes und einer Nachbarglocke einige Zeit aufhielt. In seiner Glockenzier lehnte sich Wolfgang (II) zunächst an den Stil des Vaters an, indem er den oberen Fries aus kleinen Kreuzblumen beibehielt, für die Schulterinschrift wählte er jedoch die Antiqua Capitalis und für den unteren Fries sehr viel mannigfaltigere, häufig vegetabile Friesbänder. Schulbildend für seine Nachkommen wurde ein Fries aus Glockenblumen, von denen jede zweite von einem Dreipaß umrahmt wird, und ein Model aus Widderkopf, Bändern, Fruchtgehängen und Akanthuszweigen. Seine schönen ovalen Reliefs faßte er oft mit Lorbeerkränzen ein, ebenso geht die Gliederung in drei Kartuschen für mehrere Darstellungen auf ihn zurück.

    Nach Wolfgangs Tod 1632 bewarben sich die drei Söhne Wolfgang, Christoph und Johannes um die Nachfolge in Augsburg. Wolfgang (III) (1597-1653) ist von Lichtmeß 1617 bis Georgii 1621 als Büchsengießer in Stuttgart genannt. 1622 war er Münzmeister in Freudenstadt. Nach dem Tod seines Bruders Johannes übernahm er 1636 die Frankfurter Gießhütte und wurde städtischer Werkmeister (zwei Glocken für den Frankfurter Dom). Christoph (nach 1597-um 1647) behauptete nach den Auseinandersetzungen mit seinen Brüdern seit 1636 die Augsburger Stadtglokkengießereistelle, die er bis zu seinem Tod versah. Er schuf 1643 eine Büste Gustav Adolphs von Schweden nach einem 1632 gefertigten Modell von Georg Petel (Exemplare in Stockholm und Dresden) sowie Bronzeteile eines Marmorepitaphs in der Michaelerkirche in Wien. Seine Glocken, die er nach Bayerisch-Schwaben und in die südlich angrenzenden Gebiete lieferte, folgen stilistisch dem väterlichen Vorbild. Johannes (um 1600–35) war nach der gemeinsamen Arbeit mit seinem Vater 1628 in Salzburg bei dem Geschütz-, Bild- und Glockengießer Johannes Basel ( 1629) in Frankfurt tätig. 1630 heiratete er dessen Witwe, 1631 trat er ins Frankfurter Bürgerrecht ein. Er war vor allem als Geschützgießer tätig, lieferte 1630/31 jedoch auch mehrere Glocken nach Hessen. Als er 1635 kinderlos an der Pest starb, hinterließ er – gemäß dem Nachlaßinventar – ein aufwendig ausgestattetes Haus.

    Da der vermutlich nach 1634 geborene Wolfgang (IV) beim Tod seines Vaters Christoph um 1647 noch zu jung für die Übernahme der Gießhütte war, heiratete seine Mutter 1649 den Glockengießer Johannes Herold (1625–56) aus Nürnberg. Das Amt des Augsburger Stadtglockengießers wurde 1656 an Kaspar Maderhofer vergeben, erst am 30.4.1683 erhielt es Wolfgang als letztes Mitglied der Familie N. für zehn Jahre. Sein Todesdatum ist nicht überliefert, doch soll er zwischen 1692 und 1695 gestorben sein. Einige Glocken z. T. schon aus der Zeit vor seinem Bestallungsbrief sind zwischen Ehingen (Dinkelsbühl) und Ammerland (Wolfratshausen) bekannt.

  • Literatur

    A Nägele, Ein Augsburger Erzgießer u. seine Werke, Neue archival. u. kunsthist. Btrr. z. Bronzeplastik d. Renaissance, in: Die Christl. Kunst 11, 1914/15, S. 135-53, 168-82;
    ders., Fünf Generationen einer schwäb. Erzgießerfam. N., Dokumente u. Monumente z. Gesch. d. Bronzeplastik d. Renaissance, in: Württ. Jb. f. Statistik u. Landeskde., Jg. 1914, 1915, S. 112-37;
    O. Häcker, Schwäb. Erzbildnerei, Mitt. d. Ver. f. Kunst u. Altertum in Ulm u. Oberschwaben 31, 1941, S. 4-51;
    Eine Chronik d. Frankfurter Domgeläutes, in: Frankfurter Glockenbuch, hg. v. K. Bund, 1986, S. 254;
    S Thurm, Dt. Glockenatlas, I: Württ. u. Hohenzollern, 1959, S. 62-64, 68, 71 f., II: Bayer.-Schwaben, 1967, S. 2, 41 f., 47, 51 f., 63, 79, III: Mittelfranken, 1973, S. 50, 55, IV: Baden, 1985, S. 31 (Nr. 883) (jeweils mit Qu);
    ThB;
    Augsburger Stadtlex.;
    Dict. of Art (zu Wolfgang II).

  • Autor/in

    Sigrid Thurm
  • Empfohlene Zitierweise

    Thurm, Sigrid, "Neidhart" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 42 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd122063031.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA