Lebensdaten
1886 bis 1952
Geburtsort
München
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Mediziner ; Zoologe ; Anatom ; Professor in Berlin
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 117258474 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Stieve, Hermann Rudolf Philipp
  • Stieve, Hermann
  • Stieve, Hermann Rudolf Philipp
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Zitierweise

Stieve, Hermann, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117258474.html [24.02.2020].

CC0

  • Genealogie

    Aus westfäl. Fam.;
    V Felix (1845–98, kath., später altkath.), aus Münster, Prof. f. Gesch. am Polytechnikum (TH) München, Mitgl. d. Bayer. Ak. d. Wiss. u. d. Hist. Komm. ebd. (s. ADB 54; Biogr. Lex. KV 5), S d. Friedrich, Gymn.dir., Reg.- u. Schulrat in Breslau, Vortragender Rat im preuß. Kultusmin.;
    M Agnes Schaeffer| (1859–1928;
    1 B Friedrich (1884–1966), Dr. phil., Hist., Dipl., Schriftst., 1915 Presseattaché in Stockholm, 1921 Legationsrat im Ausw. Amt, 1923–28 Leiter d. Kriegsschuldenreferats, 1928 Gesandter in Riga, 1932 Leiter d. Kulturabt. d. Ausw. Amtes in Berlin, 1933 d. Informationsstelle ebd., Min.dir., 1936 Gesandter 1. Kl., 1942 o. Mitgl. d. Preuß. Ak. d. Wiss. (s. Rhdb.; Dt. Führerlex.; Wi. 1935; Kürschner, Gel.Kal., Nekr. 1936–1970), 2 Schw u. a. Hedwig (1889–|1978), Kindergärtnerin, Fürsorgerin, Waisenpflegerin in Nürnberg (s. Wedel, Autobiogrr. Frauen); München 1914 Marie (1895–1983, T d. Friedrich v. Müller (1858–1941, Internist, Prof. in Marburg u. M. (s. NDB 18), u. d. Friede Küster (1876–1945;
    3 S Friedrich-Ernst (|1915–2013), Dr. med., Prof. f. Radiologie, 1. Dir. b. Bundesgesundheitsamt in B., Leiter d. Inst. f. Strahlenhygiene ebd. (s. Der Radiologe 46, 2006, S. 318–20; s. Kürschner, Gel.-Kal. 2011), Robert (1922–81, Dr. med., Chirurg, Chefarzt in Neustadt/Weinstr., Hennig (* 1930), Prof. f. Biol. an d. RWTH Aachen (s. Kürschner, Gel.-Kal. 2011), 2 T Gudrun (1926–43, Kriemhild (|1920-2011), Ärztin.

  • Leben

    S. besuchte bis 1905 das humanistische Wilhelmsgymnasium in München und studierte anschließend hier und in Innsbruck Medizin (1911 Staatsexamen, 1912 Approbation u. Promotion zum Dr. med.). Danach war er bis 1918 als Assistent am Münchener Anatomischen Institut bei Johannes Rückert (1854–1923) tätig und diente im 1. Weltkrieg als Assistenzarzt und Oberarzt der Reserve. 1918 habilitierte sich S. in München für Anatomie (Entwicklung d. Eierstocks d. Dohle) und im selben Jahr für Anatomie und Anthropologie in Leipzig, wo er bis 1921 am Anatomischen Institut Zweiter Prosektor war. 1920 wurde er, noch in München, bei Rudolf Martin (1864–1924) mit einer anthropologischen Arbeit zum Dr. phil. promoviert. 1921 folgte er dem Ruf als o. Professor für Anatomie und Leiter der Anatomischen Anstalt an die Univ. Halle (1933 Rektor). 1935 übernahm S. die Professur für Anatomie und die Leitung des Anatomischen und des Anatomisch-Biologischen Instituts der Univ. Berlin, die er bis zu seinem Tod innehatte. S.s wiss. Interesse galt den biologischen Abläufen von der Entstehung der Ei- und Samenzellen über die Entwicklung der Embryonen bis zum Geburtsvorgang bei Tieren und Menschen und hier besonders der Abhängigkeit der Funktion der Geschlechtsorgane von Umwelteinflüssen. Seine morphologischen Befunde gewann er durch mikroskopische Auswertung von Gewebeschnitten der Organe, setzte dabei die Struktur immer in Bezug zur Funktion und prägte mit einer funktionellen Denkweise die Anatomie neu. In den 20er und 30er Jahren publizierte er grundlegende Arbeiten zu den Veränderungen weiblicher Genitalorgane während der Schwangerschaft und zum Bau der menschlichen Plazenta. 1924 konnte er erstmals nachweisen, daß „nervöse Beeinflussung“, nämlich die Angst vor der Vollstreckung eines Todesurteils, für das Versiegen der Samenbildung verantwortlich ist (Über d. Einfluß d. Umwelt auf d. Lebewesen, in: Klin. Wschr. 3, 1924, S. 1153–58; Nervös bedingte Veränderungen an d. Geschlechtsorganen, in: Dt. Med. Wschr. 34, 1940, S. 925–28). Schon 1924 formulierte er auch die These, der für den Mann erfolgte Nachweis der Beeinflussung der Keimdrüsenfunktion durch Umwelteinflüsse gelte auch für die Frau (Wechselbeziehungen zw. Gesamtkörper u. Keimdrüsen, in: Zs. f. mikroskop.-anatom. Forsch. 1, 1924, S. 491–512). Als Untersuchungsmaterial für die Frage der Anpassung an die Schwangerschaft standen S. über Jahre die Gebärmütter Schwangerer und junger Mädchen zur Verfügung, die durch Unfall und Suizid zu Tode gekommen oder denen diese Organe aus therapeutischen Gründen entfernt worden waren (Beobachtungen an menschl. Eierstöcken, in: Zs. f. mikroskop.-anatom. Forsch. 22, 1930, S. 591–99). Aufsehen erregte sein Befund, daß eine Schwangerschaft in jedem Stadium des menstruellen Zyklus auftreten konnte, was Konsequenzen für die Beratung von Frauen hinsichtlich wahrscheinlich „fruchtbarer“ Tage hatte. 1940 beschrieb S. erstmalig auch anatomische Befunde an Ovarien von nach mehrmonatiger Haft hingerichteten Frauen, bei denen durch „nervöse Steuerung“ die Geschlechtsorgane schwer geschädigt worden waren (Nervös bedingte Veränderungen an d. Geschlechtsorganen, in: Dt. Med. Wschr. 66, 1940, S. 926–28). Erstmals beschrieb S. 1942 die von ihm sogenannte „anovulatorische Schreckblutung“ aus den Gefäßen der rückgebildeten Gebärmutterschleimhaut, die er zum Zeitpunkt der Bekanntgabe der Vollstreckung des Todesurteils kurz vor der Hinrichtung in Beziehung setzte. (Die Wirkung v. Gefangenschaft u. Angst auf d. Bau u. d. Funktion d. weibl. Geschlechtsorgane, in: Zs. f. Geburtshülfe u. Gynäkol. 124, 1942, S. 215–22). Nach 1945 wurde S. wegen seiner Forschung an Organen Hingerichteter, insbesondere von Opfern des Nationalsozialismus, öffentlich beschuldigt. Befragungen durch die dt. Behörden und die sowjet. Besatzungsmacht ergaben indes, daß er keinen Einfluß auf die Hinrichtungen gehabt und daß es Anatomen schon immer freigestanden habe, die Organe Hingerichteter für wiss. Fragestellungen zu nutzen. In der neueren Literatur (Aly 1987, Oleschinski 1992, Seidelman 1999) und im Internet wird fälschlich behauptet, S. habe während der NS-Zeit Einfluß auf den Hinrichtungszeitpunkt der Frauen genommen bzw. in anderer schuldhafter Weise mit dem damaligen justizförmigen Unrechtssystem zusammen gearbeitet, um an bestimmte anatomische Präparate zu gelangen. Es gibt dafür keine Quellenbelege, die einer objektiven Prüfung standhalten. An der nationalsozialistischen Unrechtsjustiz nicht aktiv beteiligt, nutzte S. allerdings die Umstände von Haft und Hinrichtung im Erkenntnisinteresse seiner Forschungen, was den Vorwurf einer moralischen Komplizenschaft rechtfertigen kann. Sein Forschungsgebiet, die Abhängigkeit biologischer Prozesse von Einflüssen der Lebensumwelt, stand eher im Widerspruch zur damaligen Hauptrichtung der biologischen Wissenschaften, nämlich der anthropologischen Messung angeblicher Unterschiede aufgrund ererbter wie „rassischer“ Anlagen. S. war 1919–29 Mitglied der DNVP, gehörte 1920/21 der rechtsextremen „Organisation Escherich“ an, und trat 1921 dem „Stahlhelm Bund der Frontsoldaten“ bei. Im Auftrag der Anatomischen Gesellschaft erarbeitete er federführend die international abgestimmten „Jenaer Nomina Anatomica“.

  • Auszeichnungen

    A bayer. Mil.verdienstorden IV. Kl. mit Schwertern;
    Rr.kreuz d. Franz-Joseph-Ordens mit Kriegsdekoration;
    Mitgl. d. Leopoldina (1922), d. schwed. Ak. d. Wiss. Uppsala (1931) u. Stockholm (1940);
    korr. Mitgl. d. Bayer. Ak. d. Wiss. (1944);
    o. Mitgl. d. Dt. Ak. d. Wiss., Berlin (1949);
    Vorstandsmitgl. d. Anatom. Ges. (1934–38);
    Ehrenmitgl. zahlr. wiss. Ges. d. In- u. Auslands, u. a. d. Dt. Gynäkol. Ges. (posthum 1952).

  • Werke

    Muskulatur u. Bindegewebe in d. Wand d. menschl. Gebärmutter außerhalb u. während d. Schwangerschaft, in: Zs. f. mikroskop.-anatom. Forsch. 17, 1929, S. 371–518;
    Männl. Genitalorgane, Hdb. d. mikroskop. Anatomie d. Menschen VII/2, hg. v. W. v. Möllendorff, 1930;
    Neue Beobachtungen über d. Bau d. menschl. Plazenta, in: Zbl. f. Gynäkol. 59, 1935, S. 434–46;
    Angeblich sterile Zeiten im Leben geschlechtstüchtiger Frauen, ebd. 136, 1952, S. 117–36;
    Nomina anatomica, 1936, 41949;
    Der Einfluß d. Nervensystems auf Bau u. Leistungen d. Geschlechtsorgane d. Menschen, 1952;
    Hg.:
    Zs. f. mikroskop.-anatom. Forsch., 1923–52;
    Mithg.:
    Anatom. Anz., 1945–52;
    Morphol. Jb., 1945–52;
    Excerpta Medica, 1945–52.

  • Literatur

    H. Fischer, H. S., d. Anatom d. Gynäkologen, in: Wiss. Zs. d. Humboldt-Univ. Berlin 2, 1952, Nr. 1–2, S. 1–11 (W-Verz., P);
    E. Hintzsche, in: Münchener Med. Wschr. 94, 1952, S. 2586–88;
    B. Romeis, in: Anatom. Anz. 99, 1953, S. 400–40 (W-Verz.);
    A. Schmauß in: Jb. d. Bayer. Ak. d. Wiss. 1953, 172–78 (P);
    G. Aly, Das Posener Tageb. d. Anatomen Hermann Voss, in: Btrr. z. nat.sozialist. Gesundheits- u. Soz.pol. 4, 1987, S. 15–66, bes. S. 60–63;
    B. Oleschinski, Der ,Anatom d. Gynäkologen`, H. S. u. seine Erkenntnisse über Todesangst u. weibl. Zyklus, ebd. 10, 1992, S. 211–18;
    G. Bettendorf, Zur Gesch. d. Endokrinol. u. Reproduktionsmed., 1995, S. 568–72 (P);
    W. E. Seidelman, Medicine and Murder in the Third Reich, in: Dimensions 13, 1999, S. 9–14;
    U. Schagen, Die Forsch. an menschl. Organen nach „plötzl. Tod“ u. d. Anatom H. S., in: R. v. Bruch (Hg.), Die Berliner Univ. in d. NS-Zeit, Bd. II, 2005, S. 35–54;
    ders. u. A. Winkelmann, H. S.s Clinical-Anatomical Research in Executed Women during the „Third Reich“, in: Clinical Anatomy 22, 2009, S. 163–171;
    S. Schleiermacher u. U. Schagen (Hg.), Die Charité im Dritten Reich, 2008, S. 106 (P);
    BLÄ.

  • Portraits

    Bronzebüste v. A. Hasemann, 1956 (Berlin, Humboldt-Univ.), Abb. in: Gelehrtenbildnisse HU Berlin, S. 125.

  • Autor/in

    Udo Schagen
  • Empfohlene Zitierweise

    Schagen, Udo, "Stieve, Hermann" in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 335-337 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117258474.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA