Lebensdaten
1837 bis 1907
Geburtsort
Marburg/Lahn
Sterbeort
Marburg/Lahn
Beruf/Funktion
Orientalist
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118857444 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Justi, Ferdinand
  • Justi, F.
  • Justi, Ferdinand Wilhelm Jakob
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Zitierweise

Justi, Ferdinand, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118857444.html [28.02.2020].

CC0

  • Genealogie

    V Wilhelm (1801–76), Pfarrer u. Insp. d. Waisenhauses in M., S d. Karl Wilhelm (1767–1846), D. theol., Dr. phil., Prof. d. Philos. u. Theol. in M. (s. ADB 14), aus alter Marburger Fam. (Jost, Justus), u. d. Friederike Bucher;
    M Friederike (1805–85), T d. Joh. Nikolaus Ruppersberg (1764–1842), Sup. in Kassel (aus Marburger Fam.), u. d. Friederike Braumann;
    Ur-Groß-Ov Leonhard (1753–1809), Sup., Dir. d. Predigerseminars u. Prof. d. Theol. in M. (s. Strieder VI, W);
    B Karl (s. 2);
    - 1868 Helene (1844–1924), T d. Friedrich Schepp (1807–74), nassau. GR, Präs. d. Oberappellationsgerichts in Wiesbaden, u. d. Mathilde Krug; Schwager Albert Schepp (1841–1908), Landgerichtsdir. in Bremen;
    3 S, u. a. Karl (1873–1949), Prof. d. Pathol., Tropenmediziner, Marburger Heimatforscher, Ludwig (s. 3);
    E Eduard (* 1904), Prof. d. Physik.

  • Leben

    J. studierte 1856-59 in Marburg und erlernte bei Gildemeister an germanistischen und vergleichend-sprachwissenschaftlichen Themen seine saubere philologische Methode. In Göttingen begeisterten ihn Ewald für die semitistische und Benfey für die arische Sprachforschung und begründeten zusammen mit Waitz seine spätere Arbeitsrichtung. Seine Dissertation (1861) „Über die Zusammensetzung der Nomina in den indogerman. Sprachen“ wurde in erweiterter Form auch als Habilitationsschrift angenommen, so daß er gleich als Dozent wirken durfte und schon nach vier Jahren Extraordinarius wurde; 1869 wurde er Nachfolger seines Lehrers Gildemeister als Marburger Ordinarius für german. Philologie. Seine Antrittsvorlesung über das Fiölsvidr-Lied der Edda bildete zugleich den Abschied von der Germanistik und die Hinwendung zur Orientalistik, insbesondere der Iranistik. Sein schon 1864 erschienenes umfangreiches Handbuch der Zendsprache erhielt den Prix de linguistique des Volney des Institut Impérial de France; es brachte nicht nur eine ausführliche Grammatik und transskribierte Textproben aus dem Yasna, den Yaschts und dem Vendidad, sondern auch das erste brauchbare Wörterbuch des „Altbaktrischen“, d. h. Avestischen. J.s nächste große Arbeit galt dem Verständnis des heiligen Buches der Parsen, wozu man die Tradition der Mazda-Gläubigen benutzen und sich dazu dem Studium des Pehlevi oder Mitteliranischen widmen muß. Hierzu hat er eine Kompilation der frühislam. Zeit über die kosmologischen und kosmogonischen Vorstellungen der Sassanidenzeit erstmals herausgegeben, transskribiert, übersetzt und glossiert. Dieser „Bundehesh“ erschien 1868. Obwohl ihm noch nicht die heute bekannten sicheren Inschriftenkopien und die mitteliran. Texte der Turfan-Expeditionen zur Verfügung standen, hat er als Einzelgänger erstmals vermocht, das Pehlevi zu lesen, seine aramä. Ideogramme aufzulösen und hierauf basierend Ordnung in den bisherigen Wirrwarr zu bringen.

    In J.s historischen und geographischen Darstellungen äußert sich das Bestreben, allgemeine Zusammenhänge mit konkretem Detail zu erfüllen, wobei ihm seine Vorstellungskraft und Zeichenkunst nicht nur für die eigene Illustration zugutekam. Sven Hedin, der J.s Karten und Beschreibungen Persiens bei seinen Ritten durch dies Land stets vor sich auf dem Sattel aufgeschlagen hatte, urteilte, es gebe keine besseren; er wollte nicht glauben, daß dieser kenntnisreiche Iranist selbst nie in Persien gewesen war, bedingt durch die Armut seiner damaligen Stellung. J.s anschaulicher Vortrag „Ein Tag aus dem Leben des Königs Darius“ (1873) fand solchen Beifall, daß er postum noch in das Persische übersetzt wurde; hierzu gehören auch seine Darstellungen über die Heerschau des Xerxes, das Amt des Chiliarchen bei Darius, die Sassanidenkönige u. a. m. Seine „Geschichte der oriental. Völker im Altertum“ (1884) imponiert heute noch durch ihre universale Schau über weite Räume und Zeiten, auch wenn durch die inzwischen durchgeführten Ausgrabungen und Fortschritte der Einzeldisziplinen vieles überholt erscheint. Seine Universalität äußerte sich in der Beschäftigung auch mit Dialekten aller ihm zugänglichen Sprachen, speziell mit denen des Kurdischen, worüber er auf Grund einer Wörtersammlung eines russ. Konsuls in Erzerum und im Auftrag der Petersburger Akademie das „Dictionnaire kurde-française par Auguste Jaba“ (1879) erarbeitete. Auf dieser Basis und unter Verwendung der Socinschen Sammlungen aus Assyrien entstand dann seine berühmte „Kurd. Grammatik“ (1880), die ihm den Preis der Göttinger Akademie einbrachte.

    Ebenso jugendfrisch ist sein letztes großes Werk „Iran. Namenbuch“ (1895), die Frucht der in sorgfältiger Kleinarbeit zusammengestellten Katalogzettel aller Namen, die er während 3 Jahrzehnten iranist. Studien exzerpiert hatte; es erfährt jetzt eine Neubearbeitung durch die Iranische Kommission der Österr. Akademie der Wissenschaften. Dieselben Studien hatten ihn auch zu einem vorzüglichen Kenner der zoroastrischen Religion gemacht, weswegen die Vereinigung der Parsis ihn zum Ehrenmitglied ernannte und mit der Schlichtung religiöser Auslegungs-Streitigkeiten betraute. Trotz seiner konservativen Bindungen an das Christentum hielt er die Parsi-Religion für die praktisch beste und menschlich erfolgreichste. Er bejahte auch innerlich das System heiliger Bücher, zu denen nur ein Bruchteil geistig besonders qualifizierter Mitmenschen Zugang hatte.

    Bemerkenswert ist schließlich J.s Beschäftigung mit der Kulturgeschichte seiner Heimat. Zunächst nur gelegentlich sonntäglicher Fußwanderungen, später systematisch in den sommerlichen Ferien 1875-1900 hat er die bäuerliche Welt um Marburg planmäßig erforscht, gezeichnet und danach in den Wintermonaten die minutiös genauen Aquarelle geschaffen die trotz seines Widerstrebens als „Hess. Trachtenbuch“ gedruckt (1905) erschienen.

    Als Sprachforscher zeichnete J. sich dadurch aus, daß er wie kaum ein anderer Vertreter seines Faches Gelehrsamkeit mit common sense und scharfsinnige Detailgenauigkeit mit weitem Horizont und großer Produktivität zu verbinden wußte.

  • Werke

    Weitere W Btrr. z. alten Geogr. Persiens, 1869 u. 1870 (P);
    Gesch. d. alten Persiens - 1. Hauptabt., 4. T. v. Allg. Gesch. in Einzeldarst. hrsg. v. W. Oncken, 1879 (P);
    Gesch. d. Altertums, 3 Bde., 1886 (mit G. F. Hertzberg) (P).|

  • Nachlaß

    Nachlaß: Marburg, Hess. Staatsarchiv (Justisches Fam.-archiv, darin u. a. Verz. v. 57 Abhh. u. ca. 300 Rezensionen; gel. Briefwechsel, u. a. mit J. Wellhausen üb. rel.phil. Probleme).

  • Literatur

    B. Martin u. W. Eilers, in: Lb. aus Kurhessen u. Waldeck 1830-1930 VI, 1958, S. 127-36 (P);
    BJ XII (Tl., L).

  • Autor/in

    Eduard W. L. Justi
  • Empfohlene Zitierweise

    Justi, Eduard W. L.; Justi, Eduard; Justi, Eduard W.; Justi, Eduard Wilhelm Leonhard, "Justi, Ferdinand" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 703 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118857444.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA