Lebensdaten
1888 bis 1945
Geburtsort
Esslingen/Neckar
Sterbeort
Egg (Vorarlberg)
Beruf/Funktion
NS-Politiker ; NS-Gauleiter ; Reichsstatthalter in Württemberg-Hohenzollern
Konfession
evangelisch,konfessionslos
Normdaten
GND: 120681021 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Murr, Wilhelm

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Zitierweise

Murr, Wilhelm, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd120681021.html [20.10.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Michael (1843–1903) aus Leutesheim (Baden), Schlosser, städt. Arbeiter in E.;
    M Selma ( 1903), T d. Steinhauers Friedrich Müller aus Mühlen/ Neckar;
    1920 Lina Halbritter (1893–1945, Freitod) aus Göppingen;
    1 S Wilfried (1922–44, Freitod).

  • Leben

    M., der früh Vollwaise wurde, absolvierte eine kaufmännische Lehre. Er trat dem Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verband bei, dem er seit 1919 als Ortsgruppenleiter vorstand. Bis Oktober 1930 in der Maschinenfabrik Esslingen tätig, vertrat er seit 1926 die Angestellten im Aufsichtsrat. Während des 1. Weltkriegs kämpfte M. in einem Infanterieregiment in Rußland, auf dem Balkan und an der Westfront. 1923 trat er der NSDAP bei und wurde Ortsgruppenleiter in seiner Vaterstadt, später zudem Gaupropagandaleiter und im Februar 1928 schließlich Gauleiter in Württemberg-Hohenzollern. Seit dem 8.3.1930 gab M. den „Schwäbischen Angriff“ als Wochenzeitung der Gauleitung heraus, seit dem 1.1.1931 auch die Tageszeitung „NS-Kurier“, die seit September 1933 zweimal täglich erschien und 1937 eine Auflage von 47 000 Exemplaren erreichte. Erst 1930 trat die NSDAP, die bei den Reichstagswahlen vom 14.9. in Württemberg 9,4 % der Stimmen erreichte, aus ihrer bisherigen Bedeutungslosigkeit heraus. Seit 1930 war M. Reichstagsabgeordneter. Die Regierung unter Staatspräsident Eugen Bolz (Zentrum), die seit 1932 nur noch geschäftsführend im Amt war, wurde im März 1933 von der Reichsregierung entmachtet. Am 15. März wählte der Landtag M. zum Staatspräsidenten. Dieser übernahm gleichzeitig die Leitung des Innen- und des Wirtschaftsministeriums. Im Zuge der Gleichschaltung wurde das Amt des Staatspräsidenten nach wenigen Wochen abgeschafft. M. fungierte seit dem 6.5.1933 bis zum Kriegsende als Reichsstatthalter. Als solcher erwies er sich als willfähriger und effektiver Arm der Berliner Zentrale, die ihn zwang, seinen innerparteilichen Konkurrenten Christian Mergenthaler (1888–1980) als Ministerpräsidenten und Kultusminister einzusetzen. Bereits im April 1933 richtete M. eine eigenständige Politische Polizei in Württemberg ein (seit Januar 1934 Politisches Landespolizeiamt), um abweichende politische Aktivitäten unterbinden zu können. Sein rigoroses Vorgehen gegen die Kirchen rief wider Erwarten beachtlichen Widerstand hervor: Am 14. und 21.10.1934 versammelten sich mehrere tausend Sympathisanten vor der Wohnung des Landesbischofs, um diesem ihre Loyalität zu bekunden. Während es Theophil Wurm gelang, die Position der ev. Kirche einigermaßen zu wahren, wurde der Bischof von Rottenburg, Johannes Sproll, weil er sich nicht an der Volksabstimmung|bezüglich des Anschlusses Österreichs am 10.4.1938 beteiligt hatte, aus dem Gau Württemberg-Hohenzollern ausgewiesen. Schon im März 1933 setzte M. die Leiter des 1917 gegründeten, in Stuttgart ansässigen Deutschen Auslands-Instituts, Paul Wanner und Fritz Wertheimer, ab. Bei der Neugliederung des Instituts im Dezember unter der Leitung von Richard Csaki (1886–1943) bezeichnete M. Stuttgart als „Stadt der Auslandsdeutschen“; Hitler bestätigte 1936 diesen „Ehrentitel“. Alljährlich fanden in Stuttgart die Reichstagungen der Auslandsdeutschen statt, die für die nationalsozialistische Propaganda mißbraucht wurden. Das Deutsche Auslands-Institut arbeitete der Reichsregierung hinsichtlich deren Annexions- und Umsiedlungspolitik zu. Während des 2. Weltkriegs Reichsverteidigungskommissar für seinen Gau, rief M. bis zuletzt zum Durchhalten auf. Ende März 1945 forderte er die Evakuierung der städtischen Bevölkerung und ordnete unter der Parole „Schwabentreue“ die – nur teilweise durchgeführte – Zerstörung aller militärischen, industriellen und Versorgungs-Einrichtungen an. Am 20.4. floh er mit Mergenthaler und anderen Parteigrößen aus Stuttgart, hielt sich einige Wochen versteckt und nahm sich nach seiner Verhaftung durch franz. Truppen zusammen mit seiner Frau das Leben.

  • Literatur

    C. Overdyck, in: Die Reichsstatthalter, hrsg. v. K. Ekkehart, 1933 (P);
    G. Schäfer (Hrsg.), Landesbischof D. Wurm u. d. nat.soz. Staat 1940–45, 1968;
    M. Miller (Hrsg.), Die Vertreibung v. Johannes Baptist Sproll v. Rottenburg, 1938–45, 1971;
    P. Sauer, Württemberg in d. Zeit d. Nat.sozialismus, 1975 (P);
    Roland Müller, Stuttgart z. Zeit d. Nat.sozialismus, 1988 (P);
    Das Dt. Führerlex., 1934 (P);
    Wi. 1935;
    Das gr. Lex. d. Dritten Reiches, hrsg. v. Ch. Zentner u. F. Bedürftig, 1985 (P);
    Von Weimar bis Bonn, Esslingen 1919-1949, Ausst.kat. 1991 (P).

  • Autor/in

    Franz Menges
  • Empfohlene Zitierweise

    Menges, Franz, "Murr, Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 618 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd120681021.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA