Lebensdaten
1906 – 1989
Geburtsort
Stuttgart
Sterbeort
Heidelberg
Beruf/Funktion
evangelischer Theologe ; Pfarrer
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118737384 | OGND | VIAF: 5726151
Namensvarianten
  • Müller, Eberhard
  • Müller, Eberhard
  • Müller, Eberhard Joh.
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Zitierweise

Müller, Eberhard, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118737384.html [14.06.2024].

CC0

  • Genealogie

    V Karl (1872–1957), Dir. d. Fa. Paul Lechler in St.;
    M Hilde Schöll (1878–1960);
    B Manfred (1903–87), Dr., Oberkirchenrat in St., Bernhard (* 1905), Geschäftsführer d. Lechler-Firmengruppe in St., 1945-50 MdL in Württemberg-Baden;
    Stuttgart 1933 Eva (1906–93) aus Marggrabowa (Olecko, Ostpreußen), T d. Wagenbauers Adam Kruppa ( 1909) u. d. Friederike Wilke ( 1955);
    4 S, 6 T.

  • Biographie

    M. studierte 1925-31 Theologie und Philosophie in Tübingen, Erlangen und Berlin und war anschließend Parochialvikar in der württ. Landeskirche. Bereits 1932 kam er als Reisesekretär der Deutschen Christlichen Studentenvereinigung (DCSV) in Kontakt mit der akademischen Theologie; 1934 übernahm er nach seiner Ordination, als der Druck zur Gleichschaltung mehr und mehr auf der Studentenschaft lastete, das Amt des Generalsekretärs, das er bis 1938 innehatte, und kämpfte an dieser Stelle mit organisatorischem Geschick gegen ein deutsch-christlich dominiertes Theologiestudium. Gleichzeitig war er seit 1935 als Reichsgeschäftsführer Spiritus rector der 1938 von der Gestapo verbotenen „Deutschen Evangelischen Wochen“ und gab die Berichtsbände über deren Tagungen heraus. Seit 1938 arbeitete M. als Studentenpfarrer in Tübingen, 1940 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen, seit 1942 war er zusammen mit Albrecht Goes Feldgeistlicher an der Ostfront. Von Januar bis März 1945 leistete er in der Festung Königsberg Seelsorge für 20 000 Verwundete. Nach Kriegsende über Kopenhagen nach Tübingen zurückgekehrt, wurde er neben seiner Tätigkeit als Gefangenenseelsorger am 17.10.1945 „mit der Zuständigkeit für alle seelsorgerlichen und kirchenamtlichen Fragen des Kriegsgefangenenwesens“ zum „freien Dezernenten bei der Kanzlei der EKD“ ernannt; aus dieser ehrenamtlichen Tätigkeit schied M. bereits Anfang 1946 wieder aus, um sich ganz dem Aufbau der ersten Evangelischen Akademie Deutschlands in Bad Boll zu widmen, wobei er die Konzeption des öffentlichen theologischen Diskurses der „Evangelischen Wochen“ aufnahm und vorrangig mit der sozialen Problematik verknüpfte. Bereits im Herbst 1945 hatte M. gemeinsam mit dem früheren württ. Kultusminister Wilhelm Simpfendörfer und dem Theologen Helmut Thielicke die Voraussetzungen für diese Akademie geschaffen, deren Leiter (seit 1947 Direktor) er bis 1972 blieb. In diesem Zeitraum stand er auch dem Leiterkreis der Evangelischen Akademien in Deutschland vor und war Vorsitzender des Europäischen Leiterkreises Evangelischer Akademien und Laieninstitute (heute: Ökumenische Vereinigung der Akademien und Tagungszentren in Europa). Seine Auffassung von der Akademie in der modernen Gesellschaft als Ort des Gesprächs, der Versachlichung von Konflikten und der Herbeiführung von Kompromissen wurde nicht nur für die ev. Akademien in Deutschland bedeutend. So war M. am Aufbau von Akademien in mehreren westeurop. Ländern, aber auch in Asien und Afrika beteiligt (1963 orthodoxe Akademie in Kreta, Nippon Christian Academy, Korean Christan Academy). Auf Betreiben eines westdeutschen Unternehmers entstand die „Evangelische Akademie am Kap“, die ausschließlich weißen industriellen Führungskräften vorbehalten sein sollte. M.s Hoffnung, das Dialogprinzip sei auch geeignet, den dortigen Rassenkonflikt zu lösen, erfüllte sich allerdings nicht. Mit Unterstützung von G. Buthelezi entstand später in dessen Homeland Gwa Zulu die für Schwarze bestimmte Akademie in Edendale. Nach Ansicht seiner Kritiker beschränkte M. sein ökumenisches Engagement zu sehr auf industrielle Themen und vernachlässigte dabei den Dialog der Kulturen.

    Als Vorsitzender der Kammer für soziale Ordnung der Evangelischen Kirche in Deutschland (1961–79) leistete M. mit den dort erarbeiteten Denkschriften (u. a. zur Eigentumsfrage, zur Mitbestimmung und zum Bau- und Bodenrecht) und den „Aktuellen Kommentaren“ einen wichtigen Beitrag zur sozialethischen Klärung gesellschaftspolitischer Probleme in der Bundesrepublik Deutschland. 1955 war M. Vorsitzender der Evangelischen Aktionsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen, 1959 Mitbegründer der „Aktion Gemeinsinn“ (bis 1965 einer ihrer Vorsitzenden), 1981 des Arbeitskreises „Sicherung des Friedens“, der überparteilich Einfluß auf die innerkirchlichen Debatten über die Friedensfrage nehmen wollte, wobei M. selbst der Friedensbewegung skeptisch gegenüberstand. M. engagierte sich auch in besonderer Weise für die kirchliche Publizistik und gehörte zu den Gründern der Christlichen Presse-Akademie. Er war Lizenzträger für den „Stimmen-Verlag“ und Gesellschafter im „Evangelischen Sonntagsblatt“, das ebenso mit seiner Unterstützung entstand wie die Zeitung „Christ und Welt“, sowie Mitherausgeber und Autor der „Aktuellen Gespräche“, der Hauszeitschrift der Akademie in Bad Boll.

    M. spielte im deutschen Protestantismus der Nachkriegszeit eine führende Rolle. Er plädierte, beeinflußt von dem hann. Landesbischof Hanns Lilje, für eine moderne, zeitgemäße Verkündigung des christlichen Glaubensgutes, die die Menschen nicht nur in der Ortsgemeinde, sondern mehr noch in der Arbeitswelt erreichen sollte. Ihren Dienst an der Gesellschaft erfülle die Kirche nach M.s Auffassung am besten als Vermittlerin zwischen konträren Positionen, ohne sich eine zu eigen zu machen. „Der kirchlichen Tradition verpflichtet, aber voll den Problemen der Zeitgenossenschaft zugewandt“ (G. Brakelmann),|hielt M. die Gesellschaftsdiakonie für die vorrangige Aufgabe der Kirche in der modernen Demokratie.|

  • Auszeichnungen

    Dr. h. c. (Tübingen 1955);
    Gr. Bundesverdienstkreuz (1972).

  • Werke

    u. a. Luther u. d. Kirche, Eine Antwort Luthers f. die, so heute nach d. Kirche fragen, 1934;
    Verstandenes Dogma, Das christl. Bekenntnis f. Menschen d. Gegenwart in 12 Kapiteln dargest., 1/21937;
    Wir glauben d. Wahrheit, Eine Einf. in d. christl. Lehre üb. Gott u. Mensch, 1948;
    Die Welt ist anders geworden – vom Weg d. Kirche ins 20. Jh., 1953;
    Die Kunst d. Gesprächsführung, 1953, ⁶1965 (auch norweg.);
    Gespräch üb. d. Glauben, Informationen üb. d. Bedeutung d. christl. Glaubenssätze, 1957, ³1963 (auch engl., japan.);
    Seelsorge in d. modernen Ges., 1960, ²1964;
    Unsere Grenzen – Gottes Ratschluß?, 1966;
    Sozialeth. Erwägungen z. Mitbestimmung in d. Wirtsch. d. Bundesrepublik Dtld., Eine Stud. d. Kammer f. soz. Ordnung, hrsg. v. Rat d. EKD, Mit Erll. v. E. M., 1968;
    Bekehrung d. Strukturen, Konflikte u. ihre Bewältigung in d. Bereichen d. Ges., 1973;
    Kompromiß, in: Ev. Soziallex., ⁷1980, S. 740-44;
    Abschaffung d. Krieges, hrsg. v. G. Brakelmann u. E. M., 1983;
    Prioritäten d. Menschlichkeit, in: Bändigung d. Macht, Btrr. z. Friedenspol., hrsg. v. G. Brakelmann, H. Bühl. E. M., 1986, S. 59-64;
    Widerstand u. Verständigung, 50 J. Erfahrungen in Kirche u. Ges. 1933–83, 1987. – W-Verz.: Der prot. Imperativ (s. L), S. 179-81.

  • Literatur

    H. Lilje, E. M. – Porträt e. Protestanten, in: Der prot. Imperativ, FS f. E. M. z. 60. Geb.tag, hrsg. v. E. Stammler, 1966, S. 166-81 (W-Verz.);
    Aktuelle Gespräche 14, 1966, S. 1-36 (z. 60. Geb.tag);
    Suche nach e. Gesprächskultur – E. M. z. Erinnerung, ebd. 37, 1989, S. 2-32 (P);
    G. Brakelmann, in: Sicherung d. Friedens, März 1989;
    A. Daur (Hrsg.), Bestand hat, was im lebendigen Menschen weiterwirkt, Symposium z. 90. Geb.tag v. E. M., 1996 (P).

  • Autor/in

    Gertraud Grünzinger
  • Zitierweise

    Grünzinger, Gertraud, "Müller, Eberhard" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 355-357 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118737384.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA