Lebensdaten
1526 bis 1555
Geburtsort
Ferrara
Sterbeort
Heidelberg
Beruf/Funktion
Dichterin ; Humanistin
Konfession
katholisch,evangelisch
Normdaten
GND: 118960636 | OGND | VIAF: 13107257
Namensvarianten
  • Morata, Olympia Fulvia
  • Grundler, Olympia Fulvia
  • Grünthler, Olympia Morata
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Zitierweise

Morata, Olympia Fulvia, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118960636.html [06.08.2020].

CC0

  • Genealogie

    V Pellegrino Moretto (latinisiert Fulvius Peregrinus Moratus) (1483–1548), humanist. Lehrer u. Schriftst., unterrichtete 1522-32 d. jüngeren Söhne v. Hzg. Alfonso I. am Hof in F., wurde 1533-39, vielleicht wegen ref. Äußerungen, verbannt, darauf in Vicenza u. Venedig tätig, 1539-48 wieder in F.;
    M Lucrezia Gozi;
    Ferrara 1550 Andreas Grundler (um 1516–55), Med. u. Humanist aus Schweinfurt.

  • Leben

    M. erhielt schon als Kind bei ihrem Vater Unterricht in lat. Sprache, Grammatik und Rhetorik. Vermutlich durch die Vermittlung der sie bewundernden, einflußreichen Freunde ihres Vaters wurde sie 1540 zur Studiengenossin der Prn. d'Este, der Tochter des Hzg. Ercole II., bestimmt. So gelangte sie in den Kreis um die humanistisch gebildete Hzgn. Renata von Ferrara, einer Tochter Kg. Ludwigs XII. von Frankreich. Hier konnte M. unter der Leitung ihrer Lehrer, der aus Schweinfurt stammenden Brüder Johannes und Kilian Sinapius, bald an lat. Diskussionen teilnehmen und mit drei Vorlesungen über die philosophische Schrift Ciceros „Paradoxa Stoicorum“ brillieren. Auch im Griechischen war sie in kurzer Zeit so gewandt, daß sie Gedichte und Epigramme sowie eine Lobrede auf den altröm. Helden Mucius Scaevola in dieser Sprache verfassen konnte.

    Während M.s Vater sich unter dem Einfluß des späteren Rhetorikprofessors Celio Secondo Curione (1503–69) der am Hof der Herzogin unterstützten reformatorischen Bewegung anschloß, öffnete sich M. selbst erst nach dessen Tod 1548 dieser neuen Frömmigkeit und Theologie-vielleicht auch unter dem Eindruck schwerer Schicksalsschläge und tiefer persönlicher Enttäuschungen: Nach dem Tod des Vaters verloren sie und ihre Angehörigen plötzlich die Gunst der Herzogin. Unter dem Druck des Herzogs und der von ihm 1542 eingerichteten Inquisition mußte diese alle reformatorischen Neigungen nach außen aufgeben und sich von ihren ev. gesinnten Freunden trennen. In dieser bedrängten Situation wandte sich M. ganz den Inhalten des ev. Glaubens zu; sie studierte die Bibel und die ihr zugänglichen Schriften der deutschen Reformatoren. Wie sie selbst später äußerte, betrachtete sie diese Zeit als die entscheidende Wende ihres Lebens zum Glauben.

    1549 lernte M. in Ferrara den aus Schweinfurt stammenden Mediziner und Humanisten Andreas Grundler kennen, den sie Anfang 1550 heiratete. Im selben Jahr folgte sie ihm in seine Vaterstadt Schweinfurt, wo er als Stadtarzt angestellt wurde. M. und er waren bald führende Mitglieder eines Humanistenkreises. Ein reger Briefwechsel M.s mit alten Freunden, besonders mit dem späteren Herausgeber ihrer Werke, Celio Secondo Curione, und ihrer adligen Freundin Lavinia della Rovere-Orsini entstand. Neben dem Unterricht in den klassischen Sprachen, den sie ihrem kleinen Bruder Emilio und der Tochter des Sinapius erteilte, übertrug M. mehrere alttestamentliche Psalmen ins Griechische. Ein intensives Studium der deutschen Reformatoren führte zur Abfassung von zwei im Stil Platons gehaltenen Dialogen, in denen die Verfasserin mit ihrer Freundin über das Verhältnis von klassischer und theologischer Bildung diskutiert und den Sinn des Leidens aus christlicher Sicht darlegt.

    Selbst bereit, für ihre ev. Überzeugung zu leiden, unterstützte M. die ref. Bewegung und ihre Anhänger durch Briefe an einflußreiche Persönlichkeiten. 1553/54 wurde diese kurze, fruchtbare Schaffenszeit M.s beendet durch die Eroberungsgelüste des Mgf. Albrecht Alkibiades von Brandenburg-Kulmbach, der die kleine Reichsstadt Schweinfurt zu seinem Heerlager machte und sie damit der Belagerung durch seine Gegner und schließlich der Zerstörung am 12.6.1554 aussetzte. Zwar gelang es Andreas Grundler und M., mit ihrem Bruder aus der brennenden Stadt zu fliehen und sich nach vielen Gefahren schließlich in Heidelberg niederzulassen, aber die Flucht hatte M.s Kräfte verzehrt. Wegen mehrerer Erkrankungen kam sie kaum noch zu ihren Studien. Sie starb, noch nicht 29 Jahre alt.

  • Werke

    Olympiae Fulviae Moratae mulieris omnium eruditissimae Latina et Graeca, quae haberi potuerunt, monumenta…, 1558;
    Olympiae Fulviae Moratae foeminae doctissimae ac plane divinae opera omnia, quae hactenus inveniri potuerunt…, 1570;
    Epistolario (1540–55), Con uno studio introduttivo di Lanfranco Caretti, 1940;
    Opere, A cura di Lanfranco Caretti, Volume secondo: Orationes, Dialogi et Carmina, 1954;
    Briefe, hrsg. v. R. Kößling, übers. v. dems. u. G. Weiss-Stählin, 1990.

  • Literatur

    ADB 22;
    G. L. Nolten (= Noltenius), Commentaria historica critica de Olympiae Moratae Vita, Scriptis, Fatis et Laudibus… rec. Io. Gust. Vilh. Hesse, 1775;
    Raab, O. F. M., e. Glaubenszeugin aus d. 16. Jh., in: Jb. f. d. ev.-luth. Landeskirche Bayerns, 1903, S. 156-64;
    M. Heinsius, O. M., in: Das unüberwindl. Wort, Frauen d. Ref.zeit, 1951, S. 96-133;
    G. Weiss-Stählin, O. F. M. u. Schweinfurt, Wechselbeziehungen zw. ital. u. dt. Frömmigkeit im Za. d. Ref., in: Zs. f. bayer. KGesch. 30, 1961, S. 175-83;
    dies., Die Briefe d. O. F. M., Goethes letzte Auseinandersetzung mit d. Ref., in: NF d. Jb. d. Goetheges. 25, 1963, S. 220-49;
    D. Vorländer, O. F. M. – e. ev. Humanistin in Schweinfurt, in: Zs. f. bayer. KGesch. 39, 1970, S. 95-113;
    dies., Wissen u. Glauben – d. Btr. O. M.s zu d. Fragen ihrer Zeit, in: O. F. M., Das O.-M.-Gymnasium u. seine Schulpatronin in Bildern u. Texten, 1986, S. 29-34 (P);
    dies., O. F. M., e. ital. Humanistin u. ev. Christin in Schweinfurt, in: Streiflichter auf d. KGesch. in Schweinfurt, hrsg. v. J. Strauß u. K. Petersen, 1992, S. 65-76;
    N. Holzberg, in: Fränk. Lb. X, 1982, S. 141-56 (P);
    ders., O. M.: Eine ital. Humanistin in Dtld., in: O. F. M., Das O.-M.-Gymnasium u. seine Schulpatronin (s. o.);
    U. Müller, O. F. M. 1526-1555, in: B. Vogel-Fuchs (Hrsg.), Lb. Schweinfurter Frauen, 1991, S. 158-68;
    PRE;
    RGG3;
    BBKL.

  • Portraits

    Ölgem. 1540/48 (Pfullingen, Privatbes.), Abb. in: O. F. M., Das O.-M.-Gymnasium u. seine Schutzpatronin in Bildern u. Texten (s. L);
    Ölgem., 16. Jh. (Schweinfurt, Städt. Slgg.), Abb. ebd.

  • Autor/in

    Dorothea Vorländer
  • Empfohlene Zitierweise

    Vorländer, Dorothea, "Morata, Olympia Fulvia" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 85 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118960636.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Morata: Olympia Fulvia M., geb. in Ferrara 1526, in Heidelberg, 26. Oct. 1555, Dichterin und Rednerin. Ihr Vater, Fulvio Pellegrino Morato, der in Mantua, später in Ferrara lebte, mit Unterbrechung von 8|Jahren, 1539—1538, die er mit seiner Familie in Vicenza zubrachte und in Ferrara 1547 starb, ist als Verfasser eines Reimlexicons zu Dante und Petrarca, als lateinischer Dichter, und als Commentator einzelner Schriften des Cicero, Horaz, Virgil bekannt. Er gab seiner Tochter eine gelehrte Erziehung, welche dieselbe befähigte, durch ihre Kenntniß der alten Sprachen selbst den verwöhnten Kennern am Hofe von Ferrara zu imponiren. Sie lebte am Hofe in genauem Verkehr mit Anna von Este, die sich später mit Franz von Lothringen, Herzog von Guise vermählte. Dieses Leben am Hofe rief aber keine höfische Gesinnung in ihr hervor, sie war vielmehr froh, da sie vom Hofleben befreit wurde und braucht später ernste und strenge Worte gegen das höfische Treiben. Von hervorragender Wichtigkeit für sie war das Leben am Hofe nicht blos dadurch, daß sie bedeutende Männer kennen lernte, z. B. Pietro Bembo, dessen Tod sie mit einem lateinischen Gedichte beklagte, sondern dadurch, daß sie in die reformatorischen Gesinnungen und Bestrebungen des Hofes von Ferrara (Renata v. Este) eingeweiht wurde. Seitdem hört die heidnische Periode ihres Lebens auf, in welcher sie den Tendenzen des italienischen Humanismus nahe steht; die christliche Periode beginnt. Olympia liest die Bibel und citirt seitdem mit Vorliebe biblische Stellen. Sie ist von unendlichem Gottvertrauen erfüllt und wünscht dasselbe auch Andren einzuflößen. Sie hält das Leiden für den Antheil derer, welche an Christus glauben, will aber lieber leiden als ohne Christus die Welt besitzen, und lebt der Ueberzeugung, daß Leiden und Unglück eine glückselige Zukunft verheißen. Sie betet viel, liest reformatorische Schriften und tritt entschieden gegen den Papst auf, den sie geradezu als Antichrist bezeichnet. — Nach dem Tod des Vaters hatte Olympia für die Ihrigen zu sorgen und lebte in ziemlich beschränkten Verhältnissen. In diesen fand sie eine Stütze in Andreas Grüntler aus Schweinfurt, der nach Ferrara gekommen war, um sich in Philosophie und Medicin, die er bereits in Deutschland studirt hatte, weiter auszubilden. Er lernte Olympia kennen und lieben, er erhielt ihre Hand; die Vermählung des Paares fand 1550 statt. Bald nach der Hochzeit ging Gr. nach seiner Heimat, um sich dort eine Stelle zu verschaffen, kehrte aber unverrichteter Sache nach Ferrara zurück. Indessen war es der religiösen Verhältnisse halber dem jungen Paar unmöglich in Ferrara zu bleiben; sie zogen daher mit Emilio, einem Bruder der Olympia, Oct. 1551, nach Schweinfurt. Dort blieben sie einige Jahre, Gr. wirkte als Arzt, Olympia war wegen ihrer Bildung und Herzensgüte bekannt; noch später wandten sich viele Schweinfurter an sie, in der sichern Hoffnung von ihr unterstützt und gefördert zu werden, ohne daß sie im Stande war, allen Anforderungen zu genügen. Die Belagerung Schweinfurts (im Kriege zwischen Albrecht von Brandenburg und Moritz von Sachsen) machte den Aufenthalt daselbst unerträglich; Gr., der einen Ruf nach Linz ausgeschlagen hatte, weil er fürchtete, dort in seiner Religionsübung gestört zu werden, floh mit seiner Gattin nach Hammelburg und kam 1554 an die Universität Heidelberg. Seine Berufung erfolgte am 12. Juli 1554. Nach dem Berichte von Leodius (oben Bd. 18, S. 296) z. J. 1554, nachdem er Olympia als Sappho bezeichnet hat: Uterque a nostro principe in decus sui gymnasii ascitus est, ipse ut medicinam profiteatur, ipsa ut graecas literas doceat quod hactenus distulit morbo comprehensa, wäre auch sie berufen worden. Doch findet sich nichts davon in den Akten (Hautz, Gesch. der Univ. Heidelb. I, 430 ff.) Die Krankheit, von welcher Leodius spricht, ist Olympia wol überhaupt nicht mehr los geworden. Sie beklagte sich über die Rauhheit des deutschen Klimas, sie sehnte sich nach ihrem Heimathlande, speciell nach ihrer Vaterstadt zurück, trotzdem sie dort für ihre Religion zu leiden gehabt hatte; obwol sie in Deutschland lebte, war sie mit Geist und Herz in Italien. Ihre Werke, wenn|man ein dünnes Bändchen als „Werke“ bezeichnen kann, erschienen bald nach ihrem Tode von Freundeshand gesammelt, unter dem Titel: „O. F. M. mulieris omnium eruditissimae latina et graeca quae haberi potuerunt, monumenta eaque plane divina, cum auditorum de ipsa judiciis et laudibus. Hippolytae Taurellae elegia elegantissima. Ad ill. Isabellam Bresegnam“. (Mir liegt die Ausgabe Basel 1558, 115 S. vor, spätere Ausgaben 1562, 1570,1580. Hippol. Taurella ist die 1525 gestorbene Frau des Baldassare Castiglione, ihre Elegie hat mit dem sonstigen Inhalt des Bändchens nichts zu thun). Ein (ungedrucktes) „griechisches Gedicht“ in 11 Strophen, eine Bearbeitung des 43. Psalms, mit der Unterschrift: Olympia Morata Grunthlera faciebat, findet sich in München (Camerarische Samml., Bd. 13, Fol. 103). Die Sammlung ihrer Werkchen enthält Briefe an Coelius Curio Secundus (Bd. IV S. 647), an Joh. Sinapius, an Flacius, Vergerius und an verschiedene Andere. Sie berichtet von ihrem Leben, übersendet Gedichte und Dialoge, spricht von ihren Plänen, z. B. von ihrer Absicht ein „Sophocleum opus“ zu schreiben, von einem verloren gegangenen Werke: „defensio pro Cicerone“. Außer den Briefen von ihr und an sie, die den größten Theil der Sammlung ausmachen, hat sie eine Anzahl Psalmen griechisch wiedergegeben, ein paar griechische Gelegenheitsgedichte und Epigramme gemacht, die im Originale und einer von Karl Utenhoven angefertigten lateinischen Uebersetzung mitgetheilt werden. Auch lateinische Verse, welche ihre fromme Gesinnung verrathen, rühren von ihr her. Ihre Sprachkenntniß ist bedeutend, ihr lateinischer Stil elegant. Nicht sowol ihre Leistungen, als die für Deutschland ungewohnte Thatsache, daß eben eine Frau lateinische Vortrage zu halten, griechische Briefe zu schreiben im Stande war, daß sie mit Gelehrten wie mit Ihresgleichen verkehrte, haben ihren Ruf in Deutschland begründet. Dazu kam, daß sie persönlich einen eigenthümlichen Reiz ausgeübt haben muß: Coelius Curio Secundus und Jacob Micyllus (Bd. XXI S. 704) sind voll ihres Lobes. Ihr echt weibliches Wesen gewann ihr die Herzen, ihre stark ausgeprägte religiöse Gesinnung, von der man wußte, daß sie ihr das Vaterland gekostet, erregte große Theilnahme; der Reiz des Ausländischen wirkte mit; so erlangte Olympia bei den Zeitgenossen und bei den Späteren hohen Ruhm, ohne daß sie durch ihre Leistungen denselben beanspruchen könnte.

    • Literatur

      Ausgaben der Werke s. oben. Darin auch manche panegyrische und biographisches Material enthaltende Briefe. Die biographische Litteratur über sie ist sehr zahlreich, aber dem Gehalte nach unbedeutend. Holten, Vita Olympiae Moratae, 1775. Knetschke, De Olympia Fulvia Morata, 1808. E. Münch, Olympia Fulvia Morata, Freib. 1827. J. Bonnet, Vie d'Olympia Morata, 1856, deutsch übersetzt von Merschmann, Hamburg 1860. Olympia Morata, Her times, life and writings, arranged from contemporary and other authorities. By the author of Selwin. Second edition, London 1834. Olympia Morata, Her life and times by Robert Turnbull. Boston 1846. O. Wildermuth, O. Morata, ein christl.“ Lebensbild, 1854.

  • Autor/in

    Ludwig Geiger.
  • Empfohlene Zitierweise

    Geiger, Ludwig, "Morata, Olympia Fulvia" in: Allgemeine Deutsche Biographie 22 (1885), S. 211-213 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118960636.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA