Lebensdaten
1828 bis 1903
Geburtsort
Schubin (Provinz Posen)
Sterbeort
Cincinnati (Ohio, USA)
Beruf/Funktion
Rabbiner ; Talmudist
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 138382468 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Mielziner, Moses
  • Mielziner, M.

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Zitierweise

Mielziner, Moses, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd138382468.html [20.10.2019].

CC0

  • Genealogie

    Aus angesehener orthodoxer Rabbinerfam.;
    V Benjamin Leib (1797–1849), Rabbiner in Mielczyn, später in Sch.;
    M Rosa Rachel Caro (Karo) ( 1835), T d. Lob Caro, Rabbiner in Klezewo; 6 Geschw, 5 Halb-Geschw;
    Kopenhagen 1861 Rosette (1835–1924), T d. aus Königsberg stammenden, in Kopenhagen tätigen Silberschmieds N. N. Levald; Tante d. Ehefrau Fanny Lewald (1811–89), Schriftst. (s. NDB 14);
    7 K.

  • Leben

    M. erhielt vom Vater den ersten Unterricht in Hebräisch und Deutsch sowie im Lesen der Bibel und des Talmud. Später besuchte er für einige Jahre die Schule der jüd. Gemeinde zu Schubin. Die ärmlichen Verhältnisse im Vaterhaus veranlaßten ihn, Unterkunft bei seinem älteren Bruder Ephraim, einem literarisch gebildeten und poetisch begabten Kaufmann in Tremessen, zu suchen. Da in der öffentlichen Schule Polnisch noch immer die Unterrichtssprache war, die M. nicht beherrschte, wurde er nicht aufgenommen. Ephraim unterrichtete ihn zunächst selbst in Hebräisch, Deutsch, Französisch und Latein, schickte ihn aber dann nach Exin (Prov. Posen) in die private Religionsschule des Rabbiners Hirsch Klausner. Von ihm erhielt M. 1844 das Reifezeugnis „Chaber Rabbi“. Nun begab er sich nach Berlin, um das Abitur abzulegen. Seit dem Wintersemester 1848 studierte er in Berlin Philosophie, Philologie, deutsche Literatur, Griechisch, Latein und Arabisch und betrieb alttestamentliche und semitische Studien. Berlin war damals Mittelpunkt der sich mächtig entfaltenden jüd. Reformbewegung. Hier wirkten der große Historiker des Judentums Leopold Zunz (1794-1886) und der radikale Reformer Dr. Samuel Holdheim (1806–60), Oberrabbiner von Berlin, von dem M. in Theologie unterrichtet wurde und in dessen Haus er viel verkehrte. M. selbst hat sich zeit seines Lebens in Predigt, Lehre und Schrift für die jüd. Reformbewegung eingesetzt. Nach dem Vorbild der christlichen Kirchen wünschte man eine deutsche Predigt, Gemeindegesang, Orgel- und Chormusik, rechtliche Gleichstellung der Frauen in der Synagoge, religiöse Vorbereitung und Konfirmation der Kinder beiderlei Geschlechts. Diese Forderungen wurden ergänzt durch die neue Interpretation der Mission des religiösen Judentums, das keine Rückkehr nach Palästina erwartete, sondern eine Weltmission, die ethische Vervollkommnung aller Völker, zu erfüllen habe.

    Noch ehe M. seine Dissertation beenden konnte, wurde ihm durch die Empfehlung Holdheims die Stelle eines Rabbiners in Waren (Mecklenburg-Schwerin) angeboten. Sein Vorgesetzter war Dr. David Einhorn (1809–79), einer der bedeutendsten Vertreter der Reformbewegung. Als dieser Ende 1853 seine Stellung aufgab, legte auch M. 1854 sein Amt|nieder und begab sich nach Dänemark, wo sein Bruder Solomon Rabbiner in Aalborg (Jütland) war. Der sprachbegabte M. lernte Dänisch in so kurzer Zeit, daß er für einige Monate die provisorische Stellung eines Rabbiners in Randers (Jütland) übernehmen konnte. 1855 wurde er als Direktor der ersten jüd. Religionsschule in Kopenhagen berufen. In dieser ihm sehr angenehmen Stellung verblieb er zehn Jahre. Ohne orthodoxe Widerstände und mit der freundlichen Unterstützung eines wohlwollenden Oberrabbiners konnte er seine modernen Ideen über die religiöse Erziehung von Kindern in die Praxis umsetzen. Sein Amt ließ ihm auch genug Zeit, um seine Dissertation zu vollenden. Unter dem Titel „Die Verhältnisse der Sklaven bei den alten Hebräern, nach biblischen und talmudischen Quellen dargestellt“ (engl. Überss. 1861, 1862, 1885), reichte er sie im Juni 1859 bei der Philosophischen Fakultät der Univ. Gießen ein.

    1865 übernahm M. das Rabbineramt der deutschjüd. Gemeinde Anshei Chesed in New York, das ihm auf Grund der Empfehlung des Herausgebers der Allgemeinen Zeitung des Judentums, Ludwig Philippson, angeboten worden war. Seine Hoffnung, in New York eine ruhige, aufbauende Tätigkeit zu finden, erfüllte sich nicht; die Jahre 1865-79 gehörten zu den unerfreulichsten seines Lebens. Trotz seiner gemäßigten liberalen Änderungen der Formen des Gottesdienstes protestierten die orthodoxen Mitglieder der Gemeinde. Sie verlangten seinen Rücktritt und brachten den Streit um die gottesdienstlichen Änderungen sogar vor den städtischen Gerichtshof. 1873 trat M. zurück und gründete eine religiöse Tages- und Internatsschule für jüd. Knaben, die er bis 1879 leitete. Daneben unterrichtete er seit 1875 auch an der Vorbereitungsschule für Rabbiner, die der Tempel Emanu-El gegründet hatte. Während dieser Zeit entwickelte sich eine enge Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen M. und Einhorn, der nach Mißerfolgen in Mecklenburg und Budapest schon 1855 nach Amerika gekommen war, zuerst als Rabbiner in Baltimore und seit 1866 in gleicher Stellung an der Synagoge Beth-El in New York. M. war 1869 Sekretär der von Einhorn nach Philadelphia einberufenen ersten Konferenz von Reformrabbinern in Amerika. Er machte hierbei die Bekanntschaft von Isaac M. Wise und Max Lilienthal, beide Rabbiner von deutschjüd. Gemeinden in Cincinnati und führende Reformer im Mittelwesten.

    1879 erhielt er auf Wises Vorschlag die Berufung als Professor des Talmud an das Hebrew Union College in Cincinnati, dessen Gründer und Präsident Wise war. M. erwies sich als kenntnisreicher Lehrer auf dem schwierigen Gebiet des Talmud, das hier zum ersten Mal in Amerika wissenschaftlich unterrichtet wurde. Er begann nach kurzer Zeit mit der Veröffentlichung von Arbeiten in engl. Sprache zum Talmud und der Auslegung talmudischer Gesetze zur Regelung praktischer juristischer Probleme.

    1884 erschien seine historisch vergleichende Untersuchung über die jüd. Gesetzgebung zu Ehe und Scheidung in Altertum und Neuzeit und im Verhältnis zum Staatsgesetz (Jewish Law of Marriage and Divorce in Ancient and Modern Times and in its Relation to the Law of the State, 21901). 1898 veröffentlichte er eine Untersuchung über rechtliche Maximen und grundsätzliche Gesetze des Zivil- und Kriminal-Kodexes des Talmud (Legal Maxims and Fundamental Laws of the Civil and Criminal Code of the Talmud). Für den praktischen Gebrauch diente auch eine Arbeit über das rabbinische Gesetz der Erbfolge (The Rabbinical Law of Hereditary Succession, 1900). Wiederholt beschäftigte er sich mit Problemen der religiösen Erziehung der Kinder und der Neugestaltung eines modernen Gebetbuches. Für eine 1894 geplante, aber erst 1917 veröffentlichte neue engl. Übersetzung der Bibel vom Masoretischen Text übersetzte er Buch I und II der Chroniken. M.s größte und bleibende wissenschaftliche Leistung ist seine Einführung in den Talmud (Introduction to the Talmud, 1894, 41968). Es ist die erste umfassende Arbeit zum Talmud in engl. Sprache. Als „Burg des mittelalterlichen Judentums“ war der Talmud bei vielen Reformern verhaßt. Aber M. liebte die große Weisheit seiner Vorfahren und Meister und zeigte die Anwendbarkeit dieser Ordnung jüd. Daseins auch für die Gegenwart. Es war keine leichte Aufgabe, zu diesem komplexen Werk eine verständliche Einführung zu geben. Da fast nur deutsche Vorarbeiten existierten, mußte M. die engl. Terminologie erst schaffen. – Als im März 1900 Isaac M. Wise starb, wurde M., damals schon sehr krank, Präsident des Hebrew Union College. Während zweier Jahrzehnte hatte er in harmonischer Zusammenarbeit mit Wise aus einem kleinen Rabbinerseminar die Grundlagen des heute größten Instituts für Lehre und Wissenschaft des Judentums in der Welt geschaffen.

  • Literatur

    E. M. F. Mielziner, M. M., 1931 (W, L);
    dies., M. M., in: Universal Jewish Encyclopedia VII;
    W. Rosenau, A Tribute to M. M., in: Reform Advocate, 1928;
    K. Kohler, M. M., in: Publications of the American|Jewish Historical Society 5, 1897, S. 137 ff., 9, 1901, S. 45 ff;
    DAB XII;
    Enc. Jud. 1971.

  • Portraits

    Ölgem. v. Leo Mielziner (Cincinnati, Hebrew Union College).

  • Autor/in

    Gottfried Felix Merkel
  • Empfohlene Zitierweise

    Merkel, Gottfried Felix, "Mielziner, Moses" in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 475-477 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd138382468.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA