• Leben

    Der Verfasser einer volkssprachigen Schrift des „Gewissensspiegels“ (ca. 1370-82), war vielleicht identisch mit dem Altarpriester der Marienkirche vor dem Teyn in der Prager Altstadt und dem Inquisitor gleichen Namens, vielleicht auch mit dem „Editor“ eines jetzt dem Engländer Richard von Thetford zugeschriebenen „Modus praedicandi“ (codex latinus monachensis 3764. Bl. 35-40, s. Charland, 1936, S. 69). In der Überschrift zu diesem Werk heißt es, es sei „editus a domino Martino Inquisitore hereticorum Amberge“. Auch im Cod. Vind. 3748. Bl. 149 v. spricht Johannes Triteminus von einem „Magister Martinus inquisitor … a sede apostolica deputarus“ (s. Kieckhefer, 1979, S. 132). All dies liefert allerdings noch immer keinen zwingenden Beweis für die Identität des Verfassers des „Gewissensspiegels“ mit dem Inquisitor.

    Die Laufbahn eines M. als „inquisitor heretice pravitatis“ zur Bekämpfung der Waldenser, vielleicht in päpstlicher, wahrscheinlich aber nur in erzbischöflicher Prager Kommission, wäre urkundlich (z. T. zusammen mit Peter Zwicker) belegt: 1374 Straßburg, 1380er Jahre Regensburg, 1391 Würzburg und Erfurt, 1396 Prag, 1399 Nürnberg, wo er mit einem städtischen Weingeschenk honoriert und „Meister mertin ketzermeister“ genannt wird, sowie Bamberg, 1400-01 Tyrnau (Slowakei), Hartberg in der Steiermark und Ödenburg.

    Der „Gewissensspiegel“, der in 34 Handschriften überliefert ist, ragt unter der katechetischen Literatur der Zeit inhaltlich und formal hervor. Mit ihm sollte für Lateinunkundige eine kurze Einführung in die wichtigsten christlichen Glaubenslehren gegeben werden. Verordnet von der Prager Provinzialsynode von 1355 und verlangt auf dem Concilium Vaurense in Südfrankreich 1368, entsprach der „Gewissensspiegel“ einem dringenden Bedürfnis der Zeit. Als Auftraggeber werden genannt Herr Hans v. Scharfeneck, „des … hern ludwigez küngez von ungern dalmatzien hoster rat“, und in der Heidelberger Handschrift (Pal. germ. 439) „Elysabeth Pfallenczgrefinn bei rein und herczogin in beirn“. Wie G. Steer 1968 gezeigt hat, ist das Werk in den Hauptteilen - dem Glaubensbekenntnis, den zehn Geboten und den sieben Hauptsünden - von dem „Compendium theologicae veritatis“ des Hugo Ripelin von Straßburg abhängig. Auch die deutschen Schriften und Übersetzungen des Prager Kanzlers Johann von Neumarkt, die M. vermutlich während einer seelsorgerischen Tätigkeit in Prag um 1380 kennenlernte, beeinflußten Inhalt und Stil des Werkes.

    Gewirkt hat der „Gewissensspiegel“ auf Hans Vintlers „Pluemen der Tugent“ und auf Stephan von Landskrons „Hymelstrasz“.

  • Werke

    Der Gewissensspiegel, hrsg. v. S. N. Werbow. 1958.

  • Literatur

    ADB 52;
    Th.-M. Charland, O. P., Les Auteurs d'Artes Praedicandi au XIIIe siècle d'après les manuscrits, in: Études d'Histoire Littéraire et Doctrinale du XIIIe Siècle, 1932, S. 41-60;
    ders., Artes Praedicandi, Contributions à l'Histoire de la Rhétorique au Moyen Age, 1936, S. 69;
    E. Weidenhiller, Unterss. z. dt.sprachigen katechet. Lit. d. späten MA, 1965, S. 134-40;
    M. Schwinger, M. v. A., Der Gewissensspiegel, Zur hs. Überlieferung, Diss. Graz, 1966 (ungedr.);
    G. Steer, Der Gewissensspiegel M.s v. A. u. d. „Compendium theologicae veritatis“ Hugos v. Straßburg, in: Paul-Braune-Btrr. 90, 1968, S. 285-302;
    R. Kieckhefer, The Inquisition in Fourteenth Century Germany, Diss. Univ. of Texas at Austin, 1972;
    ders., Repression of Heresy in Medieval Germany, 1979;
    A. Patschovsky, Qu. z. böhm. Inquisition im 14. Jh., 1979;
    G. Steer, Hugo Ripelin v. Straßburg, Zur Rezeption u. Wirkungsgesch. d. „Compendium Theologiae Veritatis“ im dt. Spät-MA, 1981, bes. S. 441 f.;
    Vf.-Lex. d. MA III u. V;
    dass., 2. Aufl., VI (S. N. Werbow).

  • Autor/in

    Stanley N. Werbow
  • Empfohlene Zitierweise

    Werbow, Stanley N., "Martin von Amberg" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 277-278 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100964672.html#ndbcontent

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  • Leben

    Amberg: Martin v. A., ein Predigermönch, wahrscheinlich aus Amberg in der Oberpfalz gebürtig, Verfasser eines „Gewissensspiegels“, den er auf Wunsch eines Herrn Hans von Scharfeneck, des Königs von Ungarn höchsten Rathes, nach einem lateinischen Poenitentiarius bearbeitete. Die Handschriften (in Wien und Heidelberg) gehen nicht über das 14. Jahrhundert zurück, und das Werk ist, nach Sprache und Stil zu urtheilen, wol auch nicht älter.

    • Literatur

      v. d. Hagen, Germania 2. 63. Wilken, S. 478. Hoffmann, Wiener Hschrften. S. 335, 336.

  • Autor/in

    K. Bartsch.
  • Empfohlene Zitierweise

    Schmidt, Wilhelm; Haupt, Herman, "Martin von Amberg" in: Allgemeine Deutsche Biographie 1 (1875), S. 390 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100964672.html#adbcontent

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  • Leben

    Martin von Prag, Inquisitor um 1400. Im letzten Viertel des 14. Jahrhunderts hat bekanntlich die Kirche unter dem thatkräftigen Beistande der Luxemburger eine allgemeine Verfolgung der fast in allen deutschen Landschaften weit verbreiteten waldensischen Secte ins Werk gesetzt. Neben dem Coelestiner Petrus Zwicker (s. A. D. B. XLV, 535) hat bei dieser Verfolgung der Altarpriester der Marienkirche vor dem Teyn in der Prager Altstadt, Martinus, als Inquisitor in hervorragender Weise mitgewirkt. Um 1380 begegnen wir ihm als Glaubensrichter in Regensburg, im folgenden Jahrzehnt und bis zum Jahre 1401 in Franken, Thüringen, Oberösterreich, Steiermark und Ungarn, meist als Genossen Petrus Zwicker's. Vermuthlich ist mit ihm identisch der böhmische Priester Martin, der schon 1371—1373 die Straßburger Beginen verfolgte, vielleicht auch der zu Ende des 14. Jahrhunderts öfter als Inquisitor genannte Martinus von Amberg, dessen „modus predicandi“ sich in einer Handschrift der Hof- und Staatsbibliothek zu München (clm. 3764) findet.

    • Literatur

      J. Doellinger, Beiträge zur Sectengeschichte des Mittelalters, Bd. II (München 1890), S. 378. — H. Haupt, Waldenserthum u. Inquisition im südöstl. Deutschland (Freiburg 1890), S. 57 ff., 82 ff. u. die dort angef. Quellen.

  • Autor/in

    Herman Haupt.
  • Empfohlene Zitierweise

    CC-BY-NC-SA