Lebensdaten
1718 bis 1795
Geburtsort
Seehof bei Wendemark (Altmark)
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Musiktheoretiker ; Komponist
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118921088 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Marpurg, Friedrich Wilhelm
  • Marpourg, Friedrich Wilhelm
  • Marpurg, Feder. Guiglielmo
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Zitierweise

Marpurg, Friedrich Wilhelm, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118921088.html [15.12.2017].

CC0

  • Genealogie

    V Friedrich Wilhelm ( 1731). Landwirt;
    M Margarethe Krusemarck;
    ⚭ Wilhelmine Friederica Döring ( 1826);
    4 S, (1 jung †), 3 T (2 jung †) u. a. Joh. Friedrich (* 1772), Kammermusiker d. Hzg. v. Mecklenburg in Ludwigslust, Musikalienhändler;
    Ur-E Friedrich (1825–84), Dirigent in Königsberg, Mainz, Sondershausen u. Wiesbaden (seit 1863), komponierte 3 Opern (s. Riemann).

  • Leben

    M. studierte wohl Ende der 1730er Jahre in Halle, wo er mit Lessing und Winckelmann befreundet war. Über die Umstände, die ihn von dort vertrieben, berichtet Winckelmann. Demnach hatte M. ein „Pasquill“ gegen einen Magister verfaßt und sollte verhaftet werden. Er floh über Holland in die Normandie, wo er sieben Jahre gelebt haben soll. Ernst Ludwig Gerber teilt mit, daß sich M. um 1746 in Paris aufgehalten habe. Das wird auch durch Karl Spazier bestätigt. Demnach war M. in Paris Sekretär eines Generals. Mit Voltaire und d'Alembert soll er befreundet gewesen sein. Man vermutet, daß M. im Dienst des Grafen von Rothenburg stand. Diesem hat er 1750 den „Critischen Musicus an der Spree“ gewidmet. Seit 1749 lebte M. in Berlin, abgesehen von einem Aufenthalt in Hamburg um 1766. Zunächst war er Sekretär eines Ministers, 1757 versuchte er vergeblich, beim Musikverlag Breitkopf in Leipzig eine Anstellung zu finden. 1763 wurde er Direktor der kgl. Lotterie und preuß. Kriegsrat. Die meisten musikalischen und musiktheoretischen Arbeiten sind vor 1763 entstanden. – M. war eng verbunden mit den damals am Berliner Hof oder in seiner Nähe tätigen Musikern wie Johann Joachim Quantz, Carl Philipp Emanuel Bach, den Brüdern Benda und Graun, Johann Philipp Kirnberger, Johann Friedrich Agricola und Christian Gottfried Krause. Einige von ihnen hatten J. S. Bach nahegestanden. M. war der erste, der die Berliner Musik publizistisch zur Geltung brachte. In den wenigen Jahren, in denen er sich der Musik widmen konnte, hat er erstaunlich viel geleistet. Er hat seine Landsleute mit den Grundsätzen von musikalischer Theorie und Praxis sowie mit den seinerzeit bedeutenden Problemen bekannt gemacht. M. vermittelte den Deutschen die franz. Musiktheorie und -kritik. Er verschaffte damit den Grundsätzen der Theorie Rameaus Resonanz und führte in die Probleme ein, die sich aus der in Frankreich geführten Diskussion über die nationalen Stile der Musik für die Deutschen ergaben. Die musikalische Bildung förderte er durch die Gründung dreier Zeitschriften. Die erste, „Der Critische Musicus an der Spree“ (1749/50), wandte sich an Dilettanten. Sie bot eine Einführung in die Musik, in die satirische Aufsätze in Form fingierter Briefe eingefügt waren. „Kritische Briefe über die Tonkunst“ und „Historischkritische Beyträge zur Aufnahme der Musik“ (1754-78) waren der Ort, an dem M. die vielen Querelen austrug, in die er seine Zeitgenossen verwickelte. Die „Beyträge“ haben den Charakter einer Gelehrtenzeitschrift. Seine monographischen Arbeiten verfolgten, darin den künstlerischen Aktivitäten der Berliner Schule nahe, volksbildnerische Absichten. M. behandelte nahezu alle Gebiete der Musiktheorie: die physikalischen und arithmetischen Grundlagen der Musik, die Temperatur, den Generalbaß, die Kompositionslehre und die Fuge, den Gesang, das Klavierspiel, die Manieren sowie die Geschichte der Musik. Sein bekanntestes Werk wurde|die „Abhandlung von der Fuge“ (1753/54, 21858; franz. Übers. 1756. 21816), in der er, der 1752 bereits zu Bachs „Kunst der Fuge“ einen „Vorbericht“ geschrieben hatte, im Rückblick auf Bach und dessen Epoche die seinerzeit bereits unzeitgemäße Kunsttechnik behandelte. Das Buch gewann in dem Maße an Bedeutung, als im 19. Jh. das Werk Bachs und mit ihm die alte Kunst des Fugierens wiederentdeckt wurde. Aus M.s Schriften, vor allem aus seiner Fugenlehre, haben viele Musiker gelernt: Padre Martini, Johann Baptist Cramer, Robert Schumann und Anton Bruckner.

    Das musikalische OEuvre M.s ist weniger bedeutend als sein theoretisches Werk. Es besteht aus Liedern im volkstümlichen Stil der Berliner Schule, aus Klavierkompositionen im Stil der frühen Sonaten C. Ph. E. Bachs und aus figurierten Chorälen, Kunststudien im alten Stil. Der von M. herausgegebene Band „Berlinische Oden und Lieder“ (1756) gehörte zu den größten und wichtigsten Liedsammlungen seiner Zeit.

  • Werke

    Weitere W Die Kunst d. Clavier zu spielen, 1750 (erweitert 1762, franz. 1755/60);
    Anleitung z. Clavierspielen, 1755, 21765 (franz. 1756, holländ. 1760);
    Hdb. bey d. Generalbasse u. d. Composition, 1755–58, 21762;
    Principes de clavecin, 1756;
    Systemat. Einl. in d. musikal. Setzkunst, 1757;
    Anfangsgründe d. theoret. Musik, 1757;
    Anleitung z. Singecomposition, 1758;
    Krit. Einl. in d. Gesch. u. Lehrsätze d. alten u. neuen Musik, 1759 (P);
    Krit. Briefe üb. d. Tonkunst, 1760-64;
    Versuch üb. d. musikal. Temperatur, 1776;
    Legende einiger Musikheiligen, 1786;
    Neue Methode allerley Arten v. Temperaturen d. Claviere aufs Bequemste mitzutheilen, 1790.

  • Literatur

    ADB 20;
    G. E. Lessing, An d. Herrn M. üb. d. Regeln d. Wissenschaften zum Vergnügen, bes. d. Poesie u. d. Tonkunst, in: ders., Schrr. I, 1753;
    E. L. Gerber, Hist.-Biogr. Lex. d. Tonkünstler, 1790/92, I, Sp. 882 ff.;
    ders., Neues Hist.-Biogr. Lex. d. Tonkünstler, 1813 f., Sp. 330 ff;
    K. Spazier, Einige Worte z. Rechtfertigung M.s, in: Allg. musikal. Ztg. 2, 1799/1800, Sp. 553, 569, 593;
    M. Friedländer, Das dt. Lied im 18. Jh., 1902;
    H. v. Hase, Btrr. z. breitkopfschen Geschäftsgesch.: F. W. M. u. Breitkopf, in: Zs. f. Musikwiss. 2, 1920, S. 459 ff.;
    E. Bieder, Über F. W. M.s System d. Harmonie, d. Kontrapunkts u. d. Temperatur, Diss. Berlin 1923;
    S. Borris-Zuckermann, Kirnbergers Leben u. Werk u. s. Bedeutung im Berliner Musikkreis um 1750, 1933;
    C. Justi, Winckelmann u. seine Zeitgenossen, 1943;
    M. Mekeel, The Harmonic Theories of Kirnberger and M., in: Journal of Music Theory 4, 1960, S. 169 ff.;
    H. Serwer, F. W. M. (1718-95), Music Critic in a Galant Age, Diss. Yale Univ., 1969;
    ders., M. versus Kirnberger: Theories of Fugal Composition, in: Journal of Music Theory 14, 1970, S. 209 ff.;
    MGG VIII (P);
    The New Grove;
    Riemann, Erg.bd.

  • Autor

    Wilhelm Seidel
  • Empfohlene Zitierweise

    Seidel, Wilhelm, "Marpurg, Friedrich Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 235-236 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118921088.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Marpurg: Friedrich Wilhelm M., wol der bedeutendste Musikgelehrte seiner Zeit, dessen Werke heute zum Theil ihren positiv wissenschaftlichen Werth noch nicht eingebüßt haben und dessen Thätigkeit eine um so weitergreifende und einflußreichere war, als er auch geschichtliche Themata bearbeitet und als Kritiker in mancher Beziehung aufklärend gewirkt hat, ist am 1. October 1718 zu Seehausen in der Altmark, einem Gute, welches sonst auch der Marpurgshof hieß, geboren. Es ist der historischen Forschung bis heute noch nicht gelungen, über seine Jugendzeit Näheres und Positives zu erfahren und erst mit dem Jahre 1746 taucht M. aus dem Dunkel hervor, welches seine früheste Lebenszeit umgibt; daß er jedoch eine gründliche und umfassende wissenschaftliche Bildung genossen haben muß, bezeugen seine Werke. In obengenanntem Jahre treffen wir ihn als Secretär des Generals Bodenburg (v. Rothenburg) in Paris, woselbst er mit den bedeutendsten Männern der Kunst und Wissenschaft verkehrte, und unter Anderem zu Voltaire, d'Alembert und Rameau in nähere Beziehungen trat. Er blieb in der französischen Weltstadt drei Jahre, um nach längerem Aufenthalt in Berlin und Hamburg, sich von 1763 an dauernd in ersterer Stadt niederzulassen und das Amt eines königlichen Lotteriedirectors und Kriegsraths zu versehen. Er starb am 22. Mai 1795 an der Schwindsucht. Sein Wissen war ein universelles und auch in den alten Sprachen war er wohl beschlagen. Seine Hauptbedeutung liegt jedoch in seinen musiktheoretischen Schriften und hier tritt namentlich die kritische und polemische Seite hervor. Er war ein scharfer, alles bis auf den Grund durchdringender Geist, welchem alles oberflächliche Wesen fremd und verhaßt war. Aus allem, was er geschrieben, leuchtet uns ein gründliches Wissen, eine immense Belesenheit, sowie eine alle Gebiete der Wissenschaft vollkommen beherrschende Gelehrsamkeit entgegen und namentlich seine kritischen Schriften können heute noch vermöge ihres Scharfsinns und ihrer erschöpfenden Gründlichkeit als Muster dienen. Wenn er auch oft, wie dies im Zuge der damaligen Zeit lag, das persönliche Gebiet betrat und seine Hiebe rücksichtslos und schonungslos austheilte, so war es ihm in der Hauptsache doch stets nur um die Sache zu thun; aber ein unversöhnlicher Feind war er jenem Halbwissen gegenüber, welches sich nur mit der Oberfläche begnügt und nie zu dem Kern der Dinge zu dringen vermag, ein Feind jener Phraseologie, welche die eigene Ignoranz mit blassen Redensarten zu verdecken sucht, die Begriffe verwirrt und der Wissenschaft niemals zum Nutzen gereichen kann. Dagegen anerkannte er stets wirkliches Verdienst und ernstes Streben. Seine Werke umfassen beinahe das ganze Gebiet der Musiktheorie und hier kamen ihm seine umfassenden linguistischen Fähigkeiten und Kenntnisse, sowie sein historisches Wissen sehr zu Statten. Er sprach und schrieb ein gutes Latein und die griechischen und römischen Classiker sollen seine tägliche Lectüre gewesen sein. Sein Charakter wird als ein sanguinischer, heftiger und leidenschaftlicher von denjenigen geschildert, welche in näherer Beziehung zu ihm standen.

    Unter seinen Schriften heben wir folgende hervor: "Handbuch beim Generalbasse und der Composition", 3 Thle., 1757/58, nebst einem Anhang 1760. Diesem Werke, welches eine vollständige theoretisch-praktische Harmonielehre bildet, liegt das Rameau'sche System zu Grunde. Rameau machte bekanntlich den ersten Versuch ein Harmoniesystem aufzustellen, in welchem die Beziehungen|der Töne zu einander und ihre Verbindungen zu Intervallen und Accorden aus einem gemeinsamen Grundsatze hergeleitet werden. Sein System beruht auf dem Mitklingen der Töne eines gegebenen Grundtons, und aus dieser akustischen Erscheinung erklärt er die Entstehung aller Accorde und deren Umkehrungen. Einem alles scharf prüfenden Kopf wie M. konnten jedoch die Mängel dieses Systems, welches von der tonalen Verwandtschaft der Accorde ganz absah, nicht entgehen und manche Verbesserung und Abänderung hat das Marpurg'sche Harmoniesystem dem Rameau'schen gegenüber aufzuweisen, und bildete dasselbe die Grundlage aller später erschienenen Schriften über diese Materie. Der Anhang gibt, wenn auch eine kurze, so doch präcise Anschauung vom einfachen und doppelten Contrapunkt, vom Canon sowie der Fuge, sogar eine Anweisung zum zwei- bis neunstimmigen Satze. Dieses Handbuch ist auch in schwedischer Sprache unter dem Titel "Kort Begrep om General-Basen", Stockholm 1782, erschienen. — Sein vorzüglichstes Werk ist die "Abhandlung von der Fuge" nebst einem Anhang, welches von S. W. Dehn, dem bewährten Marpurgkenner, nach der Berliner Originalausgabe 1753/56, im J. 1858 (C. F. Peters, Leipzig) redigirt und herausgegeben wurde. Es ist dies ein Werk, welches heute noch unübertroffen dasteht und eine ganz immense Belesenheit und Gelehrsamkeit sowie eine absolute Beherrschung des so schwierigen und weitschichtigen Stoffes aufweist. Alles was vor M. an Theorie über den Contrapunkt erschienen, findet in demselben seine wissenschaftliche Zergliederung und Darstellung; namentlich was die Instrumentalfuge anbelangt ist dieses Werk das gründlichste und erschöpfendste aller bis jetzt erschienenen Bearbeitungen dieses Gegenstandes. Freilich hat die moderne Forschung manches Irrige in dem am Schlusse beigefügten "Kurzen Abriß der Geschichte des Contrapunkts und der Fuge" aufgedeckt, hauptsächlich auch den Irrthum, als ob die Alten die Harmonie, die Mehrstimmigkeit gekannt und praktisch angewendet hätten, und man der neueren Zeit nur die Vervollkommnung des mehrstimmigen Satzes, die Einführung dissonirender Harmonien und des ungleichen oder verzierten Contrapunkts etc. zu danken habe. Auch manche seiner übrigen historischen Daten hat die neuere Forschung als irrige erkannt, während die von ihm aufgestellten theoretischen Lehrsätze heute noch unwiderleglich feststehen. Auch seine "Anleitung zum Clavierspielen", 1755, war eine für die damalige Zeit werthvolle Schrift, welche sowol in die französische als holländische Sprache übersetzt wurde. Sein "Versuch über die musikalische Temperatur" 1776 beschäftigt sich mit der mathematischen Theorie der Musik und enthält einen Anhang über den Rameau'schen und Kirnberger'schen Grundbaß. Dieser polemische Theil betrifft die Ableitung solcher Accorde, welche in ihrem Umfange die Grenze einer Octave überschreiten. Die "Kritische Einleitung in die Geschichte und Lehrsätze der alten und neuen Musik", 1759, ein Band mit 8 Kupfertabellen, ist mit einem großen Aufwand von Gelehrsamkeit geschrieben und versucht M. den Nachweis zu liefern, daß die Alten bereits die Harmonie gekannt hätten. Die "Historisch-kritischen Beiträge zur Aufnahme der Musik", 1754/60, 5 Bde., enthalten Untersuchungen verschiedener musikhistorischer Fragen, sowie Kritiken über verschiedene auf Musik Bezug habende Werke, auch Uebersetzungen derartiger in anderen Sprachen abgefaßter Schriften. M. hat auch mehrere Compositionen veröffentlicht, als Sonaten, Fugen und fugirte Choräle, theils für Clavier, theils für Orgel. Namentlich in letzteren bethätigt er sich auch als tüchtigen Contrapunktisten. In seinen letzten Jahren beschäftigte er sich viel mit der Wasserorgel der Alten, über welche er eine Abhandlung schrieb und sogar ein Modell einer solchen anfertigte.

    • Literatur

      Gerber, Altes und neues Lexikon. Fétis und Schilling. Leipziger Allg. Mus.-Ztg., Jahrg. II, S. 278, 553, 595, 872.

  • Autor

    Josef Sittard.
  • Empfohlene Zitierweise

    Sittard, Josef, "Marpurg, Friedrich Wilhelm" in: Allgemeine Deutsche Biographie 20 (1884), S. 407-408 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118921088.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA