Lebensdaten
1804 bis 1890
Geburtsort
Hohenems (Vorarlberg)
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Kantor ; Komponist ; Gesangspädagoge
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118809571 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Levi, Salomon (bis 1813)
  • Levy, Salomon (bis 1813)
  • Sulzer, Salomon
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Zitierweise

Sulzer, Salomon, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118809571.html [24.05.2019].

CC0

  • Genealogie

    Aus seit d. frühen 17. Jh. in H. angesiedelter Fam., d. 1676 vertrieben wurde, bis 1744 in Sulz b. Feldkirch (Vorarlberg) im Exil lebte u. nach dortigen Pogromen nach H. zurückkehrte; die Fam. führte seit 1813 gemäß amtl. bayer. Verordnung d. Namen S.;
    V Josef (bis 1813 Levi) (1758–1848), Händler in H., S d. Jakob Levi (1707-um 1780) u. d. Fradel Weyl (1730–1795);
    M Fanny Levi-Mendelsohn (1768–1854, s. P), T d. Emanuel „Mendel“ Levi (1736–1808) u. d. Bela Wolf (1747–85);
    Urur-Gvv Josle Levi (1610–88), Händler in H. u. Sulz;
    1 B Jakob (1800–63), Sprachlehrer in H. u. Ungarn, 2 Schw u. a. Henriette (* 1809, Karl Fränkel, Bassist, Chordirigent am Wiener Stadttempel);
    Wien 1827 Fanny (1809–55), aus H., T d. Carl Hirschfeld (bis 1813 Moses Levi);
    16 K u. a. S Julius (1830–91), Komp., Dirigent, Violinist, Schüler v. S. u. Simon Sechter, 1858–62 Kantor, dann Chordirigent am Stadttempel in d. Leopoldstadt, Reisen in d. Türkei, n. Rumänien u. Italien, 1875–89 Kapellmeister am Wiener Burgtheater (s. Wurzbach), Joseph (1850–1926), Cellist, Mitgl. d. Wiener Philharmoniker u. im Quartett v. Josef Hellmesberger sen., T Marie (1828–92, Buenaventura [Bonaventura] Belart y Albiñana, 1828/30–62, aus Spanien, Sänger, S d. Buenaventura [Bonaventura] Belart, span. Gen.), Sängerin, Henriette (1832–1907, Annibale Biacchi, * um 1830, Sänger, Bassist), Hofopernsängerin in W., Sophie (1840–um 1885, ⚭ N. N. Altschul), Sängerin, Gesangslehrerin (alle s. Wurzbach; Kutsch-Riemens; ÖML);
    N Emil Fränkel, 1864 Kantor in H., 1872 in Strakonitz (Böhmen), 1901 Rel.lehrer in H., 1902 in W.;
    E Rudolf (1885–1943 Auschwitz), Sänger an d. Volksoper in W. u. an d. Dt. Oper in Berlin.

  • Leben

    Wegen seiner schönen Stimme frühzeitig zum Kantor bestimmt, wurde S. bereits 1815 vom Vater für das Amt des Vorsängers in Hohenems vorgeschlagen. Da die jüd. Gemeinde jedoch einem anderen Kandidaten den Vorzug gab, ging S. zur weiteren Ausbildung zu einem Kantor namens Lippmann nach Endingen (Kt. Aargau) und bereiste die Schweiz, Elsaß-Lothringen und Schwaben. Darüber hinaus lernte er auch bei dem Hohenemser Kantor Salomon Eichberg (1786–1880), dem er 1820 im Amt nachfolgte.

    1826 wurde S. Oberkantor in Wien am neuen Stadttempel in der Seitenstettengasse (damals Kienmarkt) und blieb in dieser Stellung bis zu seiner Pensionierung 1881. In Wien wirkte seit 1824 der Prediger Isaak Noah Mannheimer (1793–1865), zu dessen Reformen („Wiener Ritus“) S. in den folgenden Jahren die Musik des Gottesdienstes neu gestaltete. Er gründete einen Knabenchor, studierte Komposition und Kontrapunkt bei Ignaz v. Seyfried (1776–1841) und schuf zahlreiche neue Gesänge zum Gebrauch in der Synagoge. 1840 gab er den ersten Band einer Sammlung von „Gesängen für alle Sabbath und Festtage“ heraus, „Schir Zion“ (Harfe Zions), der neben Eigenkompositionen S.s auch Auftragswerke Joseph Drechslers (1782–1852), Seyfrieds und Franz Schuberts Psalm 92 „Tow Lohodot“ (D 953) enthielt. Ein zweiter Band folgte 1865.

    Als Sänger war S. aufgrund seiner schönen Baritonstimme bald über Wien hinaus bekannt und trat verschiedentlich auch außerhalb der Synagoge in Konzerten auf. Auf Geheiß des Vorstandes der Kultusgemeinde gab S. seine Konzertaktivitäten nach 1837 fast ganz auf, belegt ist jedoch ein Festkonzert im März 1846, bei dem S. mit Begleitung von Franz Liszt Schuberts „Allmacht“ (D 852) sang. 1845–47 hatte S. eine Professur an der Männergesangsschule des Konservatoriums der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien inne.

    1848 komponierte S. einige vaterländische Lieder für die Märzrevolution und nahm gemeinsam mit dem Prediger Mannheimer an der Trauerfeier der „Märzgefallenen“ in Wien teil. Wegen dieser Aktivitäten wurde eine gerichtliche Untersuchung angeordnet, S. jedoch freigesprochen.

    Auszeichnungen wie z. B. die ihm 1862/63 von Ks. Franz Joseph I. verliehene goldene Medaille für Kunst u. Wissenschaft belegen sein hohes Ansehen. S. stand in Kontakt zu namhaften Persönlichkeiten; Schumann, Paganini, Liszt und viele andere besuchten|den Tempel, um S. zu hören. Aus Anlaß seines 40jährigen Amtsjubiläums, das u. a. mit einer Feier im großen Saal des Musikvereins festlich begangen wurde, würdigte der Musikkritiker Eduard Hanslick S. als „eine der populärsten Persönlichkeiten von Wien“.

    S. gilt als großer Reformer des Synagogengesangs. Sein in der Vorrede zu „Schir Zion“ ebenso wie in einer Denkschrift 1876 erklärtes Ziel der Versöhnung von Tradition und Moderne verfolgte er durch eine Vereinfachung der alten, mit Verzierungen überladenen jüd. Weisen und einen an der zeitgenössischen Harmonik orientierten Chorsatz. Nur wenige Kantoren beherrschten wie S. Notenschrift und Harmonielehre. Die Gesänge von „Schir Zion“ sind meist für Baritonsolo und vierstimmigen Chor, in hebr. Sprache und ohne Instrumentalbegleitung. S.s Kompositionen wirkten schulbildend und fanden weite Verbreitung in Europa und Nordamerika, wo sie bis heute zum Standardrepertoire der reformierten Synagogen gehören.

  • Auszeichnungen

    Weitere A Rr. d. Franz-Joseph-Ordens (1868); Maestro d. Acc. di Santa Cecilia, Rom; türk. Medschidje-Orden; Medaille f. Kunst u. Wiss. v. Hzg. Max in Bayern; Ehrenbürger d. Stadt Wien (1874); – Sonderbriefmarke d. Österr. Post z. 100. Todestag (1990).

  • Werke

    u. a. Komp.: Schir Zion, Ein Cyklus rel. Gesänge zum gottesdienstl. Gebrauche d. Israeliten, 2 Bde., 1840/66, Neuausg. v. Bd. 1 in: Denkmäler d. Tonkunst in Österr. 134, 1983;
    Dudaim, Kl. liturg. Gesangbuch z. Gebrauch f. Schulen, kleinere Gemeinden u. häusl. Andacht, 1860;
    Schr.:
    Denkschr. an d. hochgeehrte Wiener isr. Gde., Zum fünfzigjährigen Jubiläum d. alten Bethauses, 1876;
    W-Verz.
    in: Kantor S. S. u. seine Zeit (s. L);
    Nachlaß:
    Teilnachlaß: Notenmss., erworben 1988 durch d. Land Vorarlberg (Kat. S. S.);
    Briefe, Noten u. Dok. im Archiv d. Jüd. Mus., Hohenems.

  • Literatur

    ADB 37;
    A. Tänzer, Die Gesch. d. Juden in Hohenems u. im übrigen Vorarlberg, 1905, Nachdr. 1982;
    H. Avenary, Akten u. Briefe als Hilfsmittel musikal. Textkritik, S. S.s Schir Zion, in: FS Othmar Wessely z. 60. Geb.tag, hg. v. M. Anger u. a., 1982, S. 39–52;
    Kantor S. S. u. seine Zeit, hg. v. H. Avenary, 1985 (P);
    B. Purin (Red.), S. S., Kantor, Komp., Reformer, Ausst.kat. Land Vorarlberg, 1991 (P);
    A. L. Ringer, S. S., Zwischen Emanzipation u. Exotik, in: FS C.-H. Mahling z. 65. Geb.tag, hg. v. A. Beer, K. Pfarr u. W. Ruf, Bd. 2, 1997, S. 1135–42;
    T. Albrich, Oberkantor S. S., in: Von S. S. bis „Bauer & Schwarz“, Jüd. Vorreiter d. Moderne in Tirol u. Vorarlberg, hg. v. T. Albrich, 2009, S. 11–40;
    B. Boisits, „diese gesungenen Bitten um Emancipation“, Akkulturationsdiskurse am Bsp. v. S. S.s Wirken am Wiener Stadttempel, in: Musikwelten – Lebenswelten, Jüd. Identitätssuche in d. dt. Musikkultur, hg. v. B. Borchard, 2009, S. 91–107;
    Riemann;
    Wurzbach;
    Eisenberg;
    Kutsch-Riemens;
    MGG;
    MGG2;
    New Grove2;
    ÖML;
    Hist. Lex. Wien;
    E. D. Goldschmidt u. A. Zimmerman, in: Enc. Jud.2 (P);
    Hdb. österr. Autoren jüd. Herkunft;
    W. Bodendorff u. E. Hilmar, in: Schubert-Enz., hg. v. E. Hilmar u. M. Jestremski, 2004.

  • Portraits

    S. als junger Mann, Ölgem., anonym (Jüd. Mus. Wien, Slg. IKG);
    Lith. v. A. Prinzhofer, 1846, Abb. u. a. in: Avenary (s. L), Tafel 3;
    S. mit Gattin Fanny, Kreidelith. v. E. Kaiser, 1857 (Wien, Hist. Mus.), Abb. in: Purin (s. L), S. 95;
    S. im Kantorenamt, Halbtonlith. v. dems. (Wien, Österr. Nat.bibl.), Abb. ebd., S. 105, u. in: Avenary (s. L);
    Ölgem. v. M. Kerstel-Bauer, 1904, nach e. älteren Gem., Abb. in: Purin (s. L), S. 13;
    Photogr., um 1874, Abb. in: Avenary (s. L), Tafel 9;
    Verz. v. 9 P in: Wurzbach;
    Büste, im Treppenhaus d. Synagoge in Hohenems aufgestellt z. 40j. Amtsjub. (verschollen).

  • Autor/in

    Marion Brück
  • Empfohlene Zitierweise

    Brück, Marion, "Sulzer, Salomon" in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 704-705 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118809571.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Sulzer: Salomon S., Obercantor und Professor, geboren am 30. März 1804 in Hohenems, am 18. Januar 1890 in Wien. Er war der Schöpfer des modernen Synagogengesanges und hat sich durch seine liturgischen Compositionen den Ruf des bedeutendsten Cantors in diesem Jahrhundert erworben. Als siebenjähriger Knabe Wasserfluthen entrissen, gelobte seine Mutter ihn dem Dienste des Herrn zu weihen. S. zeigte frühzeitig große musikalische Talente. Dreizehn Jahre alt bewarb er sich um die in Hohenems frei gewordene Cantorstelle und wurde für dieses Amt vom Kaiser Franz bestätigt. Er trat diese Stelle jedoch erst 1820 an. bis zu welcher Zeit er Gelegenheit hatte, sich theoretisch und praktisch auf seinem Gebiete weiter zu bilden auf seinen Reisen in Frankreich in Begleitung des Sangmeisters Lippmann und in Karlsruhe, woselbst er sich ein ganzes Jahr aufhielt. S. überahm es, den jüdischen Gottesdienst zu regeln und lehnte seine Compositionen an die alten Synagogen-Melodien an. Sein zweibändiges Werk „Schir Zion“ (Wien 1845 u. 1868)|bildet die Grundlage des modernen jüdischen Synagogengesanges. Unter dem Titel „Dudaim“ schrieb er ein kleines liturgisches Gesangbuch zum Gebrauche für Schulen, kleinere Gemeinden und für die häusliche Andacht. 1825 wurde S. als Obercantor nach Wien berufen, von welchem Amte er 1884 zurücktrat. Eine mächtige Stimme und ein ergreifender Vortrag, voll der tiefsten Innigkeit machen den Zionssänger Allen, die ihn je gehört, unvergeßlich. Franz Liszt schreibt über ihn: „Er ließ sich vernehmen als hätte er Zions Freudenaccorde auf den Psaltern erklingen gehört, als hätte er die Töne, welche David dem Instrumente entlockt, vernommen, als hätte er den Gesang der Gefangenen zur Zeit Ezechiels an den Ufern des Euphrat vernommen und die Worte des Nehemias und die Befehle Esras, als der Tempel aus seinen Trümmern sich erhob und man das Allerheiligste wieder aufrichtete“ (Brüll's Pop.-wiss. Monatsblätter, Jahrg. X, S. 66). S. fand durch sein Wirken reiche Anerkennung bei Künstlern, bei Königen und bei Fürsten und gilt seinen Fachgenossen als der unerreichte Meister, zu dem sie mit Bewunderung und Verehrung aufblicken.

  • Autor/in

    Adolf Brüll.
  • Empfohlene Zitierweise

    Brüll, Adolf, "Sulzer, Salomon" in: Allgemeine Deutsche Biographie 37 (1894), S. 153-154 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118809571.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA