Lebensdaten
1810 bis 1858
Geburtsort
Gräfrath bei Solingen
Sterbeort
Wiesbaden
Beruf/Funktion
Literaturhistoriker ; Pädagoge
Konfession
reformiert
Normdaten
GND: 118576127 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Mager, Karl
  • Mager, Carl
  • Mager, Carl W.
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Zitierweise

Mager, Karl, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118576127.html [23.04.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Hermann (Tillmann, 1849, kath.), Schneider;
    M Wilhelmina (1779–1817, luth.), T d. Bäckers Peter Rütgers in G. u. d. Anna Christina Schnitzler;
    1844 Mathilde v. Heldreich.

  • Leben

    Nach dem Abitur in Düsseldorf und dem einjährigen Militärdienst studierte M. seit 1828 in Bonn, seit 1830 in Paris und seit 1833 in Berlin zunächst Naturwissenschaften (Promotion), dann hauptsächlich Literatur- und Sprachwissenschaften, Geschichte und Philosophie. Anfang 1830 traf er den Sprachmethodiker Joseph Jacotot in Löwen und erhielt durch ihn einen wichtigen Anstoß für die Beschäftigung mit Fragen des Unterrichts. In Berlin unterrichtete er nach dem Examen pro facultate (vermutlich 1834) am Friedrich-Wilhelms-Gymnasium unter August Spilleke. 1837/38 wirkte er als Professor am Collège in Genf, 1841-44 als Lehrer an der Kantonsschule in Aarau, 1848-52 als Direktor des Bürgergymnasiums in Eisenach und als bildungspolitischer Berater im Großherzogtum Sachsen-Weimar. Ohne Amt, als freier Autor und als Redakteur (1840–48) seiner zusammen mit Adolf Diesterweg schon 1836 konzipierten „Pädagogischen Revue“ lebte er 1838-41 wegen eines Rückenmarksleidens in Bad Cannstatt und nach seiner Heirat 1844-48 in Zürich. Seit 1852 suchte er Linderung seines Leidens in verschiedenen Badeorten, zuletzt in Wiesbaden.

    M. publizierte bis 1840 überwiegend literaturgeschichtliche und literaturkritische Arbeiten. Hervorzuheben sind seine Beiträge zur „Allgemeinen Deutschen Realenzyklopädie“ von Brockhaus (1833–37), für die er alle Artikel zur Literatur- und Kulturgeschichte Frankreichs schrieb, sowie vor allem die fünfbändige „Geschichte der franz. Nationalliteratur neuerer und neuester Zeit (1789–1837) “ (1837-40), die als Standardwerk galt. Zwischen 1840 und 1848 veröffentlichte M. zahlreiche Beiträge zur Pädagogik und deren Teilgebieten „Unterrichtslehre“ und „Organisationslehre“ (Scholastik) in der „Pädagogischen Revue“ sowie Schulbücher zum Sprachunterricht und theoretische Abhandlungen.

    M.s Hauptthema ist die Entfaltung eines soziokulturellen Bewußtseins als „europäischmoderne Bildung“. Der Tradition verpflichtet, fordert er auch eine gegenüber neuen Bedürfnissen offene Erziehung. Diesen Bezug auf gesellschaftliche Sachverhalte drücken sein Begriff einer „relativen Pädagogik“ und|der von ihm zuerst eingeführte Terminus „Sozialpädagogik“ aus. Unter M.s selbständigen Werken fand das als Streitschrift gegen Friedrich Thiersch verfaßte Buch „Die deutsche Bürgerschule“ (1840) die weiteste Verbreitung. Es enthält eine grundsätzliche Bestimmung des heute als (Ober-) Realschule bezeichneten Schultyps. In der Didaktik sucht M. objektive Erkenntnis mit dem Erkenntnisprozeß des lernenden Subjekts im Hinblick auf eine Einheit von Wahrheit und Sittlichkeit zu verbinden. Das entsprechende Lehrverfahren nennt er „genetische Methode“ (Die genetische Methode des schulmäßigen Unterrichts, 1846). Seine Vorstellung eines genetischen Verfahrens im Unterricht führte zu der hier und in anderen Schriften wiederholten Forderung nach Staatsunabhängigkeit der Bildungseinrichtungen und überhaupt aller kulturellen Institutionen. In Organisationsfragen übertrug M. die Steinschen Reformen auf das Bildungswesen, für das er die Selbstverwaltung verlangte. Mit Nachdruck vertrat er die Ansicht, daß der moderne Staat nicht inhaltlich, sondern höchstens als Subsidiar, der den materiellen Bestand sichert, auf Bildung und kulturelles Leben einwirken solle. Pädagogik und Politik werden in seinen Schriften gleichzeitig eng miteinander verbunden und entschieden getrennt. M.s Gedanken waren nicht ohne Einfluß auf das Werk Otto Willmanns; während ihre Herkunft von Hegel und Herbart in der älteren Literatur überbetont wurde, wird neuerdings ihre Eigenständigkeit als liberale Schultheorie zunehmend gewürdigt.

  • Werke

    Ges. Werke, hrsg. v. H. Kronen, 10 Bde., 1984 ff. (P).|

  • Nachlaß

    Nachlaß: Solingen, Stadtarchiv (Teilslg.).

  • Literatur

    ADB 20;
    W. Langbein, Dr. C. M.s Leben, 1859;
    K. Elze, Erinnerungen an Dr. M., in: Dt. Mus. 1860;
    K. Eberhard, in: Die dt. Bürgerschule, 1888;
    R. Schneider, Die Ausgestaltung d. Selbstverwaltungssystems auf d. Schulgebiete bei M., Diss. Jena 1899;
    H. Zimmermann, M.s Gesellschafts- u. Schulverfassungslehre, Diss. Leipzig 1912;
    P. Bollendorf, K. M. u. s. Methode d. fremdsprachl., bes. d. franz. Unterrichts, Diss. Würzburg 1918;
    W. Euing, K. M.s päd. Bedeutung, Diss. Münster 1926;
    H. Kronen, Das Prinzip d. Genese u. d. genet. Methode b. K. W. E. M., Diss. Köln 1967 (W-Verz., L);
    ders., Soz.päd. Gesch. u. Bedeutung d. Begriffs, 1980;
    ders., Wem gehört d. Schule? K. M.s liberale Schultheorie, 1981;
    R. Weßler, K. M. u. s. Strukturtheorie d. Bildungswesens, Diss. Marburg 1968 (W-Verz., L);
    G. Schubring, Mathematik-Didaktik, Diss. Bielefeld 1977 (teilweise üb. M.);
    Lex. d. Päd. III, 1954.

  • Autor

    Heinrich Kronen
  • Empfohlene Zitierweise

    Kronen, Heinrich, "Mager, Karl" in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 652 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118576127.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Mager: Dr. Karl M., ebenso bedeutend für die wissenschaftliche Pädagogik, wie einflußreich als Journalist durch seine "Pädagogische Revue", ist am 1. Januar 1810 zu Gräfrath bei Solingen geboren. Auf dem Gymnasium zu Düsseldorf vorgebildet, studirte er von 1828—30 in Bonn Philosophie und Philologie und ging dann zum Zweck naturwissenschaftlicher Studien nach Paris. Sein Verkehr mit fast allen litterarischen Größen ließ ihn sich in französische Sprache und Litteratur vertiefen, so daß er schon 1834, als er nach Mecklenburg als Hauslehrer gegangen war, den ersten Band seiner deutschen "Geschichte der französischen Nationallitteratur" (Wismar) veröffentlichen konnte. Mit scharfem Blick und sicherem Urtheil zeigt er die Fäden auf, aus denen das französische Leben gewoben ist. Noch Jahre lang ist dies Werk nachher zu Aufsätzen und Correspondenzen für deutsche Journale und Zeitungen benutzt worden, ein Beweis für Mager's Einsicht in die politischen Zustände und die in ihnen und in den Staatsmännern Frankreichs wirkende Logik. — Nach kurzer Zeit ging M. nach Berlin. Er wurde A. von Humboldt bekannt, der ihn 1835 auf eine Reise nach Rußland mitnahm, wo ihm M. in Petersburg und Moskau Doubletten für das Berliner Herbarium gewinnen sollte. — Nach seiner Rückkehr beschäftigte ihn Spilleke am Friedrich-Wilhelms-Gymnasium in Berlin. In diese Zeit fallen seine "Briefe an eine Dame über die Hegel'sche Philosophie", die "Wissenschaft der Mathematik nach heuristisch-genetischer Methode" und die "Methode der Mathematik als Lehrobjekt und als Wissenschaft". Auch trug er sich schon damals mit dem Plane einer pädagogischen Zeitschrift. 1836 konnte er ihn schon mit Spilleke, Diesterweg und einem Rath aus dem Ministerium besprechen, der Oberpräsident aber versagte die Concession. 1837 nach Genf berufen als Professor der deutschen Sprache, hielt er seine Absicht fest und knüpfte Verbindungen mit künftigen Mitarbeitern an. Zu Statten kam ihm, daß die großartig angelegte Brzoskasche "Centralbibliothek" nach einjährigem Bestehen durch Br.'s Tod ein Ende fand. Am 1. Juli 1840 erschien dann das erste Heft der "Pädagogischen Revue, Centralorgan für Pädagogik, Didaktik und Culturpolitik" (Stuttgart, Cast). Das methodische Hauptwerk Mager's, "Die genetische Methode des schulmäßigen Unterrichts in fremden Sprachen und Literaturen" (Zürich 1846) war in einer ersten Bearbeitung schon 1838 für Diesterweg's "Wegweiser" geschrieben und dies hätte M. hinreichend legitimirt, daß er als Herausgeber einer pädagogischen Zeitschrift etwas zu sagen habe und es fesselnd und lebendig zu sagen wisse. — Während des Aufenthaltes in Genf wollte Bournouf M. für Paris gewinnen. M. lehnte ab; er wollte dem Vaterlande dienen. Ein früherer Versuch, ihm eine philosophische Professur in Lausanne zu geben, war an dem Einspruch der theologischen Facultät gescheitert; auch die Professur der Rechtsphilosophie konnte der Unterrichtsrath beim Staatsrath für M. nicht durchsetzen. 1839 ging M. ohne ein Amt nach Stuttgart. Hier hat er verfaßt "Die deutsche Bürgerschule. Schreiben an einen Staatsmann" (1840), ein Werk, welches einen Wendepunkt in der Geschichte der höheren Bürgerschule bezeichnet. In ihm tritt in voller Klarheit der Gedanke des "erziehenden Unterrichts" hervor, den M. unablässig verfolgte, seit er aus der Hegel'schen Philosophie frei geworden und namentlich um der Ethik willen sich in Herbart vertieft hatte. Dem erziehenden Unterricht sollen namentlich auch Mager's deutsche und französische Lesebücher dienen, sie sollen vielseitiges Interesse erwecken, Kenntnisse und Einsicht, dem Gemüth den|richtigen Inhalt geben und einen ansehnlichen Theil des Materials ins Bewußtsein bringen, aus dem sich ein richtiger Charakter aufbaut. — Während des Aufenthaltes in Stuttgart wurde M. vom Fürsten Günther Karl II. von Schwarzburg zum Educationsrath ernannt. — Um neue Anregung durch den praktischen Schuldienst zu gewinnen, nahm M. 1841 eine Professur an bei der Kantonsschule in Aarau, deren Rector damals Rauchenstein war. Er legte sie 1844 nieder, um in Zürich ganz seiner litterarischen Thätigkeit zu leben. In diese Zeit fallen hervorragende Arbeiten: die "genetische Methode" in neuer Bearbeitung, die "Gedanken über Einrichtung eines Bürger- oder Realgymnasiums", "der Staat als Schulherr", über den "schulmäßigen Unterricht in den Naturwissenschaften", die "streitende Schule", Vorstudien und Vorarbeiten zu seiner "deutschen Scholastik", von der leider doch nur ein Entwurf den Jahrgang 1878 der P. Revue ziert, wohl das Tiefste und Gediegenste, was M. gedacht und geschrieben hat. — Schon rückenmarkskrank unternahm 1847 M. eine Reise nach Norddeutschland, Schulen und Schulmänner kennen zu lernen. — Mager's Arbeiten über Unterricht, Erziehung und Schulregiment sind alle gleich fesselnd; sie alle ruhen auf seinen Studien über eine "Gesellschaftswissenschaft" und öffnen darum den Blick weit über die Enge der Schulstube hinaus. Andererseits aber führte M. in seinen culturpolitischen Arbeiten den Kampf gegen die Omnipotenz des Staates, gegen den Staat als Schulherrn, für das Recht der kirchlichen und bürgerlichen Gesellschaft und der Familie auf die Schule aus, weil er die öffentliche Schule durchaus nicht blos als Unterrichtssondern als Erziehungsanstalt faßte. M. suchte auch in den großen Verhältnissen des staatlichen, kirchlichen und bürgerlichen Lebens die Bedingungen, unter welchen die Schule als Gehülfin der Familie, als Mandatar der bürgerlichen und kirchlichen Gesellschaft für die Erziehung, d. i. für die Bildung eines auf das Wahre, Gute und Heilige gerichteteten Charakters wirksam sein könne. Nicht ist er dabei näher eingegangen auf die secundäre, aber wichtige Frage, wie in den öffentlichen Schulen eine Vielheit von Erziehern, ein Lehrercollegium, doch einheitlich erziehend wirken könne. Das hat nach ihm Schubert gethan in den Jahrgängen der P. Revue seit 1849, nachdem M., dessen Muth und Hoffnung 1848 gebrochen waren, die Redaction des Journals in andere (meine) Hände gelegt hatte. — M. übernahm 1848 die Leitung des Realgymnasiums in Eisenach. Er hätte es lieber Bürgergymnasium genannt. Er wollte der Realschule das Wesen des Humanismus aneignen, aber im schulmäßigen Unterricht doch auch die Gattung des künftigen Berufes der Schüler im Auge haben. Das Verhältniß der ethischen und der natürlichen Unterrichtsgegenstände müsse sich freilich schon in der einzelnen Schule im Laufe von 6 Jahren ändern. Wie könne also überhaupt eine Schule im Unterricht einen Mittelpunkt, ein Princip haben? Das Uebergewicht müsse in allen Schulen auf der ethischen Seite liegen, darum aber dürfe doch auch das Gelehrtengymnasium nicht einseitige Philologenschule sein. — M. hat während seines Directorats in Eisenach sowohl im Stadtrath von Eisenach wie im Ministerium von Weimar großen Einfluß auf das Schulwesen der Stadt und des Landes gewonnen und konnte von seinem Wirken wohl befriedigt sein. Aber sein körperliches Leiden nahm überhand. Schon 1852 mußte er, ganz gelähmt, sein Amt niederlegen. Er ging 1854 nach Dresden, 1856 nach Wiesbaden, von Bädern Hülfe hoffend. Aber sie blieb ihm versagt. Am 10. Juni 1858 ist er in Wiesbaden gestorben.

    • Literatur

      Einen ausführlichen Nekrolog mit einem vielleicht nicht ganz vollständigen Verzeichniß von Mager's Schriften enthält die Päd. Revue 1858. Er ist auch besonders gedruckt (Mager's Leben. Von W. Langbein, Stettin,|v. d. Nahmer. 1859. 80 S.). Vgl. ferner Elze in Prutz' Museum 1840, wieder abgedruckt in Elze's Vermischten Blättern (Köthen 1875).

  • Autor

    Langbein.
  • Empfohlene Zitierweise

    Müller, Rudolf, "Mager, Karl" in: Allgemeine Deutsche Biographie 20 (1884), S. 57-59 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118576127.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA