Lebensdaten
1820 bis 1875
Geburtsort
Konstanz
Sterbeort
Tübingen
Beruf/Funktion
Anatom ; Arzt
Konfession
keine Angabe
Normdaten
GND: 102552746 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Luschka, Hubert (bis 1865)
  • Luschka, Hubert

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Zitierweise

Luschka, Hubert von, Indexeintrag in: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd102552746.html [24.07.2016].

CC0

Luschka, Hubert von (württembergischer Personaladel 1865)

Anatom, * 27.7.1820 Konstanz, 1.3.1875 Tübingen.

  • Genealogie

    V Georg August L. (1775-n. 1838), Forstmeister in Hegne b. Konstanz, S d. bad. Zollbereiters Maximilian in Stollhofen u. d. Franziska Wolf; M Maria Anna Zimmermann; 1) 1853 Franziska Wedekind ( 1886) aus K., 2) 1867 Luise Amalie (1837–70), T d. Gutsbes. Joh. Baptist v. Krafft-Festenberg in Felldorf u. d. Franziska v. Broem, 3) Konstanz 1872 Karoline (1841–96), T d. Oberamtmanns Joseph v. Chrismar in K. u. d. Eva v. Alberti; 1 S, 1 T aus 1), 1 S aus 2).

  • Leben

    Nach dem Wunsch des Vaters begann L. zunächst eine Lehre als Apotheker in Überlingen, ehe er seit 1841 in Freiburg und Heidelberg Medizin studierte. Der Einfluß seines Lehrers Friedrich Arnold lenkte sein Interesse frühzeitig auf die Anatomie, die damals noch das Gesamtgebiet der pathologischen Anatomie mitumfaßte. Seit 1845 arbeitete L. als praktischer Arzt zunächst in Meersburg, später in Konstanz. 1849 wurde er als Prosektor und ao. Professor an das Anatomische Institut in Tübingen berufen, dessen Leitung inzwischen sein früherer Freiburger Lehrer Arnold übernommen hatte. Nach dem Weggang Arnolds 1853 wurden erstmals Anatomie und Physiologie als Fächer getrennt, und L. wurde das Lehrfach „Allgemeine, pathologische und chirurgische sowie mikroskopische Anatomie“ übertragen. 1855 erhielt er den Titel eines o. Professors. Bis zu seinem frühen Tode 1875 entfaltete L. eine äußerst fruchtbare Lehr- und Forschungstätigkeit, die vor allem das Gebiet der deskriptiven, topographischen und vergleichenden Anatomie umfaßte.

    Die Fortschritte morphologischen Wissens für die Praxis nutzbar zu machen, scheint schon früh L.s Anliegen gewesen zu sein. Um die Präzision der Beschreibung vor allem in der topographischen Anatomie zu verbessern, führte L. neue Methoden ein. So fixierte er vor der Präparation die Organe mit Nadeln und präparierte erstmals nach vorherigem Totalgefrieren der Leichen, eine Methode, die noch heute (allerdings in verbesserter Form im Rahmen der Computer-Tomographie) angewandt wird. In einer Vielzahl von Aufsätzen und monographischen Arbeiten ging er an die systematische Neubearbeitung der menschlichen Anatomie. Als Frucht seiner Vorarbeiten erschien sein Lehrbuch „Die Anatomie des Menschen in Rücksicht auf die Bedürfnisse der praktischen Heilkunde“ (3 Bde., 1862–67, Reg.bd. 1869), an dem bereits die Zeitgenossen rühmten, daß es „die descriptive und die angewandte Anatomie zu einer klinischen“ verschmelze (Schwäb. Kronik)|

  • Auszeichnungen

    Der Name L.s lebt fort in einer ganzen Reihe von Eponymen (z. B. Foramen Luschkae = seitliche Öffnung des vierten Hirnventrikels; Luschka'sche Steißdrüse = Glomus coccygeum) in der anatomischen Nomenklatur.

  • Werke

    Weitere W Die Brustorgane d. Menschen in ihrer Lage, 1857; Die Halbgelenke d. menschl. Körpers, 1858; Der Hirnanhang u. d. Steißdrüse d. Menschen, 1860; Die Muskulatur am Boden d. weibl. Beckens, 1861; Die Venen d. menschl. Halses, 1862; Der Schiundkopf d. Menschen, 1868; Der Kehlkopf d. Menschen, 1871; Über Maaß- u. Zahlenverhältnisse d. menschl. Körpers, 1871; Die Lage d. Bauchorgane d. Menschen, 1873.

  • Literatur

    ADB 19; Allg. Zeitung v. 22.4.1875, Beil.; Schwäb. Kronik v. 31.3.1875; Bad. Biogrr. II; J. Schröder, H. v. L., Das Lb. e. Tübinger Anatomen, Diss. Tübingen 1945 (ungedr., W).

  • Portraits

    Ölgem. v. H. Müller-Schüppel, 1896 (Tübingen, Universität).

  • Autor

    Gerhard Fichtner
  • Empfohlene Zitierweise

    Fichtner, Gerhard, "Luschka, Hubert von" in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 531 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd102552746.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

Luschka, Hubert von

  • Leben

    Luschka: Hubert v. L., Arzt, Sohn eines in Konstanz ansässigen Forstmeisters, ist daselbst den 27. Juli 1820 geboren. Dem Willen seines strengen Vaters gemäß und gegen seine Neigung widmete er sich dem Apothekerstande, indem er in seinem 15. Lebensjahre vor Beendigung der Gymnasialausbildung als Lehrling in die Officin seines in Ueberlingen lebenden Oheims eintrat. Hier verbrachte er 3½ Jahre, während er sich eifrig mit Botanik und Chemie beschäftigte, mit der ihm aufgedrungenen Lebensstellung aber konnte er sich nicht befreunden und erst den vereinigten Bestrebungen seiner Mutter und der älteren Geschwister gelang es, seinen Vater dazu zu bewegen, daß er dem Wunsche des Sohnes, sich dem Studium der Medicin widmen zu dürfen, nachgab. — Im Herbste 1841 bezog L., mit einem vorzüglichen Zeugnisse der Reife ausgestattet, das er sich nachträglich hatte erwerben müssen, die Universität in Freiburg und hier gelang es ihm bald das Wohlwollen und die Gönnerschaft des Anatomen Arnold zu gewinnen, der sich mit großer Anerkennung über den Fleiß, die gediegenen Kenntnisse und das eminente Geschick des Schülers im Anfertigen anatomischer Präparate aussprach. Das Wintersemester 1843—44 verlebte L. auf der Universität zu Heidelberg, wo er sich namentlich an den klinischen Vorlesungen von Puchelt und Naegele betheiligte; dann kehrte er nach Freiburg zurück und legte im Winter 1844 die ärztlichen Staatsprüfungen in Karlsruhe ab, aus welchen er mit dem Zeugnisse "vorzüglich in allen Fächern" hervorging. — Er habilitirte sich darnach als praktischer Arzt in Meersburg und erwarb sich ein Jahr darauf, nach Einsendung der von ihm verfaßten Inauguraldissertation über die " Entwickelungsgeschichte der Formbestandtheile des Eiters und der Granulationen", bei der Freiburger medicinischen Facultät die Doctorwürde. — Noch in demselben Jahre übernahm L. für kurze Zeit die Stelle eines Assistenten bei dem Chirurgen Stromeyer und trat dann eine wissenschaftliche Reise nach Paris, Wien und Oberitalien an, auf der er nicht nur seinem Specialfache Aufmerksamkeit schenkte, sondern auch der Kunst lebte, für welche er vermöge des bei ihm hoch entwickelten Formsinnes, der sich namentlich in den von ihm später veröffentlichten anatomischen Arbeiten sehr bestimmt ausspricht, stets ein lebhaftes Interesse gehabt hatte. — Von seiner Reise zurückgekehrt, ließ er sich in seiner Vaterstadt als Arzt nieder, fühlte sich aber hier in der mit den Bewegungen des Jahres 1848 entwickelten radikal-politischen Strömung wenig behaglich und folgte daher im April 1849 mit Freuden einem Rufe als Prof. extraord. und Profector nach Tübingen, der auf Wunderlich's Veranlassung an ihn ergangen war. — Nach Arnold's Abgang von Tübingen nach Heidelberg (1853) wurde ihm provisorisch der Lehrstuhl für pathologische, chirurgische und mikroskopische Anatomie und das Directorium der anatomischen Anstalt in Tübingen übertragen, zwei Jahre später wurde er zum Prof. ord. daselbst ernannt und in dieser Stellung ist er bis zu seinem, am 1. März 1875 erfolgten Tode verblieben. — In den letzten Jahren seines Lebens hatte sich bei dem bis dahin rüstigen Manne ein auffallend starker und schneller Verfall der Kräfte und des äußeren Aussehens, sowie eine trübe Gemüthsstimmung bemerklich gemacht, über dessen ominöse Bedeutung er selbst sich nicht täuschte. Seit den Herbstferien 1874, welche L. in Baden-Baden verlebte, traten vorübergehende Anfälle von Bewußtlosigkeit und Sprachstörungen ein, welche seine Lehrthätigkeit, die er nach Schluß der Ferien wieder aufgenommen hatte, erheblich beeinträchtigten. Am 26. December wurde er von einem schweren apoplektischen Anfall betroffen, am 13. Februar 1875 wiederholte sich derselbe und ein dritter Schlaganfall am 1. März machte seinem Leben ein Ende. — Die Section wies Hypertrophie des linken Herzventrikels, weitverbreitete Erkrankung (Atherom) der Arterien und im Gehirne neben mehreren älteren apoplektischen und Erweichungsheerden einen frischen Bluterguß nach, welcher die Ursache des Todes abgegeben hatte.

    L. nimmt unter den Anatomen der neuesten Zeit eine ganz hervorragende, unter den Vertretern der topographischen Anatomie wol eine der ersten Stellen ein. — In seinem wissenschaftlichen Leben und Schaffen lassen sich zwei Perioden unterscheiden: die eine, welche mit seinem ersten literarischen Auftreten als Anatom, mit der Veröffentlichung der Schrift "Die Nerven in der harten Hirnhaut", 4°, mit 3 Tafeln" im J. 1850 beginnt und im J. 1860 endet, innerhalb welcher Zeit neben zahlreichen von ihm in verschiedenen Zeitschriften (Henle und Pfeufer, Zeitschrift für rat. Med.; Müller, Archiv für Anatomie; Virchow, Archiv für pathologische Anatomie; Zeitschrift für Gynaekologie; Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie; Prager Vierteljahrschrift für praktische Heilkunde; Sitzungsberichte der Wiener Akademie u. A.) veröffentlichten Artikeln seine monographischen Arbeiten: "Die Nerven des menschlichen Wirbelkanals", 1850, 4°, mit 2 Tafeln; "Die Structur der serösen Häute des Menschen", 1851, 4°, mit 3 Tafeln; "Die Adergeflechte des menschlichen Gehirns", 1855, 4°, mit 4 Taf.; "Der Muscul. transv. colli des Menschen", 1858, 8°, mit 1 Tafel; "Der Nerv., phrenicus des Menschen", 1853, 4°, mit 3 Tafeln; "Die Halsrippen und die Ossa suprasternalia des Menschen", 1859, 4°, mit 2 Tafeln (Abdruck aus den Wiener Sitzungsberichten); "Die Fascia pelvina in ihrem Verhalten zur Hinteren Beckenwand", 1859, 8°, mit 1 Tafel; "Der Herzbeutel und die fascia endothoracica", 1859, 4°, mit 3 Tafeln; "Die Blutgesäße der Klappen des menschlichen Herzens", 1859, 8°, mit 2 Tafeln; "Die anomale Artikulation des ersten Rippenpaars", 1860, 8°, mit 3 Tafeln und "Der Hirnanhang und die Steißdrüse des Menschen", 1860, 8°, mit 2 Tafeln", erschienen sind, welche somit seine Leistungen im Gebiete der systematischen Anatomie umfaßt, und eine zweite Periode, welche bereits durch die im J. 1856 erschienene Schrift "Die Brustorgane des Menschen in ihrer Lage", Fol., mit 6 Tafeln, eingeleitet, mit dem Erscheinen seines ausgezeichneten Werkes "Die Anatomie des Menschen, in Rücksicht auf die Bedürfnisse der praktischen Heilkunde bearbeitet", 3 Bde. in je 2 Abtheilungen 1862—69 mit zahlreichen Holzschnitten, ihren Anfang nimmt, und in diesen, wie in den später erschienenen, vorzugsweise der topographischen Anatomie zugewendeten Arbeiten: "Die Venen des menschlichen Halses", 1862, 4°, mit 2 Tafeln (abgedruckt aus den Wiener Sitzungsberichten); "Die Muskulatur am Boden des weiblichen Beckens", 1862, 4°, mit 4 Tafeln; "Der Schlundkopf des Menschen", 1868, 4°, mit 12 Tafeln; "Der Kehlkopf des Menschen", 1871, 4°, mit 10 Tafeln, und "Die Lage der Bauchorgane des Menschen", 1873, Fol., mit 5 Tafeln, den eigentlichen Glanzpunkt seiner wissenschaftlichen Leistungen bildet. — Er hatte sich, wie er in der Vorrede zu seinem Handbuche der Anatomie erklärt, in denselben die Aufgabe gestellt, "der Heilkunde eine Grundlage zu gewähren, welche jeder Zeit sowol das ärztliche Handeln sicher zu leiten vermag, als auch in den Stand setzt, in den Entwickelungsgang der Wissenschaft fördernd einzugreifen", und man wird ihm das Zeugniß nicht versagen können, daß er diese Aufgabe erfüllt und mehr wie die meisten seiner Vorgänger und Zeitgenossen es verstanden hat durch Klarheit und Präcision in der Darstellung die Beziehungen der Anatomie zur Physiologie und zur praktischen Heilkunde in das vollste Licht zu stellen und in diesen topographisch-anatomischen Arbeiten der ausübenden Medicin eine werthvolle Grundlage zu gewähren. Durch die vortrefflichen Abbildungen, welche er seinen Schriften beigegeben hat, wird der Werth derselben noch wesentlich erhöht. — Uebrigens hat L. nicht unterlassen, auch mehrere pathologisch-anatomische Beobachtungen mitzutheilen, welche er gelegentlich gemacht hatte. Luschka's Bedeutung für die medicinische und speciell für die anatomische Wissenschaft spricht sich aber nicht nur in seinen litterarischen Leistungen, sondern auch in seiner Lehrthätigkeit aus. Seine Vorlesungen erstreckten sich über das ganze Gebiet der Anatomie, einschließlich der topographisch-chirurgischen und histologischen Seite derselben. Die anatomischen Uebungen leitete er mit größter Gewissenhaftigkeit viele Jahre lang gemeinschaftlich mit seinem bewährten Prosector, Professor Durfy. Seine Zuhörer, deren Zahl eine verhältnißmäßig sehr große war, fesselte er nicht nur durch die Klarheit des Vortrages in seinen Vorlesungen, auf welche er sich stets in der sorglichsten Weise vorbereitet hatte, durch die Eleganz in der Form derselben und durch die gewandte Verbindung anatomischer Daten in ihren Beziehungen zur Physiologie und praktischen Medicin, sondern auch durch das freundliche, wohlwollende Entgegenkommen, das er den oft aus weiter Ferne zu dem großen Anatomen herbeigeeilten Jüngern der Wissenschaft entgegentrug, die ihm die lebhaftesten Beweise ihrer Anhänglichkeit und Dankbarkeit nicht nur bei freudigen Gelegenheiten, wie namentlich bei dem 25jährigen Jubiläum, das er als Professor feierte, sondern auch während seiner Krankheit und an seinem Grabe gegeben haben. L. war eine milde, weiche, jedem Rohen abgeneigte Natur, in seiner äußeren Erscheinung, in seinem Auftreten elegant, etwas aristokratisch reservirt, dabei von angeborener Herzensgüte und Liebenswürdigkeit, im Ganzen eine in hohem Grade fesselnde Persönlichkeit, wie Schreiber dieser Zeilen bei einem einmaligen Zusammentreffen mit ihm selbst es erfahren hat. — Seiner letztwilligen Bestimmung gemäß sind sämmtliche von ihm hinterlassene Manuscripte verbrannt worden, darunter auch das Manuscript seiner Vorlesungen über "physische Anthropologie", welche er seit dem Jahre 1849 alljährlich unter der größten Betheiligung und dem lebhaftesten Beifalle seiner Zuhörer gehalten hat.

    • Literatur

      Ueber sein Leben und seine Schriften vgl. die Nekrologe im Schwab. Merkur vom 31. März 1875. S. 677, in Augsb. Allg. Zeitung Beil. vom 22. April 1875, S. 1741 und Langer in Wien. med. Woch. 1875, Nr. 16, S. 321.

  • Autor

    A. Hirsch.
  • Empfohlene Zitierweise

    Hirsch, August, "Luschka, Hubert von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 19 (1884), S. 653-655 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd102552746.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA