Lebensdaten
1617 oder 1618 bis 1680
Geburtsort
Heidelberg
Sterbeort
Edingen bei Mannheim
Beruf/Funktion
Kurfürst von der Pfalz
Konfession
calvinistisch?,Mutter aus englischer Hochkirche,reformierte Tochter
Normdaten
GND: 118560182 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Karl I. Ludwig
  • Karl Ludwig von der Pfalz
  • Karl I. Ludwig
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Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Karl I. Ludwig, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118560182.html [22.10.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Kf. Friedrich V. v. d. Pf. ( 1632, s. NDB V);
    M Elisabeth ( 1662, s. NDB IV), T d. Kg. Jakob I. (VI.) v. England u. Schottland;
    Geschw s. Elisabeth Kf. v. d. Pf. ( 1662, s. NDB IV);
    - 1) Kassel 12./22.2.1650 ( Heidelberg 6./16.3.1657) Charlotte (1627–86), T d. Landgf. Wilhelm V. v. Hessen-Kassel ( 1637) u. d. Amalie Elisabeth v. Hanau-Münzenberg ( 1651, s. NDB I), 2) Heidelberg 6./16.3.1657 Loysa Freiin v. Degenfeld ( 1677, s. NDB III), Raugfn. zu Pfalz;
    K aus 1) Kf. Karl (II.) v. d. Pf. ( 1685, s. NDB XI), Friedrich (* u. 1653), Elisabeth Charlotte ( 1722, s. NDB IV, Hzg. Philipp I. v. Orléans), 8 S, 5 T aus 2) s. unter Degenfeld, Loysa v. (s. NDB III); unehel. S (M adelige Engländerin) Ludwig v. Rothenschild, Frhr. v. Selz ( 1660); postumes K (M Fräulein v. Berau).

  • Leben

    1620 mit der Großmutter Louise Juliane vor den spanischen Truppen aus Heidelberg in die Mark Brandenburg geflüchtet, wuchs K. seit 1624 in den Niederlanden auf, studierte in Leiden und lernte bei seinem Großoheim Friedrich Heinrich von Oranien das Kriegshandwerk. Durch den Tod des älteren Bruders Friedrich Heinrich wurde er 1629 Kron- und Kurprinz. Nach dem Tod des Vaters übernahm Pfalzgraf Ludwig Philipp von Simmern die Vormundschaft über die Neffen und Nichten und die Administration der von den Schweden eine Zeitlang „befreiten“ Pfalz. Der Prager Frieden von 1635 ging jedoch über sämtliche pfälzische Wiederherstellungsansprüche hinweg und stellte den Kindern des Winterkönigs nur fürstlichen Unterhalt in Aussicht, „wann sie sich vor Ihrer Kayserlichen Majestät gebührlichen humiliren“ würden. K. wandte sich noch im selben Jahr nach England und führte am Hof des Stuart-Oheims zusammen mit dem jüngeren Bruder Rupert, der ihm 1636 gefolgt war, ein Kavaliersleben, das ihr Begleiter Johann von Rusdorf vergeblich kritisierte. Immerhin trug ihre Anwesenheit dazu bei, daß die pfälzische Restitution nicht nur Gegenstand der englischen Außenpolitik blieb, sondern auch der Innenpolitik wurde. Mit englischem Geld kaufte K., nachdem er seine Rechte 1637 in einem Manifest an den Kaiser öffentlich geltend gemacht hatte, 1638 die Herrschaft Meppen im Emsland und versuchte sie zum Stützpunkt eigener militärischer Unternehmungen im Reich auszubauen, verlor sie jedoch kurz darauf an die Kaiserlichen. Die gemeinsam mit schwedischen Verbänden unternommene Belagerung des lippischen Lemgo mußte er angesichts heranrückender Entsatztruppen unter Melchior Graf Hatzfeldt abbrechen, und am 7./17.10.1638 schlug ihn Hatzfeldt in einem Treffen bei Vlotho an der Weser völlig. Der Versuch des folgenden Jahres, die Armee Bernhards von Sachsen-Weimar im Elsaß zu übernehmen, scheiterte ebenso, wie ähnliche Pläne, die Truppen Landgraf Wilhelms V. von Hessen-Kassel betreffend, 1637 fehlgeschlagen waren. Richelieu ließ K. auf der Durchreise durch Frankreich aufheben und solange internieren, bis er Bernhards territoriale und militärische Hinterlassenschaft seinem König gesichert hatte. K. kehrte nach England zurück. Begleiter Karls I. bei dessen berühmtem vergeblichen Versuch, John Pym und vier weitere Abgeordnete am 4./14.1.1642 im Unterhaus zu verhaften, spielte er in der Folge eine eher undurchsichtige Rolle. Während Rupert und der nächstjüngere Bruder Moritz im Bürgerkrieg rückhaltlos zu ihrem Oheim standen, näherte sich K. dem Parlament. Überlegungen zumal von presbyterianischer Seite, ihn zum Regenten, ja an Stelle Karls zum König zu machen, offenbar nicht durchaus fernstehend, nahm er schließlich sogar mit Cromwell Verbindung auf, um das Interesse Englands an der pfälzisch Restitution auf jeden Fall aufrechtzuerhalten. Hatten doch die seit 1635 laufenden englischen Verhandlungen in Wien und Madrid, aber auch auf dem Hamburger Kongreß von 1638/39 und dem Regensburger Reichstag von 1640/41 wenigstens soviel bewirkt, daß die Restitutionsfrage nicht mehr vom Tapet der europäischen Diplomatie verschwand und 1648 in den Westfäl. Friedensschlüssen wenigstens einigermaßen im pfälzischen Sinn gelöst wurde: K. erhielt die nur um einige kleinere Gebiete verkürzte Unterpfalz zurück, dazu eine neugeschaffene achte Kur, mit der 1652 ein Erzschatzmeisteramt verbunden wurde, während Bayern die fünfte Kur, das Erztruchsessenamt und die Oberpfalz samt der Grafschaft Cham behielt. K. akzeptierte nach langem Widerstreben. Descartes, der Freund seiner Schwester Elisabeth, riet ihm nachdrücklich zu. Nach der Hinrichtung Karls I. verließ K. England und zog am 7./17.10.1649 feierlich in Heidelberg ein.

    Mit Hilfe einer konsequent-energischen Populations- und Kultivationspolitik, in der der westeuropäische Absolutismus die deutschpatriarchalichen Traditionen immer mehr überformte, vermochte K. die ruinierte und vollkommen darniederliegende Pfalz verhältnismäßig rasch wiederaufzubauen. Mit allen möglichen Privilegien und Anreizen wurden Siedler aus nah und fern herbeigezogen, wobei die Konfession kaum noch eine Rolle spielte. Obwohl die Vorzugsstellung der pfälzischen Calvinisten wiederhergestellt wurde, sahen die Zeitgenossen in der Pfalz das Land, „in dem man allerlei Religionen passiren läßt“. Vor allem nach Mannheim, als dessen zweiter Gründer K. gelten muß und dem er in den späteren Lebensjahren als Residenz den Vorzug vor Heidelberg gab, kamen neben holländischen, französischen, englischen und Schweizer Immigranten auch Mennoniten und zahlreiche Juden. Durch Reorganisation der Verwaltung, Sorge für Sicherheit und Ordnung, rationelle Ausnützung der Kammergüter, Bauernschutz, Wiederherstellung des Weinbaus (neues Heidelberger Faß von 1664!), aber auch Förderung des Brauens und des Konsums des billigeren Biers, durch Einführung des Tabak- und Kartoffelanbaus und der Akzise, Anlage von Manufakturen, besonders in dem erst 1652 von den Spaniern geräumten Frankenthal, Belebung des Handels und eiserne, vielfach an Geiz grenzende Sparsamkeit im öffentlichen wie seinem persönlich-privaten Leben versuchte K. die leeren Staatskassen zu füllen, ohne damit durchschlagenden Erfolg zu haben, zumal er gleichzeitig ein stehendes Heer aufzubauen begann. Im Sinn einer calvinisch-späthumanistischen europäischen Adelskultur relativ hoch gebildet, mehrsprachig, wobei das Französische überwog, aber auch am englischen Theater wie an Gryphius' „Peter Squentz“ interessiert und von der politischen Bedeutung von Bildung und Schule durchdrungen, stellte er die Heidelberger Universität wieder her und machte sie zu einer tüchtigen Ausbildungsstätte für Geistliche und Beamte. Den einstigen Weltruf vermochte sie allerdings nicht zurückzugewinnen, obwohl K. Koryphäen wie Friedrich Spanheimden Jüngeren, Johann Heinrich Hottinger, Johann Heinrich Heidegger, Johann Ludwig Fabricius und Johann Friedrich Mieg, den Calixtschüler Stefan Gerlach, Gottfried von Jena, Samuel von Pufendorf, an dessen „De statu Imperii Germanici“ der Kurfürst Anteil haben soll, und Heinrich von Cocceji, den jüdischen Arzt Jakob Israel und Georg Franck von Franckenau, Johann Freinsheim und Johann von Leuneschlos als Lehrer gewann. Dagegen lehnte Spinoza den 1673 an ihn ergangenen Ruf ab. Selbst Ireniker aus Erfahrung und Überzeugung, ja im Grunde indifferent, förderte K. die Religionsvergleichung und stand den Bestrebungen von Männern wie John Durie und Cristóbal Royas de Spínola wohlwollend gegenüber. Die angestrebte Konkordie mit dem lutherischen Württemberg kam jedoch ebenso wenig zustande wie die mit Nachdruck betriebene Union zwischen Reformierten und Lutheranern in der Pfalz selbst. Die 1680 eingeweihte Konkordienkirche auf der Mannheimer Friedrichsburg blieb Programm, da auch K. sehr persönlich-zentralistisches Kirchenregiment die tief eingewurzelten Widerstände nicht überwinden konnte. Die Führung des deutschen Calvinismus wie, in der Sicht der kleindeutsch-protestantischen Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts, der deutschen Dinge ging auf Kurbrandenburg über, das Directorium des erneuerten Corpus Evangelicorum behielt Kursachsen.

    Außenpolitisch war K., der die verkürzte Restitution zeitlebens als bitteres ihm und seinem Haus angetanes Unrecht betrachtete und dessen ganzes persönliches und politisches Handeln ein ausgesprochen rechthaberischer Zug charakterisiert, einerseits hartnäckig auf Wahrung seiner Rechte und seiner Reputation bis an die äußersten Grenzen des Möglichen bedacht, andrerseits unermüdlich um die Erhaltung des Friedens bemüht. Der Kurfürstenpolitik Kaiser Ferdinands III. kam er entgegen (1652 Prager Kurfürstenkonferenzen, 1653 Augsburger Königswahl und Regensburger Krönung Ferdinands IV., 1653/54 Regensburger Reichstag), bezog aber auch französische Subsidien und unterstützte die Diplomatie Mazarins auf dem Frankfurter Wahltag von 1658, auf dem es im Zusammenhang des mit Bayern entstandenen Streits um das süddeutsche Reichsvikariat zu einem Eklat kam, als K. auf den Friedrich V. schmähenden bayerischen Wahlgesandten Dr. Johann Georg Oexl ein Tintenfaß warf und dabei auch andere kurfürstliche Vertreter bespritzte. Der Zwischenfall wurde nach wochenlangem Hin und Her beigelegt, der Vikariatsstreit fand erst 1724 ein Ende. Streit bekam K. auch mit Ludwig Philipp um dessen Apanage Simmern, Lautern und Sponheim, mit Pfalzgraf Christian August von Sulzbach um das Kondominat in Weiden und Parkstein und vor allem mit Kurpfalz' altem Mainzer Konkurrenten am Mittelrhein, Kurfürst Johann Philipp von Schönborn, um die von Mainz im 15. und 16. Jahrhundert verpfändete und auf Grund des Westfälischen Friedens ausgelöste Bergstraße (Einigung im Bergsträßer Hauptrezeß von 1650) und andere Gebiete und Gerechtsame. Als Johann Philipp 1663 auch|noch Fürstbischof von Worms wurde, wuchs sich auch der sogenannte Wildfangstreit zu einer den Reichsfrieden ernstlich bedrohenden Fehde aus. Dadurch, daß K. im Zug seiner Repeuplierungs- und Revindikationsmaßnahmen das alte pfalzgräfliche Wildfangrecht, das heißt den Anspruch auf herrenlose Fremde, Landfahrer, Zigeuner, aber auch unehelich Geborene und Hagestolze, nicht nur in der Pfalz, sondern auch in den angrenzenden Territorien Wiederaufleben ließ und rigoros handhabte, hatte er besonders die geistlichen Nachbarfürsten gegen sich aufgebracht. Herzog Karl IV. von Lothringen, dessen Söldner noch vom 30jährigen Krieg her westpfälzische Gebiete besetzt hielten und drangsalierten, gesellte sich hinzu. Aber im Heilbronner Schiedsspruch von 1667 gaben Frankreich und Schweden als Garantiemächte des Westfälischen Friedens dem Pfälzer überwiegend recht, und trotz K. Niederlage gegen die Lothringer bei Bingen 1668 fand dank kaiserlicher und französischer Intervention schließlich auch der lothringische Krieg ein Kurpfalz zufriedenstellendes Ende. Dem Rheinbund war K., schon wegen der führenden Rolle, die Johann Philipp darin spielte, ferngeblieben, und auch im Devolutionskrieg blieb er neutral, ohne seinem Land dadurch neues Kriegselend ersparen zu können. Um an Frankreich mehr Rückhalt zu gewinnen, aber auch mit vagen Hoffnungen auf ein Königreich Austrasien, also ein neues Mittelreich, spielend, verstand er sich 1671 zur Verheiratung seiner Tochter Liselotte mit dem Bruder Ludwigs XIV., Herzog Philipp von Orléans. Auch in die dazu erforderliche Konversion der jungen Pfalzgräfin willigte er ein, spielte jedoch in der Öffentlichkeit den Unwissenden. Daß die Bourbonen auf eine Mitgift verzichteten, war für den haushälterischen Vater ein zusätzliches Plus. Sein Land sollte es freilich bald anders erfahren. Trotz dieser Familienverbindung, die sein Geheimsekretär Johann Friedrich Seilern mit in die Wege geleitet hatte, schloß K., ebenfalls auf dessen Rat hin, 1674 ein Bündnis mit Kaiser Leopold I. und beteiligte sich widerwillig am allgemeinen Reichskrieg gegen Frankreich. Turennes harte Kriegführung in der Pfalz veranlaßte den aufgebrachten Kurfürsten zu einer Duellforderung an den französischen Marschall, auf die dieser jedoch nicht einging. 1676 gelang es den Reichstruppen endlich, Philippsburg zurückzuerobern, von woher die Franzosen das umliegende pfälzische Land seit Jahren heimgesucht hatten. Den von Leopold eigenmächtig unterzeichneten Frieden von Nijmwegen nahm K. an, mußte den endgültigen Abzug der Franzosen aber mit neuen Leistungen bezahlen, bevor er zum zweiten Mal an den Wiederaufbau gehen konnte. Dann setzen die Reunionen ein, als der früh gealterte Kurfürst unter einem Baum im Dorf Edingen auf dem Weg von Mannheim nach Heidelberg stirbt, nur einen kaum lebens- und noch weniger regierungsfähigen legitimen Sohn ohne Kinder hinterlassend.

    Seine von der energischen hessischen Landgräfin Amalie, der Gefährtin in der Reichsacht während des 30jährigen Kriegs, 1649 gestiftete Ehe mit deren Tochter Charlotte war nach wenigen Jahren an K. starker Sinnlichkeit, Charlottes eitler Kälte und dem jähen, eigensüchtigen Temperament der beiden Gatten in die Brüche gegangen, und K. hatte sich der Hofdame seiner Frau Loysa von Degenfeld zugewandt, die er nach eigenmächtiger, von Charlotte nicht anerkannter Scheidung 1657 zur Frau nahm und die ihm in einer guten, aber durch die Schatten der Unebenbürtigkeit und Illegitimität getrübten Ehe dreizehn Kinder schenkte, die er wie die Mutter 1667 mit der Würde von Raugrafen ausstattete. Ungeachtet gelehrter Untersuchungen über Polygamie und Scheidung, wie sie etwa von dem Heidelberger Juristen Johann Friedrich Böckelmann angestellt wurden, und des Rückgriffs auf Luthers, Melanchthons und Bucers Billigung der Doppelehe Landgraf Philipps von Hessen, die der kurfürstliche Antiquar und Bibliothekar Lorenz Beger unter dem Pseudonym Daphnäus Arcuarius 1679, als sein Herr sich mit dem Gedanken einer 3. Ehe trug, mit anderen diesbezüglichen Aktenstücken publizierte, haben diese Ehehändel nicht nur K. Position im Reich belastet, vor allem seine Beziehungen zu Hessen-Kassel, wohin Charlotte 1662 schließlich zurückkehrte, ohne ihre Ansprüche aufzugeben, zum benachbarten badischen Markgrafen und zum Großen Kurfürsten, sie haben auch das an sich schon schwierige Verhältnis zu den Geschwistern zusätzlich gestört, zumal zu Rupert, dem der Bruder das Betreten des Heidelberger Schlosses 1657 ausdrücklich verwehrte. Wie die Mutter, die den Lebensstil einer Königstochter und Königin auch im Exil und vollkommen verschuldet bis zu ihrem Tod nicht aufgeben wollte und in ihren Lieblingssohn besondere Erwartungen setzte, machten ihm die Geschwister den nicht unberechtigten Vorwurf, sie als Familienoberhaupt übertrieben zu bevormunden, aber nicht in der Pfalz haben zu wollen und noch weniger für ihren Unterhalt zu tun, als es ihm seine prekären Finanzen erlaubten. Gut stand K. nur mit seiner jüngsten Schwester Sofie von Hannover, der einzigen Simmern mit Zukunft, an der er wirklich Vaterstelle vertreten hatte und deren Korrespondenz mit ihm die wichtigste Quelle seines Lebens und seiner Regierung darstellt, die beide der Tragik nicht entbehren.

  • Literatur

    ADB 15;
    La vie et les amours de Charles Louis Electeur palatin, 1692;
    (D. L. Wundt), Versuch e. Gesch. d. Lebens u. d. Regierung K. L.s Kf. v. d. Pf., 1786;
    F. J. Lipowsky, K. L. Churfürst v. d. Pf., u. Maria Susanna Louise Raugfn. v. Degenfeld …, Eine hist. Schilderung, 1824;
    L. Häusser, Gesch. d. rhein. Pfalz … II, 1845, bes. S. 519-687 (vgl. d. Registerbd. v. F. Loos u. Th. Neubauer, 1971);
    Memoiren d Hzgn. Sophie, nachmals Kfn. v. Hannover, hrsg. v. Adolf Köcher, 1879;
    Schreiben d. Kf. K. L. v. d. Pf. u. d. Seinen, ed. W. L. Holland, 1884;
    S. R. Gardiner, Hist. of England from the accession of James I. to the outbreak of the Civil War 1603–42, VII-X, 1884;
    Briefwechsel d. Hzgn. Sophie v. Hannover mit ihrem Bruder, dem Kf. K. L. v. d. Pf., u. d. Letzteren mit s. Schwägerin, d. Pfalzgfn. Anna, ed. E. Bodemann, 1885;
    A. Jüdel, Verhh. üb. d. Kurpfalz u. d. pfälz. Kurwürde v. Okt. 1641 b. Juli 1642, 1890;
    E. Blesch, Restitution d. Pfalz u. Beziehungen K. L.s zu England, 1891;
    E. Gothein, Bilder aus d. Kulturgesch. d. Pfalz nach d. 30j. Kriege, 1895;
    F. Schmidt, Gesch. d. Erziehung d. Pfälz. Wittelsbacher …, 1899;
    Briefe d. Elisabeth Stuart, Kgn. v. Böhmen, an ihren Sohn, d. Kf. C. L. v. d. Pf., 1650-62 …, ed. A. Wendland, 1902;
    K. Hauck, K. L., Kf. v. d. Pf. (1617–80), 1903 (P);
    N. M. Pletcher, Some chapters from the hist. of the Rhine country …, 1907;
    Die Briefe d. Kinder d. Winterkg.s, ed. K. Hauck, 1908;
    R. B. Mowat, The Mission of Sir Thomas Roe to Vienna, 1641–42, in: The English Historical Review 25, 1910, S. 264-75;
    G. Turba, Reichsgf. Seilern aus Ladenburg am Neckar 1646-1715 als kurpfälz. u. österr. Staatsmann …, 1923 (P);
    F. Aussaresses u. H. Gauthier-Villars, La vie privée d'un prince allemand au XVIIe siècle, L'électeur palatin Ch.-L. (1617–80), 1926 (P);
    G. Biskup, Die landesfürstl. Versuche z. wirtsch. Wiederaufbau d. Kurpfalz nach d. 30j. Kriege (1648–74), 1932;
    P. Fuchs, Palatinalus Illustratus, Die hist. Forschung an d. kurpfälz. Ak. d. Wiss., 1963;
    G. A. Benrath, Die konfessionellen Unionsbestrebungen d. Kf. K. L. v. d. Pf. ( 1680), in: ZGORh 116, 1968, S. 187-252.

  • Portraits

    Ölgem. v. A. van Dyck, 1630/37 (Wien, Kunsthist. Mus.;
    Paris, Louvre;
    Washington, Corcoran Gallery of Art), Abb. b. G. Glück, Van Dyck, 21931;
    v. G. u. W. van Honthorst, 1629/40 (Paris, Louvre;
    London, Buckingham Palace;
    Herrenhausen, Slg. Prinz v. Hannover), Abb. b. C. Oman, Elizabeth of Bohemia, 1938, S. 320 u. 336 (vgl. H. Braun, G. u. W. van Honthorst, 1966, Nr. 83, 92, 105 u. W 13);
    v. P. Lely (Herrenhausen, Slg. Prinz v. Hannover);
    Kupf. v. W. Hollar (n. van Dyck), W. J. Delff (n. M. van Mierevelt), J. Schweizer (n. J. B. de Ruel) (München, Staatl. Graph. Slg., bzw. Heidelberg. Kurpfälz. Mus.);
    Büste v. F. Dieussart (Dusart), 1637 (Arundel Castle/Sussex, Slg. Duke of Norfolk), Abb. b. C. Avery, François Dieussart in the United Provinces and the Ambassador of Queen Christina …, in: Bulletin van het Rijksmuseum, Jg. 9, 1971, Abb. 2, S. 146;
    vgl. England u. Kurpfalz, Bilder u. Dokumente aus d. Zeit d. Winterkgn. Elis. Stuart, Ausstellung Heidelberg, 1963, G. Poensgen, in: Ruperto-Carola XV, 33, 1963, S. 158-69, H. W. Singer II, Allg. Bildniskat. VI, 1932, Nr. 47049-94, u. Singer II III, Nr. 18043-50.

  • Autor/in

    Peter Fuchs
  • Empfohlene Zitierweise

    Fuchs, Peter, "Karl I. Ludwig" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 246-249 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118560182.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Karl Ludwig, Kurfürst von der Pfalz, war der Sohn des Kurfürsten Friedrich V. und der Elisabeth Stuart von England und wurde am 22. Decbr. 1617 geboren. Er erhielt eine vortreffliche Erziehung. Auf der Universität zu Leyden beschäftigte er sich mit theologischen, juristischen, geschichtlichen und staatswissenschaftlichen Studien, sogar mit Mathematik und Geometrie. Dabei versäumte er die Uebungen des Leibes nicht und erschien frühzeitig mit seinem Großoheim, dem Prinzen Heinrich Friedrich von Oranien, im Heerlager. Nach dem Tode seines unglücklichen Vaters, der in Folge der Prager Schlacht nicht allein das Königreich Böhmen, sondern auch seine Erblande und die Kurwürde verloren hatte, kam er mit seinen übrigen Geschwistern unter die Vormundschaft seines Oheims, des Pfalzgrafen Ludwig Philipp. Es schien jetzt eine glücklichere Zeit zu nahen. In den Jahren 1632 und 1633 wurde der größte Theil der Pfalz von den Schweden wieder erobert. Am 5. Mai 1633 rückten die Sieger in Heidelberg ein, am 24. wurde auch das Schloß nach heftiger Beschießung durch Capitulation übergeben. Aber eine volle Wiedereinsetzung der vertriebenen Familie erfolgte mit nichten. Der Vormund schloß mit dem schwedischen Kanzler Oxenstjerna um 14. April 1633 zu Heilbronn einen Vertrag, nach dem die Kurpfalz zwar den Erben Friedrichs V. übergeben wurde, aber in den wichtigsten Plätzen schwedische Garnisonen blieben. Außerdem mußten den Schweden das Recht der Werbungen, Kriegsbeiträge, Einquartierungen, die ganze Leitung des Krieges und jede mögliche Förderung ihrer Interessen, auch nach Beendigung des Krieges, zugestanden werden. Trotz dieser drückenden Abhängigkeit begann das Land unter Ludwig Philipps Verwaltung sich zu erholen; reiche auswärtige Beisteuern und die gute Ernte des Jahres 1634 erweckten Muth und Hoffnungen; schon begannen Handel und Wandel, Arbeit und Credit sich wieder zu heben. Aber die Schrecken des Krieges sollten noch einmal zurückkehren und entsetzlicher, verheerender als früher. Die Schweden, am 6. September 1634 bei Nördlingen geschlagen, flohen an den Rhein und überzogen die pfälzischen Lande mit ihren zuchtlosen Schaaren; dann folgten die Feinde, die Kaiserlichen und Baiern, welche das Heidelberger Schloß belagerten, aber vor den Franzosen wieder zurückweichen mußten (Ende December 1634). Da aber die Franzosen bald wieder auf das linke Rheinufer zurückgingen und Herzog Bernhard von Weimar ihnen folgte, war die rechtsrheinische Pfalz wieder ohne jeglichen Schutz. Der kaiserliche General Graf Gallas besetzte die Stadt Heidelberg von neuem; ja bald war die ganze Pfalz, auch die linksrheinische, wieder in der Gewalt ihrer Feinde. Ludwig|Philipp floh mit dem Kurprinzen Karl Ludwig und der Leiche des Kurfürsten Friedrich nach Saarbrücken, dann nach Metz. Alle Hoffnungen, die sich an den Heilbronner Vertrag geknüpft hatten, waren vernichtet. Der Prager Frieden, den Sachsen im Mai 1635 mit dem Kaiser schloß, gab die kurpfälzische Familie der Rache der Katholiken völlig preis. So von seinem väterlichen Erbe vertrieben, begab sich K. L. auf den Rath seiner Mutter Elisabeth, die in Holland weilte, mit seinem jüngeren Bruder Ruprecht nach London, um die Hülfe seines Oheims, des Königs Karl I., anzurufen. Aber der König war nicht zu bewegen, mit den Waffen für die Sache seiner unglücklichen Neffen einzutreten, nur durch Vermittlung und Unterhandlungen, die in dieser harten und herben Zeit wenig werth waren, wollte er ihnen helfen. Schlimm war es, daß K. L. trotz der Mahnungen seiner Rathgeber in London ein üppiges und lockeres Leben führte und dadurch den Ernst der Lage verschleierte. Nach dem Tode des Kaisers Ferdinand II., der den englischen König durch ein falsches und zweideutiges Spiel hingehalten hatte, forderte der muthige Landgraf Wilhelm von Hessen den Kurprinzen auf, endlich das Schwert zu ergreifen und sein Erbe mit Gewalt zurück zu erobern. Nach langen Verhandlungen begab sich K. L. auf das Festland und wollte von Meppen aus, das er mit englischem Gelde gekauft hatte, den Krieg beginnen. Dieser erste Versuch sollte kläglich scheitern. Der kaiserliche General Hatzfeld überfiel die Stadt und bemächtigte sich der Mannschaft, der Munition und des Geldes. Jetzt schloß sich K. L. dem Heere des schwedischen Generals King an, erlitt aber nach der vergeblichen Belagerung von Lemgo am 17. October 1638 von Hatzfeld bei Gohfeld an der Werra eine zweite Niederlage. Er rettete sich mit Mühe aus dem Getümmel und ging als Flüchtling nach Hamburg, später nach Holland. Sein Bruder Ruprecht aber wurde gefangen und nach Wien geführt. Bald sollte auch der Kurprinz seine Freiheit verlieren. Als er nach dem Tode des Herzogs Bernhard von Weimar (1639) dessen Armee übernehmen wollte und mit englischem Gelde ausgerüstet und in seiner angebornen Leichtfertigkeit durch Frankreich zog, wurde er auf Befehl Richelieu's, der das Heer und die Erbschaft des Herzogs Bernhard für Frankreich zu erwerben beabsichtigte, verhaftet und als Gefangener nach Vincennes geführt (October 1639). Erst als Richelieu seine Absicht erreicht hatte, erlangte der Prinz, für den sich befreundete Mächte lange vergeblich verwandten, seine Freiheit wieder (August 1640). Nach diesem Unfalle schien sich die Sache des Kurprinzen zum Bessern zu wenden. Der König von Dänemark verwandte sich beim Reichstage zu Regensburg sehr nachdrücklich für ihn, England zeigte mit einem Male eine entschlossene und drohende Haltung. Der Kaiser, durch das siegreiche Vordringen des schwedischen Generals Bauer bis Regensburg von Neuem erschreckt, ertheilte schon den Gliedern der kurfürstlichen Familie einen Geleitsbrief zu Verhandlungen, die zuerst in Regensburg, dann in Wien stattfanden. Aber es gab einsichtsvolle Leute, welche auf diesem Wege nicht viel erwarteten und diese behielten Recht. Die Erbietungen, welche schließlich der Kaiser und der Kurfürst von Baiern machten, waren so gering und schmachvoll, daß sie von pfälzischer Seite ohne Besinnen zurückgewiesen wurden. Karl von England mußte sich bei diesem Ausgange beruhigen, denn die Stürme, die sich im eigenen Lande gegen ihn erhoben, drängten alle anderen Interessen zurück. So blieb das arme pfälzische Land den Greueln des Krieges und dem religiösen Drucke der Katholiken preisgegeben. K. L., der durch das Unglück zum ernsten Manne gereift war, hielt sich in dieser trostlosen Zeit in England auf und beschäftigte sich an einer besseren Zukunft fast verzweifelnd mehr mit den Wissenschaften als der Politik. Als die Friedensverhandlungen endlich im J. 1644 zu Münster und Osnabrück begannen, machte die pfälzische Partei neue diplomatische Anstrengungen, aber sie stieß anfangs|auf große Schwierigkeiten und feindselige Stimmungen. Maximilian von Baiern spannte alle Kräfte an, um die Wiederherstellung seiner Stammesvettern zu hintertreiben; er ließ sich sogar mit Frankreich ein, um den Pfälzern im eigenen Parteilager Neider und Gegner zu erwecken. Aber es stand doch nicht mehr in der Macht des Kaisers und des Kurfürsten von Baiern, den Gang der Verhandlungen ganz nach ihrem Willen zu leiten; die Gegenpartei, insbesondere Schweden und Brandenburg, nahmen sich entschieden der pfälzischen Sache an und so kam nach äußerst schwierigen und umständlichen Verhandlungen, deren Ausgang bis zuletzt zweifelhaft blieb, folgende Uebereinkunft zu Stande: K. L. erhielt die rheinische Pfalz in ihrem Bestande von 1618 — nur mit Ausnahme der Bergstraße, die an den Erzbischof von Mainz, den früheren Besitzer (vor 1461) zurückging — und die neu zu errichtende achte Kurwürde. Die alte rheinische Kurwürde und die obere Pfalz blieb im Besitze Maximilians von Baiern. Mit K. L. wurde auch sein Oheim Ludwig Philipp in den Besitz von Simmern wieder eingesetzt. Seine vier Brüder (Ruprecht, Moriz. Eduard und Philipp) sollten binnen vier Jahren eine Abfindungssumme von 400,000 Thalern erhalten, seine Mutter Elisabeth 20,000 Thaler als Witthum, jede Schwester 10,000 Thaler zur Aussteuer. K. L. hatte große Bedenken gegen die Annahme dieser Bedingungen. Da er aber bald erkannte, daß er auch von den besten Freunden nicht mehr erlangen könne und die Hilfe Englands durch die Revolution ihm völlig verloren war, so trat er bei und ermächtigte am 29. December 1648 aus London seinen Oheim Ludwig Philipp, die rheinischen Lande für ihn in Empfang zu nehmen. Nachdem er noch das schauderhafte Ende des Königs Karl I. gesehen, eilte er auf das Festland, zuerst zu seiner Mutter nach Holland, dann nach Kassel, wo er sich mit Charlotte, der Tochter des Landgrafen Wilhelm V. und der Landgräfin Amalie Elisabeth von Hessen, verlobte. Am 7. October 1649 zog er in Heidelberg ein und begann sogleich mit vollem Ernst und gutem Geschick die schwierige Arbeit der Wiederherstellung des durch die lange Kriegszeit unsäglich zerrütteten und verarmten Landes. Er verstand es die Bewohner wieder mit dem Gefühle der Sicherheit zu erfüllen und zu segensreicher Arbeit in Stadt und Land anzuspornen; er setzte Belohnungen auf den Anbau der Felder und Weinberge, auf die Wiederbestellung der zerfallenen Häuser und Hütten; er zog durch Bewilligungen besonderer Vorrechte Colonisten herbei, um die auf den fünfzigsten Theil herabgesunkene Bevölkerungszahl wieder in die Höhe zu bringen. Seine Bemühungen wurden durch seinen aufgeklärten und toleranten Sinn ganz wesentlich gefördert, denn er gewährte den Bekennern verschiedener Confessionen, auch solcher, welche bis dahin unterdrückt waren, z. B. den Wiedertäufern und den sogenannten Sabbatariern, Schutz und Duldung und gewöhnte seine reformirten Pfälzer daran, sich mit Andersgläubigen zu vertragen und zu friedlicher Arbeit zu vereinigen. Er umgab sich mit treuen und tüchtigen Beamten (der Kanzler Johann Ludwig Mieg ist vor Allen zu nennen) und überwachte mit scharfem Blicke alle Zweige der Verwaltung; dem Finanz- und Steuerwesen, dem Gleichgewicht zwischen Einnahmen und Ausgaben, der Eröffnung neuer Hilfsquellen wandte er besondere Sorgfalt zu, selbst in die kleinsten Zweige des Staats- und Hoflebens suchte er Sparsamkeit und Ordnung einzuführen. Mit nicht geringerem Eifer wirkte er für die Wiederherstellung des Kirchen- und Schulwesens. Er besetzte die verwaisten Pfarreien wieder mit reformirten Predigern, bestellte den Kirchenrath und ließ die Kirchenordnung Friedrichs III. vom J. 1563 neu publiciren. Die unteren und mittleren Schulen begannen ihre Thätigkeit wieder und am 1. November 1651 wurde auch die Universität zu Heidelberg mit großer Feierlichkeit wieder eröffnet. Unter den Lehrkräften, welche K. L. für letztere allmählich gewann, zeichneten sich vor Allen Hottinger, Spanheim, Fabricius, J. F. Mieg als Theologen, Heinrich Cocceji, Bökelmann, Samuel Pufendorf als Juristen aus. Der letztere widmete bekanntlich dem Kurfürsten seine „Elementa jurisprudentiae universalis“ und schrieb hier unter dem Namen Severinus de Monzambano das berühmte Buch über den Zustand des deutschen Reiches. K. L. zeigte auch auf diesem Gebiete seine Toleranz und hohe geistige Bildung, indem er den Universitätslehrern freie Entfaltung ihrer geistigen Kräfte gestattete und nur im Allgemeinen die Bedingung stellte, daß die bestehende Religion nicht erschüttert werden dürfe. Daran scheiterte freilich die Berufung Spinoza's, welche der Kurfürst im J. 1673 wünschte. — Sonst wurde K. L. in den ersten Jahren viel durch die Verhandlungen in Anspruch genommen, welche die vollständige Durchführung des westfälischen Friedens erforderte. Es waren mannichfache Rechtsfragen mit den Fürsten und dem Adel der Nachbarschaft zu ordnen, es war vor Allem das Land von fremden Besatzungen zu befreien. Das kostete Zeit und Mühe; die Spanier zogen erst im Mai 1652 aus der Feste Frankenthal ab. Jetzt gestaltete sich auch das Verhältniß zum Kaiser freundlicher. K. L. machte demselben im October 1652 in Prag einen Besuch und begleitete ihn darnach nach Regensburg zum Reichstage, wo des Kaisers Sohn Ferdinand zum römischen König gewählt und gekrönt wurde. Hier entsagte K. L. dem alten Titel des Erztruchsessen des heiligen römischen Reiches, der mit der Kur an Baiern übergegangen war, und wurde dafür mit der Würde eines Erzschatzmeisters belehnt. Ferdinand III. war über das Auftreten des Kurfürsten, der allen Groll vergessen zu haben schien, so erfreut, daß er ihm 62 Römermonate nachließ und 36,000 Gulden in baarem Gelde schenkte. Während des langen Aufenthaltes in Regensburg erfuhr K. L. auch bitteren Schmerz. Seine Gemahlin Charlotte von Hessen gebar hier einen Sohn Friedrich, der nicht ohne Verschulden der vergnügungssüchtigen Mutter gleich wieder starb (12. Mai 1653). Die Ehe mit der kalten, hoffärtigen und unbiegsamen Landgräfin war überhaupt keine glückliche. In der Folge steigerte sich die gegenseitige Abneigung so sehr, daß K. L. den Entschluß faßte, sich von Charlotte zu trennen und ihre Hofdame Luise v. Degenfeld, zu der er schon lange heimliche Neigung gefaßt hatte, zur Gemahlin zu nehmen. Er setzte trotz aller Schwierigkeiten und Bedenken seinen Willen durch und ließ sich am 6. Januar 1658 mit Luise v. Degenfeld, die den Titel Raugräfin erhielt, zur linken Hand trauen. Charlotte blieb noch einige Zeit in Heidelberg und kehrte erst 1662, nachdem alle Vermittlungsversuche gescheitert waren, nach Kassel zurück. Außer diesen Ehezwistigkeiten hatte K. L. auch politische Verwickelungen, zuerst mit dem Pfalzgrafen Christian August von Sulzbach, der zum Katholicismus übergetreten war und in der gemeinschaftlichen Stadt Weiden (Oberpsalz) den katholischen Cultus begünstigte, dann mit dem Kurfürsten von Baiern wegen des Reichsvicariats, welches nach dem Tode des Kaisers Ferdinand III. (König Ferdinand IV. war schon ein Jahr nach seiner Wahl gestorben) beide beanspruchten. Durch diesen Streit war K. L. so erbittert, daß er auf dem Wahltage zu Frankfurt (1658) dem kurbaierischen Gesandten, der in einem Vortrage die Rechte seines Herrn mit starken Ausfällen gegen die Pfalz vertheidigte, das Tintenfaß an den Kopf warf. Darüber wäre es beinahe zum Kriege zwischen den wittelsbachischen Linien gekommen. Doch die übrigen Kurfürsten traten vermittelnd dazwischen. Der Streit um das Vicariat selbst wurde erst im folgenden Jahrhundert beigelegt. Bei der Königswahl stimmte K. L. schließlich für den Erzherzog Leopold, (18. Juli 1658), nachdem er zuvor mit den übrigen rheinischen Kurfürsten und Baiern sich in einen unrühmlichen Bund zur Wahl Louis XIV. eingelassen hatte. Bei der Entschiedenheit, mit der K. L. auf der Ausübung seiner alten und neuen Rechte bestand, konnten Streitigkeiten mit den eifersüchtigen Nachbarn nicht ausbleiben. Mainz, Worms, Speier, Straßburg, Trier, Hessen, Lothringen fühlten sich insbesondere durch das pfälzische Wildfangsrecht beschwert. Nach langem Federstreit brachen darüber im J. 1665 offene Feindseligkeiten aus, die erst nach zwei Jahren durch die Intervention Frankreichs und Schwedens, der Bürgen des westfälischen Friedens, zu Gunsten Karl Ludwigs beendet wurden. Eine Fehde mit Lothringen, in der K. L. bei Bingen eine Niederlage erlitt (26. September 1668), wurde durch Vermittlung des Kaisers und des Königs von Frankreich beigelegt. Der Tod des Pfalzgrafen Moriz Ludwig Heinrich (December 1673) bereicherte den Besitz des Kurfürsten durch den Rückfall von Simmern, war aber die Veranlassung eines neuen Krieges mit Mainz, welches von der Erbschaft das Amt Böckenheim (am linken Naheufer) beanspruchte. Im Mai 1676 verstanden sich beide Theile dazu das streitige Amt in kaiserliche Sequestration zu geben. Ein gütlicher Ausgleich, nach welchem das Amt zum größten Theil an Kurpfalz kam, ist erst im J. 1714 erfolgt. — Schwere Drangsale kamen wieder über das pfälzische Land durch den Krieg, der im J. 1672 zwischen dem Kaiser und dem König von Frankreich ausbrach. Der Kurfürst, der im J. 1671 seine Tochter Elisabeth Charlotte mit dem Herzog Philipp von Orleans, dem Bruder Louis XIV., vermählt hatte, wollte sich anfangs mit Frankreich verbinden, faßte aber nachher den nicht weniger unpatriotischen Entschluß neutral zu bleiben. Erst die Erpressungen und Mordbrennereien, welche die Franzosen in seinem Lande verübten, erinnerten ihn an seine deutsche Pflicht. Er unterhandelte mit dem Kaiser wegen eines Bündnisses. Die Franzosen, rechtzeitig davon benachrichtigt, eilten Rache zu nehmen und verheerten auf das Schonungsloseste das pfälzische Gebiet, besonders die Gegend um Germersheim, das zu einem kaiserlichen Waffenplatz bestimmt war. Die kaiserlichen Truppen, welche die Pfalz beschützen sollten, wurden bei Sinsheim von Türenne geschlagen (Juni 1674). Als sich der kaiserliche Feldherr bald darnach zurückzog, lag die Pfalz den Feinden vollständig offen. Die Stadt Weinheim und ihre Umgebung und die blühenden Ortschaften am Hartgebirge wurden aufs gräßlichste ausgeplündert und verwüstet. Als später die Franzosen am Oberrhein von den Kaiserlichen zurückgedrängt wurden, blieben sie doch noch im Besitz der Feste Philippsburg und sie machten so rücksichtslos davon Gebrauch, daß K. L. es für gut fand, sich vertragsmäßig mit ihnen abzufinden und eine Entschädigungssumme zu zahlen. Als auch dies nichts half, wandte K. L. alle Mühe auf, um seine Verbündeten zu ernstlichen Maßregeln anzuspornen. Philippsburg wurde belagert und mußte sich am 7. September 1676 ergeben. In demselben Jahre fochten die kurpfälzischen Truppen in der südlichen und westlichen Pfalz, konnten aber die Stadt Zweibrücken vor der Zerstörungswuth der Franzosen nicht retten. Als endlich im J. 1679 der Friede von Nimwegen geschlossen wurde, erhielt die Pfalz noch keine Ruhe. Zunächst verlangte Louis XIV. noch Contributionen und angebliche Guthaben seiner Garnisonen, dann richtete er die berüchtigten Reunionskammern ein, von denen die zu Metz z. B. die von dem Bisthum zu Lehen rührenden deutschen Gebiete, darunter die Grafschaft Zweibrücken, für Frankreich beanspruchte. Schon rückten die Franzosen wieder in die Grenzgebiete ein, um sich gewaltsam in Besitz zu setzen und von kurpfälzischen Unterthanen den Treueid zu fordern. Vergeblich suchte K. L. durch staatsrechtliche Ausführungen und eine besondere Gesandtschaft dem König sein Unrecht darzuthun, und so wenig wie er richteten Kaiser und Reich zusammen aus. Es war Deutschlands elendeste Zeit, in der der übermüthige Nachbar das zersplitterte ohnmächtige deutsche Reich ungestraft verhöhnen konnte. Den Ausgang hat K. L. nicht mehr erlebt; er starb am 28. August 1680 im 63. Jahre seines Lebens. Mit welchem Recht er der Wiederhersteller der Pfalz genannt zu werden verdient, zeigt die Thatsache, daß|er trotz des 30jährigen Krieges, trotz der Schäden, welche der französische Krieg angerichtet hatte, seinem Sohn und Nachfolger ein schuldenfreies Land und noch baares Geld hinterlassen konnte. Von seiner rechtmäßigen Gemahlin Charlotte von Hessen hatte er zwei Kinder, den kränklichen Kurprinzen Karl, mit dem schon nach fünf Jahren die simmersche Linie endete, und die Prinzessin Elisabeth Charlotte, die bekannte vortreffliche Gemahlin des Herzogs von Orleans. Die Raugräfin Luise v. Degenfeld, welche schon im März 1677 gestorben war, hatte dem Kurfürsten 14 Kinder geboren, von denen bei seinem Tode noch fünf Söhne und drei Töchter am Leben waren. Sie erhielten den Titel ihrer Mutter, waren aber sonst nicht erbfähig, da die Raugräfin am 31. December 1667 für sich und ihre Nachkommen auf alle Erbansprüche an die Pfalz verzichtet hatte.

    • Literatur

      (D. L. Wundt), Versuch einer Geschichte des Lebens und der Regierung Karl Ludwigs, Kurfürsten von der Pfalz. Genf 1786. F. J. Lipowsky. Karl Ludwig. Kurfürst von der Pfalz und Marie Susanne Luise, Raugräfin von Degenfeld. Sulzbach 1824. L. Häusser, Geschichte der Rheinischen Pfalz. 2. Bd. Heidelberg 1856.

  • Autor/in

    K. Menzel.
  • Empfohlene Zitierweise

    Menzel, K., "Karl I. Ludwig" in: Allgemeine Deutsche Biographie 15 (1882), S. 326-331 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118560182.html#adbcontent

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