Lebensdaten
erwähnt 1389 oder 1450
Geburtsort
Mühlhausen (?)
Sterbeort
Prag
Beruf/Funktion
jüdischer Gelehrter ; Theologe
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 100997600 | OGND | VIAF: 289365363
Namensvarianten
  • Lipmann-Mühlhausen, Tabjomi
  • Muelhausen, Yom Tov Lipmann
  • Mühlhausen, Lipmann von
  • mehr

Quellen(nachweise)

Verknüpfungen

Von der Person ausgehende Verknüpfungen

Personen im NDB Artikel

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Auf der Karte werden im Anfangszustand bereits alle zu der Person lokalisierten Orte eingetragen und bei Überlagerung je nach Zoomstufe zusammengefaßt. Der Schatten des Symbols ist etwas stärker und es kann durch Klick aufgefaltet werden. Jeder Ort bietet bei Klick oder Mouseover einen Infokasten. Über den Ortsnamen kann eine Suche im Datenbestand ausgelöst werden.

Zitierweise

Lipmann, Jom Tob, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd100997600.html [26.10.2020].

CC0

  • Genealogie

    Der Herkunftsort L.s läßt sich nicht eindeutig feststellen. In d. Lit. wird meist Mülhausen im Elsaß genannt, näherliegend wäre es, an Mühlhausen in Südböhmen od. b. Erfurt zu denken. - V Salomo.

  • Leben

    Seit Ende der 80er Jahre lebte L. in Prag, wo er 1407 als judex Judaeorum bezeichnet wird. Er besaß eine gründliche Kenntnis der Bibel und des Talmud, beherrschte die lat. Sprache und war in der jüd. Philosophie bewandert. Er war vertraut mit dem Neuen Testament und den Kirchenvätern und kannte die polemische Literatur zu den jüd.-christlichen Streitfragen. Graetz nennt ihn „den ersten und vielleicht einzigen gebildeten deutschen Juden im Mittelalter“. L. verwandte viel Zeit auf die Visitation jüd. Gemeinden, um die Beachtung der Halacha zu kontrollieren, sich mit den verschiedenen Sitten vertraut zu machen und Mißstände abschaffen zu helfen. So läßt sich sein Auftreten in Krakau, Lindau und Erfurt nachweisen, wo er Regeln für das Schreiben von Gesetzes-Schriftrollen, für den liturgischen Gesang u. dgl. aufstellte. Sie fanden weite Verbreitung und wurden nach ihm benannt. L. pflegte eine umfangreiche Korrespondenz mit Talmudisten (Jakob Moellin, Jakob ben Juda Weil) und gelehrten Zeitgenossen. Der Konstanzer Bischof lud ihn zu einer Disputation ein, die in freundlicher Atmosphäre geführt wurde. Seine berühmteste|Disputation führte er mit dem Apostaten Pesah (Peter), der 1389 ungeheuerliche Anschuldigungen gegen die Juden vorgebracht hatte. L. konnte freilich nicht verhindern, daß 80 Juden auf Grund des „Prager Edikts“ hingerichtet wurden. 1390 legte er seine Gedanken, wie er sie in den verschiedenen Disputationen vorgetragen hatte, in der polemischen Schrift „Sefer ha-Nizzachon“ nieder. Dieses Werk, das die bisherige polemische Literatur zusammenfaßt, die einzelnen Themen jedoch originell, scharfsinnig und auch humorvoll behandelt, sollte als Anleitung für Disputationen mit Christen dienen. Es wurde vielfach abgeschrieben, jedoch erst 1644 im Druck herausgegeben und zwar vom prot. Theologen Theodor Hackspan ( 1659, s. ADB X). Die erste jüd. Edition erschien in Amsterdam 1701. Eine lat. Übersetzung (außer den Stellen vom Pentateuch) bot Joh. Heinr. Blendinger 1645. Durch diese Veröffentlichungen entstand eine rege Diskussion, an der sich Stephan Bodecker, Stephan Gerlow, Ch. Schotan, Joh. Bustorf, Joh. Christoph Wagenseil und andere beteiligten.

    Die weiteren Werke L.s wurden nach 1407 geschrieben: sie behandeln Themen der Kabbala, Halacha und Philosophie in der dreifachen Absicht, die Häretiker zu widerlegen, die philosophische Wahrheit zu ergründen und die kabbalistische Mystik zu fördern. Noch einmal trat L. hervor: Zwischen 1440 und 1450 gehörte er zu den Führern der Erfurter Versammlung der deutschen (aschkenasischen) Juden. Wenig später wird er gestorben sein. L. ist nicht nur für die jüd. Religions- und Philosophiegeschichte von Bedeutung, sondern auch für das Verhältnis zwischen Juden und Christen um 1400.

  • Literatur

    H. Graetz, Gesch. d. Juden v. d. ältesten Zeiten bis auf d. Gegenwart VIII, 1864;
    J. Kaufman, Y. T. L. M., 1927 (W, L);
    B. Mark und E. Kupfer, in: Bieter far Geshikhte 6, 1953, S. 79-83;
    E., Kupfer, in: Sinai 56, 1965, S. 330-42;
    ders. u. S. Loewinger, ebd. 60, 1967, S. 237-68;
    Enc. Jud. X, 1934 (W, L);
    Enc. Jud. XII, 1971 (W, L, unter Muelhausen, Yom Tov Lipmann).

  • Autor/in

    Franz Menges
  • Empfohlene Zitierweise

    Menges, Franz, "Lipmann, Jom Tob" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 644 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100997600.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Mühlhausen: Lipman M., jüdischer Theologe im 14. Jahrhundert. M. scheint seine Heimathsstadt, deren Namen er trägt, frühzeitig verlassen und noch als junger Mann in Prag seinen Aufenthalt genommen zu haben, wo er von Simson Baruch-Scheamar, dessen Schrift später durch einen Anhang von ihm ergänzt wurde, manche Unterweisung empfing. Er erwarb sich umfassende talmudische Kenntnisse, fand aber mehr Geschmack an dem Studium der kabbalistischen, religionsphilosophischen und exegetischen Litteratur, von der er, ohne gerade in dieselbe tief eingelesen zu sein, den für seine Zwecke angemessenen Gebrauch zu machen verstand. Durch die hussitische Bewegung traten damals in Prag dogmatische Streitfragen in den Vordergrund. Es konnte nicht ausbleiben, daß auch jüdische Gelehrte veranlaßt wurden, über einzelnes Einschlägige ihre Meinung zu äußern, wodurch auch M., der mit christlichen Theologen in persönlichem Verkehr stand, angeregt wurde, sich mit dem Inhalte des neutestament- lichen Schriftthums bekannt zu machen. In der Voraussicht daß wol in dieser Zeit das Judenthum von Angriffen nicht verschont bleiben werde, verfaßte er, als er Rabbiner in Prag war, ein Werk „Nizzachon (Widerlegung)“ betitelt, eine Apologie des Judenthums, in welcher er dessen Lehren nach allen Seiten hin rechtfertigt, in Form eines Commmtars zu den Schriftstellen, welche der christologischen Auffassung eine Handhabe boten oder von Rationalisten und Sectirern als Angriffsmaffe gegen den herkömmlichen Glauben benutzt wurden. M. nimmt keinen Anstand, da, wo es ihm passend scheint, die talmudische Schrifterklärung aufzugeben und seine eigene an deren Stelle zu setzen, nichtsdestoweniger bewegt er sich nur in einem engen Gedankenkreise und muß zu künstlichen Auslegungen seine Zuflucht nehmen. Ein anderes Werk (Tikkun), das Vorschriften und Erläuterungen über die ritualmäßige Anfertigung von Pentateuchrollen, Scheidebriefen u. dgl. enthielt, wird von zeitgenössischen Autoritäten citirt. Im J. 1399 mußte M. in Folge der böswilligen Anklagen des Apostaten Peter mit vielen seiner Glaubensgenossen in den Kerker wandern. Es gelang ihm zwar, dieselben zu entkräften, aber er konnte es nicht verhindern, daß die meisten der mit ihm Verhafteten ein Jahr darauf hingerichtet wurden. Da er wol in Prag|sich nicht mehr sicher fühlte, zog er nach Krakau, wo er (1420) fein oben erwähntes apologetisches Werk in weiteren Kreisen bekannt machte.

    • Literatur

      Wolf, Bibliotheca hebraea, I, p. 734 ff.; Zunz, Zur Geschichte und Litteratur, S. 104; Ders., Nachtrag zur Litteraturgeschichte der synagogalen Poesie. S. 45, 46; S. Sachs, Kerem chemed, 8, S. 206 A.; Grätz, Geschichte der Juden, Bd. 8, S. 76—78.

  • Autor/in

    Brüll.
  • Empfohlene Zitierweise

    Brüll, Adolf, "Lipmann, Jom Tob" in: Allgemeine Deutsche Biographie 22 (1885), S. 475-476 unter Mühlhausen, Lipman [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100997600.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA