Lebensdaten
1880 bis 1933
Geburtsort
Breslau
Sterbeort
Neubabelsberg bei Berlin
Beruf/Funktion
Psychologe
Konfession
keine Angabe
Normdaten
GND: 117042684 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Lipmann, Otto

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Zitierweise

Lipmann, Otto, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117042684.html [16.10.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Emmo, Kaufm. in Breslau;
    M Hulda Salomon;
    Gertrud, T d. Kaufm. Oscar Wendriner u. d. Bertha Hamburger;
    1 S, 1 T.

  • Leben

    L. absolvierte nach dem Besuch des Gymnasiums eine kaufmännische Lehre, studierte dann in München und Berlin Psychologie und wurde 1904 in Breslau aufgrund der Arbeit „Der Einfluß der einzelnen Wiederholungen auf verschieden starke und verschieden alte Associationen“ zum Dr. phil. promoviert. Seit 1906 war er neben William Stern Leiter des Instituts für angewandte Psychologie und psychologische Sammelforschung in Berlin. Seine Mitarbeiter waren Walter Bade, Otto Bobertag, Benno Kern und Paul Plaut. 1916 übernahm er die alleinige Leitung des Instituts. Zusammen mit Stern gab er die „Zeitschrift für angewandte Psychologie“ (1906-33) heraus, durch die er weithin bekannt wurde. 1926-30 war er wissenschaftlicher Sekretär des Arbeitsleistungsausschusses der deutschen Wirtschafts-Enquete. Noch im Dez. 1932 erhielt er einen Lehrauftrag für Psychologie der Arbeit, den er allerdings aus politischen Gründen nicht wahrnehmen konnte. Als die „Zeitschrift für angewandte Psychologie“ von den Nationalsozialisten verboten wurde und der SA angehörende Studenten sein Institut verwüsteten, setzte L. seinem Leben selbst ein Ende.

    L. ist neben H. Münsterberg, W. Moede, F. Giese und Erich Stern, mit denen er auch in wissenschaftlichem Kontakt stand, einer der Begründer der angewandten Psychologie nicht nur in Deutschland, sondern auch international gesehen. In einer Zeit, in der sich die Psychologie überwiegend als eine Grundlagenwissenschaft – z. T. naturwissenschaftlich, z. T. geisteswissenschaftlich orientiert – verstand, zeigte L. sowohl in theoretischen und programmatischen Arbeiten als auch in empirischen Untersuchungen die Bedeutung der Psychologie für eine Vielzahl von Anwendungsfeldern auf. Er erkannte, daß die angewandte Psychologie für ihre Entwicklung nicht nur auf experimentelle Laborforschung angewiesen war, sondern für Organisation und Dokumentation einer Zentralstelle bedurfte. So hatte er durch Forschung und Koordination prägenden Einfluß auf die Entstehung und Entwicklung der forensischen Psychologie (Grundriß der Psychologie für Juristen, 1908) der psychologischen Diagnostik (Handbuch psychologischer Hilfsmittel der psychiatrischen Diagnostik, 1922), der pädagogischen Psychologie (Grundriß der Psychologie für Pädagogen, 1909), vor allem aber der Arbeitspsychologie (Das Arbeitszeitproblem, 1924, 21926; Unfallursachen und Unfallbekämpfung, 1925; Grundriß der Arbeitswissenschaft und Ergebnisse der arbeitswissenschaftlichen Statistik, 1926) und der Berufspsychologie (Berufseignung, Berufswahl, Berufsberatung, 1922). Als Herausgeber bzw. Mitherausgeber dreier Fachzeitschriften (neben der oben genannten: Schriften zur Psychologie der Berufseignung und des Wirtschaftslebens, mit W. Stern, 1918–33; Annalen der Betriebswirtschaft und der Arbeitsforschung 1927 ff.) trug er zu Fortschritten in der angewandten Psychologie bei. Pionierarbeit leistete L. durch die Entwicklung empirischer Methoden in der Arbeits- und Berufspsychologie, etwa mit seiner „Frageliste zur psychologischen Charakteristik der mittleren (kaufmännischen, handwerklichen und industriellen) Berufe“ (1918). Auch die Einführung und Vervollkommnung statistischer Methoden in der empirischen Psychologie hat er wesentlich gefördert. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß L. mit der Praxis brach, wissenschaftliche Erkenntnis – wie im Taylorismus üblich – unreflektiert in den Dienst der Arbeitsorganisation zu stellen. Er suchte die Beziehung zwischen Arbeitspsychologie und gesellschaftlicher Interessenlage explizit zu machen, indem er fragte, in wessen Interesse, von wem und unter welchen Voraussetzungen Arbeitspsychologie betrieben werden solle. Dabei modifizierte er allerdings im Laufe der Zeit die eigene Position. Zunächst kämpfte er gemeinsam mit Stern für die Bindung des Fachs an die Berufsberatung in Kooperation mit Schulen und Arbeitsämtern und dachte nicht an betriebs- und ingenieurwissenschaftlich orientierte Unternehmensberatung. Später setzte er sich – interessenneutral – für eine angewandte Psychologie ein, die der Theorie verpflichtet sein sollte, und eine darauf aufbauende Psychotechnik, die keine Wissenschaft sein, sondern an ihrer Nützlichkeit in der Praxis gemessen werden sollte. – Die von L. initiierte Arbeit konnte in Deutschland nicht im erhofften Umfang weitergeführt werden, da – bedingt durch die politischen Ereignisse – viele Vertreter der jungen angewandten Psychologie emigrierten, dabei allerdings auch Ideen L.s über die Grenzen trugen, insbesondere in die USA.

  • Werke

    Weitere W u. a. Die Wirkung v. Suggestivfragen, 1918;
    Tatbestandsdiagnostik, 1917;
    Psychologie u. Schule, 1920;
    Abzählende Methoden u. ihre Verwendung in d. psycholog. Statistik, 1921;
    Über Begriff u. Formen d. Intelligenz, 1924;
    Lehrb. d. Arbeitswiss., 1931. - W-Verz.:
    The Psychological Register, ed. by C. Murchison, 1929, S. 449-51 u. 1932, S. 839 f.

  • Literatur

    F. Giese, Methoden d. Wirtsch.psychol., 1927;
    P. Plaut (Hrsg.), Festschr. O. L. z. 50. Geb.tag, 1930 (W-Verz., P);
    W. Stern, in: American Journal of Psychol. 46, 1934, S. 152-54;
    A. Mayer u. B. Herwig, Hdb. d. Psychol. IX, Betriebspsychol., 1961;
    F. Dorsch, Gesch. u. Probleme d. angewandten Psychol., 1963;
    Die Psychol. d. 20. Jh., Bd. 13, Anwendungen im Berufsleben, hrsg. v. F. Stoll, 1981, S. 94 (W);
    Kürschner, Gel.-Kal. 1931 u. 1935;
    Rhdb. (P);
    Enc. Jud. XI, 1971 (P).

  • Autor/in

    Lutz von Rosenstiel
  • Empfohlene Zitierweise

    Rosenstiel, Lutz von, "Lipmann, Otto" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 645 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117042684.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA