Lebensdaten
1569 bis 1627
Geburtsort
Feldsberg (?)
Beruf/Funktion
österreichischer Staatsmann ; Vizekönig von Böhmen
Konfession
evangelisch,katholisch
Normdaten
GND: 118720899 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Liechtenstein, Karl Graf von (bis 1608)
  • Liechtenstein, Karl I. Fürst von und zu
  • Liechtenstein, Karl Graf von (bis 1608)
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Zitierweise

Liechtenstein, Karl I. Fürst von und zu, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118720899.html [17.10.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Hartmann II. (1544–85), kaiserl. Rat, Mitgl. d. Ausschusses d. ev. Stände Niederösterreichs, S d. Georg Hartmann I. (1513–62) u. d. Susanna v. Liechtenstein v. Nikolsburg;
    M Anna (1547–1601), T d. Gf. Karl v. Ortenburg u. d. Maximiliane Gfn. v. Haag;
    Ov Georg Erasmus (1547–91), Rat, Kämmerer u. Oberststallmeister d. Erzhzg. Maximilian III., Heinrich IX. (1554–85), Obersthofmeister d. Erzhzg. Matthias, kaiserl. Gesandter in Konstantinopel, Joh. Septimius (1558–96);
    Tanten-v Anna Susanna ( Bernhard Gf. zu Hardegg, 1613), Judith ( Helmhart Jörger v. Tollet, 1580);
    B Maximilian (1578–1643), Feldherr, Gundakar (1580–1658), Staatsmann, Obersthofmeister Kaiser Ferdinands II.;
    - 1592 (1596 ?) Anna Maria ( 1625), T d. Jan Sembera Czernohorsky v. Boskowitz ( 1597) u. d. Anna v. Krajk;
    5 K, u. a. Karl Eusebius (1611–84), Nachf. L.s, bedeutender Kunstsammler u. Mäzen, Anna Maria ( Maximilian Fürst Dietrichstein, kaiserl. Minister, 1655), Franziska Barbara ( Werner Gf. Tilly);
    E Johann Adam (s. 2).

  • Leben

    Nach der Ausbildung in der Akademie der Mähr. Brüder in Eibenschütz b. Brünn, dem Studium an der Univ. Genf und der Kavalierstour in Frankreich war L. als eine der führenden Persönlichkeiten des prot. Adels seit 1595 in leitenden Funktionen des mährischen Landrechts tätig (1596 Beisitzer, 1599 Oberstlandrichter). Seit dem Tode seines Onkels Johann Septimius 1596 war er Senior der Familie. 1598 teilte er den Familienbesitz zwischen sich und seinen Brüdern Maximilian und Gundakar auf. Die am 29.10.1606 unterzeichnete „Erbeinigung“ bestimmte als neues Hausgesetz u. a. die Unveräußerlichkeit des Familienbesitzes und führte das Prinzip der Primogenitur ein. L. wurde zum|alleinigen „Regierer“ des Hauses Liechtenstein. Unter dem Eindruck der Persönlichkeit des 1599 zum Erzbischof von Olmütz ernannten späteren Kardinals Franz Fürst v. Dietrichstein, der treibenden Kraft der kath. Reformation in Mähren, trat er 1599 zum kath. Glauben über. Im Frühjahr 1600 berief ihn Kaiser Rudolf II. als Obersthofmeister und Vorsitzenden des Geh. Rates nach Prag. L. war bis 1604 für die Außen- und Innenpolitik Rudolfs verantwortlich. Im Herbst 1604 löste er als neuer Landeshauptmann von Mähren Ladislaus Gf. Berka ab. Ein von L. und dem Kardinal v. Dietrichstein geführtes landständisches Heer vertrieb die 1605 in Mähren eingedrungenen Truppen Stephan Bocskays. Am Zustandekommen des von Rudolf II. innerlich stets abgelehnten Wiener Friedensvertrags vom 23.6.1606, der den Ungar. Ständen weitgehend die Erfüllung ihrer politischen und religiösen Forderungen einräumte, hatte L. als Bevollmächtigter des Erzhzg. Matthias wesentlichen Anteil. Seit Beginn des Jahres 1606 war L. wieder als Obersthofmeister in Prag tätig. Er erhielt 1606 das Prädikat „Hoch- und Wohlgeboren“ und 1607 das große Palatinat. Nachdem er das Vertrauen des Kaisers verloren hatte, trat er im Dez. 1607 als Obersthofmeister zurück. Er schloß sich Erzhzg. Matthias an, in dessen Gefolge er als einer der vornehmsten Vertreter des mähr. Adels einen wichtigen Platz einnahm. Auf Betreiben L.s wurde der kaisertreue mähr. Landeshauptmann Ladislaus Gf. Berka 1608 vom Landtag gewaltsam abgesetzt und L. an die Spitze einer provisorischen Regierung gewählt, die Erzhzg. Matthias im Lande begrüßte. Mit der Huldigung durch die mähr. Stände im Aug. 1608 trat Matthias offiziell die Regentschaft in der Mgfsch. Mähren an. Am 20.12.1608 erhob Matthias L. in den erblichen Fürstenstand. L. behielt bis zum Ende des Bruderzwists großen Einfluß auf die Politik des Erzhzg. und Kg. Matthias, wenn auch schon bald die Konkurrenz mit Bischof Klesl deutlich wurde. Die Dominanz, die dieser am Hofe Matthias' erlangte, bewirkte den zeitweiligen Rückzug L.s vom politischen Tagesgeschehen. Nachdem er noch 1611 die Braut des Kg. Matthias von Innsbruck nach Wien geleitet hatte, machte er 1612 endgültig Bischof Klesl Platz. L. war in den folgenden Jahren bemüht, zu seinem Fürstentitel auch das nötige Land zu erhalten. 1614 wurde er von Kaiser Matthias mit dem schles. Hzgt. Troppau belehnt. Rechtliche Unklarheiten bewirkten, daß die Huldigung der Troppauer Stände erst nach der Schlacht am Weißen Berg vollzogen werden konnte. Während der Wirren des böhm. Aufstandes bezogen L. und seine Brüder unmißverständlich Partei für Kg. Ferdinand, was den Verlust fast des gesamten Familienbesitzes in Schlesien und Mähren zur Folge hatte. L. floh aus Brünn nach Wien. 1620 schloß er sich als kaiserl. Generalbevollmächtigter dem Heere des Gf. Buquoy an und nahm an der entscheidenden Schlacht am Weißen Berg teil. Als Hzg. Maximilian I. von Bayern Prag schon wenige Tage nach dem kaiserl. Sieg verließ, bestellte Kaiser Ferdinand II. L. zu seinem „subdelegirten commissarius“ und Stellvertreter in Prag, der dem militärischen Erfolg auch zur realpolitischen Effizienz verhelfen sollte. L. versuchte die nach wie vor sehr unruhige und gespannte Situation in Böhmen mit Umsicht und dem Einsatz aller politischen, militärischen und finanztechnischen Möglichkeiten unter Kontrolle zu bringen. Der von Kaiser Ferdinand II. persönlich angeordneten Exekution der führenden Mitglieder des böhm. Aufstandes am 21.6.1621 in Prag folgte die rigorose Neuverteilung des Grundbesitzes, die zur tiefgreifenden Um- und Neustrukturierung Böhmens führte. L. rechtfertigte das in ihn gesetzte Vertrauen und wurde vom Kaiser am 17.1.1622 zum ordentlichen Statthalter und Vizekönig von Böhmen bestellt, ein Amt, das er bis zu seinem Tode 1627 innehatte. Der Erwerb eingezogener Güter vermehrte den Liechtenstein. Besitz wesentlich. 1622 wurde L. mit dem schles. Hzgt. Jägerndorf belehnt. L. stand auf dem Höhepunkt seiner Macht, die im prunkvollen, neu angeschafften liechtenstein. Herzogshut ihr nach außen sichtbares Zeichen fand. Daß L. der von Kaiser Ferdinand II. und dem Kardinal v. Dietrichstein geforderten rigorosen Rekatholisierung Böhmens nur allmählich nachzukommen sich imstande sah, belastete vorübergehend sein Verhältnis zum Kaiser. Als er starb, hinterließ er seinem Sohn und Nachfolger Karl Eusebius einen geordneten Länderkomplex, der für Jahrhunderte die wirtschaftliche Basis sowohl für kunstsinniges Mäzenatentum bildete als auch für den Einfluß, den das Haus Liechtenstein auf die kaiserl. Politik ausübte. – Orden vom Goldenen Vlies (1622).

  • Literatur

    J. v. Falke, Gesch. d. fürstl. Hauses L. II, 1877, S. 125-242;
    H. Bohatta, Liechtenstein. Bibliogr., 1911, S. 59-64 (L);
    K. Stloukal, Karel z Lichtenštejna a jeho účast ve vládě Rudolfa II. (1596–1607), in: Český Časopis Historický 18, 1912;
    G. Wilhelm, Fürst K. v. L. u. s. genealog. u. herald. Bestrebungen, in: Neues Jb. d. herald.-genealog. Ges. „Adler“ 2, 1947/50;
    H. Haupt, Fürst Karl I. v. L., Obersthofmeister Kaiser|Rudolfs II. u. Vizekg. v. Böhmen: Hofstaat u. Sammeltätigkeit, Ed. d. Qu. aus d. liechtenstein. Hausarchiv, 2 Bde., 1983.

  • Portraits

    Gem. (Vaduz, Fürst Liechtenstein. Slgg.);
    Münzbildnisse (Wien, Kunsthist. Mus.).

  • Autor/in

    Herbert Haupt
  • Empfohlene Zitierweise

    Haupt, Herbert, "Liechtenstein, Karl I. Fürst von und zu" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 515-517 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118720899.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Liechtenstein: Karl, Herr von L., erster Fürst seines Hauses, geb 1569, am 12. Febr. 1627; ältester Sohn Hartmanns II. ( 1585) von Liechtenstein-Nikolsburg aus dessen Ehe mit Anna, Gräfin von Ortemburg, die ihrem Gatten 5 Söhne und 4 Töchter gebar, — der Begründer eines neuen und bleibenden Aufschwunges seines in Oesterreich und Mähren reichbegüterten Hauses, von welchem Besitze ihm seit der Theilung von 1591 die Herrschaften Feldsberg und Baumgarten in Oesterreich und Eisgrub (Lednice) in Mähren zugefallen waren. v. L. war wie alle seine Familiengenossen im evangelischen Glauben ausgewachsen und genoß seine Jugendbildung wie andere Kavaliere Mährens an der ihrer Zeit berühmten Schule der „Brüder“ zu Eibenschütz (Jvancice), unter der Leitung des berühmten Esrom Rüdiger, vormals Rectors in Zwickau, dann Universitätsprofessors zu Wittenberg. Hier in Eibenschütz traf L. mit seinem Altersgenossen Karl von Zierotin zusammen. Mit ihm dürfte er auch, nach damaligem Brauche des bildungsfreundlichen Protestantenadels die höheren Schulen in Basel und Genf besucht haben. 1589 finden wir beide Jugendfreunde in Wien beisammen. 1593 erscheint er als Hauptmann des Hradischer Kreises und 1594 bereits als Beisitzer des mährischen Landrechts, der wichtigsten Sphäre ständischer Verwaltung und Autonomie, welche damals in ihrem Höhepunkte stand. — Bald aber tritt ein Wendepunkt im Leben von Liechtenstein's ein, der ihn von seinen bisherigen Glaubensgenossen scheidet; es ist das Emporkommen der katholischen Partei im mährischen Ständethum, deren Seele der junge, hochstrebende Kardinalbischof von Olmütz, Franz von Dietrichstein, neben Berko von Duba wurde. Wir dürfen den Glaubenswechsel v. Liechtenstein's und seiner Brüder nicht blos dem persönlichen Einfluß des genannten Kirchenfürsten oder religiösen Ueberzeugungen, sondern sicherlich auch politischen Rücksichten zuschreiben: nichtsdestoweniger zeigt von L. in seinem confessionellen Verhalten den vollen Eifer des Convertiten, dem am 5. Septbr. 1599 Papst Clemens VII. ein anerkennendes Schreiben durch Dietrichstein zustellen ließ. Um diese Zeit hatte bereits die Vermählung v. Liechtenstein's mit der älteren der beiden Erbtöchter des Herrn Schembera auf Boskowitz, Anna Maria, wichtige Folgen für den Anwachs seines Bisthums. Denn schon am 29. Mai 1597 war der Schwiegervater, als letzter männlicher Sprosse eines der ältesten und angesehensten Herrengeschlechter Mährens gestorben, und hinterließ den beiden Töchtern, deren jüngere, Katharina, mit Max, dem nächst älteren, noch lebenden Bruder v. Liechtenstein's seit 1597 ehelich verbunden war, — namhaftes Erbgut, wovon die Herrschaften Czernahora und Aussee für K. v. L. entfielen. Diesem hatte seine Gattin den 7. Decbr. 1597 einen Sohn geboren. Die Bahn der Hofämter und Landeswürden betrat v. L. bereits frühzeitig. 1592 nennt ihn Erzherzog Mathias brieflich seinen Kämmerer; 1599 bekleidet er das Amt des Oberstlandrichters Mährens, und schon 1600 wird er als kaiserlicher Geheimrath und Verwalter des Obersthofmeisteramtes nach Prag berufen. Es war dies zur Zeit als sich bereits sein Glaubenswechsel vollzogen und der Sturz des bisherigen Obersthofmeisters Rudolfs II., Grafen Trautsohn, einen der einflußreichsten Posten am Kaiserhofe erledigt hatte. In dieser Berufsstellung kam er bald mit seinem bisherigen Freunde, dem Olmützer Kardinalbischof Dietrichstein, in Mißhelligkeiten. Letzterer trat nämlich als Verfechter der Sache des Raygener Benedictinerklosters, des ältesten in Mähren auf, als v. L. bei dem Kaiser (Herbst 1601) die genannte Propstei zum Sitze einer von ihm dotirten Jesuitenschule machen wollte, und durchkreuzte diese Absicht, — während v. L. wieder das Anliegen des Fürstbischofs, Cardinalprotector der katholischen Kirche in Deutschland zu werden, zu vereiteln beflissen war. v. Liechtenstein's dienstliche Stellung am Kaiserhofe war ebenso wenig leicht als dankbar, wenn man die verworrenen Verhältnisse am Prager Kaiserhofe, die unberechenbarer Natur des gemüthskranken Herrschers und dessen rege Geldnoth in Betracht zieht. In letzterer Beziehung wurde daher der wirthschaftliche, sein Einkommen klug mehrende und verwaltende Güterherr, v. L., einer der namhaftesten Gläubiger des Kaiserhofes, welcher ihm bereits 1605 an 410 000 fl. schuldete. Er verstand allerdings, sich für die Zukunft schadlos zu halten, wenngleich im Augenblick an ein Hereinbringen der ausständigen Kapitalien und ihrer Zinsen nicht zu denken war. Eben so finden wir ihn bei Lieserungen, Soldzahlungen an die Armee u. dgl. vielfach in Anspruch genommen. Das J. 1604 bildet einen neuen wichtigen Wendepunkt in seinem Leben. Die sich vorbereitende allgemeine und namentlich in Mähren fühlbare Krise machte die Besetzung des wichtigen Postens der mährischen Landeshauptmannschaft mit einem tüchtigen Haupte der katholischen Ständepartei um so nothwendiger, da Berko von Duba dieses Amt zu allgemeinem Aergerniß mißbraucht hatte. Dies kam auch der neuerdings Oberwasser gewinnenden „spanischen“ Partei am Prager Kaiserhofe sehr gelegen, denn sie wurde so des ihr unbequemen Obersthofmeisters los. Diese neue Berufsstellung v. Liechtenstein's wurde für ihn äußerst schwierig, denn die äußere und innere Staatslage war trostloser als je, Mähren vom Parteizwiste zerklüftet, Berko von Duba erbitterter Widersacher und Kardinalbischof Dietrichstein kein Freund des Liechtensteiner's, dem er bedeutende Summen schuldete. Von der ungarischen Insurrection bedroht, welche (1605) auch Mähren zum Abfall vom Kaiser aufforderte, sah sich dieses Land an die Selbsthülfe gewiesen, und v. L. berief Mitte Mai 1605 den Herren- und Ritterstand Mährens nach Hradisch, welcher ihn bis zum nächsten Landtage mit außerordentlichen Vollmachten ausrüstete. Mitten in die mährisch-ungarischen Grenzkämpfe, welche v. L. neben dem ihm nicht sonderlich willkommenen Kardinalbischof Dietrichstein als Anführer der Landesmacht erscheinen lassen, fällt der Beginn der Friedensunterhandlung Erzherzogs Mathias mit Booskay und dessen Anhange, die zu Wien ihren Abschluß finden sollte. Zu diesem wichtigen Geschäfte, dessen Folgen die Einleitung des „Bruderzwistes im Hause Habsburg“ bilden, wurde nun auch v. L. beschieden und der Wiener Aufenthalt leitet den politischen Parteiwechsel ein, welcher bald K. v. L. von der|hoffnungslosen Sache Kaiser Rudolfs II. abgefallen zeigt. Die Auszeichnung, die ' ihm und seinen Nachkommen der Kaiser noch 1606 (Mai) durch die Ertheilung des Prädicates „Hoch- und Wohlgeboren“ und bald darauf durch den Palatinatstitel (1607) zuwandte, änderte um so weniger etwas daran, als schon im Herbste 1607 die Zeichen der Ungnade Rudolfs II. an den Tag traten und v. L. zum förmlichen Rücktritte vom Obersthofmeisteramte und von der mährischen Landeshauptmannschaft bestimmten. Daß sein Nachfolger in jenem Hofamte und im Vorsitze des kaiserlichen Geheimrathes Cardinalbischof Dietrichstein wurde, kennzeichnet die Sachlage und die fernere Stellung Beider zu einander klar genug. Fortan ging die katholische Ständepartei vom Anhange des Liechtensteiners mit der protestantischen Oppositionspartei unter Führung Karls von Zierotin Hand in Hand, so daß beide ursprünglichen Jugend- und Glaubensgenossen sich nun im Lager der Opposition gegen das kaiserliche Regiment zusammenfanden. Wir sehen daher v. L. in allen wichtigen Versammlungen der mit Erzherzog Mathias verbündeten Stündeschaft (1607—1608), von den bewegten Märztagen 1607 an bis zum Heereszuge Mathias' über Mähren nach Böhmen (April 1608) an der Spitze der Ereignisse. Als Landeshauptmann Mährens lud er Mathias ein, die Huldigung des Landes entgegenzunehmen, und dieser lohnte ihm bald (20. Decbr. 1608) mit der Erhebung in den Reichsfürstenstand. Eine bedeutsame diplomatische Rolle spielte v. L. 1609—1610, als es sich darum handelte, eine Aussöhnung zwischen den beiden Habsburgern Rudolf II. und Mathias zu Stande zu bringen, und den jülich-cleveschen Handel auszutragen, andererseits den letztgenannten Regenten für Concessionen an die niederösterreichische Protestantenverbindung in Horn zu gewinnen. Dabei kam es zwischen v. L. und dem Cardinalminister Khlesl zu scharfen Auseinandersetzungen. Diese Gegnerschaft Khlesl's äußert sich auch bei der von den Erzherzögen Max und Ferdinand gebilligten Idee v. Liechtenstein's, einen Habsburgischen Familienrath zu schassen. Die Jahre 1612—18 zeigen v. L. nicht in dem Maße wie früher an den Staatsactionen betheiligt; dafür knüpft sich an diese Epoche ein für den Besitzstand seines Hauses wichtiger Act, nämlich die lehens- und pfandweise Erwerbung des Herzogthums Troppau, — indem Kaiser Mathias sich verpflichtet fühlte, die Verdienste des Liechtensteiner „Fürsten“ dieser Rangstellung gemäß zu entlohnen. Der kaiserlichen Verleihung zufolge sollte v. L. Sitz und Stimme bei den schlesischen Fürstentagen und im Breslauer Oberrechte führen. Am 4. Januar 1614 gelangte der kaiserliche Lehensbrief in die Hände v. Liechtenstein's, den derselbe den 28. April reversirte. Aber seinem Herrschaftsantritt stellten sich nur zu bald die drei oberen Stände des Troppauer Herzogthums in den Weg, da sie entgegen dem kaiserlichen Lehensbriefe, die allerdings historische Verbindung des Oppalandes mit Mähren verfochten und von einer Huldigung nichts wissen wollten. Es entwickelte sich hieraus ein langathmiger Rechtshandel, welchen erst der böhmische Aufstand des J. 1618 in das Stadium endgiltiger Entscheidung brachte. Das epochemachende J. 1618, seit welchem ihm die Krone den auszeichnenden Titel „Oheim“ in der offiziellen Correspondenz ertheilt, eröffnet die politisch bedeutendste Aera im politischen Leben des Fürsten. Zunächst gehörte er zu jenen Räthen Kaiser Mathias, welche diesen bewogen, die gewaltsame Entfernung seines Principalministers, Kardinalbischofs Khlesl als unabänderliche Thatsache hinzunehmen. Als dann die böhmische Rebellion losbrach, standen er und seine Brüder Max und Ferdinand in der ersten Linie der dynastischen Anhänger, zufolge dessen er nach Wien flüchten mußte und seine Güter von der aufständischen Ständemehrheit im Marchlande verwüstet sah. Ihm wurde die Führung eines Corps in Oesterreich übertragen, das die Operationen Bucquoy's und Dampierre's gegen die verbündeten Ungarn|und Böhmen unterstützen sollte. Auch in der entscheidenden Schlacht beim weißen Berge (8. Novbr. 1620) wirkte er mit. Aber die wichtigste Aufgabe wurde ihm durch die Uebertragung der Landesverwesung Böhmens (17. Novbr.) zu Theil. Denn fortan liesen die schwierigsten Fragen durch seine Hand: die Bestrafung der Rebellion, die militärische Occupation und die Rekatholisirung Böhmens. Es war ein dornenreiches Amt, dessen Lasten doppelt schwer wogen, da der Fürst mehr als einmal in der Ueberzeugung der Opportunitätspolitik huldigte und die Gegenweisungen des Hofes befolgen mußte. Dennoch stemmte er sich mit Erfolg gegen die kaiserliche Anordnung, daß der Prager Hinrichtung der Häupter des Aufstandes (21. Juni 1621) die weitere Verhängung des Hochverrathsprozesses über die sonstigen Theilnehmer an der Rebellion und Anhänger des flüchtigen Gegenkönigs, das Strafverfahren wider die bezüglichen Stadtgemeinden und die unverzügliche Landesverweisung der akatholischen Prädicanten, Professoren und Schulmeister folgen solle. Der Fürst drang mit seinen Gegenvorstellungen (14. Juli 1621) durch. Dagegen fand seine Verwendung zu Gunsten der Wittwen und Waisen der Hingerichteten und Verurtheilten (10. Aug.) und im Interesse der Umwandelung der Gefängnißstrafen in Geldbußen (27. Sept.) kein Gehör. Von Kaiser Ferdinand II. bald zum Statthalter Böhmens förmlich ernannt (17. Januar 1622) und hierauf durch das goldene Vließ ausgezeichnet (8. Septbr.), hatte er auch weiterhin vollauf Gelegenheit, seit 1623 mit einem neuernannten „Regierungscollegium“ zur Seite den Maßregeln der Krone manchen Dampfer aufzusetzen. Er fühlte nicht bloß den Rückschlag einer Geist und Gemüth überanstrengenden Berufsthätigkeit auf seinen körperlichen Zustand, sondern sah sich auch vielseitigen Anfeindungen ausgesetzt, welche ihm Anlaß gaben, in einem Schreiben an den kaiserlichen Beichtvater P. Jonas Ladnizer (15. Febr. 1626) bittere Klage zu führen. Fürst Karl ist der Begründer des großen Besitzstandes seines Hauses; diese Erwerbungen knüpfen sich schon an das Jahr 1569 und gipfeln in den Jahren 1622—27, in welchen er die Huldigung der Troppauer Stände (11. Juni 1622) empfing, die großen Smiricky'schen Herrschaften: Schwarzkosteletz, Aurinowes und Skworetz, ferner aus den großen Confiscationen (1623) die Stadtgüter von Kaurzim und Deutschbrod, die Herrschaften von Planian und Przeboz (für 310 563 Schock meißn. Groschen), das Gut Rostok, Peterwitz, Häuser in Prag und Brünn etc. ankaufte. Er starb, seit zwei Jahren verwittwet und immer kränkelnd, mitten in den Nöthen des dreißigjährigen Krieges eines unerwartet raschen Todes. Wie es heißt, soll diesen der Aerger über die Wirthschaft der kaiserlichen Soldateska auf seinen Gütern — trotz aller Schutzbriefe des Kaisers — beschleunigt haben. Seine Leiche wurde in der von seinem Bruder Maximilian zu Wranau bei Brünn gestisteten Familiengruft beigesetzt. Er hinterließ einen unmündigen Sohn und Gütererben, Karl Eusebius, und zwei Töchter, Anna Maria und Franziska Barbara, deren erstere den Grafen Max Dietrichstein, die andere den Neffen Tilly's, Grafen Werner Tzerklaes von Tilly, zum Manne hatte.

    • Literatur

      Vgl. im Allg. Wurzbach XV, S. 116 ff. Insbesondere: Zedler's Unio.-Lexikon XVII, 883 ff. d'Elvert, Ueber die Exemtion des Hauses Liechtenstein (Notizbl. der mähr.-schles. Gesellsch. des Ackerbaues, der Natur- und Landeskunde, Brünn 1830, Nr. 3); Beiträge zur Gesch. d. böhm. Länder im 17. Jahrhundert als XVI. und XVII. Bd. d. Schr. d. hist.-Section der mähr.-schles. Gesellschaft (1868) S. IV—V. Skizze des Lebens und der Litteratur, ' sodann im eigentlichen Texte die Correspondenz K. von Liechtenstein's mit Kaiser Ferdinand II. (1620—1625) und 2. Abth. S. I. II. über den Troppauer und Jägerndorfer Handel; ferner Beitr. z. Gesch. der böhm. Länder im 17. Jahrhundert, 3. Abth. als XXII. Bd. der Vereinsschr. (1875).|Korrespondenzen und k. Mandate und einzelnes Actenmäßige auch in der 4. Abth. dieser d'Elvert'schen Beitr. als XXIII. Bd. der Vereinsschr. (1878). P. R. v. Chlumecky, Carl v. Zierotin und seine Zeit (1564—1615), Brünn 1862 (XXI. Bd. der Vereinsschr.). J. v. Falke, Geschichte des fürstlichen Hauses Liechtenstein, 2. Bd. Wien 1877 (V. A. 127—242). Vgl. auch Biermann, Geschichte der Herzogth. Troppau und Jägerndorf (1874).

  • Autor/in

    Krones.
  • Empfohlene Zitierweise

    Krones, Franz von, "Liechtenstein, Karl I. Fürst von und zu" in: Allgemeine Deutsche Biographie 18 (1883), S. 614-618 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118720899.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA