Lebensdaten
1849 bis 1925
Geburtsort
Böblingen (Württemberg)
Sterbeort
Stuttgart
Beruf/Funktion
Unternehmer ; Sozialreformer ; Gründer des Deutschen Instituts für ärztliche Mission
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118726900 | OGND | VIAF: 77110881
Namensvarianten
  • Lechler, Paul
  • Lechler, Paul Christian Hugo von
  • Lechler, Paul von

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Zitierweise

Lechler, Paul, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118726900.html [20.04.2021].

CC0

  • Genealogie

    V Christian (1820–77), Apotheker, Hersteller v. lackierten Schiefertafeln, Lacken u. Firnissen, S d. Gerichtsnotars Christian in Ellwangen u. d. Friederike Oetinger;
    M Emilie (1821–73), T d. Kaufm. Ernst Frdr. Krauß in Bönnigheim u. d. Pfarrers-T Philippine Luise Friederike Binder;
    Cannstadt 1876 Maria (1856–1925), T d. Joh. Heinr. Karl Hartenstein, KR, Bankier, Landtagsabg., u. d. Marie Zahn;
    2 S, 4 T, u. a. Paul (1884–1969), D. theol., Nachf. L.s.

  • Leben

    Nach sieben Jahren Gymnasium beendete L. vorzeitig die schulische Ausbildung und trat 1864 im Stuttgarter Großhandelsgeschäft für Drogen und Farben Louis König eine kaufmännische Lehre an. Ihr folgten nach kurzem Handelsschulbesuch und einer Anstellung in Heilbronn Auslandsaufenthalte als Korrespondent bei Großhandelsfirmen in Rotterdam, London und Antwerpen. Nach seiner Rückkehr trat er ins väterliche Unternehmen ein und weitete die Herstellung von Lacken und Firnissen aus. 1871 gründete er mit seinem Vater die Firma „Christian Lechler & Sohn“ in Feuerbach b. Stuttgart. Trotz wirtschaftlicher Erfolge, besonders im Zusammenhang mit dem Eisenbahnbau (Imprägniermittel für Waggondächer), verkaufte L. bald nach dem Tode des Vaters aufgrund einer gesundheitlichen und auch seelischen Krise am 1.11.1878 das Unternehmen samt dem Firmennamen an seine ersten Mitarbeiter zu für die Käufer außerordentlich günstigen Konditionen. Vieles spricht dafür, daß er die Tätigkeit als selbständiger Produzent nicht zuletzt deshalb aufgegeben hat, weil er sich außerstande sah, das anspruchsvolle Sozialkonzept, dem er sich aus christlichem Verantwortungsbewußtsein verpflichtet fühlte, zu realisieren. Allerdings wurde er kurze Zeit später erneut unternehmerisch tätig. Er engagierte sich im Handel mit Zeresin, Asbestplatten sowie russ. und amerikan. Schmieröl. Diese Tätigkeit führte 1883 zur Gründung der Handelsfirma „Paul Lechler“, die sich besonders durch den weltweiten Alleinvertrieb von Carbolineum seit 1885 und des Konservierungsmittels für Beton und Eisenkonstruktion „Inertol“ seit 1903 schnell vergrößerte. 1891 wurde der Carbolineum-Vertrieb auf die dafür gegründete Verkaufs-Kommandit-Gesellschaft „R. Avenarius & Co.“ übertragen – mit dem Carbolineum-Hersteller Richard Avenarius als alleinigem persönlich haftendem Gesellschafter und L. als Kommanditisten und Generalbevollmächtigten für die kaufmännische Oberleitung. In den folgenden Jahren entstand eine Absatzorganisation mit Verkaufsfilialen im Inland sowie in Nord-, Süd- und Westeuropa; in Rußland, England und in den USA arbeiteten wegen der bestehenden Handelsrestriktionen einheimische Fabrikanten nach den Lizenzen des deutschen Unternehmens. Obwohl L. wichtige Erfindungen und bedeutsame technische Verbesserungen machte sowie fremde Ideen aufgriff und deren Umsetzung für die Verwertung in der Praxis nach zum Teil langwierigen, aufwendigen Versuchen erreichte, blieb er konsequent bei seinem 1878 gefaßten Entschluß, vergab die Produktion an fremde Betriebe und übernahm selbst nur den Alleinvertrieb. Erst der 1. Weltkrieg zwang ihn, seinem Prinzip untreu zu werden. Denn abgesehen davon, daß das Auslandsgeschäft fast ganz zum Erliegen kam, machten es die Folgen des Kriegsausbruchs notwendig, die eigene Herstellung von Dichtungsringen, insbesondere für die Automobilproduktion, aufzunehmen. Allerdings überließ L. diese Tätigkeit weitgehend seinem einstigen Lehrling, ersten Prokuristen und schließlichen Direktor Karl Müller sowie seinem ältesten Sohn Paul. Nach dem Krieg wurde der Bereich der Produktion ausgedehnt und erweitert durch früher an Fremdfirmen vergebene Produkte. L. widmete seine Aufmerksamkeit vor allem dem Wiederaufbau der Handelsbeziehungen. Weniger die unternehmerische Tätigkeit als seine sozialen Bestrebungen sind kennzeichnend für die Person L.s. Die Aussetzung von 10% des jährlichen Gewinns der Lackfabrik „zugunsten der Armen und Bedürftigen jeder Art“ schon 1875 und die jahrzehntelange praktische Tätigkeit als Bezirksarmenpfleger nach dem Verkauf der Lackfabrik waren erste Anzeichen eines starken sozialen Engagements, das in der Folgezeit seinen Ausdruck fand in der Gründung zahlreicher Stiftungen und gemeinnütziger Vereine, vor allem aber in grundlegenden Reformvorschlägen zu Wohnungsbau und Armenrecht. Die Geschäftsleitung seiner Firma durch Karl Müller seit 1900 und die Teilhaberschaft seines Sohnes Paul seit 1919 schufen L. den für sein soziales Wirken nötigen Freiraum.

    L.s Vorschläge für eine gesetzliche und verwaltungstechnische Reform der Armenpflege mit dem Ziel einer die Gemeinden unterstützenden finanziellen Mitbeteiligung der Kreisverbände und der Bildung eines Landes-Armenverbandes führten 1924 zur gesetzlichen Zusammenfassung der Armenfürsorge ganz Württembergs in einem umfassenden Fürsorge-Verband. Die seit 1892 in zahlreichen Schriften und mit Unterstützung namhafter Persönlichkeiten, wie z. B. Albert Schäffle, propagierten Vorschläge zur Wohnungsreform zielten ab auf die von der Privatbauwirtschaft nicht zu leistende Deckung des Wohnungsbedarfs der unbemittelten Schichten im ganzen Deutschen Reich. Eine Erleichterung in der Aufbringung billigen Baukapitals, vor allem zugunsten der gemeinnützigen Baugesellschaften, dachte sich L. in Form einer staatlichen Zinsgarantie, die sich auf Gelder aus staatlich auszugebenden Baupfandbriefen oder auf Darlehen der öffentlichen Versicherungsanstalten beziehen sollte. Eine reichsumfassende Organisation von durch die Regierung berufenen ehrenamtlichen Wohnungskommissionen sollte die am Bedarf ausgerichtete Verteilung der mit Hilfe staatlicher Zinsgarantie freigesetzten Gelder übernehmen und unter Umständen sogar selber Wohnungen erstellen. L. hat zahlreiche Reisen unternommen, um bei Vortragsveranstaltungen seine Vorschläge mit Nachdruck zu vertreten; ferner hat er durch deren Veröffentlichung in Zeitschriften, z. B. in der von Damaschke herausgegebenen Zeitschrift für Bodenreform, und in Form von Broschüren für die allgemeine Verbreitung Sorge getragen. Der selbstlose Einsatz L.s hat die gewünschte Aufmerksamkeit durchaus gefunden. Ein durchschlagender Erfolg ist seinen Ideen, nicht zuletzt wegen der widrigen Zeitumstände, versagt geblieben. Das betrifft auch seinen großzügigen und sorgfältig vorbereiteten Plan zum Bau einer Waldstadt bei Stuttgart.

    Erfolgreicher waren L.s Bemühungen um die Schaffung von Erholungsheimen in Freudenstadt sowie eines missionsärztlichen Instituts und einer Klinik für Tropenkranke in Tübingen. Im Dezember 1898 gründete L. den Verein für ärztliche Mission in Stuttgart mit dem Ziel, der ärztlichen Mission eine breite Grundlage zu schaffen und die Basler Gesellschaft, die überwiegend mit deutschen Kräften und Geldmitteln arbeitete, tatkräftig zu fördern. Das Beispiel machte Schule, und bald entstanden Zweiggesellschaften, u. a. in Frankfurt am Main, Karlsruhe, Freiburg im Breisgau, Darmstadt, Gießen, Hanau, Heilbronn, Marburg, Mülhausen im Elsaß, sowie selbständige Institutionen mit vergleichbarer Zielsetzung in fast allen großen Städten und Regionen des Deutschen Reichs. Diese schlossen sich später zum Verband der Deutschen Vereine für ärztliche Mission zusammen.

    L. gab sich damit nicht zufrieden. Nach sorgfältiger Planung und unter Verwendung bedeutender eigener finanzieller Mittel traf er in Anlehnung an brit. und amerikan. Vorbilder die Vorbereitung zur Gründung eines wissenschaftlichen Instituts zur Ausbildung von Tropenärzten und Missionsschwestern aller deutschen evangelischen Missionsgesellschaften. Am 15. November 1906 wurde in Tübingen das „Deutsche Institut für ärztliche Mission“ gegründet. Die Grundstückskosten übernahm L.; dank seines Engagements wurden in kurzer Zeit die rund 400 000 Mark für Bau und Einrichtung zusammengebracht. Knapp drei Jahre nach der Gründung wurden das Institut und das Schwesternheim offiziell eingeweiht. Die Ausbildung der Ärzte, Schwestern und Hebammen sowie der Missionare erfolgte nach einem von der Universität Tübingen erarbeiteten Plan und unter Mitwirkung von Dozenten der Medizinischen Fakultät. Die Leitung des Instituts wurde zwei erfahrenen Tropenärzten übertragen. Eine Ergänzung erhielt diese Einrichtung 1914 durch die Angliederung eines Missions-Krankenhauses – heute Paul-Lechler-Krankenhaus – für Tropenkranke und erholungsbedürftige Missionsangehörige. Gleichzeitig diente das Krankenhaus als Zentralstelle für die Beratung und Unterstützung der Missionsärzte in allen wissenschaftlichen Fragen. Die von L. geschaffenen Einrichtungen bestehen nach wie vor, und Angehörige der Familie Lechler wirken noch heute in deren Vorständen im Sinne des Gründers.|

  • Auszeichnungen

    Dr. med. h. c.

  • Werke

    u. a. Wohlfahrtseinrichtungen üb. ganz Dtld. durch gemeinnützige Privattätigkeit unter Reichsgarantie, 1893;
    Nat. Wohnungsreform, 1895;
    Neue Btrr. z. nat. Wohnungsreform, 1897 (mit A. Schäffle);
    Der erste Schritt z. nat. Wohnungsreform, 1899, 21905;
    Die staatl. Wohnungsfürsorge aus Anlaß d. Reichstagsbeschlusses v. 14.11.1899, 1900 (mit A. Schäffle);
    Die Wohnungsfrage u. d. preuß. Ministerialerlasse v. 19.3.1901, 1901;
    Zur Lösung d. Wohnungsfrage, in: Bodenreform, Dt. Volksstimme - frei Land, Organ d. dt. Bodenreformer 18, 1907, Nr. 11;
    Eine Waldstadt bei Stuttgart in Verbindung mit d. Erschließung d. Solitude-Areals, 1910;
    Die Ausübung d. Armenpflege auf dem Lande mit bes. Erwähnung d. Arbeit d. Stuttgarter Ver. z. Hilfe in ao. Notstandsfällen auf d. Lande, 1909;
    Die ärztl. Mission u. ihre Bedeutung f. d. kulturelle Entwicklung unserer Schutzgebiete, 1910;
    Geschäftserfolge u. Lebenserfolge, 1912, 101935;
    Aus d. Mappe eines Armenpflegers, 1919. -
    Hrsg.: Bilder ländl. Armut, Mitt. d. Ver. z. Hilfe in ao. Notstandsfällen, Nr. 1 ff., 1887 ff.

  • Literatur

    P. Gehring, in: Lb. Schwaben VI, 1957, S. 401-28 (W-Verz., L, P);
    E. E. Hamacher, P. L. u. d. Wohnungsfrage um 1900, 1984.

  • Autor/in

    Horst A. Wessel
  • Empfohlene Zitierweise

    Wessel, Horst A., "Lechler, Paul" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 26-28 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118726900.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA