Lebensdaten
1891 bis 1948
Geburtsort
Zwinge (Südharz)
Sterbeort
Davos
Beruf/Funktion
Nationalökonom
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 133544710 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Lautenbach, Wilhelm

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Zitierweise

Lautenbach, Wilhelm, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd133544710.html [17.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Karl (1863–1922), Kaufm., S d. Bauern Friedrich in Z. u. d. Henriette Kirchner;
    M Frieda Kellner (1869–1900) aus Bockelnhagen (Südharz);
    Berlin 1918 Maria (* 1895), T d. Schriftstellers Edmund Winterfeldt (1850–1917, s. Kosch, Lit.-Lex.) u. d. Martha Loreck;
    1 S, 1 T.

  • Leben

    L. besuchte das Gymnasium in Braunschweig, studierte seit 1910 zunächst kurze Zeit Mathematik und dann 1911-14 Staatswissenschaften in Göttingen, Genf und Berlin u. a. bei A. Wagner und F. Oppenheimer. Nach dreijähriger Kriegsteilnahme kehrte er schwerverwundet von der Front zurück und war seit Nov. 1917 als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter im Kriegsernährungsamt tätig. 1919 erfolgte die Promotion zum Dr. phil. in Gießen, anschließend wurde L. Referent im Reichswirtschaftsministerium, wo er – neben A. Rüstow einziger Nationalökonom unter den höheren Beamten – an Gutachten zu währungs- und steuerpolitischen Fragen mitwirkte und sich durch Analysen des Reparationsproblems einen Namen machte. Nach dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise war L. von den wenigen deutschen Nationalökonomen, die die „Doktrin der Deflationspolitik“ (Landmann) in Frage zu stellen wagten (u. a. E. Wagemann, W. Röpke, W. Woytinski), derjenige, der am frühesten und entschiedensten für eine aktive staatliche Konjunkturpolitik eintrat, die vor allem der Arbeitsbeschaffung dienen sollte. Die von L. entwickelte Konzeption einer kompensierenden Fiskalpolitik entsprach weitgehend derjenigen von J. M. Keynes, entstand jedoch unabhängig von dieser und kann durchaus vergleichbaren Rang beanspruchen. Im Mai 1931 verfaßte L. im Auftrag einer von dem früheren Arbeitsminister H. Brauns geleiteten Kommission ein Gutachten, das eine Kreditexpansion um mehrere Milliarden RM durch staatliche Ausgaben vorschlug. Die Finanzierung dieses Programms sollte im wesentlichen durch Kreditaufnahme im Ausland erfolgen. Es wurde auf einer Sitzung der Reichsbank am 15.9. ausführlich diskutiert, jedoch abgelehnt. Wenig später propagierten E. Salin und Vertreter der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich erneut den „Lautenbach-Plan“, doch Reichsbankpräsident Luther lehnte ihn wiederum ab. Von L. und Rüstow entwickelte Ideen zur Liquiditätsverbesserung fanden Ende 1932 im „Papen-Plan“ durch Ausgabe von Steuergutscheinen in modifizierter Form Verwendung. L. fuhr fort, in Gutachten, Reden und Aufsätzen für seine beschäftigungspolitischen Vorstellungen zu werben, verlor jedoch an Einfluß, nachdem er im August 1934, nach einem Konflikt mit Hjalmar Schacht, aus dem Ministerium hatte ausscheiden müssen. In den folgenden Jahren fand er als Mitarbeiter des Statistischen Reichsamtes (u. a. Leiter der Statistik der Auslandswirtschaft) Gelegenheit zu freier wissenschaftlicher Arbeit. Nach Kriegsende war er zunächst im Württemberg. Statistischen Landesamt und seit 1946 in der Landesdirektion der Finanzen tätig. Seit 1947 war er Vizepräsident der Landeszentralbank für Württemberg-Hohenzollern in Reutlingen. L. starb an einer zu spät behandelten Tuberkulose.

    Charakteristisch für L.s beschäftigungs- und kreditpolitische Vorstellungen war die Betonung der Notwendigkeit einer sorgfältigen Dosierung der zu wählenden konjunkturstimulierenden Mittel. L. ging davon aus, daß die Depression auf einem Mißverhältnis von Sparen und Investieren beruhe und letztlich nur durch „gesteigerte Kapitalverwendung“ überwunden werden könne. Er wies folglich der staatlichen Konjunkturpolitik die|Aufgabe zu, die Wirtschaft durch gezielte kreditpolitische Maßnahmen aus ihrer „tödlichen Erstarrung“ zu befreien. Zur Erreichung dieses Ziels befürwortete er die Inkaufnahme selbst hoher Budgetdefizite (man sprach damals noch nicht von „deficit spending“, sondern von „bewußter Verschuldung“). L. wies aber auch auf die Gefahr hin, daß eine mit solchen Mitteln induzierte Kreditausweitung zu lange, d. h. über das zur Wiederankurbelung der brachliegenden Produktionskapazitäten Notwendige hinaus, betrieben werden und dann zu einer ungesunden Überhitzung der Konjunktur führen könnte. Obwohl er die Notwendigkeit vermehrter Investitionen betonte, stand L. Lohnsenkungen – die in der Weltwirtschaftskrise aus Kostengründen unvermeidbar erschienen – aus Kaufkraftüberlegungen kritisch gegenüber. Er hielt sie nur für vertretbar, wenn gleichzeitig Neueinstellungen gewährleistet waren, und dies wiederum erschien ihm nur innerhalb eines staatlich vermittelten Gesamtprogramms möglich. Für die staatlichen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, von denen er sich einen Multiplikatoreffekt durch induzierte „Kaufwellen“ erhoffte, lehnte er die Forderung nach unbedingter ökonomischer Rentabilität strikt ab.

    Wie Keynes geht L. weit über die Analyse der monetären Faktoren Kredit und Geldmenge hinaus, indem er auch Preis- und Ertragserwartungen große Bedeutung beimißt. In seinen speziellen kredittheoretischen Untersuchungen vermeidet er allzu simple, rein quantitative Erwägungen, die etwa von einer rechnerisch ermittelten Zunahme der Bankenliquidität unbedingt eine entsprechende Zunahme des wirksamen Bankkredits an die Wirtschaft erwarten, indem er auch andere Bestimmungsgründe des Verhaltens der privaten und öffentlichen Wirtschaftssubjekte (z. B. psychologisch bedingte Schwankungen des Spar- und Investitionsverhaltens, spekulative Liquiditätspräferenz) in seine Überlegungen einbezieht. Aus diesem Ansatz folgert ein undogmatischer, stark durch die jeweilige konkrete Situation geprägter Charakter seiner Konjunkturanalysen. Es spricht für den ökonomischen Wirklichkeitssinn L.s, daß er in den durch einen hektischen Rüstungsboom gekennzeichneten Jahren 1936-39 wie auch in der Anfangsphase der wirtschaftlichen Regeneration nach 1945 eine Verschuldung der öffentlichen Haushalte zur Finanzierung konjunkturstimulierender Maßnahmen ebenso entschieden verwarf, wie er sie auf dem Tiefpunkt der Weltwirtschaftskrise gefordert hatte.

  • Werke

    Zins, Kredit u. Produktion (Gutachten, Aufsätze, Vorträge u. Briefe), hrsg. v. W. Stützel, 1952 (W-Verz.);
    G. Bombach u. a. (Hrsg.), Keynesianismus III, Die geld- u. beschäftigungstheoret. Diskussion in Dtld. z. Z. v. Keynes, Dokumente u. Analysen, 1981, S. 280-308 (Auszüge aus Gutachten, Vorträgen u. Aufsätzen). - Nachlaß: Bundesarchiv Koblenz.

  • Literatur

    W. Röpke, W. L., in: W. Stützet (Hrsg.), Zins, Kredit u. Produktion, 1952, S. IX-XIV;
    J. Ohl, Keynesianismus ohne Keynes, Diss. Tübingen 1952;
    W. Grotkopp, Die große Krise, 1954;
    G. Kroll, Von d. Wirtsch.krise zur Staatskonjunktur, 1958;
    W. Stützel, W. L., in: Hdwb. d. Soz.-wiss. VI, 1959 (W, L);
    C. P. Kindleberger, Die Weltwirtsch.krise, 1973;
    H. Marcon, Arbeitsbeschaffungspol, d. Regierungen v. Papen u. Schleicher, 1974;
    K. Borchardt, Zwangslagen u. Handlungsspielräume in d. großen Wirtsch.krise d. frühen 30er J., in: J. Becker u. H. Hildebrand (Hrsg.), Internat. Beziehungen in d. Weltwirtsch.-krise 1929–33, 1980;
    O. Landmann, W. L., in: G. Bombach u. a. (Hrsg.), Keynesianismus III, 1981, S. 253-279, 465.

  • Autor/in

    Hans Jaeger
  • Empfohlene Zitierweise

    Jaeger, Hans, "Lautenbach, Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 726 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd133544710.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA