• Genealogie

    V Karl Friedrich (1771–1850), herzoglicher Forstrat, S des Forstkommissars August in Marienthal bei Helmstedt und der Joh. Wilhelmine Roßbach;
    M Christine|Sophie Kegel aus Amtmannsfamilie;
    Hamburg 1867 Bertha (1833–1917), T des Hamburger Oberspritzenmeisters und Obereichinspektors Georg Repsold (S des Oberspritzenmeisters Johann Georg Repsold, 1771–1830, der den Bau einer Staatssternwarte [1825] erreichte und eine Werkstätte für optische und physikalische Instrumente errichtete) und der Amalie Mettlerkamp; 4 K, u. a. Pedro Hermann (1868–1917), Bergwerkschreiber und Referent im preußischen Kriegsministerium.

  • Leben

    B. besuchte 1832-36 das Gymnasium zu Braunschweig, verließ es vorzeitig, um Pharmazeut zu werden, und bezog 1844 die Universität Erlangen, wo er 1846 zum Dr. phil. in Chemie promovierte. Stark beeinflußt von den Reisebeschreibungen A. von Humboldts, widmete er sich bereits auf der Universität umfassenden geographischen und kolonialpolitischen Studien, nahm auf Anregung Humboldts Verbindung mit der 1842 gegründeten Hamburger Kolonialgesellschaft auf, durch die er mit dem Kolonialpolitiker J. Sturz und den Brasiliengeographen K. F. P. von Martius und J. E. Wappäus in Berührung kam, und trat in einer bald nach seiner Promotion erschienenen anonymen Schrift aus Gründen der Volkstumserhaltung für eine Ablenkung der deutschen Auswanderung von Nordamerika nach Brasilien ein. - Im Auftrag der Hamburger Gesellschaft bereiste er den Süden Brasiliens (1846–48) und ließ sich, da die Gesellschaft inzwischen eingegangen war, auf seinen eigenen Namen ungefähr 200 qkm Urwald in der Nordküstenzone der Provinz Santa Catharina als Siedlungsland übereignen, auf dem er nach zweijährigem Aufenthalt in der Heimat mit 17 deutschen Kolonisten am 2.9.1850 die Ackerbaukolonie B. gründete. B. setzte seine ganze Kraft und sein Vermögen daran, sie in die Höhe zu bringen. Schwierigkeiten verschiedenster Art zwangen ihn 1860, die Kolonie der brasilianischen Regierung zur Verfügung zu stellen. Sie ernannte den bisherigen Unternehmer zum Direktor, ein Amt, das B. mit großer Umsicht und Gewissenhaftigkeit bis 1880 verwaltete. In diesem Jahr erhielt die Kolonie Selbstverwaltungsrechte und wurde zum Munizip erhoben. B. lebte dort noch vier Jahre und kehrte dann nach Deutschland zurück.

  • Werke

    Dt. Auswanderung u. Colonisation, 1846 (anonym);
    Südbrasilien in seinen Beziehungen zu dt. Auswanderung u. Kolonisation, 1850;
    Leitende Anweisungen f. Auswanderer nach d. Prov. St. Catharina in Südbrasilien, 1851;
    Blumenau, die dt. Kolonie in d. südbrasilian. Prov. St. Catharina, 1851;
    weitere Berr. über diese Kolonie: bis Juli 1855, 1856;
    das J. 1856, 1857;
    das J. 1857. 1858.

  • Literatur

    ADB XLVII;
    G. A. Köber-K. H. Hunsche, Zur Erinnerung an H. B., in: Jb. d. Volksbundes f d. Deutschtum im Ausland, Bd. 3, 1937 (P);
    E. A. Roloff, H. B., in: Schöpferische Niederdeutsche, Bd. 10, 1941 (P);
    K. Fouquet, Dr. B., Zur 100. Wiederkehr d. Gründungstages seiner Kolonie am 2.9.1950, São Leopoldo 1950.

  • Portraits

    Gipsrelief (Medaillon) v. K. Börner (Slg. Frl. Christine B., Braunschweig), Abb. in: Große Deutsche im Bild, 1936, S. 398;
    Reliefs auf d. Denkmälern B.s in Hasselfelde u. Blumenau, Abb. in: E. Mindt, Der Erste war ein Deutscher, 1942;
    Holzschnitt in: LIZ 113, 1899, S. 682.

  • Autor/in

    Hans Roemer
  • Empfohlene Zitierweise

    Roemer, Hans, "Blumenau, Hermann" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 327 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11851203X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Blumenau: Dr. phil. Hermann B., Begründer der südbrasilischen Colonie Blumenau und einer der wackersten Pioniere des Deutschthums im Auslande, starb am 30. October 1899 zu Braunschweig im hohen Alter von 80 Jahren. Geboren wurde Hermann Bruno Otto B. am 26. December 1819 in dem kleinen braunschweigischen Harzstädtchen Hasselfelde als Sohn des dortigen Forstraths Karl Friedrich B. Seine Schulbildung erhielt er zuerst bei dem Pastor Götting in Großwinnigstedt, dann auf dem Gymnasium in Braunschweig. Er entschloß sich Apotheker zu werden und kam als Lehrling nach Erfurt; neben der Pharmacie beschäftigte er sich auch eifrig mit Chemie und promovirte später in Erlangen zum Dr. philosophiae. Doch der Apothekerberuf sagte dem unternehmungs- und wanderlustigen jungen Manne wenig zu; sein reger Sinn für Naturwissenschaft erweckte in ihm die Lust, überseeische Länder kennen zu lernen. Auf Alexander v. Humboldt's Empfehlung trat er deshalb im J. 1846 in den Dienst des damals in Bildung begriffenen Hamburger Colonisationsvereins und war bei den Vorarbeiten zu der Errichtung der brasilischen Colonie Dona Francisca in der Provinz S. Catharina auf den Ländereien des Prinzen Joinville thätig. Im J. 1849 verband sich B. dann mit dem späteren deutschen Consul in Destero, Ferdinand Hackradt, zu einem eigenen gemeinschaftlichen Colonisationsunternehmen; sie erwarben durch Kauf und Schenkung von der brasilischen Regierung in der Nähe der Colonie Dona Francisca, im fruchtbaren Flußgebiete des Itajahy, das erforderliche Land und wollten hier ein größeres landwirthschaftliches Unternehmen betreiben und auf demselben eine Sägemühle und eine Zuckerfabrik anlegen. Nachdem B. 1848 nach Deutschland zurückgekehrt war, wo er die für die Colonisation am Itajahy erforderlichen Personen und Capitalien engagirt hatte, kehrte er 1850 zurück, um, nach in aller Freundschaft vollzogener Trennung von Hackradt, dem bei seinem nüchternen Sinn die Pläne Blumenau's zu weitausgreifend waren, seine Colonisationspläne zu verwirklichen. Im September 1850 wurde die eigentliche Colonisation von B. mit siebzehn jungen, zumeist unverheiratheten Leuten eingeleitet. Die Entwicklung der Colonie war in der ersten Zeit sehr unbedeutend — in den nächsten Jahren folgten nur 8, 52, 110, dann 53 und 28 Personen —; denn wenn B. der Colonie auch sein ganzes Privatvermögen von etwa 16 000 Thalern opferte, so waren diese Geldmittel im Verhältniß zu einem so großen Unternehmen doch nur gering, und die brasilische Regierung verhielt sich der jungen Colonie gegenüber ziemlich kühl. Nichtsdestoweniger setzte B. mit großer Ausdauer und einer wahrhaft bewunderungswürdigen Aufopferung sein einmal begonnenes Werk fort. Eine|Schilderung der Colonie aus den ersten Jahren gibt Dr. Robert Avé-Lallemant in seiner „Reise durch Südamerika im Jahre 1858“ (3. Abschnitt, S. 187 bis 212). Eine kleine Werbeschrift „Deutsche Colonie Blumenau“ veröffentlichte B. selbst im Verlag von G. Fröbel in Rudolstadt 1856. Im J. 1860 wurde die Colonie, die damals 700 bis 800 Bewohner zählte, auf Wunsch von B. von der brasilischen Regierung käuflich übernommen und B. wurde als Colonialdirector mit der Weiterverwaltung betraut. Die Fortschritte der Colonie waren nun größer; im J. 1865 zählte sie bereits etwa 2600 Bewohner. Um im Auftrage der brasilischen Regierung für Colonialzwecke thätig zu sein, kam B. 1865 nach Deutschland zum Besuch. Den Aufenthalt benutzte er zugleich, sich 1867 in Fräulein Bertha Repsold in Hamburg eine Lebensgefährtin zu wählen. Im J. 1869 reiste er mit seiner Frau in die neue Heimath zurück, in der er dann noch bis zum Jahre 1880 die Verwaltung der Colonie führte. In diesem Jahre wurde die Colonie, in der nun fast 15 000 Personen, darunter etwa 11 000 Deutsche angesiedelt waren, emancipirt, d. h. in die allgemeine Verwaltung des brasilischen Staates aufgenommen. Noch vier Jahre verblieb B. in Brasilien; dann kehrte er im October 1884 nach Deutschland zurück und nahm mit seiner Frau seinen Wohnsitz in Braunschweig, wo er still und zurückgezogen bis zu seinem Tode lebte.

    Nicht unerwähnt soll bleiben, daß namentlich der Pastor a. D. Stutzer die Thätigkeit Blumenau's als Colonialverwalter scharf kritisirt und angegriffen hatte. Im Gegensatz hierzu schreibt aber der treffliche Reisende J. J. Tschudi, der die Colonie Blumenau 1861, kurze Zeit nach der Uebergabe derselben an die kaiserliche Regierung, besuchte: „Mit ruhigem Selbstbewußtsein streng erfüllter Pflicht konnte Dr. B. auf seine Schöpfung blicken und jederzeit mit freier Stirn den schmutzigen und perfiden Angriffen entgegentreten, die bald gegen seine Person, bald gegen sein Unternehmen gerichtet wurden. Er mag in manchen administrativen Fehler verfallen sein, manchen unabsichtlichen Mißgriff begangen haben; stets aber war sein Streben ebenso redlich als uneigennützig.“ Eine eingehende Schilderung der Blumenau'schen Colonie gab Dr. Henry Lange in „Südbrasilien“ (Berlin 1882); dort finden sich auch mehrere schöne Abbildungen und ein Porträt von B. Er hatte noch die Genugthuung gehabt, zu erleben, daß das 1859er Auswanderungsrescript des Ministers v. d. Heydt, welches die Auswanderung nach Südbrasilien verpönte, aufgehoben wurde. Beim Tode Blumenau's zählte die Colonie Blumenau 40 000 Bewohner, darunter gegen 30 000 deutsche Colonisten. Das beabsichtigte fünfzigjährige Gründungsfest der Colonie im Herbst 1900 zu erleben, sollte ihrem Gründer nicht mehr vergönnt sein, aber die Kunde davon war die Freude seiner letzten Tage.

    • Literatur

      Vgl. Braunschw. Magazin 1900, Nr. 4 u. 5. — Export, Nr. 49, 1899 mit 2 Porträts und Deutsch-Brasilische Nachrichten, Nr. 1, 1900 mit Porträt.

  • Autor/in

    W. Wolkenhauer.
  • Empfohlene Zitierweise

    Wolkenhauer, Wilhelm, "Blumenau, Hermann" in: Allgemeine Deutsche Biographie 47 (1903), S. 23-24 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11851203X.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA