Lebensdaten
um 1215 bis nach 1250
Beruf/Funktion
Minorit ; Dichter
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 119512653 | OGND | VIAF: 45113739
Namensvarianten
  • Lamprecht
  • Lamprecht von Regensburg
  • Lamprecht
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Zitierweise

Lamprecht von Regensburg, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119512653.html [09.08.2020].

CC0

  • Leben

    L.s Vita läßt sich nur aus seinen beiden Werken „Francisken Leben“ und „Tochter Syon“ erschließen, in denen er sich namentlich vorstellt. Erzogen wurde er vor allem in Regensburg, wohl in der Dom- oder in einer Klosterschule, da er schon als Laie des Lateinischen kundig war. Zunächst dem weltlichen Leben zugewandt, lernte er die Regensburger Franziskaner, u. a. Berthold von Regensburg kennen. Noch als Laie verfaßte er um 1240-50 in mhdt. Sprache mit bair. Einschlag seine gereimte Nachdichtung der zwischen 1228 und 1230 von Thomas von Celano aufgezeichneten Vita des hl. Franziskus ( 1226), der ersten Lebensbeschreibung des Heiligen, die unmittelbar nach dessen Kanonisation (1228) auf Anregung von Papst Gregor IX. entstanden ist. L. nennt auch seine Quelle, auf die er sich weitgehend beschränkt, wobei er gelegentlich kürzt und umstellt (5 049 Verse). Die Legende weist alle Merkmale des ma. Typus auf. L.s Vorrede enthält das Programm: Der Weg zum Heil führt über die Abkehr von der Welt zur Imitatio Christl. Es ist das Gesetz, dem Franziskus folgt. L. selbst setzt sein Leben in Analogie zu Franziskus. Auch er stand im Dienst der Welt und erhofft nun, in den Orden des Heiligen aufgenommen zu werden. Das mag bald danach geschehen sein.

    Auf Grund einer Anregung seines Provinzials Gêrhart schuf L. wohl um 1250 eine gereimte mhdt. Bearbeitung eines lat. Prosa-Traktats der „Tochter Syon“ (Wien, Nat.-bibl., Cod. 1997), der etwa zur gleichen Zeit eine alemann. Übersetzung erfuhr. L. füllt seine knappe Vorlage mit zahlreichen Einschüben und Betrachtungen auf (4 312 Verse). Die Abkehr von der Welt ist hier Thema in Form des Streits zwischen Seele und Leib um die Vorherrschaft. Die Tochter Syon, das ist die Seele, sendet „Cognitio“ („bekantnisse“) als Boten in die Welt nach etwas, das der Liebe wert sei. Aber diese findet nur Eitles und Vergängliches. Der darüber zutiefst erschrockenen Tochter Syon eilen „Fides“ und „Spes“ zu Hilfe, gefolgt von weiteren Tugenden wie „Sapientia“ und „Karitas“, denen die „Mâze“ die rechte Beschränkung weist. Sie alle geleiten die Seele schließlich zur unio mystica mit Gott. – Das Gedicht steht in der Tradition der Brautmystik, in die höfische Lebensformen Eingang fanden, und es ordnet sich so auch der Gattung der geistlichen Minneallegorie zu. Doch betonen die als Allegorien dargestellten Tugenden den moralisch-didaktischen Charakter, auf dem das Gewicht des Werkes ruht, während die formale Gestaltung traditionell bleibt. Besonderen Bezug nimmt L. auf die neuen religiösen Frauenbewegungen „in Brâbant und in Baierlanden“ (V. 2 839), deren Anliegen der Text unmittelbar trifft, wobei L. eine Warnung vor „Übersteigerung“ jedes kleinen „gnaedelîn“ anschließt (V. 2 981-93).

    Das „Francisken Leben“, nur in einer Handschrift tradiert, fand offenbar wenig Verbreitung und wurde nicht als Quelle genutzt, dagegen ist die „Tochter Syon“ in drei Handschriften und einem Fragment überliefert und wird von Püterich von Reichertshausen in seinem „Ehrenbrief“ von 1462 (Strophe 113) rühmend erwähnt.

  • Werke

    Hss.: Francisken Leben (Univ.bibl. Würzburg, Mp. th. o. 17a);
    „Tochter Syon“: Hs. L Gfl. Nostitzische Bibl. zu Lobris (Schlesien), seit 1895 Berlin, Stiftung Preuß. Kulturbes., Ms. germ. 8° 403, 1314 abgeschlossen;
    Hs. P Prager Hs., Nat.-mus. Prag, 13./14. Jh.;
    Hs. G Gießener Hs. 102, Perg. 8°, 2. Hälfte 14. Jh.;
    Hs. N Pergament-Fragmente Nürnberg, German. Nat.mus., 42 563/42 564, 2. Hälfte 13. Jh. -
    Zu d. Hss.: W. Wichgraf, Der Tractat v. d. Tochter v. Syon u. seine Bearbb., in: Btrr. z. Gesch. d. dt. Sprache u. Lit. 46, 1922, S. 173-231;
    K. Ruh, Fragmente d. „Tochter v. Syon“ L.s v. R., in: Zs. f. Dt. Altertum 100, 1971, S. 346-49. -
    Ausg.: L. v. R., Sanct Francisken Leben u. Tochter Syon, hrsg. v. K. Weinhold, 1880.

  • Literatur

    ADB 17;
    Reallex. d. dt. Lit.gesch. II, 21965, S. 551 (Mystik);
    H. Grundmann, Rel. Bewegungen im MA, 31970, S. 401 f.;
    S. Ringler, Zur Gattung Legende, Versuch e. Strukturbestimmung d. christl. Heiligenlegende d. MA, in: Medium Aevum 31, 1975, S. 255-70;
    Ehrismann II, 2, 2, 1935, S. 403, 420 f.;
    de Boor-Newald II;
    M. Wehrli, Gesch. d. dt. Lit. v. frühen MA bis z. Ende d. 16. Jh., 1980, S. 687 f.;
    Vf.-Lex. d MA III (L. v. R.), IV (Tochter Sion).

  • Autor/in

    Maria Schierling
  • Empfohlene Zitierweise

    Schierling, Maria, "Lamprecht von Regensburg" in: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 466 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119512653.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Lamprecht von Regensburg, geb. um 1215, verfaßte in den Jahren 1240—1255 die älteste deutsche Geschichte des heiligen Franciscus in Reimen sowie eine Tochter Syon, ein für die Geschichte der deutschen Mystik nicht uninteressantes Gedicht. L. wuchs unter guten Verhältnissen auf und lebte anfänglich der Welt und ihren Freuden. Wenn er also nicht für den geistlichen Stand bestimmt wurde, so muß er doch seine Bildung in einer Dom- oder Klosterschule (in Regensburg?) erhalten haben, da er sich in seinen Werken des Lateinischen mächtig zeigt. Erst allmählich vollzog sich in L. die Wandlung zum geistlichen Leben. Er lernte die Regensburger Minoriten kennen, trat mit ihnen — unter Anderen nennt er auch den „süßen“ Berthold (von Regensburg) — in intimen Verkehr und zeigte Neigung selbst ihrem Orden anzugehören. Als Zeichen seiner Verehrung des Ordens schrieb L. als weltlicher Knappe, nachdem er bereits lange die Minoriten kannte, die Lebensgeschichte ihres Ordensstifters, eine getreue Uebersetzung der zwischen 1228 und 1230 verfaßten Vita des Thomas von Celano. Durch Bruder Gerhard, Provinzialminister der Franciscaner in Oberdeutschland, ward L. dann in den Regensburger Minoritenorden aufgenommen und auf seinen Wunsch, mit seiner Unterstützung verfaßte L. bald nach der Aufnahme sein zweites Werk „Die Rede von der Tochter Syon“, und zwar aus dem Gedächtniß nach Mittheilungen, die ihm Gerhard, ein Gesinnungsgenosse Bruder Davids von Augsburg, über Inhalt, Grundgedanken und Anschauungen der Tochter Syon mündlich gemacht hatte. Gerhard aber schöpfte|aus einer prosaischen Filia Syon, auf die auch im letzten Grade eine andere deutsche Bearbeitung, die sogenannte alemannische Tochter Syon, zurückgeht. — L., dessen Gedächtniß ein sehr treues gewesen sein muß, ist durchaus kein origineller Dichter. Er weiß das selbst und tritt dem entsprechend bescheiden auf. Sein Franciscus, — schon den Zeitgenossen scheint er wenig interessant gewesen zu sein —, ist „kühl bis ans Herz hinan"; nirgends hat der von schwärmerischer Begeisterung für das Göttliche, von heißer Liebesgluth und hohem Schönheitssinn getragene Heilige Lamprecht's nüchternen Geist zu entstammen vermocht. Im großen Ganzen folgt er genau seiner Quelle, zeigt also ein äußerst geringes Streben nach Selbständigkeit. Auch die Tochter Syon beweist, daß Lamprecht künstlerischer Takt in der Anordnung durchaus gebricht; übrigens stehen seine Ausführungen und Zusätze gegenüber der gedrängt berichtenden Vorlage hier entschieden im Vordergrunde. Der höhere Schwung in der Tochter Syon ist weniger Lamprecht's Verdienst, beruht vielmehr auf der der Dichtung zu Grunde liegenden tief poetischen Anschauung von der Seele des Menschen als der liebenden Braut, die von ihrem Gott in die Arme geschlossen wird, einer Auffassung, der insbesondere die deutsche Mystik ein gut Theil ihrer auch von uns noch empfundenen Anmuth verdankt. Und so findet auch der größere Reichthum an Bildern und Vergleichen in der Tochter Syon wesentlich seine Quelle in der symbolisirenden und allegorisirenden Theologie des Mittelalters, vor Allem in der eines Bernhard und Hugo von S. Victor. Immerhin ist aber Lamprecht's Tochter Syon das grüßte und bedeutendste, wenn auch nicht anziehendste Gedicht unter denen, die die minnende Seele in ihrem Aufschwung zu Gott feiern. Außer einigen Anklängen an Wolfram läßt sich bei Z. eine bestimmte Schulmanier nicht nachweisen.

    • Literatur

      Vgl. Weinhold, Lamprecht von Regensburg, Paderborn 1880.

  • Autor/in

    Strauch.
  • Empfohlene Zitierweise

    Strauch, "Lamprecht von Regensburg" in: Allgemeine Deutsche Biographie 17 (1883), S. 581-582 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119512653.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA