Lebensdaten
gestorben 12. Jahrhundert
Beruf/Funktion
Dichter
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118640305 | OGND | VIAF: 225910914
Namensvarianten
  • Pfaffe Lamprecht
  • Lamprecht
  • Lambrecht
  • mehr

Zitierweise

Lamprecht der Pfaffe, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118640305.html [18.05.2021].

CC0

  • Leben

    L. ist als Person und Autor lediglich in zwei Erzählwerken, dem „Tobias“ und dem „Alexander“ bezeugt, in denen er sich zu Beginn selbst als Dichter nennt. Auch die Lokalisierung und Datierung seines Schaffens läßt sich nur mittelbar aus seinen Werken und den Umständen ihrer Überlieferung erschließen. Die moselfränk. Mundart und inhaltliche Indizien besonders im „Tobias“ (so die deutliche Herausstellung Triers im|Zusammenhang der Ninus-Geschichte) weisen auf Trier als L.s Lebensumkreis hin. Seine Werke sind in die 1. Hälfte des 12. Jh. zu datieren, wobei sich für das bedeutendere Alexanderlied nähere Anhaltspunkte ergeben durch den Zeitpunkt der Entstehung seiner Vorlage (um 1120 entstand die Alexanderdichtung des Alberich von Besançon) und durch die Datierung seiner ältesten uns bekannten Überlieferung: um 1160 ging L.s Werk in die Vorauer Sammelhandschrift ein. Wie Abhängigkeiten vermuten lassen, entstand der „Tobias“ wohl vor dem Alexanderlied. Seine von L. immer wieder berufene Quelle ist das gleichnamige Buch des Alten Testaments. Die erhaltenen 274 Verse dieses Werkes (Berlin, Staatsbibl. Preuß. Kulturbes. mgq 1418, ausgehendes 12. Jh.) entsprechen inhaltlich der biblischen Tobiasgeschichte bis zum Tode Salmanassars. Von diesem Stoffvorwurf weicht L. nur wenig ab, doch dienen predigthafte und moralisierende Zusätze der Strukturierung des Stoffes im Sinne moralischer Exempelhaftigkeit.

    Das Alexanderlied steht als Bearbeitung einer franz. Vorlage am Anfang der für die deutsche Literatur des Mittelalters so bedeutsamen Rezeption franz. Stoffe und Texte. Dies, die Stellung des Liedes als erster deutschsprachiger Roman (mit allen damit verbundenen erzähltechnischen Fortschritten) und die von ihm ausgehende breite Tradition der Alexanderliteratur in deutscher Sprache machen die Bedeutung von L.s Alexanderlied aus. Mit staunender Anteilnahme für seinen Gegenstand, den „wunderlichen Alexander“, erzählt L. in der ältesten erhaltenen Fassung der Vorauer Handschrift (V) die Geschichte seines Helden: seine Jugend und ritterliche Erziehung und seine Kämpfe gegen die Perser, die in seiner siegreichen Schlacht gegen Darius gipfeln. Die Tatsache, daß die Vorauer Fassung des Textes hier abrupt endet, daß dagegen die beiden jüngeren Bearbeitungen (die Straßburger Handschrift S um 1180 und eine Bearbeitung des 13. Jh., die in eine Basler Weltchronik des 15. Jh. aufgenommen wurde) Alexanders Geschichte fortführen mit seiner sagenhaften Paradiesfahrt (dem „Iter ad Paradisum“ mit dem zentralen Motiv des Steins der Demut, der den Welteroberer Alexander am Tor des Paradieses auf seine Grenzen und auf die Vergänglichkeit menschlichen Ruhms verweist) und seinem Tod, hat in der Forschung eine Vielzahl z. T. bis heute ungeklärter Fragen im Hinblick auf Umfang und Konzeption von L.s Dichtung und ihren Bearbeitungen aufgeworfen (Bertau: „Heldenlied“, Ruh: „Unterhaltungsroman“ – gegen die vor allem auf eine Überbewertung des „vanitas“-Gedankens im Prolog gestützte Deutung des Alexanderliedes als geistliche Dichtung). Auch wenn die Geschichte vom Demutsstein und Alexanders Ende in vielem besser zu dem im Vorauer „Alexanderlied“-Prolog ausgeführten „vanitas“-Gedanken zu passen scheint als der Abschluß dieser Fassung mit dem uneingeschränkt glänzenden Heldenbild der Dariusschlacht, hat die Vorauer Fassung wohl nicht als Fragment, sondern als das Original des L.schen Alexanderliedes zu gelten (auch L.s Vorlage, die franz. Alexanderlied-Version, reicht nur bis zur Dariusschlacht). Für die Deutung von L.s „Alexander“ ergibt sich daraus, daß er, trotz des (sehr traditionsgebundenen und topischen) Prologs und seiner Vergänglichkeitsmotivik, weniger geistliche Mahnung an die Brüchigkeit irdischen Ruhms und memento mori als vielmehr gelehrt-historisierende Heilsgeschichte, sein Held eher Vorbildfigur eines Weltherrschers denn Negativexempel der superbia ist. Die Straßburger und Basler Alexanderlied-Versionen dürfen also in den fraglichen Teilen nicht nur als stoffliche Fortsetzungen (auf der Basis anderer Quellen) angesehen werden. Als denkbare Anregung ihrer neuen Konzeption kann (so Ruh) das „vanitas“-Stichwort des Vorauer Alexanderlied-Prologs fungiert haben.

    In der weiteren Geschichte des Alexanderstoffes, dessen Faszination nicht zuletzt durch das verstärkte Orientinteresse des Kreuzzugzeitalters, aber auch durch die Affinität des Stoffes zur gelehrten Mittelmeerreichsgeschichte mit heilsgeschichtlichem Konzept immer mehr an Kraft gewinnt, wird Alexander zunehmend eine „zwielichtige“ Gestalt. Größe und Fall, Weltreichsglanz und „vanitas“ sind die widersprüchlichen Vorzeichen, unter denen sich in der Folgezeit die mittelhochdeutsche Literatur, angeregt durch L., des antiken Helden annimmt: so in Rudolfs von Ems „Alexander“ (um 1240), Ulrichs von Etzenbach „Alexandreis“ (zwischen 1271 und 1286) und Johannes Hartliebs „Alexanderbuch“ (um 1440).

  • Werke

    Ausgg.: H. Degering, Neue Funde aus d. 12. Jh., in: Btrr. z. Gesch. d. dt. Sprache u. Lit. 41, 1916, S. 513 ff. (Tobias);
    F. Maurer (Hrsg.), Das Alexanderlied d. Pfaffen L. [Vorauer Alexander], Das Rolandlied d. Pfaffen Konrad, 1940;
    L.s Alexander, nach d. drei Texten mit d. Fragment d. Alberich v. Besançon u. d. lat. Qu. hrsg. u. erklärt v. K. Kinzel, 1884.

  • Literatur

    C. Minis, Über d. ersten volkssprachl. Alexander-Dichtungen, in: Zs. f. dt. Altertum 88, 1957/58, S. 20-39;
    F. Urbanek, Umfang u. Intention v. L.s Alexanderlied, ebd. 99, 1970, S. 96-120;
    W. Fischer, Die Alexanderliedkonzeption d. Pfaffen L, 1964;
    K. Ruh, Der Alexanderroman, in: ders., Höf. Epik d. dt. MA I, 1967, S. 33-42;
    K. Bertau, Ein Alexander-Epos in dt. Vulgärsprache, in: ders., Dt. Lit. im europ. MA I, 1972, S. 329-37;
    H. Buntz, Die dt. Alexanderdichtung d. MA, 1973;
    Vf.-Lex. d. MA III.

  • Autor/in

    Marianne Ott-Meimberg
  • Empfohlene Zitierweise

    Ott-Meimberg, Marianne, "Lamprecht der Pfaffe" in: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 464-466 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118640305.html#ndbcontent

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  • Leben

    Lambrecht: der Pfaffe L., ein Geistlicher aus der Kölner Gegend, verfaßte während der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts in Baiern, wahrscheinlich auf Anregungen hin, welche von Heinrichs des Stolzen Hofe ausgingen, das älteste deutsche Alexanderlied. Als Quelle benutzte er ein französisches Gedicht des Alberich (Aubry) de Besançon, welches seinerseits in der Hauptsache auf der sogenannten Historia de preliis, einer im 10. Jahrhundert durch den neapolitanischen Archipresbyter Leo veranstalteten lateinischen Uebersetzung des griechischen Pseudokallisthenes, beruhte. Eine Vergleichung der erhaltenen ersten 105 Verse des französischen Werkes mit Lambrecht's Liede lehrt, daß der deutsche Dichter in allem Thatsächlichen seiner Vorlage getreu folgte; beiden gemeinsam ist auch die streng geistliche Tendenz. Formell aber steht L. durchaus unter dem Einfluß der Dichtung der Spielleute, in ihren Phrasen bewegt sich seine Diction, auf ihre Poesie spielt er an. Von besonderer Wichtigkeit ist der Alexander deshalb, weil er und das Rolandslied des Pfaffen Konrad (s. d.) die ältesten deutschen Gedichte sind, welche auf romanischen Vorbildern beruhen und Stoffe behandeln, die einen Ausblick in ferne Länder verstatten und in denen der Geist der Kreuzzüge weht. Sie haben dadurch auf die weitere Entwickelung der deutschen Litteratur wesentlich eingewirkt.

    Wir besitzen von Lambrecht's Alexanderliede drei Handschriften, die Vorauer (herausg. von Diemer, Deutsche Gedichte, Wien 1849, S. 183 ff.), welche den ältesten Text, aber nur fragmentarisch, überliefert; die ehemals Straßburger (herausg. von Maßmann, Deutsche Gedichte des zwölften Jahrhunderts, Quedlinburg und Leipzig 1837, S. 64 ff., sowie von Weismann, Frankfurt a. M. 1850); die Basler (herausg. von R. M. Werner, Stuttgart 1881, 154. Publication des Lit. Vereins). Die beiden letztgenannten Handschriften bieten Ueberarbeitungen. Eine kritische Ausgabe fehlt bisher. Das französische Original ist am bequemsten zugänglich Germania I, 273 ff.

    • Literatur

      Ueber den Dialekt Lambrecht's handeln Pfeiffer, Germania 3, 494 ff., Roediger im Anzeiger für deutsches Alterthum 1, 78 ff.; über den Vorzug der Vorauer Handschrift vor der Straßburger Harczyk in der Zeitschrift für deutsche Philologie 4, 1 ff. und Kinzel ebenda 10, 14 ff.; über die Straßburger Handschrift Kinzel in den Beiträgen zur deutschen Philologie, Halle 1880, S. 25 ff.; über die Basler Werner in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie, phil.-hist. Classe, Bd. 93, S. 7 ff., Kinzel, Zeitschrift für deutsche Philologie 10, 47 ff., 11, 385 ff., Zacher ebenda 10, 89 ff.; über die Quellenfragen Harczyk, Zeitschrift für deutsche Philologie 4, 146 ff., Miller ebenda 10, 1 ff.

  • Autor/in

    Steinmeyer.
  • Empfohlene Zitierweise

    Steinmeyer, Elias von, "Lamprecht der Pfaffe" in: Allgemeine Deutsche Biographie 17 (1883), S. 564 unter Lambrecht der Pfaffe [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118640305.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA