Lebensdaten
1570 bis 1648
Geburtsort
La Moire Mannie bei Dochamps (belgische Provinz Luxemburg)
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Jesuit ; kaiserlicher Beichtvater
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118778552 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Lämmermann, Wilhelm Germain
  • Lamormaini, Wilhelm Germain
  • Lamormaini, Wilhelm
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Zitierweise

Lamormaini, Wilhelm, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118778552.html [25.05.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Eberhard Germain;
    M Anna N. N.;
    B Heinrich (1575–1647), Jesuit.

  • Leben

    L. besuchte das Jesuitenkolleg in Trier und ging 1586 nach Prag, um dort sein Studium bei den Jesuiten fortzusetzen. Nach Erlangung des Doktorats in der Philosophie trat er 1590 ins Noviziat der Jesuiten zu Brunn ein. 1592-96 studierte er Theologie in Wien (Primiz im Mai 1596). Zwei Jahre später kam er nach Graz, wo der junge Erzhzg. Ferdinand 1596 die Regierung übernommen hatte. Abgesehen von Unterbrechungen 1605/06 und 1612, blieb L. bis 1621 in Graz, zunächst als Professor der Philosophie an der Jesuitenuniversität (1598–1604), dann als Professor der Theologie (1606–12) und seit 1613 als Rektor. Während dieser Zeit hat L. die erzherzogl. Familie gut kennengelernt und mit Ferdinand eine echte Freundschaft geschlossen. Nachdem Ferdinand zum Kaiser gekrönt worden war (1619), hat er immer noch L.s Rat eingeholt. Nach Abschluß seines Rektorats unternahm L. eine Romreise. 1622-25 war er Rektor des Jesuitenkollegs in Wien. Als Ferdinands Beichtvater, Martin Becan SJ, starb, wurde L. am 2.2.1624 dessen Nachfolger.

    Als Ferdinands Beichtvater hat L. eine wichtige Rolle in der Gestaltung der kaiserl. Politik gespielt. Er war überzeugt von Ferdinands göttlicher Sendung, den Katholizismus in den Habsburgerlanden und im Reich zu restaurieren, und zwar gemäß der kath. Interpretation des Augsburger Religionsfriedens. Er initiierte die Stiftung bzw. Reaktivierung von wenigstens siebzehn Jesuiten-Kollegien und gehörte zu den wichtigsten Reformern der Universitäten in Wien und Prag, wodurch diese im wesentlichen unter die Kontrolle der Jesuiten kamen. Ferdinands folgenschwerste Maßnahme als Kaiser, das Restitutionsedikt von 1629, geht nicht auf L. zurück. Er machte es aber zum Mittelpunkt seiner Gegenreform und widersetzte sich jedem Versuch, das Edikt um des Friedens mit den gemäßigten prot. Staaten willen zu modifizieren. Die Grundlage seines Programms sah L. in der Einheit der kath. Herrscher im Reich und in Europa. Deswegen arbeitete er immer darauf hin, Reibereien zwischen Ferdinand und den kath. Fürsten, besonders Maximilian von Bayern, beizulegen. Er widersetzte sich der span. Politik und deren Unterstützung durch|den Kaiser im Mantuanischen Krieg 1628-31 und setzte sich für eine päpstl. Politik der Versöhnung zwischen den beiden Habsburger-Staaten und dem kath. Frankreich ein. Diese Aktivitäten verärgerten Madrid und waren die Hauptursache eines langen Zwists L.s mit Ferdinands pro-span. Minister Hans Ulrich von Eggenberg. L.s größter Erfolg war der Kurfürstentag von Regensburg 1630, der die Beendigung des Mantuan. Krieges anbahnte und zur Entlassung Wallensteins um der kath. Kurfürsten willen führte; am Edikt wurde trotz der Neigung vieler kath. Politiker zu Konzessionen festgehalten. Nach dem Sieg Gustav Adolfs zu Breitenfeld 1631 und dem Zusammenbruch der kaiserl. Politik hat die Kritik an L. stark zugenommen. Erst nach der Schlacht von Lützen 1632 und dem Tode Gustav Adolfs stieg sein Einfluß wieder an. L. trat für die zweite Entlassung Wallensteins ein und billigte die Ermordung des Feldherrn, wenn sie nötig sein sollte, weil er ihn für einen Verräter hielt. Ferdinand hat auf L.s Restaurationsprogramm im Prager Frieden 1635 endgültig verzichtet, wobei er das Edikt im wesentlichen modifizierte und die letzte Hoffnung auf eine Verständigung mit Frankreich praktisch aufgab. Nach 1635 hat L.s Einfluß auf die Politik stark abgenommen, aber er blieb Ferdinand bis zu dessen Todesstunde am 15.2.1637 nahe. Im nächsten Jahr veröffentlichte er sein Werk „Virtutes Ferdinandi II, Imperatoris Romanorum“, einen Klassiker des Barock. 1639-43 war er noch einmal Rektor des Jesuitenkollegs in Wien und 1643/44, nach dem plötzlichen Tode des Provinzials, Oberer der österr. Jesuiten.

    L. gehörte zu den Hauptakteuren der Gegenreformation in Mitteleuropa. Er war ein aufrichtiger, frommer und eifriger Ordensmann, wenn auch manchmal eigenwillig und schroff. Große Verdienste hat er sich durch die Gründung oder Neubelebung zahlreicher Einrichtungen der Jesuiten erworben. Seine Auffassung des Beichtvateramtes und seine theologische Ausrichtung haben starke Opposition auch unter Katholiken hervorgerufen und sind Anlaß zu anti-jesuitischem Ressentiment geworden, so in den polemischen Schriften von Kaspar Schoppe. Nach Ansicht von Johann Gans SJ, dem Beichtvater Ferdinands III., war das Restitutionsedikt – und damit L.s Politik – eine Hauptquelle des Unglücks Deutschlands in jenen Jahren.

  • Literatur

    ADB 17 (Stieve);
    B. Dudik, Corr. Kaiser Ferdinands II. u. s. erlauchten Fam. mit Pater Martinus Becanus u. Pater W. L., Kaiserl. Beichtvatern, in: AÖG 54, 1876, S. 219-350;
    A. Posch in: Biogr. nationale du pays de Luxembourg V, 1953, S. 265-97;
    ders., Zur Tätigkeit u. Beurteilung L.s, in: MIÖG 63, 1955, S. 375-90;
    R. Bireley, Rel. and Politics in the Age of the Counterreformation, Emperor Ferdinand II, William Lamormaini SJ, and the Formation of Imperial Policy, 1981 (L, P);
    Sommervogel IV, S. 1428-31;
    Duhr II (P);
    LThK2.

  • Portraits

    Kupf. v. S. Dworzak, 1648 (Chantilly, Collection Hamy), Abb. in: A. Hamy, Gal. Illustrée de la Compagnie de Jésus, 1893, u. b. Bireley u. Duhr, s. L;
    Zeichnung, 1648 (?) (Rom, Archivum Romanum Societatis Jesu).

  • Autor/in

    Robert Bireley
  • Empfohlene Zitierweise

    Bireley, Robert, "Lamormaini, Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 452 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118778552.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Lamormaini: Wilhelm Germain L., geb. am 29. December 1570 zu La Moire Mennie, einem luxemburgischen Ardennendorfe, am 22. Februar 1648 zu Wien. Von seinem Geburtsorte erhielt sein Vater Eberhard Germain den Beinamen, welcher gewöhnlich in Lamormain oder gar Lämmermann verdreht wird. Nachdem L. den ersten Unterricht durch den Pfarrer zu Dochau, wohin sein Vater übersiedelte, erhalten und dann das Jesuitengymnasium zu Trier besucht hatte, nahm ihn der spanische Gesandte, Don Guillen de San Clemente, auf Verwendung seines Koches, welcher der Oheim Lamormaini's war, mit sich nach Prag und gab ihm Unterhalt. Nach dreijährigem Studium promovirte er dort bei den Jesuiten als Doctor der Philosophie und trat am 5. Februar 1590 zu Brünn in das Noviziat der Gesellschaft ein. Nach dessen Beendigung studirte er nahezu vier Jahre in Wien Theologie und wurde am 31. März 1596 in Preßburg zum Priester geweiht. Dann wirkte er zwei Jahre als Lehrer der Syntax zu Sillein in Ungarn und ebenso lange als Lehrer der Humaniora und Rhetorik zu Prag. 1600 wurde er Professor der Philosophie an der neu errichteten Universität zu Graz, legte 1603 die drei feierlichen Gelübde und 1606 das vierte ab und wurde in letzterem Jahre Professor der Theologie. 1614—21 war er Rector des Grazer Collegs, dann wurde er nach Rom berufen, wo er bis in den Herbst 1623 verweilte. Nach seiner Rückkehr wurde er Ende 1623 Rector des Collegs zu Wien und nachdem der Beichtvater Ferdinands II., Becanus, am 24. Januar 1624 gestorben war, erbat sich der Kaiser ihn, der schon in Graz zum Hofe in nahen Beziehungen gestanden hatte, zu dessen Nachfolger. Beide Stellungen bewahrte er bis nach Ferdinands Tode. Entsprechend der Politik Papst Urbans VIII. war er ein Gegner Wallensteins und der Spanier. Letztere bemühten sich seine Entlassung zu bewirken, doch glückte es ihnen nicht. Neben Eggenberg besaß er den größten Einfluß auf Ferdinand. In der öffentlichen Meinung galt er so entschieden als „der Herr des kaiserlichen Willens“ und als der eigentliche Leiter der kaiserlichen Politik, daß der Ordensgeneral selbst ihn deshalb kurz vor dem Tode des Kaisers zur Rede stellte, da sich ja die jesuitischen Beichtväter nicht geradezu in weltliche Angelegenheiten mischen dürsten. Ueber das thatsächliche Verhältniß ist in dem Ferdinand II. behandelnden Aufsatze dieses Werkes berichtet worden. Auf kirchlichem Gebiete benutzte L. seine Macht, um die Restauration und die Ausbreitung und Bereicherung seines Ordens zu fördern. Seiner Einwirkung wird auch die Uebergabe der theologischen und philosophischen Facultäten der Universitäten zu Wien und zu Prag an die Jesuiten zugeschrieben. Nach Ferdinands Tode wurde er Rector des akademischen Collegiums zu Wien und später Provinzial der österreichischen Ordensprovinz, indeß zog ihn auch Ferdinand III. noch häufig zu Rathe. Urban VIII. soll ihm die Cardinalswürde angetragen, er jedoch dieselbe beharrlich abgelehnt haben. In seinen letzten Lebensjahren vereinigte er die vier Bursen armer Studenten an der Wiener Universität zu einem von den Jesuiten geleiteten Seminar. Eine Reihe vornehmer Männer wurde durch|ihn dem Katholicismus zugeführt. Unter Ferdinand II. bewirkte er, daß eine bestimmte Anzahl von Wiener Juden jeden Samstag zur Anhörung einer Bekehrungspredigt zusammengetrieben wurden, doch Härte diese Einrichtung wegen ihrer Erfolglosigkeit nach einigen Jahren wieder auf. Der Nuntius Caraffa rühmt ihn als sehr glaubenseifrig und gelehrt; andere preisen seine Klugheit und seinen Scharfblick. Er sprach französisch, deutsch, italienisch, czechisch und lateinisch und hatte sich auch im Griechischen und Hebräischen tüchtige Kenntnisse erworben. Schweigsam und langsam redend, besaß er doch ein gewandtes und verbindliches Wesen. In seiner Jugend schwächlich, wurde er später mehr als mittelgroß, breitschultrig und stämmig; mit dem rechten Fuße hinkte er in Folge einer Verwundung, die er als Knabe empfangen hatte. Sein rundes, lebhaft gefärbtes Gesicht zeichneten eine hohe und breite Stirn, eine lange, an der Spitze gekrümmte und rothe Nase, ein sehr spärlicher, krauser Bart und dünne, etwas borstige Haare aus. — Nach dem Tode Ferdinands II. hatte er beabsichtigt dessen Leben unter dem Titel „Ideal eines christlichen Fürsten“ zu beschreiben, doch erschien 1638 nur der letzte Theil des Werkes „Ferdinandi II R. J. virtutes“, welcher in verschiedene Sprachen übersetzt wurde, eine lobhudelnde Schilderung der Frömmigkeit Ferdinands vom jesuitischen Standpunkte aus. Außerdem ist von ihm eine Leichenrede und die lateinische Uebersetzung einer ascetischen Schrift gedruckt morden.

    • Literatur

      Speculum christiani hominis et Jesuitae sive vita et virtutes P. Guilielmi Germani Lamormaini ..... Ex asceticis eius libellis et oculatis testibus fideliter et sincere a domo probatianis S. J. collecta Viennae ad S. Annam A. D. 1649 (für die Litterae annuae der Jesuiten bestimmt), im Auszuge bei Dudik, Correspondenz Kaiser Ferdinands II. und seiner erlauchten Familie mit P. Martin Becanus und P. Wilhelm Lamormaini, im Archiv für österreich. Geschichte 54, 228 ff. Vgl. die Quellen zur Geschichte Ferdinands II. und über seine Schriften: Backer, Bibliothèque des écrivains de la compagnie de Jésus II, 601 ss. Alegambe, Scriptores Soc, J. I, 315 und Paquot, Mémoires pour servir à l'histoire des Pays-Bas I, 649.

  • Autor/in

    Stieve.
  • Empfohlene Zitierweise

    Stieve, "Lamormaini, Wilhelm" in: Allgemeine Deutsche Biographie 17 (1883), S. 572-573 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118778552.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA