Lebensdaten
1876 bis 1947
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
London
Beruf/Funktion
Statistiker
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 116577096 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Kuczynski, R.
  • Kuczynski, R. R.
  • Kuczynski, Rob.
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Zitierweise

Kuczynski, Robert René, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd116577096.html [28.07.2017].

CC0

Kuczynski, Robert René

Statistiker, * 12.8.1876 Berlin, 25.11.1947 London. (israelitisch)

  • Genealogie

    V Wilhelm (1843–1913), Bankier in B., Mitbegr. d. Handelshochschule Berlin, verdient um d. Ausbau d. Kassaverkehrs d. Berliner Banken; M Lucy (1854–1913), T d. Samuel Brandeis, Altphilol. in B., 1847-70 in Paris (s. W); Ur-Groß-Om Hirschmann Brandeis (* 1793), Arzt, Medizinhistoriker, Übersetzer (s. Wurzbach II; BLÄ); - Berlin 1903 Bertha ( 1947), T d. Berliner Bankiers Gradenwitz; 6 K, u. a. Jürgen (* 1904), Wirtsch.historiker (s. Kürschner, Gel.-Kal.); Ov d. Ehefrau Otto Gradenwitz (1860–1935), Rechtshistoriker (s. NDB VI); Vt d. Ehefrau Franz Skutsch (1865–1912), Prof. d. Altphilol. in Breslau (s. W); N d. Ehefrau Otto Skutsch (* 1906), Prof. d. Altphilol. in London (s. Kürschner, Gel.-Kal.).

  • Leben

    Nach dem Abitur am Franz. Gymnasium studierte K. 1894-97 Wirtschafts- und Rechtswissenschaften in Freiburg, Straßburg und München. Von nachhaltigem Einfluß auf ihn waren Gg. Frdr. Knapp, dessen Tochter Elly er verehrte, der Philosoph Paul Hensel, dem er fortan freundschaftlich verbunden blieb, besonders aber Lujo Brentano, der K.s Aufmerksamkeit auf statistische Probleme lenkte und ihn 1897 mit „Beiträgen zur Frage der Bevölkerungsbewegung in Stadt und Land“ promovierte. Drei Jahre später schrieben Lehrer und Schüler zusammen ein Buch über „Die heutige Grundlage der Deutschen Wehrkraft“. Nach dem Militärdienst volontierte K. unter Rich. Böckh im Statistischen Amt Berlin, 1900-03 unter Carroll D. Wright im amerikan. Statistischen Bundesamt. Als Frucht jener Jahre erschien seine Untersuchung über „Arbeitslohn und Arbeitszeit in Europa und Amerika 1870-1909“ (1913), die starke Beachtung fand. Im Mai 1904 wurde K. Direktor des Statistischen Amtes in Elberfeld, zwei Jahre später in Schöneberg (1906–21). Die Familie zog nach Friedenau, 1913 schließlich in eine von Herm. Muthesius erbaute Villa am Schlachtensee. Es war vornehmlich die Wohnungsmisere in Berlin, die K. damals beschäftigte; während des Weltkriegs, an dem er nicht teilzunehmen brauchte, rückten Ernährungs- und Finanzprobleme in den Mittelpunkt seines Interesses. Ende 1919 gründete er die „Finanzpolitische Korrespondenz“, in der er bis zu seiner Emigration die Finanzpolitik kommentierte. Er kritisierte die Erzbergersche Finanzreform, indem er eine stärkere Progression der Besteuerung forderte sowie eine einmalige Vermögensabgabe in der Weise, daß jeder die Hälfte seines Vermögens dem Staat zur Sanierung des Haushalts überlassen solle. 1920-26 veröffentlichte er in der „Finanzpolitischen Korrespondenz“ monatlich die von ihm errechneten Indices der Lebenshaltungskosten, die der Sozial- und Wirtschaftspolitik im allgemeinen, der Lohnpolitik im besonderen als Richtwerte dienten.

    K.s politisches Denken und Handeln wurzelten im bürgerlichen Liberalismus, tendierten|aber dank eines ausgeprägten sozialen Empfindens stark nach links. Ganz Individualist, dachte er nie daran, sich einer Partei anzuschließen. Zu seinen Freunden gehörten Frdr. Naumann und Albert Südekum sowie Mitglieder der „Deutschen Liga für Menschenrechte“, deren Vorstand er angehörte. Im Bemühen um eine deutsch-franz. Verständigung unternahm K. im Auftrag der Liga 1922-24 zahlreiche Vortragsreisen nach Frankreich. Im Jan. 1923 gründete er die „Deutsch-Franz. Wirtschaftskorrespondenz“, die zwei Jahre hindurch Aufsätze zu deutschen und franz. Wirtschaftsfragen publizierte. – Einer breiten Öffentlichkeit wurde K. 1925/26 als Gründer und Vorsitzender des „Ausschusses zur Durchführung des Volksentscheides für die entschädigungslose Enteignung der Fürsten“, des sog. „Kuczynski-Ausschusses“, bekannt. Zu den Initiatoren dieser Aktion gehörten auch Ludwig Quidde und Helene Stöcker. Es gelang K. in kurzer Zeit, Gewerkschaften, SPD und KPD sowie zahlreiche Organisationen für seine Forderung zu gewinnen. Im ganzen Reich wurden „Kuczynski-Ausschüsse“ gebildet. Im März 1926 trugen sich zwölfeinhalb Millionen (von insgesamt knapp 40 Millionen Wahlberechtigten) in die Listen zugunsten des Volksbegehrens ein, womit die notwendige Zahl von vier Millionen Unterschriften weit übertroffen wurde. Beim Volksentscheid am 20.6.1926 entfielen von 15 599 797 abgegebenen Stimmen 14 455 184 für den Gesetzentwurf K.s; über die Hälfte aller Wahlberechtigten hätten jedoch dafür stimmen müssen, um dem Entwurf Gesetzeskraft zu geben.

    1926-32 weilte K. häufig zu Forschungsarbeiten in den USA (Brookings Institution). 1927 veröffentlichte er in New York ein Buch über amerikan. Anleihen an Deutschland (American Loans to Germany; erweiterte dt. Aufl. 1929). Nach der Machtergreifung Hitlers emigrierte K. über die Československá republika/Tschechoslovakische Republik und die Schweiz nach London. Seine ganze Aufmerksamkeit galt fortan der Bevölkerungsstatistik. Die hierbei entwickelte Methode machte Schule. 1938 wurde er Lehrer für Demographie an der London School of Economics. Sein letztes großes Werk wurde „A Demographic Survey of the British Colonial Empire“ (3 Bde., 1948–53), wozu er intensive Quellenstudien im Kolonialamt betrieb. 1943 übernahm er den Vorsitz der „Freien Deutschen Bewegung“ in England, die dem „Nationalkomitee Freies Deutschland“ entsprach. 1944 wurde er Ehrenpräsident des „Lateinamerikanischen Komitees der Freien Deutschen“. Diese Ehrenämter können nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich K. seit dem Scheitern des Volksentscheids über eine entschädigungslose Enteignung der Fürsten fast ganz aus dem politischen Geschehen zurückgezogen hatte.

  • Werke

    Weitere W u. a. Die Wohnungsfrage vor u. nach d. Kriege, 1916; Unsere Finanzen nach d. Kriege, 1917; Unsere Finanzen, 1919; Ein Reichsfinanzprogr. f. 1920, 1920; Wenn Friedensfreunde reden, 1924; Dtld. u. Frankreich, ihre Wirtschaft u. ihre Pol., 1924, NF 1925; Dtld.s Versorgung mit Nahrungs- u. Futtermitteln, 4 T., 1926 f.; The Balance of Births and Deaths, 2 Bde., 1928/31; The Measurement of Population Growth, Methods and Results, 1935; Population Movements, 1936. - Zu Gvm S. Brandeis: Meine Ausweisung aus Preußen, 1847; zu →Franz Skutsch: Kl. Schrr., hrsg. v. W. Kroll, 1914 (W, P, Biogr.).

  • Literatur

    A. Freymuth, Fürstenenteignung - Volksrecht! Mit Vorwort v. R. K., 1926; A. Friedmann, Fürsten „abfindung“ u. Zuständigkeitsfrage, Ein Rechtsgutachten, 1926; P. Frölich, Keinen Pfennig den Fürsten! 1926; H. Graßhoff, 5 Jhh. Fürstenraub, 1926; G. Kaisenberg, Der Weg d. Volksgesetzgebung, Volksbegehren u. Volksentscheid mit bes. Berücksichtigung d. Volksabstimmung am 20.6.1926, 1926; F. Rück, Reiche Fürsten - Arme Leute, Der Volksentscheid f. entschädigungslose Enteignung d. Fürsten, mit Einl. v. R. K., 1926; Carl Schmitt, Unabhängigkeit d. Richter, Gleichheit vor d. Gesetz u. Gewährleistung d. Privateigentums nach d. Weimarer Verfassung. Ein Rechtsgutachten zu d. Gesetzentwürfen üb. d. Vermögensauseinandersetzung mit d. früher regierenden Fürstenhäusern, 1926; O. Lehmann-Rußbüldt, Der Kampf d. Dt. Liga f. Menschenrechte, vormals Bund Neues Vaterland, f. d. Weltfrieden 1914–27, 1927 (R. K. gewidmet); Theodor Günther, Die Fürstenentschädigung, 1928; Jürgen Kuczynski (S), R. K., Ein fortschrittl. Wissenschaftler in d. ersten Hälfte d. 20. Jh., 1957 (W, P); ders., Memoiren, 1971, 21975; H. Karl, Die dt. Arbeiterklasse im Kampf um d. Enteignung d. Fürsten 1925/26, 1957; I. Kelbert-Girard. Die gr. Volksbewegung f. d. entschädigungslose Fürstenenteignung, Diss. Berlin 1960; F. C. West, The Parties, the Princes and the People, A Study of the German Referendum of June 20, 1926, Diss. Univ. of California, Berkeley 1970; U. Schüren, Der Volksentscheid z. Fürstenenteignung 1926, 1978; K. Holl u. W. Wette (Hrsg.), Pazifismus in d. Weimarer Republik, 1981.

  • Autor

    Franz Menges
  • Empfohlene Zitierweise

    Menges, Franz, "Kuczynski, Robert René" in: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 164-165 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd116577096.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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