Lebensdaten
1770 bis 1842
Geburtsort
Radis bei Wittenberg
Sterbeort
Leipzig
Beruf/Funktion
Philosoph ; Professor der Philosophie in Leipzig
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 11884704X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Krug, Wilhelm Traugott
  • , Freund
  • Kantharos
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Zitierweise

Krug, Wilhelm Traugott, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11884704X.html [19.03.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Joh. Christian, Pächter d. Ritterguts in R., dann d. Kammerguts Strohwalde u. d. Rentamts in Gräfenhainichen;
    M Christiane Steude; Verwandter-m Adam Frdr. Oeser ( 1799), Maler;
    - 1803 Wilhelmine (1782–1852), Verlobte d. Dichters Heinrich v. Kleist ( 1811, s. NDB XII), T d. preuß. Gen.-Majors August Wilhelm Hermann v. Zenge (1736–1817, s. Priesdorff III, S. 63 f.) u. d. Charlotte Margarethe v. Wulffen;
    4 S, 2 T.

  • Leben

    In Schulpforta erhielt K. eine gründliche humanistische Ausbildung. Seit 1788 studierte er in Wittenberg, seit 1792 in Jena und 1794 in Göttingen Philosophie und Theologie. Besonders geprägt hat ihn das Studium der kritisch-philosophischen Schriften|Kants. 1794 habilitierte sich K. in Wittenberg und wurde Adjunkt an der Philosophischen Fakultät. In dieser Eigenschaft hielt er Vorlesungen über Philosophie und Enzyklopädie. 1801 erhielt er in Frankfurt/Oder eine ao. und 1805 als erster Nachfolger Kants in Königsberg eine o. Professur für Philosophie. 1809 ging er nach Leipzig, wo er bis zu seinem Tode lehrte (1830 Rektor). Die Bedeutung K.s liegt weniger in seiner Philosophie als vielmehr darin, daß er es dank einer verständlichen Sprache verstand, in der breiten Öffentlichkeit das Interesse für die Philosophie zu wecken und liberales Denken in Staat und Kirche zu fördern. Er war der Meinung, die Philosophie bedürfe keiner eigenen Terminologie, da die Priorität dem Denken und nicht der Sprache zukomme (Über das Verhältnis der Philosophie zum gesunden Menschenverstände, 1837).

    Als sein Hauptwerk bezeichnet K. seine „Fundamentalphilosophie oder urwissenschaftliche Grundlehre“ (1803, 31827). Schon in dem „Entwurf eines neuen Organons der Philosophie“ (1801, wieder 1969) hat er sein eigenes philosophisches Programm konzipiert, das er nun als „transzendentalen Synthetismus“ bezeichnet. Eine ausführliche Darstellung seiner Gedanken bietet K. im „Handbuch der Philosophie“ (1820, 31829, Neuaufl. 1969). Das Werk ist noch heute eine Fundgrube an Einsichten für die philosophiegeschichtliche Erforschung des deutschen Idealismus. K. selbst versteht sich weder im Sinne Berkeleys, Kants, Fichtes, Schellings und Jacobis als Idealist, noch im Sinne der „jonischen Kosmophysiker“ oder später im Sinne Helvetius', Lagranges' und Holbachs oder der franz. Enzyklopädisten als Realist. Der konsequente Idealismus führe, so behauptet er, zum „absoluten Nihilismus“, der konsequente Realismus hingegen zum „Materialismus, blinden Mechanismus oder Fatalismus“. Als „absoluten Grenzpunkt“ des Philosophierens sieht er den „transzendentalen Synthetismus“ von Idealismus und Realismus. Entscheidend für diesen transzendentalen Synthetismus, für die „ursprüngliche Verknüpfung des Seins und des Wissens im Ich, wodurch das Bewußtsein selbst erst konstituiert wird“, ist, daß er nicht als abgeschlossenes System konzipiert werden kann – hier unterscheidet er sich von den Systematikern des Deutschen Idealismus –, sondern unerreichbarer „Grenzpunkt“ des Denkens ist, nachdem „jede empirische Synthese immer auf die transzendentale als ihre ursprüngliche Bedingung zurückweist“. Philosophie bleibt daher „eine unendliche Aufgabe des menschlichen Geistes, die nie vollständig gelöst werden kann“. Aus diesem „Wesen und Zwecke“ der Philosophie, Idealismus und Realismus, Theorie und Praxis in transzendentaler Synthese miteinander zu verbinden, ergibt sich für K. ihr „Wert“ in bezug auf die Wissenschaft und das menschliche Handeln. Die Philosophie sei das strahlende Licht im Mittelpunkt der menschlichen Erkenntnis und habe die Aufgabe, Kopf und Herz des Menschen gleichermaßen zu bilden. – Die Neuauflagen der Werke seit 1968 zeugen davon, daß K.s Gedanken aktuell geblieben sind, zumal bei Philosophen, die sich dem Psychologismus, Soziologismus und naturwissenschaftlich orientierten Rationalismus widersetzen, indem sie sich auf den Primat der Philosophie im Kanon der Wissenschaften berufen.

  • Werke

    Weitere W u. a. Versuch e. systemat. Enc. d. Wiss., 3 T. in 4 Bdn., 1796-1819;
    Über d. Verhältnis d. krit. Philos. z. moral., pol. u. rel. Kultur d. Menschen, 1798, wieder 1968;
    Briefe üb. d. Wiss.lehre, 1800;
    Briefe üb. d. neuesten Idealism, 1801, wieder 1968;
    Der Widerstreit d. Vernunft mit sich selbst in d. Versöhnungslehre, 1802, wieder 1968;
    Versuch e. systemat. Enc. d. Künste, 1802;
    System d. theoret. Philos., 3 Bde., 1806-10;
    System d. prakt. Philos., 3 Bde., 1817-19;
    Griechenlands Wiedergeburt, 1821 (griech. 1974);
    Letztes Wort üb. d. griech. Sache, 1821 (griech. 1974);
    Neuester Stand d. griech. Sache, 1822 (griech. 1974);
    K.s Lebensreise in sechs Stazionen v. ihm selbst beschrieben, 1826, 21842;
    Allg. Hdwb. d. phil. Wiss., 4 Bde., 1827-29;
    Ges. Schrr., 12 Bde., 1830-41;
    Commentationes academicae partim ad theologiam partim ad philosophiam huiusque imprimis historiam spectantes, 1838. -
    Autobiogrr. Leipziger Gel., hrsg. v. H. G. Kreußler, 1810 (W-Verz., P: Stich v. W. Arndt n. Zeichnung v. F. A. Junge).

  • Literatur

    ADB 17;
    A. Fiedler, Die staatswiss. Anschauung u. d. polit.-publizistische Tätigkeit d. Neukantianers W. T. K., Diss. Leipzig 1933;
    Ziegenfuß.

  • Portraits

    Holzschn. in: LIZ v. 18.6.1870.

  • Autor/in

    Friedbert Holz
  • Empfohlene Zitierweise

    Holz, Friedbert, "Krug, Wilhelm Traugott" in: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 114 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11884704X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Krug: Wilhelm Traugott K., geb. am 22. Juni 1770 in dem Dorfe Radis bei Wittenberg, in Leipzig am 12. Januar 1842, Sohn eines Gutspächters, besuchte die lateinische Schule der benachbarten Stadt Gräfenhainichen und kam hierauf im Sommer 1782 an die Fürstenschule zu Pforta, von wo er 1788 an die Universität Wittenberg als Studirender der Theologie überging. Da ihn sein dortiger Lehrer und Gönner Reinhard veranlaßte, die akademische Laufbahn zu betreten, erwarb er sich vorerst durch eine Dissertation „Principium, cui religionis christianae auctor doctrinam de moribus superstruxit“ am 17. Oct. 1791 die philosophische Doctorwürde und begab sich hierauf im Herbst 1792 nach Jena, wo er durch Reinhold in die Kantische Philosophie eingeführt wurde, daneben aber auch bei Paulus, bei dem Philologen Schütz und bei dem Physiker Voigt Vorlesungen hörte. Dann ging er zu Ostern 1794 noch auf ein Semester nach Göttingen, wo er Heyne's und Eichhorn's Vorträge besuchte|und seine bereits in Jena geschriebenen „Briefe über die Perfectibilität der geoffenbarten Religion“ anonym drucken ließ (1794), gegen welche sich zwei Jahre später eine heftige theologische Polemik erhob. Im Herbst desselben Jahres habilitirte er sich in Wittenberg als Privatdocent durch eine Dissertation „De pace inter philosophos“ und las sogleich über Encyklopädie, sowie er gleichzeitig „Versuch einer systematischen Encyklopädie der Wissenschaften“, 1. Thl. (1796), veröffentlichte (der 2. folgte 1797, der 3. in zwei Abtheilungen erst 1804 und 1819). Auch erlangte er mittelst einer Abhandlung „Lex moralis utrum et quatenus omni naturae ratione praeditae scribenda sit“ im J. 1796 die Aufnahme als „Adjunct“ der philosophischen Fakultät, aber da ihm eine besoldete Professur versagt blieb, lebte er in gedrückter Lage, so daß er in Hypochondrie verfiel. Doch raffte er sich wieder auf und verfolgte mit Theilnahme die neueren Erscheinungen; so schrieb er „Ueber Herder's Metakritik" (1799) und neben „Aphorismen zur Philosophie des Rechts" (1800), sowie „Philosophie der Ehe" (1800) auch „Briefe über die Wissenschaftslchre" (1800), welche ebenso gegen Fichte gerichtet waren, wie gegen Schelling die „Briefe über den neuesten Idealismus“ (1801). Die selbständige Wendung, welche er mit Kant's System vornehmen zu müssen glaubte, begann er mit seinem „Entwurf eines neuen Organons der Philosophie“ (1801). Nunmehr fand er gegen Ende des J. 1801 eine Anstellung als Professor in Frankfurt a. d. O., wo er noch neben den philosophischen Vorlesungen auch theologische hielt. Auf einen Angriff Hegel's, welcher im Kritischen Journale einen Aufsatz „Wie der gemeine Menschenverstand die Philosophie nehme“, geschrieben hatte, antwortete K. mit der Schrift „Wie der ungemeine Menschenverstand die Philosophie nehme" (1802), und gleichfalls gegen Hegel und Schelling war gerichtet „Der Widerstreit der Vernunft mit sich selbst" (1802); daneben erschien „Versuch einer systematischen Encyklopädie der Künste“ (1802). Den Grundgedanken aber des erwähnten neuen Organons führte er jetzt aus in seiner „Fundamental-Philosophie“ (1803), welche als seine erste Hauptschrift zu bezeichnen ist. Im J. 1804 erhielt K., welcher sich (1803) mit einer Tochter des Generalmajors v. Zenge verheirathet hatte, ziemlich gleichzeitig drei Anträge, nämlich einen an das Gymnasium zu Fulda, einen an die Universität Greifswald und einen dritten nach Königsberg auf den durch Kant's Tod erledigten Lehrstuhl, Den letzteren nahm er nach längeren Verhandlungen an und traf im October 1805 in Königsberg ein, wo er die Ausarbeitung seiner speculativen Gesammtanschauung unternahm und deren eine Hälfte unter dem Titel „System der theoretischen Philosophie“ zu veröffentlichen begann (1. Thl. 1806, 2. Thl. 1808, der dritte Thl. erst 1810; der 1. Thl. fand noch eine 4. Aufl. 1833, von den beiden anderen erschienen zweite Auflagen 1820 und 182.3). In der Zeit der Bedrängniß Preußens durch Napoleon wirkte K. lebhaft bei dem in Königsberg entstandenen „Tugendbunde“ mit. Zu Ostern 1809 folgte er einem Rufe nach Leipzig, wo er mit großem Lehrerfolge und zugleich in vielseitigster Rührigkeit bis an sein Lebensende wirkte. Sein Antrittsprogramm „De poëtica philosophandi ratione“ enthielt eine entschiedene Ablehnung der Phänomenologie Hegel's und alsbald gab er in der Schrift „Der Staat und die Schule" (1810) doctrinäre Ergüsse über geforderte Reformen der Universität, womit er wenig Beifall erntete. Im Herbste 1813 zog er als Freiwilliger mit dem Verbündeten Heere, wovon er im Frühjahre 1814 wieder zurückkehrte. Dann veröffentlichte er „Geschichte der Philosophie alter Zeit“ (1815) und brachte die zweite Hälfte des begonnenen Hauptwerks zur Vollendung, nämlich „System der praktischen Philosophie“ (1. Thl. Dikaiologie, 1817, 2. Thl. Aretologie, 1818, 3. Thl. Eusebiologie, 1819), worauf er alsbald das Ganze wieder in gedrängter Kürze zusammenfaßte im „Handbuch der|Philosophie und der philosophischer Litteratur" (1820, 3. Aufl. 1828). Hierauf folgten eine „Dikaiopolitik (1824), eine „Pisteologie" (1825) und ein „Kirchenrecht nach Grundsätzen der Vernunft" (1826), und in einem abermals neuen Anlaufe faßte er den Gedanken, die Philosophie in alphabetische Ordnung zu bringen, d. h. es erschien „Allgemeines Handwörterbuch der philosophischen Wissenschaften" (4 Bde, 1827—29, 2. Aufl. 1832). Daneben hielt er (1829) vor gemischtem Publicum „Universalphilosophische Vorlesungen für Gebildete beiderlei Geschlechts“, welche dann wirklich gedruckt wurden (1831) und außerdem entfaltete er eine schriftstellerische Thätigkeit, welche sich nahezu auf Alles erstreckte, indem er bei jedem Vorkommnisse sich berufen fühlte, seine Meinung abzugeben. So schrieb er nicht nur nach der Rückkehr vom Heere ein „System der Kriegswissenschaft“ (1815), sondern auch fortan zahlreiche Broschüren über Repräsentativsystem, über Preßfreiheit, über den heiligen Bund (dabei eingefädelt von Frau v. Krüdener), über den Zustand Deutschlands gegen Stourdza, über Haller's Restaurationslehre, über deutsches Universitätswesen, über Griechenlands Wiedergeburt, über wahren und falschen Liberalismus, über Katholicismus und Cölibat, über Polens Schicksale, über Judenemancipation, natürlich auch über die Kölner Wirren (1837) und über Vereinigung der christlichen Confessionen, sowie auch über A. Ruge und die Halle'schen Jahrbücher. Es zählt ja das von ihm in seiner Autobiographie angelegte Verzeichniß seiner Schriften (worauf hiermit verwiesen sei) nicht weniger als 189 Nummern. Als er im J. 1830 Rectar der Universität war, hatte er bei Gelegenheit der Reformationsfeier mit allerlei Schwierigkeiten zu kämpfen, erhielt aber schließlich von den städtischen Behörden einen silbernen Ehrenbecher, und da er 1833 als Deputirter der Universität in die Ständeversammlung eintrat, hatte er neuen Stoff zu doctrinären Kundgebungen gefunden. Er war in der That von einem aufrichtigen Aufklärungsstreben beseelt und förderte so die Verbreitung eines politischen und kirchlichen Liberalismus. Als Philosoph vertrat er auf Kantischer Basis den gewöhnlichen gefunden Menschenverstand und indem er bezüglich des von ihm angestrebten Synthetismus den Thatsachen des Bewußtseins eine stärkere Betonung verlieh, war ihm manche Anknüpfung an Jacobi ermöglicht; später kehrte er mehr zum eigentlichen Kantianismus zurück. K. selbst hatte bereits 1825 unter dem Namen Urceus seine „Lebensreise in sechs Stationen“ beschrieben, dann schrieb er 1830 „Leipziger Freuden und Leiden“, und seine Eitelkeit veranlaßte ihn, noch 1842 zu veröffentlichen „Krug's Lebensreise in sechs Stationen von ihm selbst beschrieben“.

    • Literatur

      S. auch Emil Ferd. Vogel, Wilhelm Traugott Krug (1844). Ueber dessen Philosophie s. J. Ed. Erdmann. III. 1, S. 368 ff.

  • Autor/in

    Prantl.
  • Empfohlene Zitierweise

    Prantl, Carl von, "Krug, Wilhelm Traugott" in: Allgemeine Deutsche Biographie 17 (1883), S. 220-222 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11884704X.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA