Lebensdaten
1803 bis 1875
Geburtsort
Amsterdam
Sterbeort
Elberfeld
Beruf/Funktion
evangelischer Theologe
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118713604 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Kohlbrügge, Hermann Friedrich
  • Kohlbruegge, Hermann Friedrich
  • Kohlbrugge, Friedrich
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Zitierweise

Kohlbrügge, Hermann Friedrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118713604.html [28.01.2020].

CC0

  • Genealogie

    V Hermann Gerhard, Seifensieder in A., aus Menslage (Hannover) eingewandert;
    M Petronella Terhuis aus Monnikendam (Niederlande);
    1) Amsterdam 1829 Catharina Louisa (1808–33), T d. Gerrit Engelbert u. d. Anna Maria Scholte, 2) Nymwegen 1834 Ursulina (1794–1866), T d. Bernhard Deodatus Baron van Verschuer, niederländ. Oberst d. Art., u. d. Theodora Joh. Anna Jacoba Mackay;
    K, u. a. Anna Jacobe ( Eduard Böhl, 1836–1903, Prof. d. Theol. in Wien, s. BJ VIII, Tl.; RGG); Stief-E Franz Böhl (1882–1976). Prof. d. Theol. in Groningen u. Leiden (s. RGG).

  • Leben

    Getauft nach der reformierten Konfession seiner Mutter, erhält K. seine religiöse Erziehung in der „Wiederhergestellt Lutherischen Kirche“, der sich der Vater angeschlossen hat. Der Besuch des Gymnasiums und der Hochschule (Athenäum in Amsterdam) weckt in dem begabten, sehr sensiblen Studenten der Theologie Liebe zur klassischen Literatur. In Utrecht läßt er sich zum Kandidaten der Philosophie und der schönen Wissenschaften erheben; seine besondere Aufmerksamkeit schenkt er den semitischen Sprachen, von denen er sieben beherrscht; mit Amsterdamer Rabbinern diskutiert er in Hebräisch, Syrisch und Arabisch; Gedichte aus diesen Jahren zeugen von Melancholie und Mystizismus, aber auch von einer Gläubigkeit, die das lutherische Erbe nicht aufgibt. 1826 wird er Hilfsprediger seiner lutherischen Kirche. Unter dem Einfluß der mächtigen Erweckungsbewegung seiner Zeit (in Holland „Réveil“), erfährt er, was er später seine erste Bekehrung genannt hat. Er predigt in diesen ersten Jahren seiner öffentlichen Tätigkeit „unser völliges Elend; die Allmacht des Heiligen Geistes; Buße und Bekehrung; die Gefahr einer toten Orthodoxie die Notwendigkeit eines lebendigen Glaubens; die Wiedergeburt durch die allmächtige Gnade; die Rechtfertigung eines Sünders durch den Glauben allein“, aber auch die „wahre Heiligung“, in welcher die guten Werke „die unverzichtbaren Früchte des Glaubens sind“.

    Kritik K.s an rationalistischen Elementen in der Theologie eines Kollegen bringt ihm die Entlassung aus seiner Stellung. Er sucht Anschluß bei dem niederländischen Calvinismus – für ihn bleibt Calvin der beste Schüler Luthers –, aber die Staatskirche verweigert ihm Mitgliedschaft und Amt, und einer Freikirche aus konservativen Calvinisten vermag er sich nicht anzuschließen. 1829 promoviert er in Utrecht zum Dr. theol.; eine Heirat macht ihn wirtschaftlich unabhängig und ermöglicht ihm eine Existenz als Privatlehrer, bekannt, geehrt, aber nicht unumstritten in weiten Kreisen der Erweckten, des Bürgertums und des Adels. Seine Beziehungen zu den Kreisen des Réveil lorkern sich, als er in den 30er Jahren zu den Erkenntnissen und Aussagen durchdringt, die seinen eigentlichen Beitrag zur Theologie des 19. Jahrhunderts dartun. Auf einer Reise in das Wuppertal 1833 hält er Predigten, die erhebliches Aufsehen erregen. Indem er deutlich christozentrischer wird, entdeckt er, zum Beispiel in einer vielgelesenen Predigt über Römer 7,14, daß es in Rechtfertigung und Heiligung nie um des Menschen Vorfindlichkeit, sondern stets um die souveräne und barmherzige Zuwendung Gottes in Christus geht. Karl Barth umschreibt K.s Anliegen: „Er hat weder mit Schleiermacher und den Seinen um die Versöhnung der christlichen Selbst- und Geschichtserfahrung mit dem modernen Denken sich mühen, noch mit den Erweckungstheologen, Biblizisten und Konfessionellen die christliche Selbst- und Geschichtserfahrung gegen das moderne Denken verteidigen und ausspielen wollen, er hat die Frage gestellt, ob denn die moderne Selbst- und Geschichtserfahrung überhaupt das taugliche Objekt für die Diskussion über das Christentum sein möchte. Ihm war das Christentum gegenüber der von Hegel bis zu Vilmar gemeinsamen opinio communis identisch mit der aller Selbst- und Geschichtserfahrung gegenüber freien und freibleibenden Gnade, der gegenüber er als christliche Selbst- und Geschichtserfahrung nur die Sünde und den schlechterdings nur von der Gnade lebenden Glauben der Sünder kennen wollte.“ Mit dieser Wiederentdeckung reformatorischer Erkenntnisse geriet K. in Widerspruch zum Neuprotestantismus. Neologen wie Pietisten war seine Verkündigung verdächtig, ärgerlich, ja unerträglich. Die Wuppertaler Reise 1833 endete trotz oder wegen großen Zulaufs mit einem Kanzelverbot für K. 1846 und 1847 berief ihn eine Gruppe reformierter Gemeindeglieder, die den Unionsbestrebungen Friedrich Wilhelms II. nicht zu folgen vermochte, aber unter dem Religionspatent Friedrich Wilhelms IV. zur Stiftung einer freien Gemeinde übergehen konnte, zum Pastor der „Niederländischen Reformierten Gemeinde“ in Elberfeld.

    K. hat kaum wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht; er wirkte durch seine zahlreichen Predigten. „K. war kein Calvinist … Seine Auslegung des Heidelberger Katechismus ist sehr verschieden von der des Ursinus. Aber trotz des Bewußtseins, daß er etwas zu verkündigen habe, das in der Reformation noch nicht unmißverständlich ausgesprochen war, hat er das Wort der Väter und das Bekenntnis der Gemeinde, das überkommene, nicht gering geachtet … Die Reformation wird nicht verleugnet, sondern weitergeführt.“ (A. de Quervain). Die politischen und soziologischen Konsequenzen seiner Theologie hat K. nicht mehr gezogen; politisch war und blieb er konservativ. Ihm verblieb ein kleiner, jedoch intensiver Kreis von Freunden und Schülern in Deutschland, der Schweiz, Amerika und besonders in den Niederlanden, wie Johannes Wichelhaus sowie sein Schwiegersohn E. Böhl und A. de Quervain. Barth kann K., auch im Rahmen seiner Schranken, einen „Lehrer der Kirche“ nennen und ihn „am Maßstab eines Reformators“ kritisieren: „Es bezeichnete K.s Größe, daß dies unvermeidlich ist.“

  • Werke

    Specimen philologico-theologicum inaugurale exhibens in Psalmum Quadragesimum Quintum, Diss. Utrecht 1829;
    Das 7. Kap. d. Briefes Pauli an d. Römer in ausführl. Umschreibung, 1839, Neudr. mit Einl. v. A. de Quervain, in: Bibl. Stud. 28, 1960;
    Betrachtung üb. d. 1. Kap. d. Evangeliums nach Matthäus, 1844;
    Wozu d. Alte Testament? 1846;
    Erläuternde u. befestigende Fragen u. Antworten zu d. Heidelberger Katechismus, 1851;
    Das Amt d. Presbyter, 1856;
    20 Predigten im J. 1846 gehalten, 1857, 31925;
    zahlr. Predigten, z. T. in mehreren Aufll. - Veröff. aus d. Nachlaß:
    Passionspredigten in d. J. 1847/48/49, 1875;
    Festpredigten, 1876;
    Briefe v. Dr. H. F. K., hrsg. v. E. Böhl, 1877 (in holländ. Sprache);
    Die Lehre d. Heils in Fragen u. Antworten, 1903;
    Gebete im öffentl. Gottesdienst ausgesprochen durch H. F. K., hrsg. v. J. Künzli, 1893;
    Laß dir an meiner Gnade genügen, Aus Familienbriefen d. H. F. K., hrsg. v. G. Helbig, o. J.;
    Briefe v. H. F. K. an J. Wichelhaus aus d. J. 1843–57, hrsg. v. J. J. Langen, 1911.

  • Literatur

    ADB 16;
    J. Wichelhaus u. E. Böhl, Lebensskizze v. Dr. H. F. K., 1884;
    G. W. Locher sen., Aus d. Leben u. Wirken d. Dr. H. F. K., 1925;
    A.|Zahn, Aus d. Leben e. ref. Pastors, 1885 (darin: Dr. K. u. Briefe v. Dr. K.);
    A. de Quervain, Die bekennende Kirche bei H. F. K., 1933;
    ders., Was lehrt uns K.? in: Ref. Kirchenztg. 99, 1958, S. 376 ff.;
    H. Klugkist Hesse, H. F. K., 1935 (ausführt. Biogr., L);
    W. Kreck, Die Lehre v. d. Heiligung bei H. F. K., 1936;
    K. Barth, in: Die Prot. Theol. im 19. Jh., 1947;
    E. Moltmann-Wendel, Theol. u. Kirche bei H. F. K., 1957;
    B. G. Locher, Das Leben K.s, in: Mhh. f. Ev. KG 25, 1976;
    M. Wichelhaus, Einheit u. Freiheit im preuß. Kirchenkampf d. 19. Jh., Die Elberfelder Kirchenspaltung 1874, ebd.;
    H. Faulenbach, Die geordnete Gemeinde bei H. F. K., ebd.;
    W. Kreck, Das Bild K.s in d. dialekt. Theol., ebd.;
    S. van d. Linde, K.s Kampf gegen d. rel. Subjektivismus, ebd.;
    J. F. G. Goeters, Der Weg d. ref. Gemeinde Elberfeld in d. Spaltung v. 1847, ebd.;
    G. W. Locher jr., Paulus en K.: op de komma, in: De dertiende apostel en het elfde gebod, Paulus im Lauf d. Jhh., hrsg. v. G. C. Berkouer u. H. A. Oberman, 1971;
    A. J. Rasker, H. F. K., in: De Nederlandse Hervormde Kerk vanaf 1795, 1974 (L);
    W. Aalders u. D. van Heijst (Hrsg.), H. F. K., zijn leven, zijn prediking, zijn geschritten, 1976 (mit Btrr. v. A. de Quervain, K. Groot, D. Kalmijn, B. van Ginkel, G. Heibig, G. Ph. Scheers u. der Hrsg. sowie mit unbek. Texten K.s).

  • Portraits

    Phot. in: Der Protestantismus am Ende d. XIX. Jh., hrsg. v. C. Werckshagen, 1900/02.

  • Autor/in

    Benjamin G. Locher
  • Empfohlene Zitierweise

    Locher, Benjamin G., "Kohlbrügge, Hermann Friedrich" in: Neue Deutsche Biographie 12 (1979), S. 423-425 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118713604.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Kohlbrügge: Hermann Friedrich K., Dr. theol., ausgezeichnet als Homilet und Ausleger der heiligen Schrift, geb. zu Amsterdam den 15. August 1803 und zu Elberfeld den 5. März 1875. Auf dem Athenäum seiner Vaterstadt wurde er in den Tempel der Wissenschaft frühzeitig eingeführt. Außer der Theologie verlegte er sich mit Fleiß auch auf die Philosophie, Geschichte und besonders auf die orientalischen Sprachen. Nachts dagegen half er seinem gottesfürchtigen Vater bei seinem Geschäfte, der Seifensiederei. Nach dessen Tode wurde er Proponent oder Hilfsprediger an der wiederhergestellten lutherischen Gemeinde in Amsterdam. Ein Conflict mit dem in rationalistischem Geiste predigenden Pastor derselben zog ihm aber die Entlassung aus diesem Dienste zu. Hierauf ging er nach Utrecht zurück, wo er, nachdem er bisher von der Mystik und Plato ergriffen war, in der Zurückgezogenheit mit aller Energie sich auf das Schriftstudium verlegte, auch um ein seinem Vater auf dem Sterbebett gegebenes Versprechen zu lösen, eine exegetische Abhandlung über den 45. Psalm schrieb, durch welche er am 4. Juni 1829 sich den Doctorgrad in der Theologie erwarb. Seine nunmehrige Verheirathung setzte ihn in den Stand, die Privatstudien weiter zu treiben, welche ihn unter Anderem auf die großen Kämpfe der Gomaristen und Remonstranten führten, wobei ihm eine Vertiefung in die Schriften Luther's, Calvin's und Olevian's das völlige Verständniß jener öffnete, ihn aber auch zu der Ueberzeugung brachte, daß die reformirte Lehre die richtigere sei. In seinem Gewissen aufgefordert, begehrte er Aufnahme in die reformirte Kirche. Man scheute ihn aber und suchte auf allerlei Weise ihn von derselben fern zu halten. Dieses sowie der Tod seiner Gattin beugte K. körperlich so sehr, daß ihm von Seiten des Arztes eine Luftveränderung angerathen wurde. Eine Rheinreise brachte ihn auch nach Elberfeld, wo von Alters her eine blühende reformirte Gemeinde bestand und damals Gottfried Daniel Krummacher mit Begeisterung die Lehre der Reformirten von der Kanzel verkündete. Aufgefordert, diese auch zu besteigen, predigte K. in mehreren Kirchen des Wupperthales. Eine seiner Predigten, welche über Röm. 7, 14 handelte, rief indessen eine große Bewegung unter den frommen Kreisen hervor. In markigen Zügen schilderte er darin, wie der Mensch, unter die Sünde verkauft, unmöglich mit allem seinen Thun zu|Gott kommen kann, wie auch das Gesetz alles verdammen muß, was aus demselben hervorkommt, wie aber Gott in Christo, dem anderen Manne, welcher das Gesetz für die Seinen erfüllt und alles vollbracht hat, es bewirkt, daß sie dem Gesetze abgestorben seien und in Christo haben Glauben, Heiligkeit, Friede und alles. Vielfach verstand man ihn nicht und sah ihn als einen Antinomianer an, der das Gesetz beseitigen wolle. Doch fand seine Predigt auch Freunde, welche ihn drängten, sich den nöthigen Prüfungen zu unterziehen, um die Wahlfähigkeit hier zu Lande zu erlangen. Da aber wurde er in Berlin als Gegner der Union und preußischen Agende, welche man damals im Wupperthale einzuführen im Begriffe stand, verdächtigt, worauf ihm die Kanzel in der Rheinprovinz verboten wurde. In die Heimath zurückgekehrt, fand er, nach so manchen wunderbaren Erfahrungen göttlicher Hülfe, in seiner Verehelichung mit einer Dame aus einem berühmten adeligen Geschlechte Geldern's, welche ihm wiederum die Mittel zu einem zurückgezogenen Privatleben gewährte, eine neue Erweisung jener. Mit allem Fleiße verlegte er sich wiederum auf das Schriftstudium. Eine reife Frucht desselben ist seine tiefgehende Erklärung des 7. Kapitels des Briefes Pauli an die Römer. Durchgehends ist nach ihm der Standpunkt des Apostels in diesem Capitel der des Wiedergeborenen. Mit logischer Schärfe setzt K. in dieser Schrift die Begriffe Sünde und Gnade, Gesetz und Evangelium auseinander. Eine weitere Frucht jener Jahre, eine Erklärung des 1. Capitels des Evangelium Matthäi, sollte vor Allem nicht unangefochten bleiben. Die Anregung zu dieser Schrift gab K. die Behauptung seines früheren Freundes Is. da Costa, daß der Name Davids-Sohn und das Recht auf den Thron Davids an Christus nicht von Maria, sondern von Josef gekommen sei. Nicht blos solche zu widerlegen, als vielmehr die Wahrheit der Stelle Apostelgeschichte 2, 30 zu vertheidigen, ließ K. 1841 dieses Büchlein erscheinen. Die starke Betonung aber, daß Christus dem Fleische nach aus dem Samen David's sei, sowie manche mißverstandene Ausdrücke zogen ihm bei vielen den Verdacht zu, als verneine er die unsündliche Geburt Jesu. Inzwischen hatte sich die Correspondenz ernster Christen im Niederland wie im Wupperthal mit K. über wichtige biblische Wahrheiten immer mehr ausgedehnt. Dies gab ihm Anlaß zu „Opleiding tot recht verstand der Schrift“, Utrecht 1845. Die unter dem Namen der Afgeschiedenen bekannten separirten Altreformirten Hollands hatten 1839 eine Berufung an K. ergehen lassen, aber abhold aller Separation schlug er solche mit Entschiedenheit aus. Als er im Frühjahre 1846 zur Herstellung seiner angegriffenen Gesundheit in Godesberg weilte, baten ihn die alten Freunde in Elberfeld, 13 Jahre nach seiner vorigen Anwesenheit daselbst, zu ihnen zu kommen. Die bisher erfolgte Einführung der Union und preußischen Agende in der reformirten Gemeinde daselbst hatte eine große Erbitterung hervorgerufen. Mehrere Aeltesten, Repräsentanten und Gemeindeglieder hatten einen förmlichen Protest dagegen eingereicht und ihre Rechte zu wahren gesucht. Allein verlassen von den Predigern und den übrigen Gliedern der Gemeinde, welche sich den höheren Anordnungen fügsam zeigten, waren ihre Schritte vergeblich. So sahen sie sich denn in großer Bedrängniß. Sie verlangten nach der Predigt des Evangeliums und der Bedienung der heiligen Sacramente nach den außer Gebrauch gesetzten alten reformirten Formularen. Vom Besuch der Kirche hielten sie sich fern. K. folgte nach einigem Zaudern, indem er erklärte Alles thun zu wollen, damit diese Trennung beseitigt werde und Friede und Einigkeit in der Gemeinde zurückkehre. Freundlich von den Pastoren derselben im Mai d. J. begrüßt, sah sich K. bald nachher in die Gemeinde selbst aufgenommen. Schon waren Anstalten zu seiner Ordination getroffen worden. Das sonst bei Ausländern verlangte Examen sollte ihm, wie er einem Bekannten unterm 6. October 1846 schreibt, erlassen werden. Erst|sollte er Hilfsprediger werden, um bei einer Vacanz dahier Pastor werden zu können. Die Agende sollte ihn nicht beschweren, er sollte nach Belieben handeln können. Inzwischen hielt er auf Wunsch seiner Anhänger allsonntäglich eine Predigt in seinem Wohnhause; eine Sammlung derselben haben wir zum Theil vor uns in den 1857 zu Halle erschienenen „Zwanzig Predigten“. Die Theilnahme an diesen Vorträgen nahm immer mehr zu, während zugleich andererseits eine Erbitterung gegen K. heranwuchs. Endlich wurde ihm zu Anfang des Jahres 1847 von dem Presbyterium wiederholt aufgegeben, seine sonntäglichen Erbauungsstunden zur Beseitigung des dadurch der Gemeinde gegebenen Anstoßes einzustellen. Durch solches Auftreten wurden die Zuhörer des Dr. K. immer mehr zu dem Entschlusse gedrängt, eine eigene kirchliche Gemeinde zu gründen, worin sie der großes Aufsehen machende geharnischte Artikel von Fr. W. Krummacher in den „Palmblättern“ 1845: „Dr. Kohlbrügge und seine Schule“, durch welchen sie sich mit ihrem Lehrer aufs heftigste angegriffen sahen, sehr bestärkte. Sehr erwünscht kam ihnen das königliche Religionspatent vom 30. März 1847. Am 30. April genannten Jahres constituirten sie sich denn wirklich als eine selbständige reformirte Gemeinde. „Da es weder der Reiz der Neuheit“, heißt es in ihrer Constitutionsacte, „noch die Begierde nach einer willkürlichen, regellosen Freiheit, sondern die Furcht Gottes ist, welche sie bei dieser Constituirung einer eigenen Gemeine leitet, so bekennen sie sich mit aller Freudigkeit zu der Lehre und der Ordnung, wie sie von Alters her in der nach Gottes Wort reformirten Kirche gehandhabt worden ist. Demnach werden sie, was die Lehre betrifft, die Bekenntnißschriften (namentlich den Heidelberger Katechismus, das Glaubensbekenntniß der reformirten Kirche von Niederland — und das der schottischen Kirche) und die Formulare der reformirten Kirche, und was die Verfassung betrifft, die Jülich-Bergische Kirchenordnung vom J. 1654 im Geiste dieser Schriften, für welche die Väter ehrwürdigen Andenkens Gut und Blut hingegeben, ihrer jetzt zu constituirenden Gemeinde zu Grunde legen.“ Wegen der alten Beziehungen der reformirten Kirche im Bergischen und am Niederrhein zu der niederländischen selbst und wegen der Nationalität des Pastors kam man zu dem Entschluß, den Namen „Niederländisch-reformirte Gemeine“ anzunehmen. Nach der am 28. April erfolgten Wahl eines Presbyteriums nahm dieses selbst, nachdem man lange vergeblich wegen der Ordination des Predigers sich überallhin gewendet hatte, solche den 9. Mai 1848 durch Handauflegung vor. Acht Tage später wurden 35 Kinder getauft, an Pfingsten das heilige Abendmahl zum ersten Male gefeiert und am 30. September 1849 der erste Gottesdienst in der mit aller Opferwilligkeit von den Gliedern der jungen Gemeinde erbauten freundlichen neuen Kirche in der Dewerthstraße gehalten. Einige Wochen später erhielt die Gemeinde Corporationsrechte. Dieselbe ist die einzige unabhängige reformirte Gemeinde in Deutschland, welche auf ganz presbyterialer Grundlage ruht und nicht im Geringsten, wie etwa andere reformirte Gemeinden, in irgend einer Beziehung zu dem staatlichen Consistorialwesen steht. An ihr hat K. gewirkt bis zu seinem Tode, von Jung und Alt geehrt und geliebt wie ein Vater und Berather. Sein Verlust wurde aufs schmerzlichste empfunden. — Es erübrigt noch die theologische Stellung von K. und seine Schriften im Allgemeinen kurz zu charakterisiren. Nicht leicht sind über einen Menschen mehr irrige Urtheile laut geworden als über K. Denn in der That ist es keine leichte Sache, diesen tiefsinnigen Theologen zu begreifen. Wie es einst Fr. W. Krug in seinen 1851 erschienenen Vorlesungen über die Geschichte der Schwärmerei und Sectirerei im Bergischen, worin er über „Kohlbrügge und seine Schule“, zumeist auf dem schon angeführten Artikel von Krummacher fußend, sehr verkehrt sich ausläßt, passirt ist, steht nicht vereinzelt da. Fünf Jahre später bekannte derselbe nämlich in|seinem Schriftchen „Zur Steuer der Wahrheit“, wie sehr er damals geirrt und wie K. ein ganz anderer Mann sei. Kohlbrügge's Bedeutung ist vor Allem in seiner Schrift-Auslegung zu suchen. Bei derselben läßt sich besonders Luther's Einfluß auf ihn constatiren. Dieser ist noch größer gewesen als derjenige Calvin's. In den Rahmen der reformirten Kirche hat er die besten Gedanken der Schriftauslegung Luther's zu spannen gewußt und man könnte ihn nach seiner ganzen Begabung einen Lutherus redivivus sowol wie einen Calvinus redivivus für unsere Zeit nennen. Seine Anschauung des Alten Testaments ist viel mehr lutherisch, die des Neuen Testaments hat die Vorzüge der strengen Wortinterpretation Calvin's. Sein Tiefblick in einzelne Schriftwahrheiten, wie über das Verhältniß von Gesetz und Evangelium, Christi Vorausdarstellung in den alten Vätern, die Fleischwerdung des Logos u. a. ist die Summe dessen, was die besten Alten darüber gesagt, bricht aber zugleich einer vertieften Forschung Bahn. Seine nirgendswo systematisch gesammelten Theologumena bilden gleichwol ein System; das Eine hängt genau in dem Anderen, müßte jedoch aus der Lectüre seiner zahlreichen Predigten hergestellt werden. Seine in diesen Predigten niedergelegte Auslegung der Schrift beruht auf der exactesten Wortexegese, wozu ihm sein reiches Wissen, namentlich auch seine Kenntniß der orientalischen Sprachen die Mittel bot. In der Polyglotte lebte er, in den alten orientalischen Sitten und Gebräuchen war er völlig zu Hause; seine Intuition war eine morgenländische; sein Fühlen war eins mit demjenigen der großen Dulder, die uns die Schrift vor Augen führt. Denn er konnte mit dem Psalmisten sagen: viele sind die Leiden des Gerechten, aber zugleich beifügen: aber der Herr hilft ihm aus dem allen. In den späteren Lebensjahren war ein Lieblingsspruch, den er oft im Munde führte und der sich an ihm bewährte: Ps. 84: Der Herr gibt Gnade und Ehre. Was seine zahlreichen Schriften betrifft, so bewegen sich dieselben fast ausschließlich auf dem homiletischen Boden und behandeln alle wichtigen Glaubens- und Lebensfragen. Führen uns die Predigten über Jona, Sacharja, Ebräer 1, Joh. 3 u. A. in erstere ein, so diejenigen über den 1. Brief Petri in letztere. Wir können nicht namentlich hier alle Predigten Kohlbrügge's aufführen, soweit sie, zum Theil nach seinem Tode, letztere hauptsächlich für die sogen. festliche Zeit des Kirchenjahres berechnet, im Drucke, mehrfach aufgelegt, erschienen sind. Dieselben sind zugleich alle ins Holländische übersetzt, zum Theil auch ins Englische, Ungarische, Französische und Böhmische. Im J. 1870 erschien in letzterer Sprache sogar eine aus Kohlbrügge's Predigten gesammelte Postille mit einer vortrefflichen und Kohlbrügge's Verdienste um die reformirte Kirche auch in Böhmen anerkennenden Vorrede. Ihren Leserkreis haben diese Predigten aber auch unter Lutheranern, wie sie auch den Weg über den Ocean gefunden haben und bei unseren deutschen Landsleuten in Amerika vielfach in hohem Werthe stehen. Allgemein anerkannt ist auch „Wozu das alte Testament“, 1853, 2. Aufl. In den 1870 zu Utrecht erschienenen „Troostwoorden in Dichtregelen voor allen die in Nederland miskend worden“ lernen wir K. auch als einen in poetischer Beziehung nicht unbegabten Mann kennen. Was an seinen Schriften, besonders Predigten, allen, welche dieselben gebrauchen, wohlthut, ist der gesunde Realismus des Schriftworts wie des Lebens, welcher diese durchweht. Hier ist kein dogmatisches Balanciren noch eine überspannte Ascetik, sondern Wahrheit. Wie aber die Predigten Kohlbrügge's sich auch in der Ferne einen Wirkungskreis bereitet haben, so hat auch der Einfluß Kohlbrügge's sich über das Weichbild Elberfeld erstreckt. Eine nicht unbedeutende Anzahl von Schülern in Holland, Böhmen, Ungarn, Schottland und zum Theil in der Schweiz und Deutschland hat er zurückgelassen, welche auf und unter der Kanzel zur Neubelebung der reformirten Kirche dienen.

    • Literatur

      Als Quelle für K.'s Leben sind zu nennen außer den oben angeführten parteiisch gefärbten Artikeln Krummacher's und Krug's (welche leider mit ihrer Karrikirung bis heute für die meisten die einzige Quelle bilden), das biogr. Vorwort zu den Zwanzig Predigten, Brieven van Dr. H. F. Kohlbr., uitgegeven door Dr. E. Böhl, Utrecht 1877, als Hauptquelle, mehrere Art. der evang.-reform. Kirchenzeitung, Jahrg. 1875 über Kohlbrügge, sowie Zur Erinnerung an H. Fr. Kohlbrügge, Elberf. 1875 und Reden, gehalten am Grabe des Herrn H. Fr. Kohlbrügge.

  • Autor/in

    Cuno.
  • Empfohlene Zitierweise

    Cuno, "Kohlbrügge, Hermann Friedrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 16 (1882), S. 432-436 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118713604.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA