Lebensdaten
vermutlich um 1350 bis 1415
Geburtsort
Šitboř (Schüttwa Bezirk Bischofteinitz) oder Teplá (Tepl) (Böhmen)
Beruf/Funktion
Dichter
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118818260 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Johannes
  • Johannes von Schüttwa
  • Johannes von Saaz
  • mehr

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Zitierweise

Johannes von Tepl, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118818260.html [17.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Henslinus de Sytbor ( 1375), Pfarrer in Š.;
    M N. N.;
    Vt Leonhard, Erzpriester in St. Marein|b. Wolfsberg im Lavanttal (Kärnten);
    - Clara N. N. (nur sie ist urkundl. belegt; im „Ackermann“ wird e. 1. Frau erwähnt: Margarete, 1400);
    4 S, 1 T.

  • Leben

    In den Saazer und Prager Urkunden werden zwischen 1383 und 1415 wiederholt Johannes de Tepla und Johannes Henslini de Sitbor als Stadtschreiber genannt. F. Tadra führte den Beweis (1892), daß sich diese beiden Namen auf dieselbe Person beziehen, was in der Folgezeit, bes. von A. Bernt (1930, 1931) und K. Beer (1933) durch eingehende Indizienbeweise gesichert wurde. Ob J. in Šitboř oder in Teplá geboren wurde ist nicht zu entscheiden, weil der Name Johannes Henslini de Sitbor entweder als Johann, Sohn Henslins, gebürtig aus Šitboř, oder als Johann, Sohn des Henslin von Šitboř verstanden werden kann. Obwohl über seine Beziehungen zu Teplá nichts bekannt ist, herrscht heute die Meinung vor, daß er dort die lat. Schule besuchte. J. ist seit der Anlegung des neuen Urkunden- und Kopialbuches 1383 in Saaz (Žatec) als civitatis notarius urkundlich belegt, war dort aber wahrscheinlich bereits vor 1378 als Stadtschreiber tätig. Seit 1386 wird er als „Pragensis diocesis publicus auctoritate imperialis notarius und tabellio imperialis“ bezeichnet. Spätestens seit 1383 war er Rektor der Saazer Schule und wird in einigen Urkunden mit dem Magistertitel bedacht, obwohl über ein Universitätsstudium nichts bekannt ist. 1411 verließ er Saaz und zog nach Prag, wo er seit dem 27.6. als Notar und Protonotar der Prager Neustadt in den Urkunden wiederholt erwähnt wird. Am 22.8.1411 legte er einen neuen Band des Prager Stadtbuches an, dem er später ein Gerichtsbuch und ein Losungsbuch folgen ließ. Nachdem J. im Frühjahr 1413 erkrankt war, wurde ihm am 11.3.1413 sein Posten vom Neustädter Rat lebenslänglich zugesichert, allerdings mit der Bedingung, einen Vertreter zu stellen. Der genaue Todestag ist unbekannt, am 24.4.1415 aber wird seine Frau Klara bereits als Witwe bezeichnet.

    J. war ein wohlhabender und angesehener Bürger. Seine Einkünfte flossen aus dem ihm vom Saazer Stadtrat zugebilligten Handel mit Wein, Bier, Met und anderen Waren und aus dem Fleischhauerzins, dessen Genuß ihm 1404 von Kg. Wenzel IV. verliehen wurde. In Saaz besaß er ein Haus und ein Grundstück, auf dem er eine Mauer und einen Turm erbaute, der zu Kriegszeiten der Stadt offengehalten werden mußte. Nach der Übersiedlung nach Prag kaufte J. 1411 ein Haus in der Prager Neustadt.

    Die Frage nach der Nationalität J.s im ethnischen Sinne ist wegen Mangels an eindeutigen Indizien unlösbar (K. Doskočil, 1961; Krogmann, 1963). Als Schulgelehrter seiner Zeit war er lateinisch gebildet, als Rektor der zweisprachig geführten Saazer Schule und als Notar der zweisprachigen Stadträte in Saaz und Prag mußte er beider Landessprachen mächtig sein. Er schrieb tschech. Gelegenheitsverse und kommentierte die Urkunden auf Tschechisch (D. Třeštík, 1956). Durch seine „Dictamina“ zeichnete er sich als lat. Schriftsteller aus, sein Hauptwerk aber, „Der Ackermann aus Böhmen“, sichert ihm eine bedeutende Stellung in der deutschen Literatur. Historisch beurteilt, war also J. ein Böhme, was nicht bloß im politischen, sondern auch im sprachlichen und kulturellen Sinne zu verstehen ist (R. Fischer, 1964).

    Seit der Entdeckung des lat. Widmungsbriefes, in dem sich J. als Autor eines auf Deutsch verfaßten „Ackermann“ nennt, wird er allgemein für den Dichter des überlieferten Streitgespräches gehalten (K. Heilig, 1934). Da aber gewichtige formale, philologische und historische Gründe die Existenz einer nicht überlieferten Version wahrscheinlich machen (L. L. Hammerich, 1952; G. Jungbluth, 1968; A. Hrubý, 1971), braucht sich der Brief nicht unbedingt auf die uns bekannte Fassung zu beziehen. In dem überlieferten Streitgespräch klagt ein Saazer Schreiber, der sich allegorisch als Ackermann darstellt, den Tod wegen des vorzeitigen Verlustes seiner Gemahlin an und beschuldigt ihn, seine Macht zu mißbrauchen, um die Herrschaft Gottes auf Erden zu stören. Der Tod verteidigt sich mit der Behauptung, daß ihm Gott selbst die unwiderruflich souveräne Herrschaft über die Welt anvertraut habe, und zwar mit dem Auftrag, alle Kreatur zur Strafe für den Sündenfall zu vernichten. Dagegen hält der Ackermann an seiner Überzeugung fest, daß alle Lebewesen und die Welt selbst ewig seien. Indem Gott im Urteilsspruch erklärt, die Todesherrschaft auf Erden sei nur ein zeitweiliges Lehen, der Mensch aber habe auch keinen erbrechtlichen Anspruch auf den Genuß des irdischen Lebens, läßt er die Frage nach dem Weltende und nach dem Sinn der christlichen Eschatologie ohne eine eindeutige Antwort. Der Kläger nimmt zu seinem Glauben Zuflucht und bittet Gott im Schlußgebet um das Seelenheil seiner Frau. Der dialogischen Form nach gesellt sich der „Ackermann“ zu der Tradition der in lat. und vulgärsprachlicher Literatur weit verbreiteten Gattung|der Streitgespräche und Streitgedichte. Thematisch ist der Dialog mit Werken wie Hélinands „Vers de la mort“, den „Vado mori“- Gedichten, „ Visio Policarpi“ und den Totentanzversen verwandt; durch die nicht ganz konsequent durchgeführte Prozeßform erinnert er an Werke wie den „Processus Belial“. A. Blaschka (1951) zeigte, daß den gedanklichen Kristallisationskern des „Ackermann“ die 4. Lektion eines von J. teils verfaßten, teils kompilierten Hieronymus-Offiziums bildet, und K. Doskočil (1961) hat als unmittelbare Quelle der thematischen Inspiration einen „Tractatus de crudelitate mortis“ erwiesen.

    Der „Ackermann“ ist ein in der deutschen Literatur bisher unübertroffenes stilistisches Meisterwerk, das in seinen Teilen wie auch im Ganzen multilateral durchkomponiert und durch vor- und rückgreifende Wort- und Satzparallelismen zu einem einheitlichen Sinngefüge zusammengeschlossen ist (M. O' C. Walshe, 1954; F. Tschirch, 1959; R. Henning, 1971). Die teilweise in freien Rhythmen dahinfließende Prosa ist von zahlreichen Tropen und Figuren durchsetzt und weist, besonders am Satz- und Satzteilende, das Bestreben auf, die einzelnen Typen des lat. cursus ins deutsche Sprachmaterial umzusetzen (F. H. Bäuml, 1960; K. D. Thieme, 1965). In diesem, von notarieller Rhetorenkunst bestimmten Stil des „Ackermann“ zeigt sich die Einwirkung der kulturpolitischen und literarischen Bestrebungen des Frühhumanisten Johannes von Neumarkt.

    A. Bernt und K. Burdach hielten den „Ackermann“ für eine wichtige Stufe in der Entwicklung der Prager Kanzleisprache zur neuhochdeutschen Gemeinsprache; in geistesgeschichtlicher Hinsicht sahen sie in ihm das erste Werk des deutschen Humanismus, in dem die neue Menschenauffassung der Renaissance vorweggenommen wird. Diese Thesen wurden von der jüngeren Forschung in Frage gestellt: Die Philologen, bes. Th. Frings, L. E. Schmitt und E. Schwarz, wiesen auf den komplexen Verlauf der Sprachentwicklung hin (E. Skála, 1965), und die Literaturhistoriker bezweifelten den neuen Geist des Streitgesprächs. Sie stritten ihm volle weltanschauliche Gültigkeit ab, indem sie es vorzüglich als eine stilistische Übung auffaßten, oder aber seine literar- und geistesgeschichtliche Zugehörigkeit zum Mittelalter nachzuweisen versuchten (A. Hübner, 1935, 1937; E. Schafferus, 1935). Diese Kritik ist insofern berechtigt, als der „Ackermann“ formal und stilistisch in der Tat in der lat. Rhethorenkunst und in der sprachlichen Eigenart der deutschen Mystik und Predigt wurzelt, thematisch und motivisch in mancher Hinsicht aus der ritterlichen Minnedichtung wie aus dem bürgerlichen Meistersang hervorwächst und in seinem Weltbild Jahrhunderte jüdischer, arab. und scholastischer Gottesspekulation verdichtet. Das Streitgespräch läßt sich jedoch nicht vollständig aus der Vergangenheit erklären. Es ist ein Werk des Übergangs, in dem sich zwar der direkte Einfluß Petrarcas und der Frühhumanisten nicht mit Sicherheit nachweisen läßt, in dem aber doch Gedanken keimten, die – auf biblischem Boden genährt – erst bei den späteren Humanisten, Renaissancedenkern und Reformatoren ihre volle Entfaltung fanden. Dem Künstler ist im „Ackermann“ ein integrales Gedicht gelungen, das in seiner Sprachgewalt, in seiner gedanklichen Wucht, in seiner Schönheit weit über die Literatur seiner Zeit emporragt und in dessen absoluter Form die menschliche Todeserfahrung einen allgemein gültigen Ausdruck gefunden hat.

  • Werke

    Der Ackermann aus Böhmen, überliefert in 16 Hss. u. 17 alten Drucken, 15 vollst. Ausgg. auf versch. Redaktionen zurückgehend, Verzz. in: J. v. Saaz, Der Ackermann aus Böhmen, hrsg. v. G. Jungbluth, Bd. 1, 1969, S. 31-36. Zahlr. neuhochdt. u. fremdsprach. Überss. fast vollst. verz. in: J. v. Tepl, Der Ackermann, hrsg. v. W. Krogmann, 21964;
    Hieronymus-Offizium (Prag, Nat.mus., Sign. XII A 18);
    Offizium sancti Hieronymi, hrsg. v. H. Zatschek, in: Mon. Palaeographica III, Lfg. 16, 1935, Tafel 9 f.;
    A. Blaschka, Das St. Hieronymus-Offizium d. „Ackermann“-Dichters, in: Heimat u. Volk, Festschr. f. W. Wostry, 1937, S. 107 ff.

  • Literatur

    Vollst, chronolog. Bibliogr. b. G. Jungbluth I, s. W, S. 14-29 (d. im Text in Klammern angeführten Namen u. J.zahlen verweisen auf diese Bibliogr.);
    F. Tadra, Kanceláře a písaři v zemích českých za kralů Jana, Karla IV. a Václava IV z rodu Lucemburského, 1892;
    L. Schlesinger, Das UB d. Stadt Saaz b. z. J. 1526, 1892;
    A. Bernt, Forschungen z. „Ackermann aus Böhmen“, in: Zs. f. dt. Philol. 55, 1930, S. 160 ff., 301 ff.;
    ders., Zur Person d. Ackermanndichters, ebd. 56, 1931, S. 188 ff. -
    R. Henning, Satz-Bau u. Aufbaustil im Ackermann aus Böhmen, Diss. Washington 1968;
    ders., Das erste Kapitel im Ackermann aus Böhmen, in: Neophilologus 55, 1971, S. 157 ff.;
    ders., Die Rechtfertigung d. Todes unter d. Status qualitatis, in: Zs. f. dt. Philol. 91, 1972, H. 3;
    F. H. Bäuml, „Tradition“, „Ursprünglichkeit“ u. d. Dichtungsbegriff in d. „Ackermann“-Forschung, in: Orbis Mediaevalis, Festgabe f. A. Blaschka, 1970;
    K. Brandmeyer, Rhetor. im „ackerman“: Unterss. z. Einfluß d. Rhetorik u. Poetik auf d. literar. Technik J.s v. T, Diss. Hamburg 1970;
    A. Hrubý, Der „Ackermann“ u. s. Vorlage, 1971;
    W. Mieder, Streitgespräch u. Sprichwort-Antithetik, Ein Btr. z.|Ackermann aus Böhmen- u. Sprichwortforschung, in: Daphnis 2, 1973.

  • Portraits

    Votivbild d. St. Hieronymus-Offiziums (Prag, Nat.mus.), Abb. b. W. Krogmann, s. W.

  • Autor/in

    Antonin Hrubý
  • Empfohlene Zitierweise

    Hrubý, Antonin, "Johannes von Tepl" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 568-571 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118818260.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA