Lebensdaten
1230 oder 1240 bis um 1290
Beruf/Funktion
Chronist ; Reimdichter
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118711776 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Jans Enenkel
  • Jans Enenkl
  • Enenkel, Johanns
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Zitierweise

Jans Enikel, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118711776.html [18.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V oder Ov „herren Jansen sun“, wurde 1239 v. Hzg. Friedrich II. in Wien geehrt;
    Gvv Johannes, wahrsch. Kaufm. in Wien (J. nennt sich daher: „Johans … der Jansen enikel“).

  • Leben

    J. gehörte dem aufstrebenden Wiener Bürgertum an (einen „rehten Wienner“ = Erbbürger nennt er sich), besaß ein Haus und stand dem Kreise der Ritterbürger nahe. Die aus zahlreichen Stellen seiner deutschsprachigen Geschichtsdichtungen ersichtliche Kenntnis des Geldwesens und seine Vertrautheit mit der Geschäftswelt machen es sehr wahrscheinlich, daß er entweder Kaufmann war oder zumindest über sehr engen Kontakt zu diesem Stande verfügte. Die Anregung zum Schreiben und, wie die mangelhafte Beherrschung der lat. Sprache zeigt, auch zur Erweiterung seiner Bildung dürfte er erst in vorgerücktem Alter empfangen haben, wobei das Wiener Schottenstift eine nicht näher faßbare Rolle spielte. Die Meinungen darüber, wann er seine der Unterhaltung dienende literarische Tätigkeit aufnahm, gehen auseinander; er dürfte aber in den 70er Jahren des 13. Jh. mit seiner rund 29 000 Verse umfassenden „Weltchronik“ begonnen haben, die unter Zugrundelegung|vornehmlich der Bibel, der „Historia scholastica“ des Petrus Comestor, der „Imago mundi“ des Honorius Augustodunensis und der „Kaiserchronik“ eine lockere Kette von Geschichten und Anekdoten von der Schöpfung bis zu Kaiser Friedrich II. bietet. An der Vollendung seiner zweiten Dichtung, des über 4 000 Verse zählenden „Fürstenbuches“, scheint ihn der Tod gehindert zu haben. Dieses Werk ist im wesentlichen eine mit der Gründung Wiens beginnende Geschichte Österreichs unter den Babenbergern, die vor allem auf einer Genealogie des Herzogshauses und österr. Annalen fußt. Bei der Beschaffung einiger seiner Quellen war ihm der Abt des Wiener Schottenstiftes behilflich. Der politisch-historische Wert beider Schriften ist nach Strauch gering, werden doch sogar zeitgenössische Ereignisse sagendurchwoben dargestellt. Dennoch sind die Werke J.s, der auch aus der mündlichen Tradition schöpfte, als lebensnahe Zeugnisse ihrer Zeit und der bürgerlichen Gesellschaftsschicht kulturgeschichtlich und lokalhistorisch von Bedeutung. Von germanistischer Seite werden die Dichtungen jedoch nicht sehr hoch eingeschätzt, wobei man inhaltlich und formal dem Fürstenbuch noch den Vorzug gegenüber der Weltchronik gibt. Obwohl seine Werke die Kenntnis geistlicher Poesie, apokrypher jüdischer Tradition, des höfisch-franz. Wortschatzes und der höfischen Minne verraten, konnte sich J. nur selten von dem breiten Stil volkstümlicher Sänger lösen. Sein größtes Verdienst ist daher darin zu sehen, daß er es verstand, „zum ersten Male in Österreich geschichtliche Kenntnisse im weitesten Umfange in der Volkssprache einem gesellschaftlichen Kreise darzubieten“ (Lhotsky). Besonders die Weltchronik erfreute sidi großer Beliebtheit bei der Nachwelt, wie zahlreiche, mitunter kostspielig ausgestattete Handschriften (ein Teil fand sogar in Mitteldeutschland Verbreitung) beweisen.

  • Werke

    Die Weltchronik, hrsg. v. Ph. Strauch, in: MG, Dt. Chron. 3/1, 1891;
    Fürstenbuch, hrsg. v. dems., ebd. 3/2, 1900.

  • Literatur

    ADB VI (unter Enenk[e]l);
    Ph. Strauch, Stud. üb. J. E., in: Zs. f. Dt. Altertum u. Dt. Lit. 28, 1884;
    ders., Einl. zu d. Ed. d. Fürstenbuches, in: MG, Dt. Chron. 3/2, 1900, bes. LXX ff.;
    Ehrismann 2/2, 1935, S. 430 ff.;
    O. Brunner, Das Wiener Bürgertum in E.s Fürstenbuch, in: Neue Wege d. Vfg.s- u. Soz.gesch., 21968, S. 242-65;
    H. Rupprich, Das Wiener Schrifttum d. ausgehenden MA, in: SB d. Österr. Ak. d. Wiss., Phil.-hist. Kl. 228, 5. Abh., 1954;
    A. Lhotsky, Qu.kde. z. ma. Gesch. Österreichs, 1963, S. 268 ff. (L);
    de Boor-Newald I;
    Vf.-Lex. d. MA II.

  • Autor/in

    Siegfried Haider
  • Empfohlene Zitierweise

    Haider, Siegfried, "Jans Enikel" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 338-339 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118711776.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Enenk(e)l, (Eni(n)kel, Enni(n)chel), österreichischer Reimdichter und Geschichtschreiber, lebte um die Mitte des 13. Jahrhunderts. Er selbst nennt sich in seinen beiden Werken „Johanns“, „der Jansen Enikel“, „Herr Janse der|Enninchel“, „Jannse der Enichel“. Wahrscheinlich gehörte er zur Wiener Patricierfamilie der Jannsen, Hannsen oder Hansonen. Irrig ist die Angabe, er sei Wiener Domherr gewesen, da die hierortige Dompropstei erst 1365 von Herzog Rudolf IV. begründet wurde. Der Name bezeichnet streng genommen den „Urenkel“ des Jans oder Hanns. Er selbst erwähnt in der Weltchronik: „Der dicz geticht gemacht hat, der siczt zu Wienn in der stat mit haus"; sonst wissen wir über ihn nichts Näheres. Auch die Annahme, er sei einer der Ahnherren der österreichischen Adelsfamilie Ennenkel, bleibt ohne stichhaltige Belege. Enenkl's „Weltbuch“ oder Weltchronik, eine ziemlich breit geschlagene, formrohe Arbeit, als einer der jüngern Ableger der bekannten Kaiserchronik, zählt 28260 Reimzeilen. — Von historischem Werthe erscheint die „Koronik der Fürsten von Oesterreich“ oder das sog. „Fürstenbuch“. Seinen Localpatriotismus deutet er wiederholt an, wenn er z. B. schreibt: „Desz mag ich wol vermezzen mich, daz ich ein rehter Wienner pin“ oder „nû wil mîn zunge des niht verdagen, sie welle von Osterrîche sagen und von dem werden Stîrelant“. Sagenhaftes und Geschichtliches mischt sich darin. Den Anfang macht eine in vielen Beziehungen wichtige Territorialgeschichte Oesterreichs, bezw. der Steiermark, prosaisch abgefaßt. Dann folgt der Haupttheil, in Reimen, „Nu horet, wie Wien gestift ward vnd wie ez von erst ist aufchomen“.... Für die Zeit des letzten Babenbergers, Friedrichs des Streitbaren ( 1246), bietet E. als Zeitgenosse manches Belangreiche, wenngleich auch mitunter sagenhafte Histörchen in Kauf genommen werden müssen. Den Schluß bildet die Genealogie der Babenberger, „Der Fursten geslachte“, in Prosa und Reim, ein Anhang, den man wol E. zuschreiben darf. Ein zweiter Anhang, der sich in der bei Rauch abgedruckten Handschrift findet, u. d. Ueberschrift „Nw furpas ist ze merke, wie die Graffen von habspurg herczogen wurden ze Oesterreich vnd ze Steyr“, stammt von späterer Hand und reicht bis zum Tode Herzog Friedrichs IV. von Tirol (1439).

    Ueber Enenkel's Weltchronik vgl. Maßmann's Ausg. des Eraclius von Meister Otte (1842); vor allem aber dessen Edition und kritische Bearbeitung der Kaiserchronik III. Bd. 103—113. K. Roth, Bruchstücke aus Jansen des Eninkel's gereimter Weltchronik, München 1854. Haupt's Ztschr. V. 268 bis 293. (Auszüge veröffentlichte schon H. Pez in den Scr. rer. austr. II. Bd.; s. auch Docen's Miscell. II. 160.) Das Fürstenbuch edirte bereits 1618 Megiser. Eine zweite, textlich wenig empfehlenswerthe Ausgabe besorgte Rauch im I. Bd. seiner Scr. rer. austr. (1793). In der Einleitung S. 233—242 findet sich die sachgemäße Kritik der Ansichten Hoheneck's und Khauz' (Versuch einer Gesch. der österr. Gelehrs.) durch den Wiener Domherrn Paul v. Smitmer.

  • Autor/in

    Krones.
  • Empfohlene Zitierweise

    Krones, Franz von, "Jans Enikel" in: Allgemeine Deutsche Biographie 6 (1877), S. 111-112 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118711776.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA