Lebensdaten
1746 bis 1803
Geburtsort
Langewiesen bei Ilmenau
Sterbeort
Aschaffenburg
Beruf/Funktion
Dichter
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 118548565 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Heinse, Johann Jakob Wilhelm
  • Heinze, Wilhelm (in der Jugend)
  • Heinze, Johann Jakob Wilhelm (in der Jugend)
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Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Heinse, Wilhelm, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118548565.html [19.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Joh. Nikolaus Heintze (1711–82), Organist u. Stadtschreiber, später Bgm. in L.;
    M Barbara Kath. (1718–88), T d. Bgm. Joh. Wolfg. Jahn in L. u. d. Martha Maria Kieser; ledig; Verwandte (?) Künstlerfam. Heinsius (s. NDB VIII).

  • Leben

    Nach dem Besuch der Gymnasien in Arnstadt und Schleusingen bezog H. 1766 die Universität Jena, wo er sich, obwohl als Student der Rechte eingeschrieben, hauptsächlich seinen literarischen Interessen widmete. 1768 folgte er dem Ästhetiker Friedrich Just Riedel, der den Mittellosen unterstützte, aber auch zur Abfassung von Pamphleten benutzte, nach Erfurt. Hier wurde er von Wieland gefördert und auf dessen Empfehlung von dem freigebigen Gleim in Halberstadt unter seine Schützlinge aufgenommen. Nach fehlgeschlagenen Versuchen, ein Unterkommen zu finden, begab sich H. im September 1771 mit zwei verabschiedeten Offizieren, die eine Lotteriekonzession zu erhalten suchten und sich schriftstellernd durchschlugen – der eine, Hermann Woldemar Graf von Schmettau, ist als Verfasser antikirchlicher Schriften nachweisbar -, auf eine Reise nach Süd- und Westdeutschland. Der von ihm geforderten literarischen Handlangerdienste überdrüssig, löste er die Verbindung Mitte 1772 und trat im September eine von Gleim vermittelte Hofmeisterstelle bei der Familie von Massow in Halberstadt an, die er bis Ende 1773 innehatte. Der Umgang mit der künstlerisch empfänglichen Mutter seines Zöglings hat bei dem aus eingeschränkten kleinbürgerlichen Verhältnissen Stammenden, der später im Kreis feinempfindender Frauen sowie der Damen des Mainzer Hofes wohlgelitten war, manche jugendliche Unebenheit abgeschliffen.

    H.s literarische Anfänge sind noch vom Geist des Rokoko geprägt. Tiefer als die Anakreontik Gleims, dessen empfindsam-tändelnden Ton er im Briefwechsel mit ihm bereitwillig aufnahm, wirkte auf ihn die hedonistische Lebenslehre und das im Zeitstil drapierte Griechentum in den Schriften Wielands. Doch wurden H.s leidenschaftlich sinnlichem Naturell die Grenzen der Wielandschen Grazienwelt bald zu eng; die ungeschminkte Direktheit in der Behandlung des Erotischen, wie sie in der Vorrede und den Anmerkungen zu seiner Petron-Übersetzung und in einer fragmentarischen Verserzählung in Stanzen zutage trat, zog ihm schließlich den Zorn des Meisters zu. Schon in dem noch auf Wielands Spuren wandelnden Roman „Laidion oder die eleusinischen Geheimnisse“ (Lemgo 1774, 21799; die 1771 geschriebene Urfassung „Elysium“ ist nicht erhalten), der samt den im Anhang gedruckten Stanzen von Goethe begeistert begrüßt wurde, finden sich Ansätze eines neuen Weltgefühls und thematische Vorklänge des „Ardinghello“.

    Im April 1774 trat H. als Mitherausgeber der Damenzeitschrift „Iris“ in den Kreis der Brüder Jacobi in Düsseldorf ein. Die Begegnung mit Goethe, dem bewunderten Verfasser des „Werther“, im Juli dieses Jahres förderte wesentlich den Prozeß von H.s Selbstfindung, der sich in den Düsseldorfer Jahren in der Stille vollzog. Zeugnis dafür sind die nun einsetzenden und bis zum Tode fortgeführten Aufzeichnungen von Einfällen, Impressionen, Notizen aller Art, die – in der Gesamtausgabe 1924/25 als „Aphorismen“ ediert – in ihrer Frische und Unmittelbarkeit die wichtigste Quelle für H.s geistige Welt bilden. Diese ist von einem pantheistischen Vitalismus bestimmt: Intensivste Erfahrung ist das aus dem Glück aller Sinne gespeiste Gefühl der individuellen „Existenz“; die „Kraft zu genießen“ bestimmt den menschlichen Rang; an Stelle des vernünftig-heiteren Daseinsgenusses der Aufklärung tritt Genuß als „Frucht von Tat“ und stürmische, die Grenze des Ich dionysisch sprengende Lebensfreude; der „Edle“ verachtet das „Mechanische“ der bürgerlichen Welt; es gibt keine allgemeine Moral, keine allgemeine Wahrheit, kein allgemeines Kunstideal. Während das Ganze dieses Weltbildes erst im „Ardinghello“ Ausdruck findet, hat H. seine anti-klassizistische Kunstauffassung, die den Anschauungen Herders und des jungen Goethe nahekommt, bereits in den Briefen „Über einige Gemälde der Düsseldorfer Galerie“ (im „Teutschen Merkur“ 1776/77) dargestellt; sie wiesen ihn als virtuosen, einfühlsamen Kunstbeschreiber aus und feierten Rubens, dessen Größe hier zum erstenmal in Deutschland erkannt wurde, als Urbild genialen Menschen- und Künstlertums.

    Höhe des Lebens war für H. die langersehnte Italienreise (Juni 1780-September 1783), die durch die Hilfe der Freunde Gleim und Fritz Jacobi ermöglicht und aus Geldmangel und Lust an körperlicher Bewegung zum größten Teil zu Fuß unternommen wurde. Sie führte über die Schweiz und Südfrankreich bis an den Golf von Neapel, mit längeren Aufenthalten in Venedig, Florenz und vor allem in Rom, wo er unter anderem mit Friedrich („Maler“) Müller|vertrauten Umgang hatte. „Mark und Bein voll Seligkeit“, erlebte H. Landschaft, bildende Kunst und Musik als sinnlich-geistige Offenbarungen des all-einen Weltwesens; mit Lust in Büchern und Handschriften der Bibliotheken wühlend, fand er sein Bild des ungebrochenen, aus der Fülle der Natur existierenden „Kernmenschen“ in den Männer- und Frauengestalten der italienischen Renaissance wieder – auch hier, vor Burckhardt und Nietzsche, ein genialer Entdecker aus seelischer Gleichgestimmtheit.

    Die Ernte seiner italienischen Funde und Beglückungen hat H. in seinen kunstlosen Romanen eingebracht, in denen trockene theoretische Erörterungen und impressionistisch-suggestive Werkbeschreibungen die Handlung überwuchern. Erzählerisch am farbigsten, von reicher Thematik und stellenweise hinreißender Sprachgewalt ist sein Hauptwerk, „Ardinghello und die glückseligen Inseln“ (2 Bände, Lemgo 1787, 21794), die erste literarische Gestaltung der Renaissance und zugleich Muster vieler späterer Künstlerromane. Sein Held – ein echter „uomo universale“, Maler und Stegreifdichter, auf der Guitarre so geschickt wie mit der Klinge, in allen körperlichen Übungen Meister, Schachspieler, Ingenieur, Korsar, schließlich Religionsstifter und Staatsgründer – ist das von den Fesseln „barbarischer Moral“ freie, Leidenschaft und Verstand, Genuß- und Tatkraft in sich vereinende große Individuum, dem in Fiordimona ein weibliches Gegenstück zur Seite gegeben ist. Der Schluß des Buches – dichterische Erfüllung von H.s Griechenlandsehnsucht – richtet, auf zwei Inseln des Archipelagus, das Idealbild einer vom Geist des kosmischen All-Lebens durchwalteten menschlichen Gesellschaft auf. – Steht im „Ardinghello“ die bildende Kunst der Antike und der Hochrenaissance im Vordergrund, so in „Hildegard von Hohenthal“ (3 Bände, Berlin 1795/96), wo auch Zeitkritisches zur Sprache kommt, die Tonkunst, vornehmlich die italienische Kirchen- und Opernmusik des Spätbarock.

    Der Plan einer Zeitschrift, die den deutschen Leser über das kulturelle Leben Italiens unterrichten sollte und an der Müller und der kunstsinnige Speyerer Domherr Joseph Anton Siegmund von Beroldingen mitgewirkt hätten, hatte sich zerschlagen und damit H.s Hoffnung auf ein längeres Verweilen im Süden. Er kehrte nach Düsseldorf zurück und trat 1786 als Vorleser, später als Privatbibliothekar in den Dienst des Mainzer Erzbischofs Friedrich Karl von Erthal, der ihm den Hofrats- und Professorentitel verlieh; auch unter dessen Nachfolger, Karl Theodor von Dalberg (seit 1802), der ihn seit langem schätzte, blieb er im Dienst. Die gelegentlich auftauchende Meinung, H. sei Konvertit gewesen, ist irrig. Nahe Freundschaft verband ihn mit dem Anatomen S. Th. Sömmerring, während ihn von Georg Forster seine entschiedene Ablehnung der französischen Revolution trennte. In der Zeit der französischen Besetzung 1792/93 weilte er bei den alten Freunden am Niederrhein, wo er auch Goethe wieder begegnete. Als 1795 die kurfürstliche Bibliothek nach Aschaffenburg in Sicherheit gebracht wurde, siedelte H. dorthin über. Den Kriegsunruhen ausweichend, verlebte er den Sommer 1796 in Kassel und Bad Driburg in Gesellschaft von Susette Gontard, der Freundin von Sömmerrings Frau, und Hölderlin. Erstaunlich ist die Breite der Interessen während der in immer größerer Zurückgezogenheit verbrachten nachitalienischen Jahre. Musiktheoretische, politische, naturwissenschaftliche und medizinische Fragen beschäftigten ihn ebenso wie die Theorie des Schachspiels und die Auseinandersetzung mit alter und neuer Literatur und Philosophie. Noch kurz vor seinem Tod plante er die Herausgabe „etlicher Bändchen vermischte Schriften“.

    H.s Bild bei den Zeitgenossen war widersprüchlich. Sein Wesen blieb vielen verschlossen, doch gewann er sich auch innerlich Fernstehende zu Freunden. Manche Jüngere hat der Zauber seiner Persönlichkeit stark berührt, so Brentano und Hölderlin, der ihm „Kindereinfalt“ bei „grenzenloser Geistesbildung“ nachrühmt. Die allgemeinen Tendenzen des Sturms und Drangs erscheinen bei ihm in sehr persönlicher Ausprägung. Mit der Selbständigkeit seines Empfindens und der Unbefangenheit des Urteils – als einer der ersten im 18. Jahrhundert erlebte er die Schönheit des Hochgebirges und des Meeres, erkannte er die Rolle der Farbe und der Landschaft für die Malerei, wandte er sich gegen Winckelmanns Deutung der Antike – weist er über seine Epoche hinaus. Von Goethe und Schiller nach ihrer klassischen Wendung abgelehnt, wirkte er tief und vielfältig auf die Romantik ein; die jungdeutschen Verkünder der „Emanzipation des Fleisches“ griffen auf ihn als Vorläufer zurück; sein „ästhetischer Immoralismus“ und sein „dionysisches“ Weltgefühl brachten ihn im Zeichen Nietzsches und des Renaissancekultes dem Fin de siècle nahe.

  • Werke

    Weitere W Sinngedichte, Halberstadt 1771;
    - Begebenheiten d. Enkolp, 2 Bde., Rom 1773 (Übers. v. Petronius, Satiricon);
    Die Kirschen, Berlin 1773 (nach C.-J. Dorat, Les Cérises);
    Erzz. f. junge Damen u. Dichter ges. u. mit Anm. begleitet, 2 Bde., Lemgo 1775 (Anthol. dt. Rokoko-Erzz., Neudr. 1967);
    Theorie d. Paradoxen, Leipzig 1778 (nach A. Morellet, Théorie du paradoxe, 1775);
    Das befreyte Jerusalem v. Torquato Tasso, 4 Bde., Mannheim 1781;
    Roland d. Wüthende, ein Heldengedicht v. Ludwig Ariost d. Göttlichen, 4 Bde., Hannover 1782/83;
    - Anastasia u. d. Schachspiel, 2 Bde., 1803;
    Musikal. Dialogen, hrsg. v. J. F. K. Arnold, 1805 (geschrieben 1769 od. 1770);
    - Briefwechsel zw. Gleim u. H., hrsg. v. C. Schüddekopf, 2 Bde., 1894/95;
    Ungedr. Briefe, mitget. v. H. Bräunig-Oktavio, in: Westfäl. Mgz. NF 2, 1911, Nr. 22/23;
    - Sämmtl. Schrr., hrsg. v. H. Laube, 10 Bde., 1838;
    Sämmtl. Werke, hrsg. v. C. Schüddekopf (Bd. 8 hrsg. v. A. Leitzmann), 10 Bde., 1902-25 (Bd. 1-6: Werke;
    Bd. 7: Tagebücher;
    Bd. 8: Aphorismen;
    Bd. 9/10: Briefe).

  • Literatur

    ADB XI;
    A. Schurig, Der junge H. u. s. Entwicklung bis 1774, 1910 (W, L);
    W. Brecht, H. u. d. ästhet. Immoralismus, 1911;
    A. Jolivet, W. H., sa vie et son œuvre jusqu'en 1787, Paris 1922 (L);
    W. Rehm, Das Werden d. Renaissancebildes in d. dt. Dichtung, 1924, S. 61-78;
    ders., Griechentum u. Goethezeit, 1936, 31952, S. 78-83;
    A. Zippel, W. H. u. Italien, 1930 (L);
    R. Benz, Die dt. Romantik, 1937, 51956, S. 67-70;
    ders., Die Zeit d. dt. Klassik, 1953, S. 50-65;
    A. Leitzmann, W. H. in Zeugnissen s. Zeitgenossen, 1938;
    E. Hock, W. H.s Erlebnis d. Wirklichkeit, in: Geistige Arb. 6, 1939, Nr. 21 (L);
    ders., W. H.s Urteil üb. Hölderlins „Hyperion“, in: Hölderlin-Jb. 1950, S. 108-19;
    ders., W. H. u. d. Mainzer Kurstaat, in: Aschaffenburger Jb. 1, 1952, S. 160-87;
    R. Häusler, Das Bild Italiens in d. dt. Romantik, 1939, S. 1-14;
    H. Koch, Zu W. H.s Antikenbeschreibungen, in: Dtld.-Italien, Festschr. f. W. Waetzold, 1941, S. 244-85;
    O. B. v. Wülfingen, Rubens in d. dt. Kunstbetrachtung, 1947, S. 39-51;
    H. H. Borcherdt, Der Roman d. Goethezeit, 1949, S. 149-66;
    R. Gilg-Ludwig, H.s „Hildegard v. Hohenthal“, Diss. Zürich 1951;
    A. Langen, Dt. Sprachgesch. v. Barock b. z. Gegenwart, in: W. Stammler, Dt. Philol. im Aufriß I, 21957, Sp. 1137-39;
    P. Grappin, „Ardinghello“ et „Hyperion“, in: Études Germaniques 10, Paris 1955, S. 200-13;
    A. Müller, Landschaftserlebnis u. Landschaftsbild, 1955, S. 92-96;
    M. L. Baeumer, Das Dionysische in d. Werken W. H.s, 1964 (L);
    ders., H.-Stud., 1966 (L);
    E. M. Moore, Die Tagebücher W. H.s, 1967;
    H.-W. Kruft, W. H.s ital. Reise, in: DVjS 41, 1967, S. 82-97;
    H. Zeller, W. H.s Italienreise, ebd. 42, 1968, S. 23-54;
    C. Grützmacher, „Ardinghello“, in: Kindlers Lit.-Lex. I, 1965, Sp. 891-93;
    H.-W'. Jäger, „Hildegard v. Hohenthal“, ebd. III, 1967, Sp. 1795 f.;
    Goedeke IV, 1, 879-90;
    Frels, S. 123 f.;
    Kosch, Lit.-Lex.;
    H. Haase u. H. Kühner, in: MGG VI, Sp. 80-83 (W, L).

  • Portraits

    Gem. v. J. F. Eich, 1779/80 (Halberstadt, Gleimhaus), Abb. b. Rave u. b. Wilpert, Literatur in Bildern, S. 180;
    Stiche nach einem 2., verschollenen Gem. v. Eich aus d. gleichen Zeit v. Ch. G. Geyser (Titelbild zu: Allg. dt. Bibl. 107, Kiel 1792), u. F.W. Bollinger;
    Tuschzeichnung, um 1795 (?) (Frankfurt/M., Freies Dt. Hochstift), danach Stich, angebl. v. (C. E. ?) Heß, Abb. in: J. Ch. G. Lucae, Zur organ. Formenlehre, 1844, Tafel XII, u. b. Könnecke, S. 256.

  • Autor/in

    Erich Hock
  • Empfohlene Zitierweise

    Hock, Erich, "Heinse, Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 438-440 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118548565.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Heinse: Johann Jakob Wilhelm H., eigentlich (laut Kirchenbuch) Heintze (als Sohn des „Consulis, Poligraphi et Organisti“ N. Heintze), deutscher Dichter, hier und da wohl den Classikern beigezählt, geb. am 16. Febr. 1749 zu Langenwiesen bei Ilmenau in Thüringen (Sachsen-Weimar), am 22. Juni 1803 als Hofrath und Bibliothekar in Diensten des Kurfürsten von Mainz. Aus dem Gymnasium zu Schleusingen entlief der junge H. in seinem 14. Jahr, weil er sich nicht der herrschenden Schulordnung unterwerfen wollte, und bereitete sich privatim für die Universität vor. Unter großen Entbehrungen studirte er dann die Rechte in Jena und Erfurt, wo Wieland sein poetisches Talent erkannte und ihn an Gleim in Halberstadt, den im Unterstützen nie müden väterlichen Freund aller jungen Dichtergenies jener Jahre, empfahl. Gleim ließ sofort eine Einladung an H. ergehen, doch hatte dieser sich schon, durch eigenthümliche Versprechen gewonnen, als Begleiter eines überteuernden früheren Barbiers und nachmaligen preußischen Hauptmanns, der sich v. Günther oder auch v. Liebenstein nannte und damals als „Generalreiseinspector der dänischen Zahlenlotterie“ die Länder durchzog, verpflichtet. Heinse's gewandte Feder sollte wol auf die verschiedenste Weise von Betreffendem ausgenutzt werden. Erst als Beider Verbindung sich 1772 gelöst hatte, kehrte Jener in seine Heimath und den Thüringer Wald zurück, nahm eine ihm durch Gleim vermittelte Hauslehrerstelle in Quedlinburg, bei einer zeitweilig ohne ihren Gemahl im Hause ihrer Eltern dort lebenden Frau v. Massow, an, gab dieselbe indessen bald wieder auf und verweilte noch längere Zeit, bis 1774, ohne andere bestimmte Beschäftigung, als die poetische, bei seinem Gönner selbst in Halberstadt. Eine Abwesenheit Gleim's von dort, im April genannten Jahres, benutzte Johann Georg Jacobi zu Heinse's Entführung nach Düsseldorf. Er bewog letzteren, mit ihm zu gehen, um sich an der von ihm projectirten Zeitschrift „Iris“ zu betheiligen, und H. schloß einen Contract mit dem Versucher, obwol sein Halberstädter Wohlthäter eben damals den Plan hatte, selber ein Journal zu gründen und Jenen dafür zu gebrauchen. Für die „Iris“ sollte H. „tändelnde prosaische Arbeiten zur Belehrung der Grazien“ (wie man die gebildeten Damen nannte) liefern. Niemand aber war weniger zum Damenschriftsteller geeignet, als gerade er, und so wurde zwar aus seiner Betheiligung an dem Jacobi'schen Unternehmen niemals viel, aber die Uebersiedelung Heinse's nach Düsseldorf ward für seine Entwickelung ein neuer und großer Gewinn, besonders wegen der zu jener Zeit noch an Schätzen (die später nach München gewandert sind) reichen dortigen Gemäldegallerie. Dieselbe weckte in H. Liebe für die bildende Kunst und er ergab sich ihrem Studium mit glüheudem Eifer und einer sonst an ihm ganz fremden Ausdauer. Dies flößte ihm Sehnsucht nach einer italienischen Reise ein, die er dann 1780, von Jacobi unterstützt, antrat. Er lebte nun über drei Jahre im Süden, meist in Rom, wo er vor allem mit dem „Maler Müller“ verkehrte. Aus Italien kehrte er zunächst nach Düsseldorf zurück, und schrieb hier 1784, als die bedeutsamste Frucht seiner Reise, den „Ardinghello“. Nach dieser Zeit trat er in kurfürstl. mainzische Dienste. Die Beamten des Kurfürsten bildeten einen der hervorragendsten und belangreichsten der damaligen Gelehrtenkreise. Ihm gehörten H., Forster und Johannes v. Müller an. Ersterer wurde 1787 vorläufig „Lector des Kurfürsten“, rückte aber 1789 in die Bibliothekarsstelle mit Hofrathstitel ein, in welcher Sinecure — denn so und nicht anders wird man zu sagen haben — er 1803 starb, in demselben Jahre wie Gleim, der ihm nach Verwindung seines ersten Zorns über die einstige heimliche und schnelle Abreise, gewogen geblieben war bis an sein Ende.

    Das Erste, was von H. erschien, waren die „Sinngedichte" (1771). Ihnen folgten „Die Kirschen“ (auf Gleim's Anregung nach dem Gedichte des Dorat bearbeitet, 1773), sowiedie „Begebenheiten des Enkolp, aus dem Satirikon des Petron“, Rom (Schwabach 1773 u. 1783) — eine Uebersetzung Heinse's, die nach seiner Versicherung „hauptsächlich der Hauptmann" (jener v. Günther oder Liebenstein) „zu einer scandalösen und unzüchtigen Arbeit gemacht hatte". Weiter erschienen: „Laidion oder die eleusinischen Geheimnisse“ (Roman, 1774 u. 1790); „Erzählungen für junge Damen und Dichter, gesammelt und mit Anmerkungen begleitet“ (2 Bde., 1775; Sachen von Hagedorn, Gellert, Lichtwer, Kestner, Gleim, Gerstenberg, Wieland, Jacobi, der Karschin und H. selbst enthaltend); „Das befreite Jerusalem von Torquato Tasso" (Prosaübersetzung, 4 Bde., 1781); „Roland der Wüthende, ein Heldengedicht von Ludwig Ariost dem Göttlichen“ (Prosaübersetzung, 4 Bde., 1782 f.); „Ardinghello oder die glücklichen Inseln“ (italienische Geschichte aus dem 16. Jahrh., 1787. 4. Aufl. 1838); „Hildegard von Hohenthal“ (Roman, 2 Bde., 1796, 3. Aufl. 1838); endlich „Anastasia und das Schachspiel“ (Briefe aus Italien, 2 Bde., 1803). Eine Gesammtausgabe der Heinse'schen Werke erschien unter folgendem Titel: „Sämmtliche Schriften Wilhelm Heinse's, herausgegeben von Heinrich Laube“, 10 Bde., Leipzig 1838, 2. Aufl. 1851. Die 10 Bände enthalten: I.—II. Leben und Charakteristik Heinse's; Ardinghello; III-—IV. Hildegard v. Hohenthal; V. Laidion; VI.—VII. Anastasia; VIII.—IX. Briefe; X. Sinngedichte, die Kirschen, Schäferstunden, Armida (Auszug aus dem befreiten Jerusalem v. Tasso), Sappho, Theano, Frauenzimmer-Bibliothek, Kalender, Schlußwort. — H. ist einer derjenigen deutschen Dichter, über welche die Litterarhistoriker sich in den widersprechendsten Urtheilen ergehen: er wird verdammt und bewundert zu gleicher Zeit. Die Verdammungsurtheile gehen zumeist aus dem sittlichen Anstoß hervor, den man an seinen Werken vom moralischen Standpunkt aus allerdings in hohem Maße zu nehmen haben wird. Ein geistesverwandter Schüler Wielands, ging H. über diesen in Schlüpfrigkeit und Sinnenreiz noch weit hinaus — so daß Jener ganz Recht hatte, in Briefen an Gleim den „Jünger“ endlich zu perhorresciren. Auch darin besteht ein großer Unterschied zwischen beiden, daß Wieland's Frivolität eine naiv tändelnde, die Heinse's dagegen eine reflektirtpathetische ist. Jedenfalls aber wird H. immer seine bedeutende litterarhistorische Stellung einnehmen und zur Zahl derer gehören, welchen es beschieden gewesen, der nationalen Poesie neuen Inhalt, neue Stoffe und Gesichtspunkte zuzuführen. Er ist einer der Vorläufer des elastischen Zeitalters unserer Dichtung, und die Einflüsse, welche Goethe von ihm empfangen, sind direct nachweisbar. In dieser Beziehung hat H. Pröhle es sehr treffend betont, wie Heinse's italienische Reise als die eigentliche Vorläuferin der Goethe'schen Flucht nach der Apenninenhalbinsel erscheint, wie sich H. mit Ardinghello und Hildegard v. Hohenthal Goethe's Dichtungen ebenso genähert hat, wie er früher Wieland nahe gestanden, und wie über den ganzen letztgenannten Roman eine Zeitstimmung ausgebreitet liegt, welche dem Tone in Goethe's Campagne in Frankreich und in dessen Belagerung|von Mainz ziemlich verwandt ist. — Der Gegenstand der beiden Hauptromane (und überhaupt der zwei Hauptwerke) Heinse's ist die Kunst, in Ardinghello die bildende, in Hildegard die Musik. Beide sind als Kunstschöpfungen in Anlage und Ausführung verfehlt; viel Gutes, Sinnvolles und Geistreiches enthalten aber die einen großen Theil füllenden Ansichten über Kunst und in Ardinghello die zahlreichen Beschreibungen von Kunstwerken. Außerdem bestechen sie durch die glänzende Darstellung voll Feuer und Enthusiasmus und durch die bewegliche, wohllautende Sprache. H. ist mit diesen Werken der Begründer des deutschen „Kunstromans" geworden und hat auf die Romantiker ebenso, wie auch noch auf die Jungdeutschen — freilich zumeist im Sinne der vielleicht minder unpoetischen, als unmoralischen „Emancipation des Fleisches" (man denke an Schlegel's „Lucinde“, an Gutzkow's „Wally“ u. A. m.) — eingewirkt.

    • Literatur

      Man vgl. über H. — abgesehen von seinem Leben und seiner Charakteristik, die H. Laube, wie bemerkt, für die von ihm besorgte Gesammtausgabe geliefert hat — u. A. noch: „Briefwechsel zwischen Gleim, Heinse und Johannes v. Müller“, herausgegeben von Körte, Zürich 1806—8, 2 Bde., sowie „Lessing, Wieland, Heinse. Nach den handschriftlichen Quellen in Gleim's Nachlasse dargestellt von Heinrich Pröhle“ (Berlin 1877). Herm. Hettner in Westermann's Illustrirten Monatsheften, Jahrg. 1866.

  • Autor/in

    Kneschke.
  • Empfohlene Zitierweise

    Kneschke, "Heinse, Wilhelm" in: Allgemeine Deutsche Biographie 11 (1880), S. 651-653 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118548565.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA