Lebensdaten
1585 bis 1647
Geburtsort
Raudten bei Wohlau (Schlesien)
Sterbeort
Lissa
Beruf/Funktion
Kirchenlieddichter
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 11870950X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Heermann, Johann
  • Heermann, Johannes
  • Heermann, Johann
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Zitierweise

Heermann, Johannes, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11870950X.html [20.02.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Johannes, Kürschnermeister in R.;
    M Anna Kramer;
    1) Köben 28.2.1612 Dorothea ( 1617), T d. Christoph Feige ( 1617), Bgm. u. Hofrichter in R., 2) Guhrau 16.7.1618 Anna (1600–80), T d. Gregor Teichmann, Kaufm. u. Zolleinnehmer in Guhrau; 1. Ehe kinderlos, 3 S, 1 T aus 2), u. a. Ephraim (1625–89), 1660 Rektor in Wohlau, später in Liegnitz, Euphrosyno ( Samuel Schellwig, 1611–58, Pfarrer in Guhrau);
    E Samuel Schelwig (1643–1715), Prof. d. Theol. u. Pfarrer in Danzig (s. ADB 31);
    Urur-E Joh. David (1723–82), Pastor in Köben, Schriftsteller; Nachkomme Paul (1868–1945), Prof., 1910-24 Dir. d. Textilabt. am Staatl. Materialprüfungsamt in Berlin-Dahlem (s. W, L).

  • Leben

    Seine erste Schulbildung erhielt H. in Raudten und Wohlau. 1602 kam er nach Fraustadt zu Valerius Herberger als dessen Amanuensis; der dortige Rektor Johann Brachmann unterwies ihn in der lateinischen Dichtkunst. Ein Jahr lang besuchte er das Elisabeth-Gymnasium in Breslau, 1604-09 die Fürstenschule in Brieg, wo er gleichzeitig als Informator für adelige Schüler tätig war. Lateinische Reden und lateinische Gedichte von ihm erschienen seit 1605 im Druck. Zwei Lobgedichte auf Kaiser Rudolf II. brachten ihm durch Vermittlung einflußreicher Gönner schon 1608 die Dichterkrönung ein. Als Hofmeister trat er 1609 mit Wenzel von Rothkirch eine Bildungsreise an, die ihn über Leipzig und Jena nach Straßburg führte. Schon 1610 zwang ihn ein Augenleiden zur Rückkehr. 1611 erhielt er das Pfarramt in Koben.

    Er versah es bis 1639, obwohl ihn bald nach seiner 2. Heirat einsetzende, fast ununterbrochene Krankheitszeiten von 1624 an zwangen, seine Predigten verlesen zu lassen. Während H.s lateinische Epigramme viele biographische Einzelheiten aus seiner Jugend und den glücklichen Jahren seiner 1. Ehe enthalten, fehlen solche Zeugnisse für die spätere Lebenszeit fast ganz. Gewiß ist nur, daß er mit seiner Gemeinde wiederholt die schweren Drangsale des 30jährigen Krieges erdulden mußte. 1639 zog er nach Lissa. Ob er dort mit J. A. Comenius und den Böhmischen Brüdern in Verbindung getreten ist, konnte bisher nicht nachgewiesen werden.

    Nur in den Gelegenheitsversen seiner „Epigramme“ hat H. sich mit weltlichen Themen eingelassen. Sonst liegt seine literarische Bedeutung neben den umfangreichen, landes- und geistesgeschichtlich noch auszuwertenden Predigtsammlungcn allein auf dem Gebiet der geistlichen Lied- und Spruchdichtung. Diese hat er zeitlebens in den Dienst seines seelsorgerischen Amtes gestellt. Von den einander korrespondierenden lateinischen Distichen und einstrophigen deutschen Vierhebern in den „Flores“ (Oels 1609) an, über die längeren unstrophischen, gleichfalls vierhebigen Zusammenfassungen des jeweiligen Predigtinhalts in den „Andächtigen Kirchseufftzern oder Evangelische Schließ-Glöcklin“ (Leipzig und Breslau 1616), bis zu seinen wieder zweisprachigen, vielfach sprichwortnahen „Praecepta moralia“ (1644), trägt H.s Dichtung religiös-didaktischen Charakter. Die Kunst der Sinn- und Schlußreime hat er auf diesem Wege vorbereitet. Dagegen sind viele seiner Lieder aus der Not der Zeit („Tränenlieder“) und persönlichem Leid („Ach Gott, ich muß in Traurigkeit“, „Der Tod klopft itzund bei mir an“) hervorgegangen. Sie rufen zur Buße auf, wollen Trost spenden, widmen sich der Betrachtung des Leidens und der Erlösungstat Christi. Für viele Gebetslieder hat er Pseudoaugustin, Bernhard von Clairvaux und Johann Tauler in der Überlieferung der „Meditationes sanetorum Patrum“ von Martin Moller (1597) benutzt, außerdem das „Paradiesgärtlein“ von Johann Arndt (1612). Obwohl er zur Gefühlsreligiosität neigte und in vielem als ein Vorläufer des Pietismus angesehen werden darf, ist er doch mit seinem strengen Achten auf die Reinheit der Lehre immer Lutheraner geblieben. Formal wird seit 1630 der Einfluß von Martin Opitz erkennbar. In den Umarbeitungen des „Schließ-Glöckleins“, der „Devoti musica cordis“ und des „Exercitium pietatis“ zeigt sich das Bestreben, sprachlich und metrisch die Grundsätze des „Buchs von der deutschen Poeterey“ zu befolgen. Die Bevorzugung des Alexandriners („O Gott, du frommer Gott“) und der Sapphischen Ode („Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen“) hat H.s große Wirkung auf den Gemeindegesang nicht beeinträchtigt. Zahlreiche Lieder von ihm sind in Kantaten, Oratorien und Passionen aufgenommen worden. Seine praktisch-theologisch bestimmte Neigung zur zyklischen Perikopendichtung, die nicht ohne Bedeutung für die Entstehung der „Sonn- und Feiertagssonette“ von Andreas Gryphius geblieben ist, führte ihn im Anschluß an die älteren Vorbilder Bartholomäus Ringwaldts und Nikolaus Hermans in den „Sonntags- und Festevangelia“ (1636) zur Entwicklung eines volkstümlich „balladesken“ Erzählstils. H.s persönliche Beziehungen zu Opitz, Tscherning, Gryphius und David von Schweinitz lassen sich nur aus Begleitgedichten und Widmungen ablesen. Den postumen „Poetischen Erquickstunden“ konnte ein Alexandrinergedicht „An die seligste Seele des weltberühmten und um die Kirche Gottes wohlverdienten J. H.“ von Andreas Gryphius vorangestellt werden.

  • Werke

    Weitere W Epigrammatum libelli IX, Jena 1624;
    Devoti musica cordis, Hauß- u. Hertz-Musica, Breslau/Leipzig 1630 (P);
    Exercitium pietatis, Übung in d. Gottseligkeit, ebd. 1630;
    Sontagsu. Fest-Evangelia, ebd. 1636;
    Zwölff Geistl. Lieder, ebd. 1639;
    Praeceptorum Moralium et Sententiarum Libri III, Zucht-Büchlein f. d. zarte Schul-Jugend, Breslau 1644, Neudr. J. H.s Praecepta moralia u. Exercitium pietatis, hrsg. v. W. A. Bernhard, 1886;
    Poet. Erquickstunden, Nürnberg 1656;
    Geistl. Poet. Erquickstunden fernere Forts., ebd. 1656. - Textausw.: J. H.s geistl. Lieder, hrsg. v. Ph. Wackernagel, 1856 (mit Einl. S. V-LXXXVI);
    J. Mützell, Geistl. Lieder d. ev. Kirche a. d. 17. u. d. 1. Hälfte d. 18. Jh. v. Dichtern aus Schlesien u. d. anliegenden Landschaften verfaßt I, 1858, S. 12-178;
    A. Fischer u. W. Tümpel, Das dt. ev. Kirchenlied d. 17. Jh. I, 1904, 21964, S. 254-338;
    Frohe Botschaft, aus s. ev. Gesängen ausgew. u. eingel. v. R. A. Schröder, 1936. - Zu Nachkommen Paul: Färberei- u. textilchem. Unterss., 71940, 81951 bearb. v. A. Agster;
    Technol. d. Textilveredelung, 21926;
    Mikroskop, u. mechan. Textilunterss., 31931 (mit A. Herzog).

  • Literatur

    ADB XI;
    K. F. Ledderhose, Das Leben J. H.s v. Köben, d. Liedersängers d. ev. Kirche, 1857 (P), 21876;
    H. Schubert, in: Zs. d. Ver. f. Gesch. u. Altertum Schlesiens 19, 1885, S. 185-234;
    W. A. Bernhard, Btrr. z. Biogr. d. Liederdichters J. H., ebd. 21, 1887, S. 193-218;
    C. Hitzeroth, J. H., Ein Btr. z. Gesch. d. geistl. Lyrik im 17. Jh., 1907;
    G. Blümel, in: Schles. Lb. III, 1928, S. 36-42 (W, L, P);
    R. A. Schröder, J. H., 1936, wieder in: ders., Ges. Werke III, 1952, S. 531-60;
    G. Wagner, Der Sänger v. Köben, J. H.s Werden, Werk, Wirken, 1954;
    H.-P. Adolf, Das Kirchenlied J. H.s u. s. Stellung im Vorpietismus, Diss. Tübingen 1957 (ungedr.);
    Goedeke III;
    Kosch, Lit.-Lex.;
    PRE;
    RGG;
    W. Blankenburg, in: MGG VI, Sp. 18-21 (W, L, P). - Zu Nachkommen Paul: Melliand Textilber. 9, 1928, S. 217 (W, P);
    Pogg. VI, VII a.

  • Portraits

    Kupf. v. L. Kilian, 1631, Abb. in: K. F. Ledderhose, s. L;
    v. P. Troschel, 1642, Abb. in: Devoti Musica Cordis, s. W;
    v. W. Kilian, Abb. in: Wilpert, Literatur in Bildern, S. 104, u. MGG, s. L.

  • Autor/in

    Adalbert Elschenbroich
  • Empfohlene Zitierweise

    Elschenbroich, Adalbert, "Heermann, Johannes" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 198 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11870950X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Heermann: Johann H., geistlicher Liederdichter, ist geboren am 11. Octbr. 1585 zu Rauden im Fürstenthum Wohlau als Sohn eines armen Kürschners. Von seiner Mutter früh dem Predigerberufe bestimmt, wurde er in das Haus des als Liederdichter bekannten Geistlichen Valerius Herberger in Fraustadt gebracht; seit 1603 empfing er seine Bildung auf dem Elisabethan in Breslau, seit dem 27. October 1604 auf dem Gymnasium zu Brieg, unter dessen ausgezeichnetem Rector Schickfuß, d. h. zur glänzendsten Zeit dieser Schule als ihr glänzendster Schüler. Im Jahre 1607 gehörte er unter 99 Primanern zu den 6 Judices oder dem Schulsenat und wurde im folgenden Jahre einstimmig von allen Mitschülern zu dessen Prätor oder Vorsitzenden erwählt. In einer schon im August 1606 von ihm de laudibus gymnasii Bregensis gehaltenen lateinischen Rede verkündet er mit allen Mitteln der Schulrhetorik das Lob der Anstalt und wurde dafür von zwei Lehrern in griechischen und lateinischen Versen wieder beglückwünscht. Ja am 8. October 1608 wurde er wegen seiner oratorischen und|poetischen Leistungen von dem Breslauer gelehrten Arzte und poeta laureatus Caspar Cunrad nach eingeholter Erlaubniß des kaiserlichen Pfalzgrafen, in glänzender Versammlung mit dem Dichterlorbeer gekrönt. Die 1869 erschienene Geschichte des Gymnasiums zu Brieg berichtet noch mehr Züge seiner ausgezeichneten Schülerzeit. Bald nach seiner Dichter-Krönung scheint er das Gymnasium verlassen zu haben. Im folgenden Jahre ging er mit den Söhnen seines Patrons Wenzel v. Rothkirch nach Leipzig, Jena und Straßburg, mußte aber seiner Augen wegen schon 1610 nach Hause zurückkehren, wo er schwer erkrankte; 1611 wurde er zum Kaplan in Köben a. d. Oder und bald darauf zum Pfarrer gewählt und bewährte sich in diesem Amte als ausgezeichneter Redner; doch war er sein ganzes Leben hindurch meist immer leidend; dazu kamen in den Jahren 1633 und 34 die furchtbaren Schrecken des Krieges und der Pest über sein Vaterland, die ihn nöthigten sein Amt aufzugeben und nach Lissa in Polen zu flüchten, wo er nach langjährigen Leiden 1647 am 24. Februar starb. — H. ist nächst Paul Gerhardt der bedeutendste evangelische Liederdichter des 17. Jahrhunderts und genoß auch als solcher schon unter seinen Zeitgenossen hohes Ansehen. Opitz und Gryphius feiern beide ihn und seine Werke in Gedichten. Er steht zwischen der alten und neuen Zeit des evangelischen Kirchenliedes mitten inne; seine Lieder haben noch viel von der Strenge, dem Objectiveren und Epischeren der älteren Periode, zugleich aber auch schon von dem Betrachtenden, fast Lehrhaften der zu gleicher Zeit mit ihm emporkommenden ersten schlesischen Schule und sogar bereits die neuen Versformen derselben, zu der die damals übliche Form der sapphischen Ode in: „Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen“, und des Alexandriners in: „O Gott, du frommer Gott“ gehören (Vilmar). Auch seine Sprache ist von ungewöhnlicher Formvollendung. Die schweren Prüfungen, durch welche er hindurchgehen mußte, haben seinen Liedern jene Herzenssprache voll christlicher Einfalt, Innigkeit und Zuversicht verliehen, die namentlich allen hochbetrübten Seelen von jeher so wohl bekannt und verständlich gewesen ist, und derentwegen sie noch heute in allen evangelischen Gesangbüchern getroffen werden. Die oben genannten beiden dürften die größeste Verbreitung gefunden haben; das letztere derselben war des Dichters eigenes tägliches Gebet und enthält gleichsam eine Ethik im Kleinen. Seine zweite Strophe: Gib, daß ich thu mit Fleiß, ist auf dem Schlachtfelde von Leuthen historisch geworden. Die Lieder sind zum Theil in älteren Gesangbüchern zerstreut, zum Theil in Sammelwerken enthalten. Diese, durch Mützell (Geistliche Lieder der evangelischen Kirche 1858) mit größter Sorgfalt ihren Ausgaben und Einzelnheiten nach festgestellt, sind: 1. „Devota musica cordis, Haus- und Herz-Musica“, in drei Hauptausgaben und bei drei Verlegern 1630, 1636 und 1644, außerdem noch oft erschienen, enthält 54 Lieder. 2. „Exercitium pietatis. Hebung in der Gottseligkeit, d. i.: Inbrünstige Seufzer und andächtige Lehr- und Trostsprüchlein für die liebe Jugend; aus den Sonntags- und Fest-Evangelien“, zuerst 1630, dann 1636 seinen lieben Kindern geweiht; außerdem öfter erschienen sind Tetrasticha, denen ein lateinisches Distichon vorangeht, zu seiner Zeit für Schulzwecke viel benutzt und von anderen, wie Czepko und Angelus Silesius nachgeahmt. 3. „Neu umgegossenes und verbessertes Schließ-Glöcklein", 1633. 4. „Sonntags- und Fest-Evangelia durchs ganze Jahr", 1836 und öfter. Es sind theils rein lyrische, theils den evangelischen Inhalt erzählend wiedergebende Dichtungen. 5. „Zwölf geistliche Lieder, jetziger Zeit nützlich zu singen“, 1639. 6. „Poetische Erquickstunden“, ein opus postumum hrsg. von seiner Wittib und Erben, 1656, und davon vielleicht noch in demselben Jahre eine Fortsetzung. — Außer diesen Dichtungen existiren von H. noch Predigten und asketische Schriften; schon 1609 erschienen zwei wie es scheint prosaische Werke. Ausführliche Nachrichten geben von ihm|M. J. D. Heermann, Prediger im Bethaus zu Köben im: „Neuen Ehrengedächtniß“ dieses Dichters. Glogau 1759. Evang. K. Zeitung 1832, Nr. 27. Theolog. kirchl. Annalen von A. Hahn. Breslau 1842. Bd. 1, Heft 2, 3 u. 4. Pischon, Denkmale III, 203. Sein Leben von Fr. Ledderhose, Heidelberg 1855. Seine geistl. Lieder von Ph. Wackernagel, 1855.

  • Autor/in

    Palm.
  • Empfohlene Zitierweise

    Palm, Hermann, "Heermann, Johannes" in: Allgemeine Deutsche Biographie 11 (1880), S. 247-249 unter Heermann, Johann [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11870950X.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA