Lebensdaten
1843 bis 1916
Geburtsort
Bielkenfeld bei Labiau (Ostpreußen)
Sterbeort
Bagdad
Beruf/Funktion
Generalfeldmarschall ; Militärschriftsteller
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118696319 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Goltz-Pascha, Wilhelm Leopold Colmar Freiherr von der
  • Goltz, Colmar Freiherr von der
  • Dünheim, W. von (Pseudonym)
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Zitierweise

Goltz-Pascha, Colmar Freiherr von der, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118696319.html [16.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Erhard (1802–49), auf Fabiansfelde, preuß. Leutnant, S d. Frdr. Alex. Boguslav, auf Sortlack usw., Gen.-Landschaftsrat, u. d. Louise Henr. Sophie v. Witten;
    M Palmyra (1815–93), T d. Kunst- u. Lustgärtners Frdr. Schubert in Königsberg/Pr. u. d. Charlotte Kleyler;
    Vt Maximilian Frhr. v. d. G. (1836-1906), 1877-82 Oberwerftdir. in Kiel, Kommandant d. Korvette „Gneisenau“|im Mittelmeer, Chef d. Ostasiengeschwaders, 1883 Dir. d. Admiralität (s. BJ XI, Tl. 1906, L);
    Orschen/Ostpr. 1867 Therese (1843–1922), T d. Gutsbes. Dorguth in Quittainen;
    3 S, 3 T; N Achim (1873–1934), Legationsrat, Konsul.

  • Leben

    G.s Jugend verlief in großer materieller Enge, vor allem nachdem sein Vater 1849 an der Cholera verstorben war. Mit verwandtschaftlicher Hilfe gelang es der Mutter, die G. Zeit seines Lebens sehr verehrte, ihn 1851 in die Burgschule zu Königsberg und 1855 in das Kadettenkorps zu bringen. Seine Lieblingsfächer waren Geographie, Mathematik und Deutsch, der von ihm damals bevorzugte Dichter war Heinrich Heine. 1861 zum Secondelieutenant im 5. Ostpreußischen Infanterie-Regiment Nummer 41 in Königsberg ernannt, wurde er im Herbst 1864 zur Kriegsakademie nach Berlin einberufen. Dank der ihm leichtfallenden Bewältigung des Lehrstoffes blieb ihm Zeit zur schöngeistigen Schriftstellerei, die er zur Vermehrung seiner Einkünfte unter dem Pseudonym „W. von Dünheim“ so lange betrieben hat, bis sein Dienstgehalt ausreichte, um seine Familie standesgemäß zu ernähren. Seine Romane und Novellen waren dem Zeitgeschmack angepaßt, abenteuerlich und sentimental, aber nicht ohne Talent. In die Akademiezeit fiel 1866 der preußisch-österreichische Krieg, den G. in seinem Regiment erlebte; er wurde schwer verwundet. – 1867 erfolgte seine Kommandierung in den Großen Generalstab. Im deutsch-französischen Krieg 1870/71 wurde G. als Generalstabsoffizier bei der 2. Armee verwandt, deren Oberbefehlshaber Prinz Friedrich Carl von Preußen und deren 1. Generalstabsoffizier der spätere Feldmarschall Graf von Haeseler waren, die beide durch ihre modernen militär-pädagogischen Lehren auf die innere Entwicklung G.s starken Einfluß ausgeübt haben und ihm bis an ihr Lebensende freundschaftlich verbunden blieben. Von dauernder Nachwirkung auf G.s Grundanschauung, daß die ganze Volkskraft für die Verteidigungsbereitschaft ausgenützt werden müsse, waren die Kämpfe gegen die improvisierte französische Volksarmee Gambettas bei Orleans, an denen er teilnahm. Im Oktober 1871 zum Hauptmann im Generalstab befördert, beschrieb er im Auftrag der kriegsgeschichtlichen Abteilung die Operationen der 2. Armee im letzten Kriege (1873/75), eine Arbeit, die als eine gute Vorbereitung für die späteren kriegsgeschichtlichen Untersuchungen gelten kann. In der nun folgenden Stellung als 1. Generalstabsoffizier der 6. Division in Brandenburg/Havel setzte er seine Tätigkeit als Militärschriftsteller fort und griff erstmals ein Gegenwartsproblem auf; beeindruckt von dem Kampfgeist der Gambetta-Armee, forderte er die Herabsetzung der Dienstzeit von 3 auf 2 Jahre mit einer gleichzeitigen Vermehrung der Friedensstärke. Es war ein kühner Vorstoß, da gerade die dreijährige Dienstzeit im preußischen Militärkonflikt eine große Rolle gespielt hatte. G. fiel daher auch in Ungnade und wurde für ein Jahr als Kompaniechef in das Infanterie-Regiment Nummer 96 nach Gera versetzt. 1878 zum Major befördert, kehrte er auf Anordnung des Feldmarschalls Graf von Moltke in den Generalstab zurück mit gleichzeitiger Verwendung als Kriegsgeschichtslehrer an der Kriegsakademie. Eine Kommandierung als Beobachter der französischen Manöver bot ihm erneuten Anlaß, vor der damals üblichen Unterschätzung der französischen Armee zu warnen und daraus die Folgerungen für die deutsche Wehrbereitschaft zu ziehen.

    Seine fünfjährige Lehrtätigkeit benutzte G. zur Abfassung von zwei seiner verbreitetsten Bücher: „Roßbach und Jena“ (1883, 21906, französisch 1890) sowie „Das Volk in Waffen“ (1883, 61925). In dem Werk „Roßbach und Jena“ verteidigte G. das preußische Offizierskorps gegen die zum Teil gehässige zeitgenössische Kritik nach der Niederlage von Jena, ohne die vorhandenen Mängel zu leugnen. Den Hauptgrund für die Niederlage sucht er in einer unzulänglichen Politik. In dem Buch „Das Volk in Waffen“ betont er die Notwendigkeit, sich der allgemeinen Entwicklung anzupassen; früher als viele andere erkannte er, daß der moderne Krieg vom ganzen Volk getragen werden müsse. 1883 ging G. als Organisator des Militärbildungswesens nach Konstantinopel. Die folgenden 12 Jahre, von 1885 an als Leiter der Mission, nötigten G. zu einem zähen Kampf gegen Unwissenheit, Indolenz und Intrigen orientalischer Wesensart. Aufgrund seiner hervorragenden fachlichen Kenntnisse, mehr aber noch infolge seiner willensstarken und menschlich anziehenden Persönlichkeit setzte er sich weitgehend durch; trotz der Niederlage im Balkankrieg 1912 wurde G. in der Türkei noch lange Zeit als der große Reorganisator der Armee angesehen. So sehr sich auch G. mit seiner Aufgabe verwachsen fühlte, hat er doch nie auf seinen Wunsch nach einer Verwendung in Deutschland verzichtet. Als türkischer Marschall kehrte er 1896 in die Heimat zurück und übernahm als Generalleutnant für 2 Jahre die Führung der 5. Division in Frankfurt/Oder. Wie in der Türkei ließ er auch jetzt seine Feder nicht ruhen. Gestützt auf die inzwischen gewonnenen Erfahrungen, gelang ihm in „Krieg und Heerführung“ (1901) die seit Clausewitz tiefgreifendste Untersuchung der modernen Strategie und insbesondere des Führungsproblems.

    Aus der Enge eines provinziellen Kommandos, die ihn in Vergleich zu dem weltoffenen Konstantinopel bedrückte, führte ihn 1898 die Verwendung als Chef des Pionierkorps und Inspekteur der Festungen in eine Verantwortlichkeit für das gesamte Reichsgebiet. G. hat die bisher stark vernachlässigte Pioniertruppe modernisiert und so vorzüglich ausgebildet, daß sie im 1. Weltkrieg zu großen Leistungen befähigt war. Die von ihm verlangte Vermehrung wurde allerdings nicht bewilligt. An der ostpreußischen Grenze legte er Befestigungen an, die zumindest den russischen Vormarsch im August und September 1914 verlangsamt haben. Im Westen hat er sich nicht nur um den weiteren Ausbau der vorhandenen Festungen bemüht, er trat auch für die Anlage eines Befestigungssystems ein, das von Diedenhofen über Metz und Straßburg nach dem Oberrhein führen sollte. Es war dabei sein Grundgedanke, durch eine hinhaltende Verteidigung an dieser Front die volle Entfaltung der Offensivkraft an anderen Fronten zu ermöglichen. Ohne Zweifel hätte die Durchführung dieses Planes im August und September 1914 große Bedeutung gewinnen können. Die Bedenken dagegen wurden in erster Linie von denjenigen Kreisen des Offizierskorps zum Ausdruck gebracht, die eine Abschwächung des Angriffsgeistes der Armee befürchteten, wenn es eine Verteidigungslinie gab. 1902 wurde G. zum Kommandierenden General des I. Armeekorps in Ostpreußen ernannt. In den 5 Jahren seiner Wirksamkeit in Königsberg hat er aus seinem ostpreußischen Korps vielleicht den am modernsten ausgebildeten und den am härtesten trainierten größeren Truppenkörper der damaligen Zeit dadurch geschaffen, daß er neue Erfahrungen, wie sie zum Beispiel im Buren- und im russisch-japanischen Kriege gemacht worden waren, sofort realisierte. Weiterhin unterzog er militärische Mangelerscheinungen einer freimütigen publizistischen Kritik, durch die er sich Feinde machte. Es gelang diesen, vom Kaiser eine Kabinettsorder zu erwirken, die G. Zurückhaltung empfahl. Trotz mehrfacher Zurücksetzungen hat G. niemals in der Öffentlichkeit Kritik am Kaiser geübt, da ihn hieran sein stark ausgeprägtes monarchisches Gefühl hinderte.

    Als Graf Schlieffen 1905 aus gesundheitlichen Rücksichten als Chef des Generalstabs zurücktrat, wurde unter den möglichen Anwärtern auf die Nachfolge auch ganz besonders G. genannt. Für ihn hat sich eine bedeutende Gruppe der Generalität eingesetzt, unter anderem auch der damalige preußische Kriegsminister von Einem. Es gab allerdings auch andere, die in ihm mehr den unbequemen Neuerer als einen konservativen militärischen Führer sahen. Die schließliche Wahl des jüngeren Moltke war eine persönliche Entscheidung des Kaisers, der seinen Flügeladjutanten menschlich sehr hoch einschätzte und sich vom Klang des Namens viel versprach. Zu G. hatte er kein persönliches Verhältnis. In der Armee ist die Entscheidung vielfach nicht verstanden worden. G. hat sich ohne weiteres in vornehmer Gesinnung gefügt, der Wille seines Königs war ihm Gesetz. – Anfang 1907 wurde G. zum Generalinspekteur der 6. Generalinspektion ernannt, eine Einrichtung, die den für den Ernstfall vorgesehenen Armeeführern ohne Belastung mit laufenden Arbeiten Zeit und Gelegenheit zur Vorbereitung auf die Truppenführung geben sollte. G. war damals noch als Oberbefehlshaber der deutschen Ostarmee vorgesehen. 1910/11 erfolgte eine Annäherung an den Kaiser; da sich G. in den Kaisermanövern ganz vorzüglich bewährte, wurde er zum Feldmarschall ernannt, eine in Friedenszeiten ungewöhnliche Ehrung. Da sich G. von seinen militärischen Aufgaben nicht voll ausgefüllt fühlte, begründete und führte er seit 1911 den Jungdeutschlandbund, eine Dachorganisation für fast alle Jugendverbände, die 1914 750 000 Mitglieder erfaßte. G. ist immer überzeugt gewesen, daß früher oder später ein Krieg unvermeidlich sei und daß der Wehrgeist im deutschen Volk intensiv gepflegt werden müsse. Er übernahm auch noch die Präsidentschaft der deutsch-asiatischen Gesellschaft. 1909-13 hielt er sich mehrfach als Berater in der Türkei auf, um deren Bündniswert auf dem militärischen Sektor zu steigern. Zu seiner großen Enttäuschung wurde G. 1914 nicht, wie er sich gewünscht hatte, der Oberbefehl in seiner Heimatprovinz Ostpreußen übertragen, er wurde vielmehr Generalgouverneur in Belgien. Er selbst hat seine Ausschaltung darauf zurückgeführt, daß ihm die türkische Niederlage im Balkanfeldzug von 1912 zu Unrecht in die Schuhe geschoben wurde. Als die Türkei im Herbst 1914 an der Seite der Mittelmächte in den Krieg eingetreten war, wurde G. als Berater des Sultans nach Konstantinopel entsandt. G. gelang es bald, aus dieser Stellung weit mehr zu machen, als ursprünglich beabsichtigt gewesen ist. Die kritische Lage, in der sich die Türkei innen- und außenpolitisch befand, führte dahin, daß ihm das Kommando über die 6. türkische Armee übertragen wurde. Sein strategischer Plan, mit einer türkisch-bulgarisch-rumänischen Armee in den Süden Rußlands vorzustoßen, scheiterte an der politischen und militärischen Undurchführbarkeit. Erst nach der Eroberung Serbiens war die Landbrücke zwischen dem Mittelmeer und der Türkei gesichert. Von den drei dann erwogenen operativen Zielen – Sperrung des Suezkanales, Angriff über den Kaukasus sowie Ausschaltung des englischen Einflusses in Mesopotamien – lehnte G. die beiden ersten Pläne ab, übernahm aber die Durchführung des Angriffs auf Kut-el-amara am Euphrat selbst. Es kam zu einer schweren Niederlage der Engländer, sie mußten am 29.4.1916 in der eingeschlossenen Festung kapitulieren. 10 Tage vorher war G., allseits tief betrauert, dem Flecktyphus erlegen.

    G. war ohne Zweifel eine der interessantesten und vielseitigsten Persönlichkeiten im wilhelminischen Zeitalter. Er war ein Mann von erheblichen außenpolitischen Einsichten, die er sich in seiner langjährigen Auslandsverwendung erworben hatte, dazu hochgebildet und darin den meisten seiner Zeitgenossen voraus, daß er frühzeitig erkannte, daß ein moderner Krieg auf die gesamte Volkskraft angewiesen sein werde. Der in manchen militärischen Kreisen erhobene Vorwurf, daß er mehr Gelehrter als Truppenführer gewesen sei, ist durchaus unbegründet, vor allem in der Türkei hat er gezeigt, welches Vertrauen er in seine Führungsbegabung zu erwecken vermochte. Auch auf die deutsche Jugend übte er eine starke Wirkung aus. Es läßt sich selbstverständlich nicht beweisen, daß er im September 1914 als Generalstabschef das Kriegsglück zugunsten Deutschlands hätte entscheiden können, aber an der dafür notwendigen Härte und Entschlußkraft hätte es ihm sicherlich nicht gefehlt.|

  • Auszeichnungen

    Dr. phil. h. c. (Königsberg 1903); Umbenennung v. G. Geburtsort Bielkenfeld in Goltzhausen, Mitgl. d. Preuß. Herrenhauses (1908), Friedensklasse d. Pour le mérite (1911), Chef d. Inf.-Rgt. v. Boyen (5. ostpreuß.) Nr. 41 (1913).

  • Werke

    Weitere W u. a. Léon Gambetta u. s. Armeen, 1877 (franz. 1877);
    Das Volk in Waffen, 1883, 61925 (neubearb. nach d. Erfahrungen d. Weltkriegs v. Frdr. Frhr. v. d. Goltz [S] u. mit biogr. Einl. v. B. v. Mudra, P) (franz. 1884, engl. 1889, ital. 1894, türk., serb. u. bulgar. Überss.);
    Offizierstand u. Beamtentum, 1884;
    Suum cuique, 1885;
    Ein Ausflug nach Mazedonien, 1894;
    Anatol. Ausflüge, 1896;
    Kriegführung, 1895 (ital., span., engl. u. rumän. Überss. 1896-1900);
    Der Thessal. Krieg u. d. Türk. Armee, 1898 (griech. u. türk. Überss.);
    Von Jena bis Preuß.-Eylau, 1907 (engl. Übers.);
    Kriegsgesch. Dtld.s im 19. Jh., 2 T., 1910/14;
    Jungdeutschland, 1911;
    1813, Blücher u. Bonaparte, 1913;
    Der jungen Türkei Niederlage u. d. Möglichkeit ihrer Wiedererhebung. 1913;
    Denkwürdigkeiten, bearb. u. hrsg. v. Frdr. Frhr. v. d. G. u. W. Foerster, 1929 (P).

  • Literatur

    B. v. Schmiterlöw, GFM v. d. G.-Pascha, 1926 (P); Zum Gedenken an Frhr. C. v. d. G., 1936 (W- Verz.); H. Teske, C. Frhr. v. d. G., 1957; P. Demirhan, GFM C. Frhr. v. d. G., 1960 (P).

  • Autor/in

    Hermann Teske
  • Empfohlene Zitierweise

    Teske, Hermann, "Goltz-Pascha, Colmar Freiherr von der" in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 629-632 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118696319.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA