Lebensdaten
1705 bis 1780
Geburtsort
Heidelberg
Sterbeort
Leiden
Beruf/Funktion
Mediziner
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 119025426 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Gaubius, Hieronymus David
  • Gaub, Hieronymus David
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Zitierweise

Gaub, Hieronymus David, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119025426.html [20.08.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Joh. Christoph ( 1738), Hutmacher, ältester Kirchenvorsteher;
    M Anna Cath. verw. Nagel ( 1732);
    Amsterdam 3.6.1735 Constantia (* 1707, Cousine), T d. Jan Gaubius (1668–1748), aus H., Dr. med., Stadtphysikus in Amsterdam (s. BLÄ), u. d. Agneta Elis. Meinertzhagen;
    1 S (jung †), 5 T;
    E Agatha Wilhelmina Twent (⚭ Otto Anne Gf. v. Bylandt, 1766–1857).

  • Leben

    G. wurde in einer Jesuitenschule erzogen, wechselte aus konfessionellen Gründen auf Wunsch des Vaters den Erziehungsort; er wurde von A. H. Francke in Halle weitergebildet. Beide Schulen erregten so stark seinen Widerspruch, daß, besonders nach geistiger Abqualifizierung durch Francke, der ihn nur zum kaufmännischen Beruf für geeignet hielt, der Vater ihn zu weiterer Erziehung dem Onkel Jan Gaubius in Amsterdam übergab. Dieser war Arzt, bekannt durch 3 bei Ruysch abgedruckte anatomische Briefe, und regte G.s medizinisches Interesse an. G. studierte in Harderwyk und Leiden; 1725 promovierte er mit einer Dissertation, die|schon die Abkehr vom Mechanismus bekundet und in der er sich mit den Lehren Stahls und Leibnizens auseinandersetzt. Er unternahm Reisen nach Paris, Straßburg und Heidelberg. Auf Rat seines Onkels habilitierte er sich, zumal er von seinem Lehrer Boerhaave wesentlich gefördert wurde. Zunächst Stadtphysikus in Deventer, wurde er während einer katastrophalen Epidemie 1727 nach Amsterdam gerufen. Schon 1731 übernahm er Boerhaaves Lehrstuhl für Chemie in Leiden auf Antrag seines Lehrers; 2 Jahre später wurde er auf dessen Lehrstuhl für Medizin berufen. Dort waren seine Kollegen Albinus und van Royen. 1760 wurde er Leibarzt des Prinzen von Oranien. 1775 zog er sich von seinen Ämtern zurück. Als bedeutender Praktiker und Konsiliarius brachte er es zu großem Wohlstand.

    Von hoher Bedeutung ist G.s Schrift „De regimine mentis“ von 1747, der eine ähnliche 1764 ebenfalls in Redeform folgte. Hierin betont G. die Wichtigkeit eines psychosomatischen Zusammenhangs, von dem jeder Arzt etwas wissen müsse, da auch von seiten der Seele körperliche Krankheiten entstünden; ebenso sei das Umgekehrte der Fall. 1758 erschien die 1. Auflage seines berühmten systematischen Hauptwerkes „Institutiones pathologiae medicinalis“. Hatte G. vorher 20 fahre lang nur in Vorlesungen Boerhaaves Institutionen kommentiert, so hielt er sich nunmehr für berechtigt, Eigenes und Fortschrittliches zu bringen. So entstand ein Werk von seltener übersichtlicher Klarheit der Definitionen, von äußerer Ordnung, aber auch von eklektischer Art, die nicht imstande war, die theoretischen Gegensätze auszugleichen. In das alte System Boerhaaves baute er die Errungenschaften Hallers ein, so die Lehre von der Irritabilität, neigte aber schließlich nach Anlehnung an Stahls Anima-Lehre zum Vitalismus. Verdienstlich war seine umstrittene Auffassung vom Leben, das gegen die Krankheit kämpft. Bei der Annahme einer Heilkraft war er sich im Unklaren, ob sie dem Körper oder der Seele eigne; sein Seelenbegriff deckte sich dann teilweise wieder mit der Natur. Als Lebenskraft bezeichnete er, was sich als lebende Materie bei Einwirkung auf Reize zusammenzieht; Reiz ist das, was durch Kontakt die Lebenskraft zum Wirken veranlaßt. So zeigt G.s Grundlehre eine Verschiebung vom Mechanismus zum Dynamismus. Hauptsitz der Vorgänge sind die Solida, aber auch den Säftequalitäten spricht er verborgene Lebenskraft zu. Seine vitalistische Auffassung schließt sich an die Schule von Montpellier an, wo auch Stahls Theorie durch Sauvages bekannt wurde. G.s verminderte oder erhöhte Lebenskraft erzeugt Irritabilität oder Torpor. Auf therapeutischem Gebiet ersann er den „Vapor antiloimicus“ aus Salpeter, Kochsalz und Schwefelsäure mit Weinessig. Er empfahl den Gebrauch von Meerwasser (1771), Pfeffer, führte die sogenannte Jean-Lopez-Wurzel (= Radix Colombo) wieder ein, die schon Redi kannte, empfahl die von Glauber schon benutzte Zinkblume (Zinkkalk) für innere Krankheiten, besonders bei Epilepsie.

  • Werke

    u. a. Oratio de chemia, artibus academicis rite inferenda, Leiden 1732;
    Libellus de methodo concinnandi formulas medicamentorum, ebd. 1739 (4 holländ., 1 dt., 1 franz. Ausg.);
    Dissertatio de modo quo ossa se vicinis accomodant partibus, ebd. 1743;
    Institutiones pathologiae medicinalis, Leiden 1758, 2ebd. 1763 (franz. Übers. v. P. Sue, Paris 1770;
    dt. Übers. v. D. A. Diebold, Zürich 1781), 3ebd. 1781 (nur bis S. 256;
    dt. Überss. v. C. G. Gruner, Berlin 1784, v. J. Ch. G. Ackermann, Nürnberg 1787);
    Commentaria in Institutiones pathologiae medicinalis auctore J. D. G., 2 Bde., hrsg. v. F. Dejean, Wien 1792-94;
    Adversariorum varii argumenti liber unus, Leiden 1771 (dt. Übers. v. A. M. Sieffert mit Anm. v. W. H. S. Bucholz, Jena 1772);
    Oratio panegyrica in auspicium tertii seculi Academiae Batavae quae Leydae est, ebd. 1775;
    Opuscula acad. omnia, ebd. 1786. - Hrsg.: J. Swammerdam, Biblia naturae, Leiden 1737;
    J. A. Cramer, Elementa artis docimasticae, ebd. 1739;
    P. A. Parenti, Liber de dosibus medicamentorum, 2ebd. 1751, Wien 1761;
    P. Alpinus, De praesagienda vita et morte (Leiden 1733), Frankfurt/M. 1754. - Neudrucke: De regimine mentis (1747/63) (nach d. holländ. Ausg. v. W. Servaes, Leiden 1775;
    mit dt. Übers.), in: Opuscula Selecta Neerlandicorum de arte medica XI, Amsterdam 1932. - W-Verz. in: Dictionnaire des sciences médicales, Biogr. médicale IV, Paris 1821, S. 357.

  • Literatur

    ADB VIII;
    F. Börner, Nachrr. v. d. vornehmsten Lebensumständen u. Schrr. jetztlebender Ärzte u. Nat.forscher in u. um Dtld. III, Wolfenbüttel 1764, S. 566, 647;
    A. v. Haller, in: Bibl. Anatomica II, Zürich 1774, S. 166;
    J. Bleuland, Oratio qua memoria H. D. G. … commendatur, Harderwijk 1792, dt. Stendal 1794;
    K. Sprengel, Versuch e. pragmat. Gesch. d. Arzneykde. V, 1803;
    Dict. des sciences médicales, Paris 1821;
    C. Wunderlich, Gesch. d. Med., 1859, S. 178;
    J. H. Baas, Grundriß d. Gesch. d. Med., 1876, S. 476;
    H. Haeser, Lehrb. d. Gesch. d. Med. u. d. epidem. Krankheiten, 1881, S. 509;
    M. Neuburger, Hdb. d. Gesch. d. Med. II, 1903;
    P. Diepgen, Gesch. d. Med. II, 1921 f.;
    Jöcher;
    BLÄ (P);
    (F. Vicq-d'Azir), Eloge de M. Gaubius, in: Hist. de la Société Royale de Médecine 1779, Avec les Mémoires de Médecine & de Physique Médicale, pour la même Année, Paris 1782, S. 118-41.

  • Portraits

    Kupf. v. J. Houbraken n. H. v. d. Mij (Dresden, Kupf.kab., u. Veste Coburg).

  • Autor/in

    Werner Leibbrand
  • Empfohlene Zitierweise

    Leibbrand, Werner, "Gaub, Hieronymus David" in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 92 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119025426.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Gaub: Hieron. David G., Arzt, den 24. Februar 1705 in Heidelberg geboren, genoß den ersten Unterricht in einer Jesuitenschule, in welcher sich seine natürlichen Anlagen in glänzender Weise entwickelten; allein die Besorgniß, daß er, der einer protestantischen Familie angehörte und in dem Glauben derselben erzogen war, sich unter dem Einflusse seiner Lehrer dem Katholicismus zuwenden könne, veranlaßte seinen Vater, ihn diesem Collegium zu entziehen und behufs weiterer Ausbildung der Leitung des berühmten Pietisten und Pädagogen Francke in Halle zu übergeben. — Die strenge Zucht in dem Francke'schen Hause, über welche sich G. lebhaft beklagte, und das ungünstige Urtheil, welches der rigoröse Lehrer über die geistigen Fähigkeiten seines Schülers fällte, ließen es seinem Vater gerathen erscheinen, ihn zurückzurufen und seinem Bruder, einem renommirten Arzte in Amsterdam, zur Erziehung zu übergeben. Die ärztliche Thätigkeit des Onkels erweckte in dem jungen G. die Neigung, sich dem Studium der Medicin zuzuwenden; mit Bewilligung seines Vaters ging er zunächst nach Harderwyk und ein Jahr später nach Leyden, wo er bei Boerhaave die freundlichste Aufnahme und die vollste Anerkennung seiner geistigen Fähigkeiten fand.|Im J. 1725 promovirte er unter Vertheidigung seiner „Dissertatio qua idea generalis solidarum corporis humani partium exhibetur“, in welcher er in gewandter Weise gegen den Stahl'schen Animismus und die prästabilirte Harmonie polemisirte; nach Erlangung der Doctorwürde ging er nach Paris, wo er sich ein Jahr lang mit klinischen Studien beschäftigte, wandte sich von dort nach Straßburg, wo er jedoch nur kurze Zeit verweilte und habilitirte sich sodann, auf Rath seines Onkels, als praktischer Arzt in Deventer, wo er zum Stadtphysikus ernannt wurde. — Der Ausbruch einer mörderischen Epidemie im J. 1727 in Amsterdam veranlaßte die Behörden, G. dahin zu berufen, und hier fand er Gelegenheit, seine praktische und wissenschaftliche Begabung ins vollste Licht zu stellen und das von der städtischen Verwaltung in ihn gesetzte Vertrauen auf's glänzendste zu rechtfertigen. — Inzwischen hatte Boerhaave seinen von ihm hochgeschätzten Schüler nicht aus den Augen verloren und auf seine Veranlassung wurde G. unter Berücksichtigung der Verdienste, welche er sich in Amsterdam erworben hatte, im J. 1731 auf den Lehrstuhl der Chemie nach Leyden berufen, den bis dahin Boerhaave inne gehabt, gehäufter Beschäftigung wegen aber aufgegeben hatte. Zwei Jahre später wurde er auch zum Professor der Medicin und 1760 zum Leibarzt des Prinzen von Oranien ernannt, und in dieser Stellung verblieb er als hoch geschätzter Lehrer und gesuchter Arzt bis zum J. 1775; die Abnahme der Körperkräfte des hoch betagten Mannes veranlaßten ihn in diesem Jahre seine akademische und praktische Thätigkeit aufzugeben und den Rest seiner Tage in Zurückgezogenheit zu verleben; sein Tod erfolgte am 29. November 1780. — Mit seinen wissenschaftlichen Leistungen nimmt G. unter den ärztlichen Gelehrten seiner Zeit eine ehrenvolle Stellung ein. In der eklektischen Schule Boerhaave's erzogen und mit umfassenden chemischen, physikalischen und medicinischen Kenntnissen ausgestattet, hielt er sich von den Einseitigkeiten der animistischen, chemiatrischen und physiatrischen Lehren verhältnißmäßig frei und bewahrte sich — als ein „vir cautus et in recipiendis opinionibus difficilis“, wie Haller ihn bezeichnet — ein möglichst unabhängiges und eigenes Urtheil; er war einer der ersten, der die Haller'sche Lehre von der Irritabilität für die Deutung physiologisch-pathologischer Vorgänge verwerthet hat. — Von seinen litterarischen Arbeiten verdienen die Schrift über Receptirkunde ("Libellus de methodo concinnandi formulas medicamentorum“, 1739 u. v. A., französisch 1749) und das Lehrbuch über allgemeine Pathologie ("Institutiones pathologiae medicinales“, Lugd. 1758, in zahlreichen Auflagen, Nachdrücken und Uebersetzungen erschienen, nach dem Tode des Verfassers von Ackermann 1787 und in deutscher Uebersetzung von Gruner 1784 und 1791 herausgegeben) als die bedeutendsten genannt zu werden. — In der ersten Schrift, welche mit großem Beifalle aufgenommen wurde und den wissenschaftlichen Ruf Gaub's begründet hat, führte er chemische und pharmakologische Grundsätze in die Lehre von der Zusammensetzung der Arzneimittel ein. In dem zweiten Werke, der ersten selbständigen Bearbeitung der allgemeinen Pathologie, hat G. den Versuch gemacht, eine Darstellung der Lehre von den Lebens- und Krankheitsprocessen auf Grund der damals herrschenden Schulansichten zu entwerfen. — Die Disposition des Stoffes, welche der Verfasser dieser Arbeit zu Grunde gelegt hat, ist vortrefflich und hat allen späteren Bearbeitern dieses Gegenstandes bis auf die neueste Zeit zum Muster gedient, die Ausführung der Aufgabe aber läßt, selbst vom Standpunkte seiner Zeit beurtheilt, vieles zu wünschen übrig. Als Eklektiker vom reinsten Wasser benutzte er zur Erklärung der physiologischen und pathologischen Vorgänge animistische, chemiatrische und iatromathematische Principien und die, von ihm zudem sehr unklar und verschwommen behandelte, Irritabilitätslehre, ohne jedoch zu einer Vermittelung aller dieser Grundsätze zu gelangen; mit seinen Erläuterungen und Erklärungen bewegte er sich zumeist auf der Oberfläche, so daß die inneren Unklarheiten und Widersprüche verdeckt blieben, und somit wußte er dem Ganzen den Schein einer Abrundung und Vollendung zu geben, der um so bestechender auf die Masse wirkte, als der Verfasser allen Schulen und Richtungen Rechnung getragen hatte. So erfreute sich diese Arbeit großen Beifalls und ist für Jahrzehnte das geschätzteste Werk über allgemeine Pathologie geblieben. — Von seinen übrigen Arbeiten (ein vollständiges Verzeichniß derselben findet sich in Biographie médicale IV. p 358) sind eine kleine Abhandlung über den Einfluß körperlicher Leiden auf die Seele ("De regimine mentis quod medicorum est.“ Sermo I. II. Leyd. 1747. 1764), chemischpharmacologische Untersuchungen über Meerwasser und einige andere Heilmittel (in Adversar. varii argumenti liber, Leyd. 1771. Deutsch Jena 1772) und eine lateinische Uebersetzung der Bibel der Natur von Swammerdam (Lugd. 1737 in 2 Voll.) erwähnenswerth.

    • Literatur

      Ueber sein Leben vgl. Jan Bleuland, Oratio qua memoria H. D. Gaubii ... commendatur. Harderovici 1792. Deutsch Stendal 1794.

  • Autor/in

    A. Hirsch.
  • Empfohlene Zitierweise

    Hirsch, August, "Gaub, Hieronymus David" in: Allgemeine Deutsche Biographie 8 (1878), S. 416-418 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119025426.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA