Zwirner, Eberhard

Lebensdaten
1899 – 1984
Geburtsort
Löwenberg (Lwówek Śląski, Niederschlesien)
Beruf/Funktion
Mediziner ; Phonetiker
Konfession
evangelisch
Namensvarianten

  • Zwirner, Adolf Wilhelm Eberhard
  • Zwirner, Eberhard
  • Zwirner, Adolf Wilhelm Eberhard

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Zitierweise

Zwirner, Eberhard, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz143080.html [23.01.2026].

CC0

  • Zwirner, Adolf Wilhelm Eberhard

    | Mediziner, Phonetiker, * 11.10.1899 Löwenberg (Lwówek Śląski, Niederschlesien), † 11.7.1984 Nottuln-Schapdetten (Kreis Coesfeld, Westfalen). (evangelisch)

  • Genealogie

    V Max (1863–1917), aus Groß Wartenberg (Niederschlesien), Bes. d. Blücher-Apotheke in L.;
    M Elisabeth (* 1873), T d. Julius Adolf Schöngarth (1847–1918), Instrumentenmacher in Breslau, u. d. Martha Ulke (* 1852), aus Waldau b. Liegnitz (Niederschlesien);
    vermutl. Berlin 1927 Irmgard, Dolmetscherin, Mitarb. v. Z., T d. Wilhelm Hammerschmidt (1859–1924), Dr. iur., Landeshptm. d. Prov. Westfalen, Dr. phil. h. c., u. d. Linda Antonie Bagel (1867–1956), aus Hugenottenfam.;
    5 K u. a. S Ruprecht (1929–2010), Dr. med., PD, 1974–94 Chefarzt d. chirurg. Abt. d. Kr.krankenhauses Donaueschingen, 1982–99 Vizepräs. d. Bez.ärztekammer Süd-Baden, Paracelsus-Medaille d. Bundesärztekammer, Albert-Schweitzer-Medaille d. Landesärztekammer Baden-Württ., Albert-Fraenkel-Plakette d. Bez.ärztekammer Südbaden (s. Dt. Ärztebl. 107, 2010 u. Ärztebl. Baden-Württ. 65, 2010), Rudolf (* 1933), Kunsthändler, Galerist u. Ausst.kurator, 2000 Hon.prof. f. Kunstvermittlung an d. Hochschule f. Bildende Künste Braunschweig (s. FAZ v. 2.4.2011; NZZ v. 9.6.2012);
    Gvm d. Ehefrau August Bagel (1838–1916), Verl., Druckereibes. in Düsseldorf, KR (s. ADB 46 Fam.art.);
    E David (* 1964), Galerist in New York u. London (s. NZZ v. 9.6.2012; Die Welt v. 23.10.2014; Munzinger).

  • Biographie

    Nach dem Abitur am Realgymnasium in Löwenberg im Juni 1917 nahm Z. am 1. Weltkrieg teil. Seit 1919 studierte er Philosophie und Medizin in Breslau und Berlin. In Breslau legte Z. 1923 sein med. Staatsexamen ab,|wurde 1924 mit einem „Beitrag zum Problem der Syringobulbie“ zum Dr. med. und 1925 mit der Dissertation „Zum Begriff der Geschichte [bei Kant], Untersuchung über die Beziehungen der theoretischen zur praktischen Philosophie“ (1926) bei Richard Hönigswald (1875–1947) zum Dr. phil. promoviert. 1924/25 als Assistenzarzt an der Psychiatrischen und Nervenklinik der Univ. Breslau tätig, wechselte er danach als Oberarzt an die Psychiatrische und Nervenklinik der Univ. Münster, bevor er 1928 zum Leiter der phonometrischen Abteilung des von Oskar Vogt (1870–1959) geleiteten KWI für Hirnforschung in Berlin-Buch (Charité) ernannt wurde.

    Ein Habilitationsantrag 1934 in Berlin wurde trotz positiver Fachgutachen vom Wissenschaftsministerium vermutlich wegen einer Auseinandersetzung Z.s mit dem nationalsozialistischen Philosophen Hans Heyse (1891–1976) in einem für Habilitanden obligatorischen Dozentenlager abgelehnt. 1950 habilitierte sich Z. in Göttingen, verzichtete aber 1954 auf die venia legendi, nachdem ihm bekannt geworden war, daß Heyse als Emeritus Mitglied der Fakultät war. 1956 habilitierte er sich erneut in Münster. 1935 (nicht 1932!) gründete Z. das „Deutsche Spracharchiv“, das u. a. Schallplatten und Tonfilmaufnahmen verwahrte, seit 1938 in Braunschweig untergebracht war und 1940 als KWI für Phonometrie in die KWG integriert wurde (Betrieb 1942 kriegsbedingt eingestellt). 1941 etablierte er eine Zweigstelle seines Archivs am „Institut für deutsche Ostarbeit“ in Warschau, das Rasse- und Häftlingsforschung betrieb. Z. denunzierte jüd. Kollegen, wie Desider Weiss (1901–1971) und Emil Fröschels (1884–1972), deren Forschungsrichtung er ablehnte. Ob er für die Deportation der Linguistin Elise Richter (1865–1943) und ihrer Schwester in das Ghetto Theresienstadt mitverantwortlich ist, ist ungeklärt. Z. war seit 1933 Mitglied des Stahlhelms und wurde 1934 in die SA übernommen, aus der er 1936 nach Streitigkeiten mit dem Hirnforscher Berthold Ostertag (1895–1975) ausgeschlossen wurde (kein Mitgl. d. NSDAP). Seit 1939 fungierte er als Nervenarzt an der Ostfront, seit 1943 als Oberstabsarzt und beratender Psychiater der Heeresgruppe Nord. 1941 führten Z.s Mitarbeiter Adalbert Maack und Gerhard Linke auf Z.s Anordnung luftfahrtmedizinische Untersuchungen an Personen in einer Unterdruckkammer durch, die anschließend für tödliche Experimente mit Häftlingen des KZ Dachau eingesetzt wurde.

    Seit 1950 war Z. als Privatdozent für Phonetik an der Univ. Göttingen tätig, seit 1958 als apl. Professor und Direktor des Instituts für Phonometrie der Univ. Münster sowie als Leiter des Dt. Sprach-Instituts in Schapdetten. 1963 wechselte er an die Univ. Köln, wo er 1964 als o. Professor den Lehrstuhl für Phonetik und Phonologie übernahm (em. 1969). Sein Dt. Spracharchiv wurde 1945 mit Unterstützung der KWG sowie von Stadt und Land Braunschweig dort wiedereröffnet; 1971 wurde es zur Arbeitsstelle des Mannheimer Instituts für Dt. Sprache.

    Zu einem Begründer der modernen Phonometrie wurde Z. v. a. durch sein Hauptwerk „Grundfragen der Phonometrie“ (1936, ²1966), das er mit dem (nicht mit ihm verwandten) Mathematiker Kurt Zwirner (* 1903) verfaßte. Z. und Zwirner führten erstmals mithilfe der Stochastik akustische Phonetik und Phonologie zu einer Einheit zusammen. Während in Deutschland bis in die 1970er Jahre an der wissenschaftstheoretisch problematischen Etymologie und an von Leo Weisgerber (1899–1985) dominierten Ganzheitstheorien festgehalten und die Phonometrie als „Pseudowissenschaft“ diffamiert wurde, wurde Z. zum Vorbild internationaler Strukturalisten wie Louis Hjelmslev, Nikolai Trubetzkoy, Roman Jakobson sowie später Leonard Bloomfield und v. a. George Zipf, der in den 1930er Jahren den Begriff „Zwirner’s Law“ als Bezeichnung für eine regelmäßige Schwankung in der Aussprache prägte. Mit seiner wichtigsten Publikation der Nachkriegszeit, dem Aufsatz „Das Gespräch“ (in: Studium Generale 4, 1951, H. 4, S. 213–27), nahm Z. Entwicklungen in der internationalen Linguistik der 1960er Jahre vorweg, v. a. die Sprechakttheorie John Austins (1911–1960) und John Searles (* 1932). Von Z.s Schülern ist besonders Dietrich Gerhardt (1911–2011) zu nennen.

  • Auszeichnungen

    |Mitgl. d. Internat. Ständigen Rats f. Phonet. Kongresse (1932), d. Ges. f. Phonetik (1936, seit 1936 Internat. Ges. f. Phonet. Wiss.), d. Internat. Ges. f. Sprach- u. Stimmheilkde. u. d. Ausschusses f. Phonetik b. Goethe-Inst. d. Dt. Ak., München (1939);
    dt. Mitgl. d. Internat. Interpunktionskomm. (1936);
    Silberne Medaille f. „method. u. sprachkundl. Arbb. auf d. Gebiet d. Dt.unterr. f. Ausländer“ d. Mittelstelle f. dt. Sprachbearb. in d. Dt. Ak., München (1940);
    korr. Mitgl. d. Bayer. Ak. d. Wiss. (1970).

  • Werke

    |Lauthäufigkeit u. Zufallsgesetz, in: Forsch. u. Fortschritte 11, 1935, Nr. 4, S. 43–45 (mit K. Zwirner, Nachdr. in: Zwirner u. Ezawa, Phonometrie, T. 3, 1969, S. 55–59);
    Lauthäufigkeit u. Sprachvergleichung, in: Mschr. f. höhere Schulen 37, 1938, S. 246–53 (mit K. Zwirner, Nachdr. in: Zwirner u. Ezawa, Phonometrie, T. 3, 1969, S. 68–74);
    Dt. Spracharchiv 1932–1962, Gesch., Aufgaben u. Glie|derung, Bibliogr., 1962;
    Phonometrie, 3 T., 1966–69 (Hg. mit K. Ezawa, T. 1 = 2. Aufl. v. Grundfragen d. Phonometrie);
    Hg.: Sprechkunst u. Sprechkde., 1938, 3 Hh. (mit F. Roedemeyer);
    Phonetica, Internat. Zs. f. Phonetik 1–26, 1957–72;
    Bibliogr.: Theorie u. Empirie in d. Sprachforsch., 1970 (s. L);
    Nachlaß: Inst. f. Dt. Sprache, Mannheim (Dt. Spracharchiv);
    Archiv d. Univ. Köln.

  • Literatur

    |H. Bluhme (Red.), Sprachen, Zuordnung, Strukturen, Festgabe seiner Schüler f. E. Z., 1965;
    ders. (Hg.), Btrr. z. quantitativen Linguistik, Gedächtniskoll. f. E. Z. 1988;
    H. Pilch u. H. Richter (Hg.), Theorie u. Empirie in d. Sprachforsch., FS f. E. Z. z. 70. Geb.tag, 1970 (W);
    K. Ezawa u. K. H. Rensch (Hg.), Sprache u. Sprechen, FS f. E. Z. z. 80. Geb.tag, 1979;
    G. Simon unter Mitwirkung v. J. Zahn, Nahtstellen zw. sprachstrukturalist. u. rassist. Diskurs, E. Z. u. d. Dt. Spracharchiv im Dritten Reich, in: Osnabrücker Btrr. z. Sprachtheorie 46, 1992, S. 241–60;
    Personenlex. Drittes Reich;
    Homepage Gerd Simon (detaillierter Lebenslauf);
    zur Fam.: DtGB 73, 1931.

  • Autor/in

    Gerd Simon
  • Zitierweise

    Simon, Gerd, "Zwirner, Adolf Wilhelm Eberhard" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 806-808 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz143080.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA