Zimmermann, Eduard

Lebensdaten
1811 – 1880
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Jurist ; Politiker ; Bürgermeister von Spandau
Konfession
evangelisch
Namensvarianten

  • Zimmermann, Ernst Wilhelm Eduard
  • Zimmermann, Eduard
  • Zimmermann, Ernst Wilhelm Eduard

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Zitierweise

Zimmermann, Eduard, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz143039.html#indexcontent [09.06.2026].

CC0

  • Zimmermann, Ernst Wilhelm Eduard

    | Jurist, Politiker, Bürgermeister von Spandau, * 4.9.1811 Berlin, † 29.2.1880 Berlin, ⚰ Berlin-Schöneberg, Alter Sankt Matthäus-Kirchhof. (evangelisch)

  • Genealogie

    V Christian Gottlieb (1766–1841), aus Königsberg (Preußen), Schüler Kants, Math., seit 1792 Hauslehrer in B. b. Caroline v. Labes, 1821 Rektor d. Fried|rich-Werderschen Gymn. in B. (s. ADB 45), S d. Johann u. d. Maria Barbara Degelein (?);
    M Ernestine Caroline Schmidt (um 1790–1824), aus Gerdauen (Ostpreußen);
    Spandau 1847 Caroline Wilhelmine Pauline (1827–1919), T d. Adolph Friedrich Eduard Doehl (1798–1868), Apotheker, 1842–45 Stadtverordneten-Vorsteher in Spandow, u. d. Dorothee Emilie Söchting (1805–1876);
    kinderlos.

  • Biographie

    Z. besuchte das Friedrich-Werdersche Gymnasium, dessen Rektor sein Vater war, und seit 1828 das Gymnasium Zum Grauen Kloster in Berlin. Hier war Otto v. Bismarck (1815–98) sein Mitschüler, mit dem er trotz aller Gegensätze lebenslang in politischer Verbindung blieb. 1831–34 studierte Z. Rechtsund Verwaltungswissenschaften (Kameralistik) an der Univ. Berlin und absolvierte seine weitere jur. Ausbildung und Staatsexamina in Rogasen, Posen und Spandow (seit 1878 Spandau): 1834 Kammergerichts-Auskultator, 1835 Dr. iur. und 1836 Kammergerichts-Referendar. 1839 bestand er das 3. Staatsexamen (1841 Oberger.assessor) und wurde von der Regierung von Potsdam zum Bürgermeister von Spandow ernannt, nachdem die Wahl auf seine Bewerbung in der Stadtverordneten-Versammlung unentschieden ausgegangen war (Wiederwahl 1845). Seit 1840 gehörte Z. dem Osthavelländ. Kreistag und dem Kommunallandtag der Kurmark an, 1847/48 dem 1. und 2. Vereinigten Landtag, wo er sich für die Ausweitung von dessen Kompetenzen (periodische Tagung statt Einberufung nur mit Zustimmung aller kgl. Prinzen), politische Ziele des vormärzlichen Liberalismus (z. B. öff. u. mündl. Ger.verfahren) und Judenemanzipation einsetzte. Als Bürgermeister wandte er sich erfolglos gegen eine Eisenbahnverbindung der Garnisonsstadt Spandow nach Berlin, da er deren Absinken zu einem Vorort und Nachteile für das örtliche Gewerbe befürchtete.

    Im März 1848 übergab Z. dem Vorsteher der Schützengilde in Berlin 300 Taler, die die Spandower demokratische Bewegung für die in der dortigen Zitadelle inhaftierten „Märzgefangenen“ gesammelt hatte. Als es aufgrund der Entwicklungen in Berlin auch in Spandow zu Unruhen kam, erzwang Z. als Bürgermeister das Hissen der schwarz-rotgoldenen Revolutionsfahne auf der Zitadelle.

    Seit März 1848 gab er das demokratische „Havelländische Kreis- und Wochenblatt“ heraus. Nachdem seine Kandidatur in Spandow am Widerstand konservativer Militärangehöriger gescheitert war, wurde er im Kreis Luckau in die Paulskirche gewählt (Mitgl. d. Fraktion Donnersberg, später d. Zentralmärzver.). Bereits am Eröffnungstag (18. Mai) brachte Z. eine Reihe politischer Forderungen ein, u. a. die Schaffung eines dt. Bundesstaats, Pressefreiheit, allgemeine Wehrpflicht und die Abschaffung der Todesstrafe. 1849 stimmte er für die Wahl Kg. Friedrich Wilhelm IV. (1795–1861) zum Dt. Kaiser. 1849 mißachtete Z. den Befehl der Regierung, als preuß. Abgeordneter das Stuttgarter Rumpfparlament zu verlassen, wurde wegen Hochverrats angeklagt, in Brandenburg inhaftiert und verlor sein Amt als Bürgermeister. Seine Verurteilung zu zwölf Jahren Festungshaft 1850 löste heftige Proteste über Preußen hinaus aus. Mit Hilfe von Spandower Demokraten, v. a. dem Gutsbesitzer Adolf Hensel (1815–1872), floh Z. über Helgoland nach England. Hier bildete er sich im engl. Recht weiter und erhielt 1855 seine Zulassung als Rechtsanwalt bei allen Ober- und Untergerichten in London. 1858 amnestiert, kehrte er 1861 nach Berlin zurück, wo er wieder als Advokat – u. a. für Karl Marx (1818–1883), den er aus London kannte – arbeitete und jur. Schriften publizierte. Er engagierte sich in der Fortschrittspartei, vertrat 1871–74 den Wahlkreis Kalau-Luckau und seit 1877 den 5. Berliner Wahlkreis im Reichstag, saß seit 1874 in der Berliner Stadtverordneten-Versammlung und seit 1877 für Berliner Wahlkreise im Abgeordnetenhaus, nachdem er bei den Wahlen 1873 und 1875 dem konservativen früheren preuß. Ministerpräsidenten Otto Frhr. v. Manteuffel (1805–82) unterlegen war.

    Als Parlamentsmitglied setzte sich Z. auf allen Ebenen für den liberalen Rechtsstaat ein.

    Er kritisierte in Publikationen, Parlamentsdebatten und bei Versammlungen Übergriffe der Polizei und die Abhängigkeit des Magistrats von Berlin vom Polizeipräsidenten ebenso wie die Einschränkung der parlamentarischen Redefreiheit. Die Reformierung und Liberalisierung des Strafrechts waren ihm neben der Berliner Verkehrspolitik (Einsatz f. d. Verlauf d. heutigen inneren S-Bahn-Rings) wichtige politische Anliegen.

  • Auszeichnungen

    |Mitgl. mehrerer engl. Gel.vereinigungen, u. a. Incorporated Law Soc. of the United Kingdom.

  • Werke

    |De iniuriis ex iure Romanorum, 1835 (Diss.);
    Pol. Katechismus f. d. dt. Volk, 1844;
    Authent. Urkk. z. Gesch. unserer Zeit, 6 T., 1846;
    Die preuß. Rayongesetze nebst d. erl. Bestimmungen hist. u. rechtl. erörtert, 1846;
    Die preuß. Städteordnung v. 19. Nov. 1848 n. Doctrin, Praxis u. Gesetzgebung, 1847;
    Brief an Karl Marx, 4.9.1860, in: Marx-Engels-Gesamtausg. 2, Abt. 3, Bd. 11, 2005, S. 135;
    Die Justizreform in England, 1877;
    Die Reichsdruckerei gegenüber d. Privatind., 1880;
    Nachlaß: StadtA Mühlhausen (Thür.) (P).

  • Literatur

    |K.-H. Bannasch, E. Z., Parl., Häftling u. Verurteilter, Spandaus Bgm. in d. Zeit d. Rev. v. 1848–1850, in: Justiz in Stadt u. Land Brandenburg im Wandel d. Jhh., hg. v. K.-Ch. Clavee, 1998, S. 116–28;
    ders., E. Z., Spandaus Bgm. in d. Rev.zeit v. 1848/49, in: Spandauer Forsch. 2, hg. v. J. Pohl u. K.-H. Bannasch, 2012, S. 175–227;
    Ch. Jansen, Einheit, Macht u. Freiheit, Die Paulskirchenlinke u. d. dt. Pol. 1849–1867, ²2005;
    J. Pohl, Zur Geneal. u. Gesch. d. Fam. Doehl, in: Spandauer Forsch. 1, hg. v. dems. u. G. Rolf, 2007, S. 128–41;
    Biogr. Hdb. Frankfurter NV;
    Biogr. Hdb. Preuß. Abg.haus I.

  • Porträts

    |Holzstich „Die Linke d. Frankfurter NV“, in: LIZ v. 25.11.1848, Wiederabdr. in: Bannasch, 2012 (s. L), S. 181 u. 205;
    Photogr., 1860er J. (Privatbes. J. Pohl, Falkensee), Abb. in: J. Pohl, 2007 (s. L), S. 138.

  • Autor/in

    Karl-Heinz Bannasch, Christian Jansen
  • Zitierweise

    Bannasch, Karl-Heinz; Jansen, Christian, "Zimmermann, Ernst Wilhelm Eduard" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 705-707 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz143039.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA