Zietz, Luise( verheiratete)
- Lebensdaten
- 1865 – 1922
- Geburtsort
- Bargteheide (Holstein)
- Sterbeort
- Berlin
- Beruf/Funktion
- Politikerin
- Konfession
- konfessionslos
- Namensvarianten
-
- Körner, Luise( geborene)
- Körner, Louise
- Zietz, Catharina Amalie Luise
- Körner, Catharina Amalie Louise
- Zietz, Luise( verheiratete)
- zietz, luise
- Körner, Luise( geborene)
- körner, luise
- Körner, Louise
- Zietz, Catharina Amalie Luise
- Körner, Catharina Amalie Louise
- Zietz, Katharina Amalie Luise
- Körner, Katharina Amalie Louise
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Zietz, Catharina Amalie Luise (Louise), geborene Körner
| Politikerin, * 25.3.1865 Bargteheide (Holstein), † 27.1.1922 Berlin, ⚰ Zentralfriedhof Friedrichsfelde, Berlin-Lichtenberg. (lutherisch, später konfessionslos)
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Genealogie
V Claus Eggert Wilhelm Körner († n. 1885), Tuchmacher, Wollweber in B.;
M →Anna Catharina Heinitz († v. 1885);
3 jüngere Geschw;
– ⚭ Hamburg 1885 ⚮ 1910 →Carl (1859–1934, luth.), Hafenarb. in Hamburg, S d. →Johann Christoph Zietz († v. 1885), Arbeitsmann in Quisdorf b. Eutin (Holstein), u. d. →Marie Magdalena Knoop († v. 1885);
wohl kinderlos. -
Biographie
Als Tochter einer vom sozialen Abstieg bedrohten Weberfamilie mußte Z. in der elterlichen Webstube mitarbeiten. Nach dem Besuch der Volksschule ging Z. nach Hamburg, um als Dienstmädchen zu arbeiten. Wenig später wechselte sie als Arbeiterin in die Tabakindustrie. Dieser typische Lebenslauf eines Arbeitermädchens erfuhr eine erste Aufwertung, als sie um 1885 eine Ausbildung zur Kindergärtnerin absolvierte.
Im selben Zeitraum kam Z. durch ihren Ehemann mit sozialistischen Ideen in Berührung.
Sie selbst datierte ihre Politisierung auf die späten 1880er Jahre und die Lektüre von →August Bebels „Die Frau und der Sozialismus“ (1879). Ab 1892 engagierte sie sich in der Hamburger SPD, am 18.12.1893 registrierte die Polizei in Hamburg ihren ersten öffentlichen Auftritt als Agitatorin. Während der Streiks der 1890er Jahre versuchte Z. insbesondere die Hamburger Arbeiterinnen und Ehefrauen von Arbeitern zu mobilisieren, so 1896 beim Streik der Kaffee-Verleserinnen und 1896/97 beim Hafenarbeiterstreik. Eine besondere Rolle spielten die von Z. organisierten Frauen auch im Boykott als zentralem Kampfinstrument der Arbeiterbewegung: So boykottierten 1898 die Hamburger Arbeiter, v. a. haushaltsführende Ehefrauen, örtliche Bäckereien, die Gehaltsforderungen ihrer Arbeiter zurückgewiesen und Streikbrecher eingesetzt hatten.
In der Frühphase ihrer politischen Betätigung v. a. gewerkschaftlich aktiv, war Z. 1898–1904 Vorsitzende des Fabrikarbeiterverbands in Hamburg-St. Georg und 1906 Mitgründerin der ersten Dienstbotengewerkschaft in Ham|burg. Sie hielt reichsweit Agitationsreden, auch in Gebieten mit geringem Organisationsgrad der Arbeiterbewegung: Allein 1899 hielt sie 103 Reden außerhalb von Hamburg. 1906 wurde Z. in Hamburg wegen ihrer Agitationstätigkeit zu drei Monaten Haft verurteilt.
Nach der Jahrhundertwende trat Z. verstärkt publizistisch in Erscheinung, v. a. in den sozialdemokratischen Zeitschriften „Die Gleichheit“, „Die Neue Zeit“ und mit kleineren Broschüren. Im Unterschied zu →Rosa Luxemburg (1871–1919) und →Clara Zetkin (1857–1933) verfaßte sie keine theoretischen Schriften, sondern leicht verständliche Darstellungen für Arbeiterinnen und mittlere Funktionärinnen, v. a. Schulungshandreichungen für die praktische Frauenagitation, die Frage von Mutter- und Kinderschutz sowie Sozialreportagen aus weiblicher Perspektive.
In der halblegalen sozialdemokratischen Frauenbewegung war Z. seit den 1890er Jahren fest etabliert, war Vertrauensperson der Sozialdemokratinnen in Hamburg und wurde als eine der wenigen Frauen regelmäßig zu SPD-Parteitagen delegiert. Nach der Legalisierung der politischen Betätigung von Frauen mit dem Reichsvereinsgesetz 1908 wurde die Repräsentation der sozialdemokratischen Frauenorganisation im Parteivorstand nach längeren Auseinandersetzungen Z. überantwortet. Damit war Z. die erste Frau im Parteivorstand der SPD. In ihrer Amtszeit wurden die regionalen Frauenorganisationen fast reibungslos in den Parteiapparat integriert. 1913 vertrat Z. in der sog. Gebärstreikdebatte im Gegensatz zu sozialistischen Ärzten wie →Julius Moses (1868–1942) und →Alfred Bernstein (1858–1922) oder Zetkin und Luxemburg eine Kompromißlinie, die Empfängnisverhütung und Familienplanung entideologisierte und zur privaten Entscheidung erklärte. Diese Linie setzte sich in der SPD in kürzester Zeit durch.
Zu Beginn des 1. Weltkriegs verhielt sich Z. loyal gegenüber der Parteiführung, stimmte zwar gegen die Bewilligung der Kriegskredite, trug die zustimmende Mehrheitsentscheidung aber mit und rief die dt. Arbeiterinnen in Publikationen zur Pflichterfüllung auf. Intern blieb sie gegenüber der Partei- und Fraktionsführung kritisch. Bei der Spaltung der SPD 1916/17 wurde sie mit →Robert Wengels (1850–1930) von der Vorstandsmehrheit aus dem Parteivorstand ausgeschlossen und war im April 1917 Mitbegründerin der USPD, wo sie erneut die Funktion einer Frauensekretärin ausübte. Während der Revolution 1918/19 spielte Z. ebenso wie ihre Partei keine entscheidende Rolle und schwankte zwischen revolutionärer und republikanischer Politik. Bei der Wahl zur Nationalversammlung im Jan. 1919 gewann Z. ein Mandat für die USPD, in der sie auch nach deren Auseinanderbrechen im Okt. 1920 mit ihrem Freund →Wilhelm Dittmann (1874–1954) blieb.
Im Reichstag diskutierte Z. v. a. zu Themen der Gleichstellungs-, Sozial- und Bildungspolitik und erfuhr, wie andere Parlamentarierinnen, frauenfeindliche Polemik und Häme.
Die Gleichstellung von Männern und Frauen, eines der politischen Lebensziele Z.s, wurde in der Weimarer Republik zwar im Wahlrecht erreicht, blieb aber unvollkommen. Am 26. Jan. 1922 erlitt Z. im Reichstag einen Schlaganfall und starb am folgenden Tag. Unmittelbar nach ihrem Tod erfuhr sie Würdigungen, die ihr vorher versagt blieben, auch von politischen Gegnern wie →Clara Mende (1869–1947) (DVP) oder im Ausland (Il Popolo Romano).
Dittmann hinterließ eine Darstellung ihres politischen Lebens, in der Erinnerungskultur und Geschichtsschreibung der Bundesrepublik und der DDR hingegen fand Z. keine angemessene Berücksichtigung.
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Auszeichnungen
|L.-Z.-Str. u. L.-Z.-Weg, Bad Oldesloe, Bargteheide, Berlin u. Zwickau.
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Werke
|Kinderarb., Kinderschutz u. d. Kinderschutzkommissionen, 1912;
Gegen d. staatl. Gebärzwang, Reden d. RT.abg. August Brey, d. Genossen Dr. Silberstein u. d. Genossin L. Z., 1914;
Gewinnung u. Schulung d. Frau f. d. pol. Betätigung, 1914;
Warum sind wir arm? Eine eindringl. Frage an alle Arbeiterinnen, 1914;
Die soz.demokrat. Frauen u. d. Krieg, 1915;
Wie wir Kinder d. Eltern b. Brotverdienen helfen mussten, in: U. Münchow, Arb. über ihr Leben, Von d. Anfängen d. Arb.bewegung bis z. Ende d. Weimarer Rep., 1978, S. 104–07;
Das alles erfuhren wir erst aus Bebels „Frau“, in: H. Gemkow u. A. Miller (Hg.), August Bebel, „… ein prächtiger alter Adler“, Nachrufe, Gedichte, Erinnerungen, 1990, S. 302–06 (Erstveröff. 1913). -
Literatur
|H. Niggemann, Emanzipation zw. Sozialismus u. Feminismus, Die soz.demokrat. Frauenbewegung im Ks.reich, 1981;
M. Spillner, L. Z.’s Wirken in d. proletar. Frauenbewegung d. Ks.reichs, Dipl.-Arb. Duisburg 1988;
W. Dittmann, Erinnerungen, bearb. u. eingel. v. J. Rojahn, 1995;
G. Notz, „Alle, die ihr schafft u. euch mühet im Dienste anderer, seid einig!“, L. Z., geb. Körner (1865–1922), in: Jb. f. Forsch. z. Gesch. d. Arb.bewegung 2, 2003, S. 135–49;
T. Kühne, Willst du arm u. unfrei bleiben? L. Z. (1865–1922), 2015 (P) (Internet);
DBJ IV, Tl.;
Biogr. Lex. Sozialismus;
Kosch, Biogr. Staatshdb.;
Biogr. Lex. Arbeiterbewegung;
Lex. d. 1000 Frauen (P);
Demokrat. Wege (P);
Wedel, Autobiogrr. Frauen. -
Porträts
|RTprotokolle, Verhh. d. Dt. RT (Internet).
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Autor/in
Tobias Kühne -
Zitierweise
Kühne, Tobias, "Zietz, Catharina Amalie Luise (Louise), geborene Körner" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 692-693 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz143034.html#ndbcontent