Zeßner-Spitzenberg, Hans Karl Freiherr von
- Lebensdaten
- 1885 – 1938
- Geburtsort
- Dobritschan bei Saaz (Dobřicany, Böhmen)
- Sterbeort
- Konzentrationslager Dachau
- Beruf/Funktion
- Jurist ; Politiker ; Hochschullehrer
- Konfession
- katholisch
- Namensvarianten
-
- Zessner-Spitzenberg, Hans Karl Freiherr von
- Zessner-Spitzenberg, Hans Karl
- Zeßner-Spitzenberg-Weinbergen, Johann Nepomuk Carl Borromäus Josef Maria Freiherr von
- Zeßner-Spitzenberg, Hans Karl Freiherr von
- Zessner-Spitzenberg, Hans Karl Freiherr von
- Zessner-Spitzenberg, Hans Karl
- Zeßner-Spitzenberg-Weinbergen, Johann Nepomuk Carl Borromäus Josef Maria Freiherr von
- Zeßner-Spitzenberg, Hans Carl Freiherr von
- Zessner-Spitzenberg, Hans Carl Freiherr von
- Zessner-Spitzenberg, Hans Carl
- Zeßner-Spitzenberg-Weinbergen, Johann Nepomuk Karl Borromäus Josef Maria Freiherr von
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Zeßner-Spitzenberg (Zessner-Spitzenberg), Hans Karl Freiherr von
| Jurist, Politiker, Hochschullehrer, * 4.2.1885 Dobritschan bei Saaz (Dobřicany, Böhmen), † 1.8.1938 KZ Dachau, ⚰ Wien, Grinzinger Friedhof. (katholisch)
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Genealogie
V →Heinrich (1839–1922), Gutsbes., böhm. LTAbg., S d. →Vinzenz (1799–1879) u. d. →Therese v. Buquoy de Longueval (1807–69);
M →Henriette (1846–1928), T d. →Sigmund v. Nostitz-Rieneck (1815–90) u. d. →Luise Julie Caroline Robertine Henriette v. Uechtritz (1820–1909);
B →Josef (1883–1971, ⚭ 1919 →Elisabeth Gfn. Razumovsky v. Wigstein, 1886–1946, aus Hietzing b. W.), Gutsbes., Schw →Elisabeth v. Geusau (1886–1925);
– ⚭ 1913 →Elisabeth (1887–1956), T d. →Anton Philipp v. Handel (1857–92) u. d. →Flora v. Handel (1858–1916);
2 S →Heinrich Hans Zdenko Anton Maria (1922–43 ⚔b. Stalingrad), Soldat, →Karl-Pius Georg Emanuel Maria (1925–2023, ⚭ →Amélie Freiin v. Ferstel, 1927–2006), Beamter, Diakon, geistl. Rat, 4 T →Maria Immaculata Henriette (1914–1949), →Agnes Marie Annunciata Flora (1916–1967), →Zita Maria Assunta Elisabeth (1917–2014, ⚭ →Erich Thanner, 1912–81, Dr. iur., Jur., Journ., Dramatiker, Lyriker, Übers., Red. d. kath. Wochenztg. „Die Furche“, Chefred. d. „Österr. Akad. Bll.“), →Johanna Maria Dolorosa Margarete (1920–2020, ⚭ →Günther Paradeiser, 1924–87, Dr. iur., Jur.). -
Biographie
Aus einer in Nordböhmen ansässigen Adelsfamilie stammend, besuchte Z. in der durch den Nationalitätenkonflikt aufgeheizten politischen Stimmung das Staats-Obergymnasium in Saaz. Obwohl seine engere Heimat eine Hochburg der Dt.nationalen war, stand der tiefgläubige Z. dem nationalen Gedanken ablehnend gegenüber. Im Gegensatz zu den meisten Standesgenossen engagierte er sich nicht bei den Kath.-Konservativen, sondern, resultierend aus seinem Interesse für die Soziale Frage, in der Christlich-Sozialen Partei →Karl Luegers (1844–1910). Nach der Matura 1903 studierte er Rechtswissenschaften an der Dt. Univ. Prag und wurde 1909 zum Dr. iur. promoviert. Es folgte ein Studium der Nationalökonomie in Berlin, das er 1911 mit einem zweiten Doktorat zum Dr. oec. publ. mit der Arbeit „Städtisch-industrielle Konzentration und Landflucht in Böhmen, 1880–1900“ bei →Max Sering (1857–1939) abschloß.
Z. trat in den öffentlichen Verwaltungsdienst in der Prager Statthalterei ein, wechselte 1913 in die Agrarstatistische Abteilung der Statistischen Zentralkommission nach Wien, 1914–18 in die Bezirkshauptmannschaft Braunau und kam 1918 in das Ackerbauministerium nach Wien, wo er in das Staatsamt für Landund Forstwirtschaft übernommen wurde. 1919 wurde er unter Staatskanzler →Karl Renner (1870–1950) in den Verfassungsdienst in der Staatskanzlei berufen. Ungeachtet seiner Beamtentätigkeit für die Republik profilierte sich Z. als führender Vertreter der legitimistischen Bewegung und hielt engen Kontakt zur ksl. Familie in deren Exil. Nach dem Tod Ks. →Karls I. (1887–1922) galt diesem seine besondere Verehrung, z. B. in Form der von ihm mitbegründeten Kaiser Karl Gebetsliga, die dessen Beatifikation zum Ziel hatte. Z. begründete 1926 mit →Ernst Karl Winter (1895–1959), →Alfred Missong (1902–1965), →August Maria Knoll (1900–1963) und →Wilhelm Schmid (* 1896) die „Österreichische Aktion“, ein erster publizistischer Versuch, Österreich als eigenständige Nation zu konzeptionieren, wenngleich gerade bei Z. auf einer legitimistischen Grundlage. 1920 habilitierte sich Z. für „Allgemeines und Österreichisches Verwaltungsrecht“ an der Hochschule für Bodenkultur in Wien, 1931 wurde er hier o. Professor für Verfassungs- und Verwaltungsrecht. Er stellte sich hinter den autoritären Regierungskurs von Bundeskanzler →Engelbert Dollfuß (1892–1934) und ging als Disziplinaranwalt auf seiner anfangs dt.national, ab den frühen 1930er Jahren mehr und mehr nationalsozialistisch dominierten Hochschule Kanzlerschaft kompromißlos gegen illegale nationalsozialistische Studenten vor. 1934 wurde er in den Bundeskulturrat berufen, eines der vier mit der autoritären Verfassung 1934 eingerichteten „vorbereitenden Organe der Bundesgesetzgebung“. Mit Beginn der →Kurt Schuschniggs (1897–1977) fungierte Z. als einer der Mittelsmänner zwischen dem Bundeskanzler und →Otto v. Habsburg (1912–2011). Jeden Versuch des Appeasements mit dem Dritten Reich, auch das Juliabkommen 1936, hielt er für einen Fehler. Ungeachtet dessen wurde er von Schuschnigg Anfang 1937 mit der Leitung des sog. Traditionsreferats der Vaterländischen Front betraut, das deren Brückenschlag zum legitimistischen Lager darstellen sollte, doch durch verstärkten Druck Deutschlands auf Österreich von Beginn an stark eingeschränkt war. Dennoch startete Z. verschie|dene Initiativen, u. a. die Rettung der von →Dietrich v. Hildebrand (1889–1977) begründeten Wochenzeitung „Der christliche Ständestaat“, eines der am konsequentesten antinationalsozialistisch eingestellten Publikationsorgane in Österreich.
Von Schuschniggs Zugeständnissen an Hitler im Febr. 1938 zutiefst enttäuscht, stellte Z. sich dennoch enthusiastisch in den Dienst der Propaganda für das „Ja“ zur österr. Unabhängigkeit bei der am 9.3.1938 angesetzten Volksbefragung. Den Rat Otto v. Habsburgs, noch am 11.3.1938 zu flüchten, befolgte Z. nicht. Die Nationalsozialisten beurlaubten ihn als Hochschulprofessor, am 18.3.1938 wurde er von der Gestapo verhaftet und am 16.7.1938 in das KZ Dachau deportiert. SS-Männer fügten ihm schwere Verletzungen zu, an denen er nach wenigen Tagen verstarb.
Z. bleibt als früher Vertreter des Gedankens einer eigenständigen österr. Nation bedeutsam, weit hinausreichend über das regierungsamtliche Selbstverständnis unter Dollfuß und Schuschnigg von Österreich als dem zweiten, besseren dt. Staat.
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Auszeichnungen
|H.-K.-Z.-S.-Preis f. Arbb. auf d. Gebiet d. Agrar- u. Umweltrechts (gestiftet 1977 v. d. Österr. Ges. f. Agrar- u. Umweltrecht);
Z.-S.-Park, Stefan-Esders-Platz, Wien 19 (2018). -
Werke
|Einf. in d. Landarb.frage, 1920;
Die ksl. Fam. in Lequeitio, Reiseerinnerungen e. Österreichers, 1924;
Die österr. Aktion, Programmat. Stud., 1927 (Hg. mit A. M. Knoll, A. Missong, W. Schmid u. E. K. Winter);
Ks.-Karl-Gedächtniskal., 1930–1938;
Das österr. Agrarrecht, Für Studium u. Praxis im Grundriß systemat. dargest. samt Rechtsqu.verz., 1930;
Otto v. Österreich, Seine Kindheit u. Jugend, sein Bildungsgang, 1931;
Der Rechtslehrer u. d. Wesen d. Rechtes, 1932;
Ks. Karl, Aus d. Nachlaß hg. v. E. Thanner, 1953;
Ein Ks. stirbt, 1953, ²1963. -
Literatur
|M. Th. Zacherl, Hochschulprof. DDr. H. K. Z.-S., Versuch e. Biogr., unveröff. Ms., Inst. f. Zeitgesch., Univ. Wien;
H. Wohnout, Das Traditionsreferat d. Vaterländ. Front, Ein Btr. über d. Verhältnis d. legitimist. Bewegung z. autoritären Österr. 1933–1938, in: Österr. in Gesch. u. Lit. (mit Geogr.) 36, 1992, H. 2, S. 65–82;
Pius Zeßner-Spitzenberg, H. K. Z.-S., Ein Leben aus d. Glauben, 2003 (P);
M. Welan u. H. Wohnout, H. K. Z.-S., Einer d. ersten toten Österreicher in Dachau, in: Forsch. z. NS u. dessen Nachwirkungen in Österr., FS f. Brigitte Bailer, hg. v. Dok.archiv d. Österr. Widerstandes, 2012, S. 21–41 (P);
M. Welan u. P. Wiltsche, H. K. Z.-S., Eine Biogr., 2020 (P). -
Porträts
|Archiv d. Karl v. Vogelsang-Inst.;
Bildarchiv Austria d. Österr. Nat.bibl. -
Autor/in
Helmut Wohnout -
Zitierweise
Wohnout, Helmut, "Zeßner-Spitzenberg (Zessner-Spitzenberg), Hans Karl Freiherr von" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 663-664 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz143027.html#ndbcontent