Zanders
- Lebensdaten
- erwähnt 19. Jahrhundert
- Beruf/Funktion
- Papierfabrikanten
- Konfession
- evangelisch
- Normdaten
- GND: 1072728966 | OGND | VIAF: 316502543
- Namensvarianten
-
- Zanders
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Personen im NDB Artikel
- Altenkirch, Alexe
- Bruch, Max
- Fauth, Gottfried
- Hans (1861–1915)
- Johanny, Julius
- Keller, Hans Alfred
- Kruse, Francis
- Kruse, Margarethe/verheiratete
- Müller, Gustav Josua
- Peltzer
- Schmalenbach, Eugen
- Siemens, Werner von
- Zanders, Anna/verheiratete
- Zanders, Carl
- Zanders, Hans
- Zanders, Johann
- Zanders, Johann Wilhelm
- Zanders, Julie/verheiratete
- Zanders, Maria
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- Zanders, Renate/verheiratete
- Zanders, Richard
- Zanders, Richard
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Zanders
|Papierfabrikanten. (evangelisch)
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Biographie
1824 gründeten →Johann Wilhelm (1795–1831), der aus einer Düsseldorfer Kaufmanns- und Medizinerfamilie stammte, und sein Cousin →Gottfried Fauth (1797–1829) in Gladbach im Kreis Mülheim/Rhein (1863 Bergisch Gladbach) eine Papierfabrik. Fauth war Erbe der dortigen, 1582 konzessionierten Schnabelsmühle. Johann Wilhelm, der in Göttingen Staats-, in Marburg Forstwissenschaften studiert und ab 1820 bei der Försterei im Königsforst gearbeitet hatte, übernahm nach dem Tod seines Mitgründers die Papiermühle und gründete die Firma „Johann Wilhelm Zanders“, die nach seinem Tod an seine Witwe →Julie (1804–69), Tochter des Papierfabrikanten →Gustav Josua Müller (1773–1839), überging. Julie erweiterte das Unternehmen, verpachtete es 1836 an ihren Buchhalter, der es als „Wachendorff & Comp.“ weiterführte, und übernahm es 1848 wieder unter dem Namen ihres Mannes. Sie blieb bis zu ihrem Tod bestimmend im Unternehmen.
→Carl Richard (1826–70), ältester Sohn Julies, studierte ab 1844 ev. Theologie und Philologie in Bonn (ohne Abschluß), war 1846 Lehrling bei den Pächtern der Fabrik seiner Mutter und 1847–53 zur Ausbildung bei Papierfabrikanten und -händlern in den umliegenden Staaten. Nach seiner Rückkehr erweiterte er das Werk, konnte es aber erst mit seiner Ernennung zum Geschäftsführer 1857 zukunftsfähig gestalten: 1860 nahm er, im Vergleich spät, die erste Papiermaschine in Betrieb, 1868 erwarb er die Gohrsmühle (gegr. 1602), die seit 1845 eine Papiermaschine besaß. Sie wurde zum Stammwerk ausgebaut, an deren Standort die Fabrikation bis zur Schließung 2021 ansässig war. Ihr Name wurde zum Markenzeichen der Z.-Papiere mit dem gleichnamigen Wasserzeichen. Gleichzeitig errichtete Carl Richard eine Strohzellstoff-Fabrik, um den Rohstoffmangel zu beheben. Er setzte sich 1863 in Berlin erfolglos für den Bau der Eisenbahnstrecke Köln–Soest ein; mit dem Sicherheitskapital wurde die Teilstrecke Mülheim/Rhein–Bergisch Gladbach erbaut. 1866/67 war er Abgeordneter im Preuß. Abgeordnetenhaus (Altliberale). Seine Witwe →Maria (1839–1904), Tochter des Hückeswagener Textilfabrikanten →Julius Johanny (1808–1859), übernahm die Leitung des Unternehmens mit 735 Mitarbeitern (1873), das sie unter Beteiligung von leitenden Mitarbeitern in eine oHG umwandelte. 1876 kaufte sie die Papiermühle Dombach (gegr. 1614), heute ein Industriemuseum. Unter Maria vergrößerte sich das Absatzgebiet bis nach Nord- und Südamerika. Sie förderte Kultur, v. a. Musik: Der mit der Familie befreundete Komponist →Max Bruch (1838–1920) schrieb 21 Musikstücke in Bergisch Gladbach, teilweise in ihrer Villa und auf dem Igeler Hof. Maria unterstützte junge bildende Künstler, rief zur Restaurierung des Altenberger Doms auf, wofür sie großzügig spendete, und gründete den noch heute bestehenden Altenberger Domverein.
Sie blieb bis 1902 Teilhaberin, 1886 beteiligte sie ihre Söhne →Richard (1860–1906) und →Hans (1861–1915) am Unternehmen.
Richard und Hans hatten im Familien- und in fremden Unternehmen das Papiermacherhandwerk erlernt, Hans u. a. zwei Jahre in 22 Papierfabriken in den USA. Richard war Mitglied im Rhein. Provinziallandtag (1904–06), im Stadtrat von Bergisch Gladbach (1891–1906), im Kreistag und in der Handelskammer Mülheim (1891–1906), ebenso im Vorstand des „Verbands Deutscher Papierfabrikanten“. Für seine Mitarbeiter erbaute er die „Einfamilienhaussiedlung Gronauerwald“, 1913 umgewandelt in die „Gemeinnützige Gartensiedlungsgesellschaft Gronauer Wald mbH“. 1906 wurde er erschossen auf seinem Gut Lerbach aufgefunden, die näheren Umstände blieben ungeklärt. Sein Bruder Hans (KR 1907, Roter Adler-Orden 4. Kl.) war ebenfalls in Verbänden und der Handelskammer Mülheim/Rhein (1906–1914) sowie nach deren Fusion in der Handelskammer Köln (1914/15) aktiv. Er folgte dem Bruder im Vorstand des Branchenverbandes (stellv. Vors.|1910). 1906–15 war er Mitglied im Stadtrat von Bergisch Gladbach.
Die Brüder erweiterten und modernisierten das Unternehmen: 1894 nahmen sie die maschinelle Kunstdruckpapierproduktion auf, 1911 stellten sie auf sieben Papiermaschinen täglich 80t Papier her. Im 1. Weltkrieg wurde die Belegschaft von zuvor 1500 Mitarbeitenden deutlich reduziert.
Nach Hans’ Tod übernahm seine Witwe →Olga (1872–1945), die der Tuchmacherfamilie Peltzer aus Verviers entstammte, das Unternehmen. Gesellschafterinnen waren Richards Witwe →Anna (1858–1939), Tochter von →Werner v. Siemens (1816–92), und Hans’ und Richards Schwester →Margarethe (1859–1917), verheiratet mit →Francis Kruse (1854–1930), Regierungspräsident von Düsseldorf. Olga wurde betriebswirtschaftlich beraten von →Eugen Schmalenbach (1873–1955) sowie von der Dozentin an der Kölner Kunstgewerbeschule, →Alexe Altenkirch (1871–1943), die die künstlerische Gestaltung der Werbung leitete. In der Kriegswirtschaft übernahmen Frauen die Arbeiten in der Papierfabrik, wegen der erschwerten Rohstoffbeschaffung wurden teilweise Ersatzstoffe verwendet. 1927 trat Olgas Sohn →Johann Wilhelm (1899–1978) in die Firma ein, von 1929 bis zu seinem Tod als Teilhaber. Er absolvierte nach Abitur und Kriegsdienst ein Praktikum im Familienunternehmen, ab 1920 das Studium der Volkswirtschaft in Heidelberg und Köln (Dr. rer. pol. Köln 1923) und hospitierte in Papierfabriken in Großbritannien und den USA.
Vor dem 2. Weltkrieg beschäftigte die Firma ca. 2000 Mitarbeiter und erweiterte das Papiersortenspektrum stetig: 1936 wurden über 415 verschiedene Papiere auf Lager gehalten und vornehmlich an den Großhandel ausgeliefert. Zu den Spitzenprodukten gehörten „Gohrsmühle Bankpost“ und „Zeta Mattpost“, zudem wurden Verpackungspapiere für die Industrie produziert. Johann Wilhelm leistete 1940–45 Kriegsdienst; nach seiner Rückkehr im Mai 1945 war er wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft 1933 von der Militärregierung als politisch belastet suspendiert, konnte aber im März 1946 die Firmenleitung übernehmen. 1950 wurde der Bucheinbandstoff und Exportschlager „Elefantenhaut“ auf den Markt gebracht, 1956 erwarb Johann Wilhelm die Lizenz zur Herstellung von Chromolux-Papier von einer US-amerik. Firma. Anfang der 1950er Jahre arbeiteten wieder über 1500 Menschen im Unternehmen. 1952 nahm Johann Wilhelm seinen Neffen →Hans Alfred Keller (1922–2004) als Gesellschafter und Geschäftsführer auf, 1957 wurde das Management nochmals erweitert. 1965 erwarb Johann Wilhelm die „Reflex-Papierfabrik Felix Heinr. Schoeller“ in Düren. Er war 1937–45 für die NSDAP und 1948–61 für die CDU Stadtratsmitglied von Bergisch Gladbach sowie 1933–42 und 1968–78 Mitglied der Vollversammlung der IHK Köln. Seit 1927 war er im Vorstand des Altenberger Domvereins (1931–45 Schatzmeister u. Schriftführer, 1947 Vors.). 1977 gründete er die Stiftung „Zanders–Papiergeschichtliche Sammlung“ und vereinte darin das umfangreiche Firmen- und Familienarchiv (BVK 1. Kl. 1954, Ehrenbürger d. Städte Bergisch Gladbach 1954 u. Westbrook, Maine, USA, 1965). 1977 zog er sich aus der Unternehmensleitung zurück. Sein Bruder →Carl Richard (1905–42) studierte in Grenoble und Darmstadt (Dipl.-Ing.) und wurde 1939 Teilhaber, er fiel als Soldat in der Sowjetunion.
Seine Witwe →Renate v. Hake (1913–2011) heiratete 1943 Johann Wilhelm. 1978 wurde das Unternehmen in eine GmbH & Co. KG, 1980 in eine AG umgewandelt, den Vorsitz der Geschäftsführung hatte mit Peter Dauscha (1929–1999) erstmals ein Familienfremder. Als Familienmitglied war 1973–89 Carl Richards Sohn →Hans Wolfgang (* 1937) in der Unternehmensspitze. 1982 erfolgte die Übernahme der Papierfirma „Hugo Albert Schoeller“ in Düren (Neumühl) und 1983 der Gang an die Börse. 1989 verkauften die Inhaber die Aktienmehrheit an den US-Konzern International Paper (IP), in dessen Europa-Vorstand Hans Wolfgang 1990–95 als Vice-President wechselte. 2002 veräußerte IP das Unternehmen an den finn. Papierhersteller Metsä-Serla und firmierte zeitweise unter M-real Zanders. Es folgten Abspaltungen und 2015 der Verkauf an die Mutares AG. Das Papierunternehmen in Bergisch Gladbach trug wieder den Ursprungsnamen der Gründerfamilie, meldete 2018 Insolvenz an und wurde von einer Investorengruppe um den norweg. Zellstoff- und Papierunternehmer Terje Haglund übernommen. Unter dem Ursprungsnamen produzierte es zunächst mit 300, zuletzt 380 Mitarbeitern weiter und wurde im April 2021 endgültig geschlossen.
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Literatur
|F. Schmitz, Die Papiermühlen u. Papiermacher d. berg. Strundertals, 1921;
ders., Richard Z., in: Rhein.-Westfäl. Wirtsch.biogrr., IV, 1941, S. 103–18;
100 J. J. W. Zanders Papierfabr. 1829–1929, 1929;
H. Koch, Z., Aus d. Gesch. e. Untern., 1989;
J. Weise, Julie, Maria u. Olga Z., Unternehmerinnen in d. Papierind., in: U. S. Soénius (Hg.), Bewegen, Verbinden, Gestalten, Unternehmer v. 17. bis z. 20. Jh., FS f. Klara van Eyll, 2003, S. 113–27;
M. Christ (Hg.), Lobpreis d. Weiblichkeit, die Frau|en v. u. b. Zanders, 2017;
– Dok.film: Die weiße Kunst, 125 J. J. W. Z. 1829–1954, 1954. -
Porträts
|Porträts v. Maria (Pastell, dargest. mit ca. 61 J.) u. Carl Richard (Brustbild) (beide Stiftung Z.–Papiergeschichtl. Slg., Bergisch Gladbach).
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Autor/in
Ulrich S. Soénius -
Zitierweise
Soénius, Ulrich S., "Zanders" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 596-598 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd1072728966.html#ndbcontent