Wurlitzer

Lebensdaten
erwähnt 16. – 20. Jahrhundert
Beruf/Funktion
Instrumentenbauer
Konfession
-
Namensvarianten

  • Wurlitzer

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Zitierweise

Wurlitzer, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz142988.html [04.02.2026].

CC0

  • Wurlitzer

    |Instrumentenbauerfamilie.

  • Biographie

    Mitglieder der seit dem 16. Jh. nachweisbaren Familie W. im Vogtland (Sachsen) waren seit dem 18. Jh. Instrumentenbauer und -händler; dokumentiert sind 21 Streich- und Zupfinstrumentenmacher, 35 Holzblasinstrumentenbauer, zehn Bestandteilmacher und zwei Händler.

    Zum Erlbacher (heute Markneukirchen, Vogtland) Familienzweig gehörte der Klarinettenbauer Arno (1890–1961), der mit seinem Vater Paul (1868–1940) und seinen Brüdern Fritz Ulrich (1888–1984) und Kurt (1899–1977) in der 1892 gegründeten Werkstatt zusammenarbeitete. Ab 1952 selbständig, baute er mit seinem Sohn Gerhard (1922–2014) jährlich ca. 40 Instrumente. Gerhard leitete ab 1961 die Werkstatt, die 1966 der Produktionsgenossenschaft des Handwerks (PGH) „Sinfonia Markneukirchen“ beitrat und jährlich ca. 140 Instrumente baute. 1972 erfolgte die Umwandlung der Genossenschaft in einen volkseigenen Betrieb (VEB), ab 1984 Betriebsteil IV/5 des „VEB Blechblas- und Signalinstrumentenfabrik Markneukirchen“; 1989 wurde die Produktion eingestellt. Kurts Sohn Dieter (1939–2019) führte 1976–2005 die Werkstatt seines Vaters und war auf Klarinetten mit dt. System, v. a. mit dem Oehlersystem, spezialisiert.

    Fritz machte sich 1930 selbständig. Besonders erfolgreich waren seine seit den 1930er Jahren gebauten, mit Reform-Boehm- und ab 1937 mit Schmidt-Kolbe-Klappensystemen ausgestatteten Klarinetten sowie seine Entwicklung eines modernen dt. Klappensystems für Baßklarinetten. Fritz arbeitete mit seinen Söhnen Herbert (1921–89) und Klaus (1924–43). 1978 wurde die Neuproduktion|eingestellt, 1984 die Werkstatt in Erlbach, in der ca. 3000 Instrumente gebaut worden waren, geschlossen.

    Herbert, Klarinettist (BVK 1989), lernte Ende der 1930er Jahre bei seinem Vater Klarinettenbau. Anschließend studierte er Klarinette in Berlin und Leipzig. Nach Kriegsdienst und Gefangenschaft arbeitete er als Gewandhausmusiker und zugleich als Klarinettenbauer in der väterlichen Werkstatt. 1959 verließ die Familie die DDR und gründete die Klarinettenmanufaktur „Herbert Wurlitzer“ in Bubenreuth, die seit 1964 in Neustadt/Aisch ansässig ist; 1992 wurde eine zusätzliche Fertigungsstelle in Markneukirchen eröffnet.

    Nach Herberts Tod führte seine Witwe Ruth (1923–2014) die Firma mit ihrem Sohn Frank (* 1942) und ihrem Schwiegersohn Bernd Wurlitzer weiter; 2014 übernahmen Bernd und Frank die Leitung. Frank war nach dem Musikstudium in Würzburg und Köln ab 1965 Klarinettist bei den Berliner Philharmonikern, ab 1981 Professor für Klarinette in Würzburg. Er arbeitete seit 1989 als künstlerischer Leiter im Unternehmen, seit 2002 als Geschäftsführer. Wegen dieser Verbindung von handwerklicher Erfahrung mit den Ansprüchen eines professionellen Musikers werden die Herbert-Wurlitzer-Klarinetten von Orchestermusikern hoch geschätzt.

    Clemens (1883–1964), Sohn von Friedrich Albert (1852–1923) aus dem Wernitzgrüner (heute Markneukirchen, Vogtland) Zweig, gründete 1910 eine später von seinem Sohn Heinz (1912–77) und seinem Enkel Gerd (* 1941) weitergeführte Firma, die Klarinetten, Flöten, Piccolos, Oboen, Englischhörner, Baßklarinetten, Blockflöten und Saxophone baute (1932 Berninger-Wurlitzer-Patent-Klarinette mit selbsttätiger Stimmungsverbesserungs-Mechanik, DRP 601379). Nach dem Eintritt in die PGH „Sinfonia Markneukirchen“ 1962 arbeitete der Betrieb bis 1989 als Betriebsteil „Clemens Wurlitzer“ des „VEB Blechblasund Signalinstrumentenfabrik Markneukirchen“, wurde unter Gerd 1990 wieder selbständig und hatte bis zur Schließung 2008 über 17 000 Instrumente gebaut.

    Bedingt durch die Überproduktion des Instrumentenbaus im Vogtland wanderten in der 2. Hälfte des 19. Jh. Familienmitglieder in die USA aus, wo sie als Händler und Musikinstrumentenfabrikanten in Boston, Chicago, Cincinnati, New York und San Francisco weltweite Bedeutung erlangten. Gründer des „World’s Largest General Music House“ ist Franz Rudolph (1831–1914) aus Schöneck, Sohn eines Webers (nicht eines Instrumentenhändlers, wie wiederholt behauptet wird), der 1853 nach Cincinnati auswanderte, 1856 einen Instrumentenhandel gründete und während des amerik. Bürgerkriegs 1861–65 Hauptlieferant der US-Armeen war. Ab 1861 produzierte er Blasinstrumente, 1872 wurde sein Bruder Anton (1839–1901) Mitinhaber der Firma, die nun als „R. Wurlitzer & Bro.“, nach dem Einstieg von Rudolfs Sohn Howard Eugene (1871–1928) 1890 als „Rudolph Wurlitzer Company“ firmierte. In den 1880er Jahren war die Firma größter Händler von Blasinstrumenten in den USA, nach 1900 für alle Sparten des Musikinstrumentenbaus. Der Katalog von 1880 enthielt über 6000 Produkte, Instrumente und Bestandteile. Anfangs wurden ausschließlich sächs. Instrumente, später auch US-amerik. oder eigene Erzeugnisse gehandelt, ab 1880 zusätzlich Klaviere verkauft, 1897 kam ein münzbetriebenes, unter den Namen „Tonophone“ patentiertes, elektrisch betriebenes Walzenklavier hinzu. Seitdem stand der Name Wurlitzer bis in die 1980er Jahre als Synonym für Musikautomaten. 1909 wurde die Produktion von Harfen, 1910 auch von Theater- und Kinoorgeln aufgenommen. 1894 trat ein weiterer Sohn Rudolphs, Rudolph Henry (1873–1948), ab 1891 ausgebildet als Musiker und Geigenbauer in Berlin u. a. bei Emanuel Wirth (1842–1923), Oskar Fleischer (1856–1933) und August Riechers (1836–1893), in die Firmenleitung ein, zuständig für den Bereich Streich- und Zupfinstrumente. Das Unternehmen eröffnete große Fabriken in North Tonawanda, N. Y., (1909), Chicago (1909) und die DeKalb Wurlitzer Factory, Illinois (1919). Rudolph zog sich 1912 aus der Unternehmensleitung zurück, die von seinen drei Söhnen Howard Eugene, Rudolph Henry und dem in Deutschland ausgebildeten Instrumentenbauer Farny Reginald (1883–1972) weitergeführt wurde. 1933 wurden die Rechte für eine Musikbox (Jukebox) erworben und ein neuer Geschäftszweig eröffnet: Bis zur Einstellung der Produktion in den USA 1974 wurden 750 000 Musikboxen in ca. 100 Modellen hergestellt, 1955–85 auch elektrische Pianos in großer Zahl. 1960 wurde die „Deutsche Wurlitzer GmbH“ in Hüllhorst (NRW) gegründet, die Produktion von Jukeboxen startete 1961 mit dem Modell „Lyric“. Das Unternehmen in den USA wurde 1985 von der Baldwin Piano Company erworben und 2001 an den US-Konzern „Gibson Guitar Corp.“ verkauft, der 2006 auch die „Deutsche Wurlitzer GmbH“ erwarb. Die dt. Tochterfirma erzeugte noch bis 2013 Jukeboxes, dann wurde sie an die|SBC-Investmentgruppe Düsseldorf verkauft und die Produktion eingestellt.

    Rudolph Henrys Sohn Rembert (1904–63) trat nach Studium und Geigenbaulehre in den USA, mehreren Aufenthalten in Europa, ab 1927 auch bei Amédée Dieudonné in Mirecourt und bei „W. E. Hill & Sons“ in London, 1930 in das Unternehmen ein und leitete 1937–63 die New Yorker Filiale. Diese wurde 1949 selbständig und gewann eine überragende Bedeutung als Umschlagplatz und Reparaturwerkstatt für alte Streichinstrumente.

    Ihre Expertisen werden bis heute weltweit anerkannt, mehr als die Hälfte der bekannten Stradivaris durchliefen Remberts Werkstatt oder seinen Handel. Das Geschäft wurde von seiner Witwe Anna Lee, die 1965 die Sammlung Hottinger erwarb, weitergeführt und 1974 geschlossen.

  • Literatur

    |Rudolph Wurlitzer &
    Bro., Catalogue and descriptive price-list of band, reed and string instruments, 1880 ff.;
    Rudolph Wurlitzer Co., Illustrated catalogue (…), 1885 ff.;
    The Billboard v. 25.8.1956, S. 87;
    W. L. Frhr. v. Lütgendorff u. Th. Drescher, Die Geigen- u. Lautenmacher v. MA bis z. Gegenwart, Erg.-Bd., 1990;
    W. Waterhouse, The New Langwill Index, A Dict. of Musical Wind Instrument Makers and Inventors, 1993, S. 437 f.;
    E. Weller, Die W., 175 J. Holzblasinstrumentenbau in d. vogtländ. Fam., in: Das Rohrbl. 10, 1995, Nr. 1, S. 15–20 (P), T. 2: Die Wernitzgrüner Linie, ebd., Nr. 2, S. 50–55 (P), T. 3: Der Erlbacher Fam.zweig, ebd., Nr. 3, S. 107–14 (P);
    B. Zoebisch, Vogtländ. Geigenbau, Bd. 1, 2000, S. 31 u. 93 f.;
    MGG Online;
    New Grove.

  • Autor/in

    Eszter Fontana
  • Zitierweise

    Fontana, Eszter, "Wurlitzer" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 548-550 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142988.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA