Wulf, Joseph
- Lebensdaten
- 1912 – 1974
- Geburtsort
- Chemnitz
- Sterbeort
- (Suizid) Berlin (West)
- Beruf/Funktion
- Historiker ; Publizist
- Konfession
- jüdisch
- Namensvarianten
-
- Wulf, Joseph
- Wulf, Josef
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Wulf, Joseph
| Historiker, Publizist, * 22.12.1912 Chemnitz, † 10.10.1974 (Suizid) Berlin (West), ⚰Tel Aviv (Israel), Friedhof Holon. (jüdisch)
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Genealogie
Aus poln.-jüd. Kaufmannsfam.;
V Szyja (1881–1942, KZ Płaszów), Kaufm.;
M Ettel Laja Buchaster (1890–1943, Vernichtungslager Bełżec);
B Pinkus Elias (1909?–43?);
– ⚭ Krakau 1934 Jenta Falik-Dachner (1912–1973), Lehrerin, aus d. Fam. d. Rabbiners Israel Ben Elieser (1700–1760);
1 S David (1936–2012). -
Biographie
W. wuchs in einer tiefgläubigen chassid. Familie auf, die 1917 von Chemnitz zurück nach Krakau übersiedelte. Hier besuchte W. eine jüd. Schule und 1921–31 ein staatliches poln. Gymnasium, das er mit dem Abitur abschloß. 1927–29 studierte er zwischenzeitlich in Mir (heute in Belarus) an einer Talmudhochschule. In den 1930er Jahren war W. als Journalist und Schriftsteller tätig; 1939/40 veröffentlichte er in Krakau und Warschau in jidd. Sprache sein erstes Buch „Kritishe minyaturn“, eine Sammlung kurzer Betrachtungen und Rezensionen zu moderner jiddischer Literatur.
Nach Beginn des 2. Weltkriegs 1939 floh die Familie zunächst nach Nowy Wiśnicz nahe der Kleinstadt Bochnia (Kleinpolen) und lebte seit 1941/42 im Ghetto von Bochnia. W. engagierte sich in der zionistischen Jugendorganisation Akiba, mit deren Krakauer Gruppe er sich 1942 dem Widerstand gegen die dt. Besatzer anschloß. 1943 von der Gestapo verhaftet, kam W. als politischer Häftling in das KZ Auschwitz III-Monowitz, wo er Zwangsarbeit für dt. Unternehmen leisten mußte. Als das Lager im Jan. 1945 von der SS evakuiert wurde, gelang ihm auf einem Todesmarsch die Flucht. Seine Frau und sein Sohn über|lebten die Verfolgung im Versteck bei einem poln. Bauern.
W. gehörte im Frühjahr 1945 zu den Gründungsmitgliedern der Jüd. Historischen Kommission in Krakau. Er wurde Mitherausgeber zahlreicher Berichte von Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung, zählte 1945–47 zum Leitungsgremium der Zentralen Jüd. Historischen Kommission in Polen und war 1946 an der Bergung des Ringelblum-Archivs beteiligt. Im Frühjahr 1947 übersiedelte er mit seiner Familie nach Schweden, um der zunehmenden kommunistischen Einflußnahme auf seine Arbeit zu entgehen. Von dort ging er im Juli 1947 nach Paris und wurde im Okt. 1947 Mitbegründer und stellv. Direktor des Centre d’Études de l’Histoire des Juifs Polonais. 1952 zog W. mit dem Status eines Staatenlosen nach West-Berlin; die dt. Staatsbürgerschaft nahm er indes nie an. In der einstigen „Stadt des Reichssicherheitshauptamts“ – so W. – veröffentlichte er umfangreiche Dokumentationen über den Nationalsozialismus.
Besonderes Aufsehen in Politik und Öffentlichkeit erregte er mit dem von ihm und León Poliakov (1910–1997) zusammengestellten und mehrfach nachgedruckten Dokumentenband „Das Dritte Reich und die Juden“ (1955). Es war die erste dt.sprachige Publikation, die sich explizit der Shoah widmete und dabei Täter, Komplizen und Kollaborateure namentlich nannte. Ähnliche Dokumentenbände folgten in den nächsten Jahren. Überdies verfaßte W. zahlreiche Zeitungsartikel und Rundfunkbeiträge, u. a. für den Westdt. Rundfunk, den Südwestfunk, Radio Bremen und RIAS. Auch fungierte er als Berater für zeithistorische Fernsehsendungen und Ausstellungen. Dennoch blieb der Autodidakt W. in der Zeitgeschichtsforschung ein Außenseiter. Vor allem von dt. Historikern wurde ihm – als vermeintlich ressentimentbehafteten Überlebenden der NS-Verfolgung – die erforderliche Objektivität abgesprochen.
Seit 1965 forderte W. die Einrichtung eines „Internationalen Dokumentationszentrums zur Erforschung des Nationalsozialismus und seiner Folgeerscheinungen“ in West-Berlin und schlug als Ort hierfür die Villa vor, in der am 20.1.1942 die später als „Wannsee-Konferenz“ bezeichnete Besprechung zur „Endlösung der Judenfrage“ stattgefunden hatte.
Obwohl W. für sein Vorhaben weltweit prominente Unterstützer fand, u. a. den Gründer und Präsidenten des Jüd. Weltkongresses Nahum Goldmann (1895–1982), gab der West-Berliner Senat das Gebäude nicht frei, so daß das Projekt 1973 aufgegeben werden mußte.
W. beging 1974 Suizid. Die Einrichtung der „Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz“ erfolgte erst 1992.
W. geriet erst in den 1980er Jahren wieder in den Blick der Öffentlichkeit. Als sich die etablierte Geschichtswissenschaft in den 2000er Jahren erstmals der Erforschung der frühen Holocaust-Historiographie zuwandte und das Wirken jüd. Überlebenden-Gelehrten beleuchtete, fand auch sein Werk umfassende Würdigung. Heute ist W. in Wissenschaft und Öffentlichkeit als einer der Pioniere der Erforschung des Völkermordes an den europ. Jüdinnen und Juden anerkannt.
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Auszeichnungen
|Leo Baeck Preis d. Zentralrats d. Juden in Dtld. (1961);
Carl v. Ossietzky-Medaille d. Internat. Liga f. Menschenrechte (West-Berlin) (1964);
Heinrich Stahl-Preis d. Jüd. Gde. zu Berlin (1967);
Plaque Lion de Saint Marc f. d. Buch „Theater u. Film im Dritten Reich“ auf d. Internat. Buchausst. d. Filmfestspiele in Venedig (1967);
Dr. h. c. (FU Berlin 1970);
Gedenktafel am Wohnhaus Giesebrechtstr. 12, Berlin-Charlottenburg (1994). -
Werke
|Dokumenty zbrodni i meczenstwa, 1945 (mit M. Borwicz u. N. Rost);
Belzec, 1946 (mit R. Reder u. a.);
Ruch podziemny w ghettach i obozach (materialy i dokumenty), 1946 (mit N. Blumental u. a.);
Uniwersytet zbirów, 1946 (mit M. Borwicz u. N. Rost);
W 3-ciąrocznicę zagłady ghetta w Krakowie, 13. III. 1943–13. III. 1946, 1946 (mit M. Borwicz u. N. Rost);
Pamię tnik Justyny, 1946 (mit G. Dawidsohn-Draengerowa);
Zaglada Zydów Sosnowca, 1946 (mit N. E. Szternfinkiel u. a.);
Literatura w obozie, 1946 (mit M. Borwicz u. N. Rost);
Oczyma dwunastoletniej dziewczyny, 1946 (mit J. Hescheles u. M. Hochberg-Mariańska);
Slowa niewinne, 1947 (mit N. Blumental u. a.);
Proces ludobójcy Amona Leopolda Goetha przed Najwyzszym Trybunalem Narodowym, 1947 (mit N. Blumental u. a.);
Das Dritte Reich u. d. Juden, Dok. u. Aufss., 1955 (mit L. Poliakov);
Das Dritte Reich u. seine Diener, Dok., 1956 (mit L. Poliakov);
Das Dritte Reich u. seine Denker, Dok., 1959 (mit L. Poliakov);
Raoul Wallenberg, 1958;
Die Nürnberger Gesetze, 1960;
Heinrich Himmler, Eine biogr. Stud., 1960;
Vom Leben, Kampf u. Tod im Ghetto Warschau, 1958;
Das Dritte Reich u. seine Vollstrecker, Die Liquidation v. 500 000 Juden im Ghetto Warschau, 1961;
Lodz, Das letzte Ghetto auf poln. Boden, 1962;
Martin Bormann, Hitlers Schatten, 1962;
Aus d. Lex. d. Mörder, „Sonderbehandlung“ u. verwandte Worte in nat.sozialist. Dok., 1963;
Die Bildenden Künste im Dritten Reich, Eine Dok., 1963;
Lit. u. Dichtung im Dritten Reich, Eine Dok., 1963;
Musik im Dritten Reich, Eine Dok., 1963;
Presse u. Funk im Dritten Reich, Eine Dok., 1964;
Theater u. Film im Dritten Reich, Eine Dok., 1964;
Yiddish-Gedichte aus d. Ghettos 1939–1945, 1964;
L’ind. de l’horreur, 1970;
A. Keith u. D. Schöttker (Hg.), Ernst Jünger, J. W., Der Briefwechsel 1962–1974, 2019;
– Bibliogr.: J.-W.-Mediothek d. Gedenk- u. Bildungsstätte Haus d. Wannsee-Konf., Berlin (Internet);
–Nachlaß: Ar|chiv z. Erforsch. d. Gesch. d. Juden in Dtld., Heidelberg. -
Literatur
|H. M. Broder, „In d. Wind gesprochen …“, Das Leben u. Sterben d. jüd. Hist. J. W., in: Journ. f. Gesch., 1981, H. 6, S. 41–48;
Aktion Sühnezeichen Friedensdienste u. U. Gorges (Red.), Sachor, Nicht vergessen, Erinnerung an J. W., 1989 (P);
B. Breysach, J. W.s Zeugenwissen in d. dt. u. frühen poln. Nachkriegsöffentlichkeit, in: U. Heukenkamp (Hg.), Schuld u. Sühne? Kriegserlebnis u. Kriegsdeutung in dt. Medien d. Nachkriegszeit (1945–1961), 2001, S. 405–14;
N. Berg, Ein Außenseiter d. Holocaustforsch., J. W. (1912–1974) im Hist.diskurs d. Bundesrep., in: D. Diner (Hg.), Leipziger Btrr. z. jüd. Gesch. u. Kultur, Bd. 1, 2003, S. 311–46;
G. Schoenberner, J. W., Aufklärer über d. NS-Staat, Initiator d. Gedenkstätte Haus d. Wannsee-Konf., 2006;
K. Kempter, J. W., Ein Hist.schicksal in Dtld., 2012 (P);
G. Kühling, Streit um d. „Haus d. Endlösung“, J. W. u. d. Initiative f. e. Dok.zentrum im Haus d. Wannsee-Konf., in: N. Kampe u. P. Klein (Hg.), Die Wannsee-Konf. am 20. Jan. 1942, Dok., Forsch.stand, Kontroversen, 2013, S. 415–36;
Aktives Mus. Faschismus u. Widerstand in Berlin, Gedenk- u. Bildungsstätte Haus d. Wannsee-Konf. (Hg.),“ Meine eigtl. Univ. war Auschwitz“, J. W., Pionier d. Holocaustforsch., 2019 (P; dt.sprachige W);
–Dok.film: H. M. Broder, J. W., Ein Schriftst. in Dtld., 1981. -
Porträts
|Zeichnung v. B. Horovits, um/vor 1939, Abb. in: Kritishe minyaturn, 1939/40, u. in: Meine eigtl. Univ. war Auschwitz, 2019 (s. L).
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Autor/in
Gerd Kühling -
Zitierweise
Kühling, Gerd, "Wulf, Joseph" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 535-537 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142983.html#ndbcontent