Wortmann, Julius

Lebensdaten
1856 – 1925
Geburtsort
Höxter (Ostwestfalen)
Sterbeort
Boppard/Mittelrhein
Beruf/Funktion
Botaniker ; Pflanzenphysiologe ; Önologe
Konfession
evangelisch
Namensvarianten

  • Wortmann, Julius Carl Ludwig
  • Wortmann, Julius
  • Wortmann, Julius Carl Ludwig
  • Wortmann, Julius Karl Ludwig

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Zitierweise

Wortmann, Julius, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz142972.html#indexcontent [16.05.2026].

CC0

  • Wortmann, Julius Carl Ludwig

    | Botaniker, Pflanzenphysiologe, Önologe, * 15.8.1856 Höxter (Ostwestfalen), † 28.6.1925 Boppard/Mittelrhein, ⚰ Wiesbaden, Südfriedhof. (evangelisch)

  • Genealogie

    V Johann Christian Friedrich (1819–1912), Kassen-Assistent am Kr.ger. in H., 1864 Kr.ger.-Secr. u. Salarien-Kassen-Kontrolleur in Lübbecke (Ostwestfalen), 1871 Rendant d. Kr.-Sparkasse ebd.;
    M Caroline Sophie (1836–1913), T d. Christian Jacob Lorenz (* 1804), Kupferschmied in Lübbecke, u. d. Juliane Meyrahn (* 1808);
    1891 Maria (1872–1932), aus Stuttgart, T d. Rudolf Goethe (Göthe) (1843–1911), aus Naumburg, Landschaftsgärtner, Pomol., Önol., 1874 Gründer d. Ksl. Obst- u. Gartenbauschule Grafenburg in Brumath (Elsaß), 1879–1903 Dir. d. Kgl. Lehranstalt f. Obst- u. Weinbau in Geisenheim (Rheingau), Landesökonomierat, entfernter Verwandter v. Johann Wolfgang v. Goethe (s. G. Troost, Schrr. z. Weingesch. 140, ²2002, S. 58; Nassau. Biogr.), u. d. Luise Rühle (1850–1929), aus Cannstatt;
    2 T Martha (* 1892, Rudolf Michel,* 1880, Dr. phil., Kunsthist., ev. Pfarrer, zuletzt in Wiesbaden), Maria (Ria) (* 1893, Herbert Hönel), aus Geisenheim;
    Schwager Rudolf Goethe (1880–1965), ev. Pfarrer 1910 in Wörrstadt, 1920 in Darmstadt, 1934 in Offenbach, 1944 in Roßdorf, 1946 in Darmstadt, 1946–48 Oberreg.rat u. Referent f. Kirchen im Hess. Kultusmin., 1950 Übertritt z. Katholizismus, 1951 kath. Priester, 1954 Leiter d. Glaubensberatungsstelle „Domus Pacis“ d. Bm. Mainz (s. Stadtlex. Darmstadt; Hess. Biogr.).

  • Biographie

    W. wuchs in Höxter und Lübbecke auf und besuchte seit 1871 die Realschule I. Ordnung in Elberfeld. Nach dem Abitur 1875 studierte er in Berlin und seit 1877 in Würzburg Naturwissenschaften, insbesondere Chemie und Physik. Unter dem Einfluß des Würzburger Botanikers Julius Sachs (1832–1897) wandte er sich der experimentellen Pflanzenphysiologie zu und wurde 1879 bei Sachs mit Untersuchungen zur Atmung der Pflanzen zum Dr. phil. promoviert. W. trat dann in Würzburg seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger an und wurde 1880 bei Anton de Bary (1831–88) Assistent am Botanischen Institut der Univ. Straßburg, wo er sich 1883 mit einer Schrift über „Die pflanzlichen Verdauungsprozesse“ (in: Biol. Zbl. 3, 1883, S. 257–68) für Botanik habilitierte und als Privatdozent in Vorlesungen und Kursen die Physiologie der Pflanzen vertrat. 1888–97 war er auch als Redakteur der renommierten „Botanischen Zeitung“ tätig. 1891 übernahm W. die Leitung der Pflanzenphysiologischen Versuchsstation der preuß. Lehranstalt für Obst- und Weinbau in Geisenheim/Rhein und wandte sich hier hauptsächlich der Physiologie der Hefegärung zu. 1894 errichtete er die erste staatliche Hefereinzuchtstation in Deutschland, die er bis 1923 leitete. 1903 zum Direktor der gesamten Anstalt ernannt, entwickelte er die Einrichtung, mithilfe der Ministerialbeamten Hugo Thiel (1839–1918) und Traugott Müller (um 1865 – n. 1921), zu einem landesweiten Zentrum der Forschung und höheren Lehre im Wein-, Obst- und Gartenbau. Studienreisen zur Förderung des Weinbaus führten ihn nach Ungarn (1906) und Algerien (1910). Einen Ruf an die Spitze der Ksl. Biologischen Anstalt für Land- und Forstwirtschaft in Dahlem (1907) lehnte er ab.

    W.s Forschungen in Straßburg bewegten sich noch ganz in den von Sachs gewiesenen Bahnen. Er versuchte zunächst die Mechanismen pflanzlicher Krümmungsbewegungen (Nutationen u. Tropismen) und Wachstumserscheinungen zu ergründen und trat 1886 mit einer originären Theorie des Windens hervor. Zudem untersuchte er die Bedeutung von Enzymen für die Stärkezersetzung bei Bakterien und Pflanzen. In Geisenheim rückten Gärungsphysiologie und Kellerwirtschaft in das Zentrum seiner Forschungen. Angeregt von den Pionierarbeiten des dän. Botanikers Emil Christian Hansen über reine Brauhefen (1883), betrieb W. breite „Untersuchungen über reine Hefen“ (1892–98) bei der Weinherstellung und zeigte u. a., daß die Qualität der Weine nicht allein von der Rebe, sondern auch von der Hefe abhängt. Er prüfte das Verhalten verschiedener Heferassen und -mengen bei der Gärung und Reifung der Weine und führte gefürchtete Weinfehler (wie Böckser, Korker, Trub- u. Bitterstoffe) auf biologische Ursachen, d. h. bestimmte Verhältnisse in der Mikrobenflora, zurück. Damit fand die Mikroskopie Eingang in die Praxis der Weinbehandlung und begründete neue kellertechnische Verfahren beim Abstich und Ausbau der Weine, die W. in seinem viel beachteten Lehrbuch „Die wissenschaftlichen Grundlagen der Weinbereitung und Kellerwirtschaft“ (1905) zusammenfaßte. Bemerkenswert sind auch seine Versuche „Über den Einfluß der Temperatur auf Geruch und Geschmack des Weines“ (in: Landwirtsch. Jbb. 35, 1906, S. 741–836) mit einem abgeleiteten „Weinkost-Thermometer“, das für Weiß- und Rotwein 11 bzw. 16,5° C empfahl. W. befaßte sich außerdem mit Pflanzenkrankheiten, die er als rein physiologische Mangelerscheinungen (wie die Stippen der Äpfel, 1892) oder Pilzinfektionen kennzeichnete. Beim Echten Mehltau der Weinrebe entdeckte er 1900 die primäre Infektion des Erregers (Oidium tuckeri) und plädierte für die frühe Vernichtung der überwinternden Myzelien. Seine letzten Arbeiten galten kriegsbedingt der Suche von Ersatzstoffen bei der Bekämpfung des Falschen Mehltaus (1919). 1921 legte er sein Amt als Direktor der Lehranstalt nieder, um sich als Vorsitzender der Preuß. Rebenveredlungskommission (1907–23) ganz der erfolgreichen Bekämpfung der Reblaus durch Pfropfreben|anbau zu widmen. Zu W.s Schülern zählen bedeutende Vertreter der Angewandten Botanik, wie Rudolf Aderhold (1865–1907), Richard Meißner (1868–1938) und Gustav Lüstner (1869–1947).

  • Auszeichnungen

    |Mitgl. d. Leopoldina (1892);
    Tit.-Prof. (1895);
    Vors. d. Vereinigung d. Vertreter d. angew. Botanik (1902–05);
    Geh. Reg.rat (1907).

  • Werke

    Weitere W u. a. Über d. Beziehungen d. intramolecularen z. normalen Athmung d. Pflanzen, 1879 (Diss.);
    Theorie d. Windens, in: Botan. Ztg. 44, 1886, Sp. 273–83, 289–98, 305–16, 329–38, 345–55, 361–66 u. 601–12;
    Über d. Natur d. rotirenden Nutation d. Schlingpflanzen, ebd., Sp. 617–25, 633–42, 649–58, 665–73 u. 681–90;
    Zur Kenntnis d. Reizbewegungen, ebd. 45, 1887, Sp. 785–94, 801–12, 817–26 u. 833–43;
    Btrr. z. Physiol. d. Wachsthums, ebd. 47, 1889, Sp. 245–53, 261–72, 277–88 u. 293–304;
    Über d. Nachweis, d. Vorkommen u. d. Bedeutung d. diastat. Enzyms in d. Pflanzen, ebd. 48, 1890, Sp. 581–94, 597–607, 617–27, 633–54 u. 657–69;
    Über d. sog. „Stippen“ d. Äpfel, in: Landwirtsch. Jbb. 21, 1892, S. 663–75;
    Unterss. über reine Hefen (4 T.), ebd. 21, 1892, S. 901–36, 23, 1894, S. 536–85, 586–621 (T. 3 mit R. Aderhold) u. 27, 1898, S. 631–714;
    Über künstl. hervorgerufene Nachgärungen v. Weinen in d. Flasche u. im Fasse, ebd. 26, 1897, S. 473–96;
    Unterss. über d. Bitterwerden d. Rotweine, ebd. 29, 1900, S. 629–746;
    Biol. Unterss. über d. Abstiche d. Weine, ebd. 34, 1905, S. 685–761;
    Die Rebenveredelung u. d. Qualität d. Weine, ebd. 37, Erg.bd. 4, 1908, S. 1–39;
    Anwendung u. Wirkung reiner Hefen in d. Weinbereitung, 1895;
    Über Säureabnahme im Wein, in: Zbl. f. Bakteriol., Parasitenkde. u. Infektionskrankheiten, 2. Abt., 3, 1897, S. 96–102;
    Unterss. über d. Umschlagen d. Weine, in: Weinbau u. Weinhandel 17, 1899, S. 294 f. u. 311 f.;
    Zur Bekämpfung d. Oidium tuckeri, in: Mitt. über Weinbau u. Kellerwirtsch. 12, 1900, S. 1–6;
    Unterss. über Peronospora viticola de By, in: Wein u. Rebe 1, 1919, S. 99–144, 277–315, 360–76, 419–39, 498–506 u. 545–55;
    unvollst. W-Verz.: Cat. of Scientific Papers 11, 1896, S. 851, 12, 1902, S. 793 u. 19, 1925, S. 718 f.;
    Hg.: Ber. d. Ksl. Lehranstalt f. Wein-, Obst- u. Gartenbau Geisenheim, 1902–19;
    Mitt. über Weinbau u. Kellerwirtsch., 1903–18;
    Hdb. d. Weinbaues u. d. Kellerwirtsch., Bd. 2, ⁴1910, ⁵1921;
    Autobiogr.: Lb., in: Pfalz-Wein 12, 1924, S. 119–22 (P).

  • Literatur

    |B. Schmid u. C. Thesing (Hg.), Biologen-Kal. 1914, S. 352–54 (W-Verz.);
    R. Meißner, Zur 50j. Jubelfeier d. staatl. höheren Lehranstalt f. Wein-, Obst- u. Gartenbau z. Geisenheim a. Rh., in: Zbl. f. Bakteriol., Parasitenkde. u. Infektionskrankheiten, 2. Abt., 56, 1922, S. 289–302 (P, W-Verz.);
    ders., in: Wein u. Rebe 7, 1925/26, S. 147–52;
    Weinbauverein f. d. Rheinpfalz, in: Pfalz-Wein 12, 1924, S. 118 f. (P);
    F. Muth, in: Berr. d. Dt. Botan. Ges. 43, 1925, S. [112]-[142] (P, Autobiogr., W-Verz.);
    ders., in: Geisenheimer Mitt. über Obst- u. Gartenbau 40, 1925, S. 113–15 (P);
    R. Hartnauer, in: Mitt. d. Vereinigung Ehem. Geisenheimer 28, 1925, S. 37–39 (P);
    P. Lange, W.-Ehrung, ebd. 31, 1928, S. 28;
    B. Krug, Ansprache z. Feier d. W.-Ehrung, ebd. 33, 1930, S. 78;
    A. Herrmann, Gräber berühmter u. im öff. Leben bekanntgewordener Personen auf d. Wiesbadener Friedhöfen, 1928, S. 524 f.;
    H. Becker, 75 J. Rebenveredlung in Dtld., in: Probleme d. Rebenveredlung 5, 1965, S. 15–30 (P);
    J. H. Barnhart, Biogr. Notes upon Botanists, Bd. 3, 1965, S. 522;
    Hess. Forsch.anstalt f. Wein-, Obst- u. Gartenbau (Hg.), Geisenheim 1872–1972, 100 J. Forsch. u. Lehre f. Wein-, Obst- u. Gartenbau, 1972 (P);
    F. A. Stafleu, R. S. Cowan, Taxonomic Literature 7, ²1988, S. 459 f.;
    Ges. z. Förderung d. Forsch.anstalt Geisenheim (Hg.), 125 J. Forsch.anstalt Geisenheim, 1997;
    P. Claus, in: Persönlichkeiten d. Weinkultur, Schrr. z. Weingesch. 140, ²2002, S. 200 (P);
    Vereinigung Ehem. Geisenheimer (Hg.), 125 J. VEG, Geisenheim Alumni Association, Chron. 1894–2019, 2019;
    Nassau. Biogr.;
    Gerber, Persönlichkeiten Land- u. Forstwirtsch.;
    Biogr. Enz. Naturwiss.;
    DBE;
    Qu Archiv d. Ev. Kirche, Kirchenkr. Lübbecke u. Paderborn;
    Archiv u. Bibl. d. Hochschule Geisenheim;
    Geh. StA Preuß. Kulturbes. Berlin-Dahlem.

  • Porträts

    |Granitblock mit Bronzerelief v. Prof. Kaun, gestiftet v. Dt. Weinbauverband, 1927 (Hochschule Geisenheim, Park);
    Ölgem. v. R. Gosekuhl, gestiftet v. d. Vereinigung Ehem. Geisenheimer, 1930 (Archiv d. Hochschule Geisenheim).

  • Autor/in

    Ekkehard Höxtermann
  • Zitierweise

    Höxtermann, Ekkehard, "Wortmann, Julius Carl Ludwig" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 505-507 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142972.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA