Wolffsohn, Karl

Lebensdaten
1881 – 1957
Geburtsort
Wollstein (Wolsztyn, Polen)
Beruf/Funktion
Verleger ; Kino- und Varietébetreiber
Konfession
jüdisch
Namensvarianten

  • Wolffsohn, Karl
  • Wolffsohn, Carl

Vernetzte Angebote

Verknüpfungen

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Auf der Karte werden im Anfangszustand bereits alle zu der Person lokalisierten Orte eingetragen und bei Überlagerung je nach Zoomstufe zusammengefaßt. Der Schatten des Symbols ist etwas stärker und es kann durch Klick aufgefaltet werden. Jeder Ort bietet bei Klick oder Mouseover einen Infokasten. Über den Ortsnamen kann eine Suche im Datenbestand ausgelöst werden.

Zitierweise

Wolffsohn, Karl, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz142956.html [29.01.2026].

CC0

  • Wolffsohn, Karl

    | Verleger, Kino- und Varietébetreiber, * 16.5.1881 Wollstein (Wolsztyn, Polen), 6.12.1957 Berlin(-West), Jüdischer Friedhof Heerstraße/Scholzplatz.

  • Genealogie

    V Samuel (1848–1907), Bes. e. Buchdruckerei, Verl. d. Kreisblatts d. Bomster Kreises in W., S d. Isaak (um 1816–85), Kantor, u. d. Selka Abramczy;
    M Ernestine (1847–1930), aus W., T d. Jacob Breslauer u. d. Frederike N. N.;
    Ov Ludwig (* 1846, Florentine Wasser,* 1855);
    5 B Willy (1875–1914, Margarete Beer), Bes. e. Druckerei in B., Heinrich (1875 – v. 1919?, Alice Cohn-Höxter), Bes. e. Textilfärberei in B., Jacob (Jakob, Jacques, Jack, 1880–1915), Student d. Rechtswiss., Georg (1883–1931, Ilse Meyerhof, verh. Sloan, 1892–1964), Dr. iur., RA, Notar in B., Max (1885–1919), Bes. e. Buchdruckerei in W., 2 Schw Caecilie (* 1875, Salomon [Sally] Littmann,* 1870, Textilhändler in B.), Elise (1878–1956, 1] Siegbert Levi, 1919, 2] N. N. Lent), Inh. e. Pension in B., emigrierte 1945 n. New York;
    Berlin 1914 Recha (1887–1972), T d. Hermann Landecker (* 1857), Kaufm. in Exin (Kcynia, Polen), u. d. Doris (Dore) Moses (1859–1984);
    2 S Willi (Zeew) (1916–91, Lea Zadek, 1920–2000, Landwirtin in Israel), Landwirt in Israel, Max (1919–2000, Thea Saalheimer, 1922–2023), Kaufm. in B.;
    E Jigal (* 1946), Juwal (1948–75), Joaw (* 1952), Jaron (* 1956), Michael (* 1947, Rita Braun-Feldweg,* 1948, Pharm., Vorstand d. Gartenstadt Atlantic AG, T d. Wilhelm Braun-Feldweg, 1908–98, Maler, Industriedesigner, Doz. an d. Berufsschule in Geislingen/Steige, 1948 an d. Staatl. Höheren Fachschule f. Edelmetallgewerbe in Schwäb. Gmünd, 1958 an d. Berliner Hochschule f. Bildende Künste, s. Designlex., u. d. Marianne N. N., 1913–2011, Konzertgeigerin), aus Tel Aviv, 1981–2012 Prof. f. Neuere Gesch. an d. Univ. d. Bundeswehr München, Vorstand d. Gartenstadt Atlantic AG, u. a. Vf. e. Fam.gesch. (s. L);
    Schwägerin Gertrud (Trude) (1894–1968, 1] 1919–31 Hans Neumann, 1886–1962, Filmproduzent, Regisseur, Kinobetreiber, Drehbuchautor, 2] Hans [John] Wolffsohn, 1906–75, Bes. e. Druckerei in B., ltd. Angest. d. Los Angeles Times, S d. Willy W., 1914, s. o.);
    N Margot (1903–74, 1] N. N. Brasch, Textilfabr., 2] 1927–28 Rudolf Kurtz, 1884–1960, Schriftst., Filmkritiker, 3] n. 1928–47 Curt Thesing, Ps. R. Rosen, 1879–1956, aus Danzig, Dr. phil., Biol., Verl., Publ., Übers., Pazifist, s. Killy; Altpreuß. Biogr. V/3, 1] Rose Lanyi, 1881–1959, Ärztin, 2] 1923 Rudolf Hilferding, 1877–1941, Soz.wiss., Pol., Reichsfinanzmin., s. NDB IX, 2] Marguerite Lüdecking, 1891–1931, Übers., S d. Robert Thesing, Jur., Kreisrichter, OB v. Tilsit, GJR), Siegbert Littmann (* 1905, Gerda Bertha, 1906–91), Ursula (Ulla)|(1918–2011, Henry Eastman), Ellen;
    Gr-N Horst Brasch (1922–1989, Gerda Wenger, 1921–75, Journ.), emigrierte 1939 n. Großbritannien, 1963–89 Mitgl. d. ZK d. SED, Abg. d. Volkskammer, 1966–69 stellv. Kulturmin. d. DDR;
    Ur-Gr-N Thomas Brasch (1945–2001), aus Westow (North Yorkshire), Schriftst., Regisseur.

  • Biographie

    W. verließ nach der Unter-Tertia 1895/96 das kgl. Gymnasium Sorau (heute Żary, Polen) ohne Abitur, um das Druckerhandwerk im väterlichen Betrieb in Wollstein (Prov. Posen) zu erlernen. Um 1900 setzte er die Ausbildung beim Ullstein Verlag in Berlin fort.

    Mit Bruder Willy betrieb W. dort ab 1901 die kleine Buch- und Kunstdruckerei „Gebr. Wolffsohn“. Sie wurde unter dieser Firma 1908 als GmbH mit neuen Inhabern, den Brüdern Max und Jacob, in das Berliner Handelsregister eingetragen, während W. das Geschäft führte. Im April 1910 erhielten die drei Jungunternehmer den Druckauftrag für die wöchentlich erscheinende und landesweit vertriebene Filmfachzeitschrift Lichtbild-Bühne (LBB). Ab der Ausgabe vom 4.6.1910 wurde sie von der Gebr. Wolffsohn GmbH auch verlegt. Zu den Lesern zählten Kinobetreiber und Filmverleiher. Nach dem Tod von Max und Jacob gelang es dem Erben W. 1924, Ullstein als kapitalstarken Minderheitsgesellschafter zu gewinnen und die LBB zum zweitgrößten dt. Filmfachblatt zu entwickeln. Bei der Umstellung auf eine Tagesausgabe im Jan. 1927 lag die Auflage bei 3600 Exemplaren, nur übertroffen vom Film-Kurier Alfred Weiners (1877–1954) mit einer Auflage von ca. 12 000–14 000 Exemplaren (1923).

    W. beschäftigte 1931 am Firmensitz in der Friedrichstraße Nr. 225 in Redaktion, Druckerei, Buchbinderei und Klischeeanstalt rund 150 Mitarbeiter. Das Sortiment an Sachbüchern umfaßte Rudolf Kurtz’ „Expressionismus und Film“ (1926), das „Reichs-Kino-Adreßbuch“ (1918 ff.) und das von W. selbst edierte „Jahrbuch der Filmindustrie“ (5 Bde., 1923–33). Am 30.5.1927 machte W. sein LBB-Archiv öffentlich zugänglich, eine einzigartige Fachbibliothek mit internationalen Periodika, Monographien und Dissertationen zum Film, ergänzt um Photographien und Schriftgut. 1919 gründete W. mit weiteren Teilhabern das am 2.11.1920 eröffnete Berliner Varieté „Scala“, ursprünglich als Kino geplant. Gelegen nahe dem Kurfürstendamm, bot die „Scala“ maximal 3000 Zuschauern erstklassige Veranstaltungen, in denen etwa die „Comedian Harmonists“ und der Clown Grock (1880–1959) auftraten. An dem gleichgroßen Tochterunternehmen „Plaza“, das am 4.2.1929 im umgebauten Ostbahnhof inmitten des Arbeiterbezirks Friedrichshain den Spielbetrieb aufnahm, war W. ebenfalls minoritär beteiligt. 1928 pachtete W. die neuerbaute „Lichtburg“ in Essen, neben der „Schauburg“ im Besitz der Universum-Film AG (Ufa) eines von zwei lokalen Premierenkinos. 1929 kam die neuerrichtete und gemietete „Lichtburg“ mit ebenfalls 2000 Plätzen in Berlin-Gesundbrunnen hinzu. Sie bildete das kulturelle Zentrum der von dem Architekten Rudolf Fränkel (1901–1974) entworfenen Gartenstadt Atlantic. Daneben betrieb W. mittelgroße Nachspielkinos: in Köln ab 1928 die „Lichtspiele des Westens“ und ab 1931 die „Lichtspiele des Zentrums“, daneben in Düsseldorf von 1929 bis 1932 die „Alhambra“. Infolge der Weltwirtschaftskrise gerieten nicht nur seine Filmtheater, sondern auch die von Jules Marx (1882–1944) geleiteten Theater „Scala“ und „Plaza“ in finanzielle Schwierigkeiten.

    Ohne Aussicht, als jüd. Verleger und Unterhaltungsunternehmer Mitglied in der im Sept. 1933 gegründeten Reichskulturkammer zu werden, stellte W. keinen obligatorischen Aufnahmeantrag und erhielt folglich Berufsverbot. 1934 wurde er gemeinsam mit den übrigen inzwischen ausnahmslos jüd. Gesellschaftern der beiden Berliner Varietés enteignet. Die „Scala“ eigneten sich zwei nichtjüd. Geschäftsführer zusammen mit dem Gläubiger Dt. Unionsbank an, die Dresdner Bank übernahm den Schuldner „Plaza“. Den mittlerweile uneingeschränkt W. gehörenden Verlag der LBB erwarben 1934 die Münchner Verleger Paul Franke (1881–1984) und Heinrich Stumpf. Im selben Jahr wurde W. von dem Essener Gauleiter Josef Terboven (1898–1945) der geringfügige Preis vorgeschrieben, zu dem er seinen „Lichtburg“ -Pachtvertrag an den Konkurrenten Ufa verkaufen mußte.

    Im Fall der Berliner „Lichtburg“ verzögerte W. unter Lebensgefahr die drohende Enteignung, indem er de jure Bevollmächtigter des österr. jüd. Eigentümers Maximilian Sperber (1899–1940), de facto aber verdeckt Inhaber des Gartenstadt Atlantic und damit Verpächter und Pächter in Personalunion wurde. Am 15.8.1938 von der Gestapo verhaftet, kam W. am 13.2.1939 unter der Auflage frei, unverzüglich Deutschland zu verlassen. Er floh mit seiner Ehefrau und einem Visum für Palästina am 26.3.1939 über die Niederlande, Belgien und Marseille nach Tel Aviv, wo bereits die beiden Söhne lebten.

    Um zahlreiche Wiedergutmachungsprozesse zu führen und hiervon gesetzlich getrennte|Entschädigungen zu beantragen, kehrte W. 1949 dauerhaft in den Westteil Berlins zurück. Da der Verlag, fast alle Kinos und die beiden Berliner Varietés nicht mehr existierten, wurden W. und seine Erben nur minimal finanziell entschädigt. Noch zu Lebzeiten erhielt W. die Gartenstadt Atlantic zurück, aber nicht die ausgebombte „Lichtburg“. Wiederaufgebaut und umbenannt in „Corso“, mußte das Grenzkino im Juli 1963 mangels Publikum aus Ost-Berlin den Betrieb einstellen und wurde 1970 abgerissen. Hingegen besteht die gleichfalls kriegszerstörte, später restaurierte und modernisierte „Essener Lichtburg“ bis in die Gegenwart fort.

  • Werke

    W Hg.: Jb. d. Filmind., Bd. 1–5, 1923-33;
    Ein Leben f. d. Film, Zum 50. Geb.tage v. K. W., 1931 (P);
    Nachlaß: IfZ München.

  • Literatur

    |G. Herzberg, in: Film-Echo, Nr. 100 v. 14.12.1957, S. 1624;
    HEF [H. E. Feldt], in: Der Neue Film (München), Nr. 102 v. 19.12.1957, S. 1;
    PEM [P. Marcus], in: Aufbau/Reconstruction (N. Y.), Nr. 52 v. 27.12.1957, S. 31;
    – W. Jansen u. K. H. Pütz, Die Scala, in: K. H. Pütz (Hg., bearb. v. W. Jansen), … und abends in die Scala, Fotogrr. v. J. Donderer, 1991, S. 53–57;
    J. Schnauber, Die Arisierung d. Scala u. Plaza, Varieté u. Dresdner Bank in d. NS-Zeit, 2002;
    Ch. Wilmer, D. Bessen, M. Kroll u. M. Menze (Hg.), 75 J. Lichtburg Essen 1928–2003, 2003;
    Ch. Wilmer (Hg.), K. W. u. d. Lichtburg, Die Gesch. e. Arisierung, 2006 (P);
    ders., Die Lichtburg in Essen, hg. v. Rhein. Ver. f. Denkmalpflege u. Landschaftsschutz, 2011;
    D. Ziegler, Die Dresdner Bank u. d. dt. Juden, 2006, S. 269–91;
    G. Zohlen (Hg.), Rudolf Fränkel, die Gartenstadt Atlantic u. Berlin, 2006;
    U. Döge, Ein verlorener Schatz, Das LBB-Archiv v. K. W., in: R. Aurich u. R. Forster (Hg.), Wie d. Film unsterblich wurde, Vorakad. Filmwiss. in Dtld., 2015, S. 42–48;
    ders., „Er hat eben das heiße Herz“, Der Verl. u. Filmuntern. K. W., 2016 (P);
    Michael Wolffsohn, Dt.jüd. Glückskinder, Eine Weltgesch. meiner Fam., 2017 (P);
    F. Riedel, Und abends in d. Scala! K. W. u. d. Varietékonzern Scala u. Plaza 1919 bis 1961, Aufstieg, „Arisierung“, „Wiedergutmachung“, 2019 (P).

  • Autor/in

    Ulrich Döge
  • Zitierweise

    Döge, Ulrich, "Wolffsohn, Karl" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 459-461 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142956.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA