Wolff, Hans J.
- Lebensdaten
- 1898 – 1976
- Geburtsort
- Elberfeld (heute Wuppertal)
- Sterbeort
- Münster (Westfalen)
- Beruf/Funktion
- Jurist
- Konfession
- lutherisch
- Namensvarianten
-
- Wolff, Hans
- Wolff, Hans Julius
- Wolff, Hans Julius Ernst
- Wolff, Hans J.
- Wolff, Hans
- Wolff, Hans Julius
- Wolff, Hans Julius Ernst
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Wolff, Hans Julius Ernst (Eigenschreibweise Hans J. Wolff)
| Jurist, * 3.10.1898 Elberfeld (heute Wuppertal), † 5.11.1976 Münster (Westfalen), ⚰ Wuppertal-Elberfeld, Lutherischer Friedhof Hochstraße. (lutherisch)
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Genealogie
Aus seit etwa 1800 im Berg. Land ansässiger Fabrikantenfam., d. zuerst um 1586 mit Theobald Ewaltt, Gastwirt u. Bürger in Rüsselsheim, nachweisbar ist;
dessen Nachfahren waren Gastwirte u. Bierbrauer b. Darmstadt, u. a. →Johann Peter (1672–1745), Bierbrauer u. Kastenmeister, dessen S →Johann Tobias (1714–1773), Bierbrauer, Bgm. u. Ger.verw. in Eberstadt b. Darmstadt, dessen E →Johann Friedrich (s. u.);
V →Wilhelm Bruno (1873–1943), Textilfabr., Teilh. d. Rohseidenhauses „Coutelle &
Wolff“ in E., S d. →Julius August (1830–1898), Dr. phil., Färbereibes. in E., u. d. →Carolina Knorr v. Rosenroth (1832–1906);
M Luisa Elisabeth (Else) (1876–1964), T d. Ernst Immanuel Schniewind (1851–1916), Bes. d. Schwanen-Apotheke in E., u. d. Elisabeth Maria Voeller (1855–1903);
Ur-Gvv →Johann Friedrich (1783–1836), gründete d. Färberei „Joh. Friedr. Wolff“ in E. u. Unterbarmen;
B →Klaus Ernst Günther (1904–1997), Kaufm., Vorstandsmitgl. d. Fa. Gebhard, Wuppertal-Vohwinkel;
– ⚭ 1) Kassel 1928 Lieselotte (1906–45), T d. Hermann Wenzel (1879–1918), aus Geismar, Eisenbahn-Obersekr. in Kassel, u. d. Marie Hantelmann (1881–1945), 2) Münster 1947 Martha (1910–99), aus Düsseldorf, T d. →Adolf Eduard Focke (1880–1964), Textilkaufm. in Krefeld, u. d. Paula Maria Risler (1886–1954);
5 T aus 1) (1 früh †) →Charlotte (* 1929), Restauratorin, Ulrike (1931–2019, ⚭ 2] 1967–79 →Werner Ischebeck,* 1941, Dr. med., Prof. f. Neurochirurgie in Witten-Herdecke), →Christiane (1937–2019), Flugbegleiterin, →Cornelia (* 1945), Lehrerin, Psychol., 1 Stief-S aus 2) Peter Christian (1945–2017). -
Biographie
W. besuchte das Städtische Realgymnasium Elberfeld (Abitur 1917), nahm anschließend als Kanonier am 1. Weltkrieg teil und wurde in Frankreich schwer verwundet (Beinverkürzung). Seit 1918 studierte er Rechtswissenschaften in Göttingen, Bonn, Halle/Saale und München (1922 preuß. Erste Jur. Staatsprüfung). Es folgte das preuß. Verwaltungsreferendariat, z. T. im besetzten Rheinland und als kommissarischer Bürgermeister in Höchst/Main. 1925 wurde W. bei →Julius Hatschek (1872–1926) in Göttingen mit der Arbeit „Grundlagen der Organisation der Metropolen London, New York, Berlin, Paris, Wien und Hamburg“ (1924) zum Dr. iur. promoviert, 1926 bestand er in Düsseldorf die preuß. Staatsprüfung für den Höheren Verwaltungsdienst und arbeitete zunächst bei der Regierung in Kassel. Mit dem ersten Teil seiner Arbeit „Organschaft und juristische Person“, „Juristische Person und Staatsperson, Kritik, Theorie u. Konstruktion“ (1933), habilitierte sich W. 1929 an der Univ. Frankfurt/M. bei →Friedrich Giese (1882–1958) für Verfassungs- und Verwaltungsrecht, Staatsund Verwaltungslehre und Rechtsphilosophie. Seit 1930 arbeitete W. im eingemeindeten Höchst bei der Kreisverwaltung des Main-Taunus-Kreises, u. a. als Stellvertreter des sozialdemokratischen Landrats →Wilhelm Apel (1873–1960); im Aug. 1931 untersagte er die Verbreitung eines Flugblatts der NSDAP, das zur Auflösung des preuß. Landtags aufrief. 1932 in der Hochschulabteilung des preuß. Kultusministeriums tätig, wurde er 1933 als Nachfolger von →Hermann Heller|(1891–1933) an die Univ. Frankfurt/M. auf den Lehrstuhl für öffentliches Recht berufen, nach Protesten nationalsozialistischer Studenten beurlaubt und formal an die Univ. Marburg versetzt. Seit 1935 unterrichtete W. am dt.sprachigen „Herder-Institut“ in Riga (Lettland), 1937 wurde er Mitglied der NSDAP.
Er beriet den dt. Gesandten →Hans-Ulrich v. Kotze (1891–1941) bei der Rückführung „deutschen Kulturguts“ und engagierte sich in der ev. Kirche. 1940 wechselte W. an die Dt. Karls-Univ. Prag auf einen Lehrstuhl für öffentliches Recht (Dekan); Rufe nach München und Wien lehnte er ab. Vom Sicherheitsdienst des Reichsführers SS wurde W. als politisch „unzuverlässig“ bezeichnet. 1945 floh W. mit seiner Familie aus Prag nach Tegernsee, 1946 nach Münster, wo er durch Vermittlung →Harry Westermanns (1909–1986) seit April 1946 einen Lehrauftrag wahrnahm. 1947 zum Direktor des Kommunalwissenschaftlichen Instituts ernannt, wurde der 1949 abschließend mit Stufe V (entlastet) entnazifizierte W. 1948 auf den Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie der Univ. Münster berufen (Dekan 1958/59, em. 1968). 1947 wurde er Mitglied im „Beratenden Ausschuss für Verwaltungs- und öffentliches Recht“ der brit. Zone und hielt auf der Staatsrechtslehrertagung 1950 in München das durch die Betonung von Gewaltenteilung und einer Trennung zwischen Polizeiund sonstigen Verwaltungsaufgaben wegweisende Referat „Die Gestaltung des Polizeiund Ordnungsrechts in den Besatzungszonen Deutschlands“. Aus seinem in Münster entwickelten Vorlesungsskript zum Verwaltungsrecht entstand ab 1956 ein Lehrbuch, das, als Standardwerk bis heute fortgeführt, bereits unter W. neun Auflagen erreichte und die Entwicklung des Verwaltungsrechts in der Bundesrepublik dokumentiert.
Im Nebenamt war W. Richter am Oberverwaltungsgericht Münster. 1952–54 war er Vorsitzender der Vereinigung Dt. Staatsrechtslehrer, dazu Studienleiter der Verwaltungsakademien in Münster und Hagen. W., der nach 1945 losen Kontakt zu →Carl Schmitt (1888–1985) unterhielt, wurde 1962 Gründungsherausgeber der auch als Medium für Schmitt gedachten Zeitschrift „Der Staat“. Sein besonderes Interesse galt der Rechtsphilosophie (1957 Vors. d. westfäl. Sektion d. Internat. Vereinigung f. Rechts- u. Soz.philos.), in der ihm aber eine größere Wahrnehmung versagt blieb.
Der gemäßigt-konservative, seit 1945 parteilose W. prägte die Verwaltungsrechtswissenschaft der Bundesrepublik, u. a. mit den dogmatischen Begrifflichkeiten zu Organschaft und juristischer Person. Fest verankert im Rechtspositivismus und der Tradition preuß. Rechtsstaatlichkeit, aber auf wissenschaftliche Eigenständigkeit bedacht, entzog er sich Kategorisierungen oder Zuschreibungen zu „Schulen“. 1933–45 trat er literarisch wenig in Erscheinung.
Über seinen Tod hinaus wirkte W. auch durch seine Schüler, darunter →Ernst-Wolfgang Böckenförde (1930–2014), →Georg-Christoph v. Unruh (1913–2009), →Christian-Friedrich Menger (1915–2007), →Werner Hoppe (1930–2009), →Martin Kriele (1931–2020) und →Ralf Dreier (1931–2018).
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Auszeichnungen
|E. K. II. Kl. (1918);
Verwundetenabzeichen;
Gr. BVK (1969);
Mitgl. d. Vereinigung dt. Staatsrechtslehrer (1929, erneut 1950), d. Dt. Ak. d. Wiss., Prag (1944/45) u. d. Arb.gemeinschaft f. Forsch. NRW (1950). -
Werke
|Die neue Reg.form d. Dt. Reiches, 1933;
Organschaft u. jur. Person, Unters. z. Rechtstheorie u. z. öff. Recht, Bd. 2: Theorie d. Vertretung, Stellvertretung, Organschaft u. Repräsentation als soz. u. jur. Vertretungsformen, 1934;
Ev. Ethik d. Politischen, Eine Auseinandersetzung mit Georg Wünsch, in: Archiv f. Rechts- u. Soz.philos. 32, 1938/39, S. 225–61;
Die Rechtsbrüche z. Nachteil d. dt. Volksgruppe in Lettland, 1919–1939, 1941;
Die Rechtsgestalt d. Univ., 1956;
Verw.recht, Ein Stud.buch, Bd. 1, 1956, 9. Aufl. mit O. Bachof 1970, 12. Aufl. bearb. v. R. Stober u. W. Kluth, 2007, Bd. 2: Organisationsu. Dienstrecht, 1962, ⁶2000, Bd. 3: Ordnungs- u. Leistungsrecht, Verfahrens- u. Prozeßrecht, 1966, ⁵2004;
W-Verz. in: Ch.-F. Menger (Hg.), Fortschritte d. Verw.rechts, FS f. H. J. W. z. 75. Geb.tag, 1973, S. 505–15 (P). Qu–Nachlaß: Fam.bes.;
einzelne Korr. in: Univ.archive Frankfurt/M. u. Münster, Geh. StA Preuß. Kulturbes. Berlin, Staatsbibl. Berlin (Verlagskorr.);
Landesarchiv NRW Duisburg (Korr. Carl Schmitt);
Landesarchiv NRW Münster;
Niedersächs. Staatsu. Univ.bibl. Göttingen (Korr. Rudolf Smend);
BA Koblenz. -
Literatur
|N. Achterberg, in: AöR 1977, S. 118–21;
O. Bachof, in: JZ 1977, S. 69;
M. Kriele, in: Jur. im Portrait, 1988, S. 694–700 (P);
N. Hammerstein, Die Johann Wolfgang Goethe Univ. Frankfurt am Main I, 1989, S. 774 f.;
U. Battis, Ein dt. Staatsrechtslehrer in d. NS-Zeit, in: NJW 1999, S. 884 f.;
L. Steveling, Jur. in Münster, 1999;
M. Stolleis, Gesch. d. öff. Rechts in Dtld. III, 1999, S. 266 u. 297, IV, 2012, S. 65 f., 184 f., 445 f., 492 f. u. 538;
D. Bastian, Westdt. Polizeirecht unter alliierter Besatzung (1945–1955), 2010, S. 87 f.;
191 u. 196 ff.;
D. Gosewinkel, „Beim Staat geht es nicht allein um Macht, sondern um d. staatl. Ordnung als Freiheitsordnung“, Biogr. Interview mit Ernst-Wolfgang Böckenförde, in: E.-W. Böckenförde, Wiss., Pol., Vfg.ger., 2011, S. 307–486 (bes. S. 341–45 u. 385);
S. Felz, Im Geiste d. Wahrheit?, Zw. Wiss. u. Pol., Die Münsterschen Rechtswiss. v. d. Weimarer Rep. bis in d. frühe Bundesrep., in: H.|U. Thamer u. a. (Hg.), Die Univ. Münster im NS, Kontinuitäten u. Brüche zw. 1920 u. 1960, 2012, S. 347–412, bes. S. 380;
H.-U. Erichsen, in: Th. Hoeren (Hg.), Münsteraner Juraprofessoren, 2014, S. 249–66;
S. Korioth, Wider d. „Zerreden d. Staates“, Ernst-Wolfgang Böckenförde u. d. Entstehen d. Zs. „Der Staat“, in: R. Mehring u. M. Otto (Hg.), Voraussetzungen u. Garantien d. Staates, 2014, S. 30–45;
A. Funke, Pedanterie oder Perspektive, Das „Verw.recht“ von H. J. W., in: C. Kremer (Hg.), Die Verw.rechtswiss. in d. frühen Bundesrep. (1949–1977), 2017, S. 49–87;
M. Möstl, in: Staatsrechtslehrer 20. Jh.;
R. Mehring (Hg.), Welch gütiges Schicksal, Ernst-Wolfgang Böckenförde/Carl Schmitt, Briefwechsel 1953–1984, 2022;
Kürschner, Gel.-Kal.;
Wi 1973;
Cat. professorum academiae Marburgensis;
– zur Fam.: Dt.GB 83, 1935. -
Porträts
|Bronzerelief v. H. Pauly, 1994 (Univ. Münster, Jur. Seminar);
Ölgem. v. E. van de Wetering, um 1977 (Fam.bes.);
Photogr. in: FAZ v. 5.1.2000, S. 9. -
Autor/in
Martin Otto -
Zitierweise
Otto, Martin, "Wolff, Hans Julius Ernst (Eigenschreibweise Hans J. Wolff)" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 439-441 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142947.html#ndbcontent