Wodianer von Kapriora, Moriz Freiherr( seit 1863)

Lebensdaten
1810 – 1885
Geburtsort
Szeged (Ungarn)
Sterbeort
Baden bei Wien
Beruf/Funktion
Großhändler ; Bankier
Konfession
mehrkonfessionell
Namensvarianten

  • Wodianer, Moriz Ritter von( 1858-1863)
  • Wodianer, Moriz( bis 1858)
  • Wodianer von Kapriora, Moriz Freiherr( seit 1863)
  • wodianer von kapriora, moriz freiherr
  • Wodianer, Moriz Ritter von( 1858-1863)
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  • Wodianer, Moriz Ritther von( 1858-1863)
  • wodianer, moriz ritther von

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Zitierweise

Wodianer von Kapriora, Moriz Freiherr( seit 1863), Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz142929.html#indexcontent [13.05.2026].

CC0

  • Wodianer von Kapriora, Moriz Freiherr (österreichischer Ritter 1858, Freiherr 1863 mit Prädikat „von Kapriora“)

    | Großhändler, Bankier, * 3.11.1810 Szeged (Ungarn), † 8.7.1885 Baden bei Wien, ⚰ Puzsta Szanda (Ungarn), Familiengruft. (jüdisch, vor 1835 katholisch)

  • Genealogie

    Aus im 18. Jh. in Böhmen nachweisbarer jüd. Fam.; V Samuel (Sámuel, Shemu’el) (1784–1850, jüd., 1841 luth., ungar. Adel 1843 mit Prädikat „v. Kapriora“), aus S., Großhändler bes. f. Wolle u. Tabak ebd., Mitgl. u. 1816–20 Vors. d. Gde.rats ebd., Bankier, seit 1828 in Pest, beteiligt an d. Finanzierung d. 1849 fertiggestellten Donaubrücke v. Pest n. Buda, 1849 stiller Gesellschafter d. v. W. gegründeten Bankhauses „Moriz Wodianer“, S d. Philip W. (Feivish Ehprevitz, Shraga Feivish, Philip Weidman) (v. 1760–1820), aus Veprovácz (Bács-Bodrog, Ungarn), seit 1783 in S., Großhändler bes. f. landwirtschaftl. Produkte, 1808, 1813 u. 1815 Oberhaupt d. jüd. Gde. in S., Stifter v. Grund u. Zeremonialgegenständen f. d. Synagoge ebd., u. d. Sarah Kozman; M Sophia Lobel (Bobella) (?) (1784/87–1875), aus Alt-Ofen (Óbuda, Ungarn); Ov Rudolf W. (1788–1856, Rozalia [Rosa] Coppel [Koppl, Koppel], um 1794–1849), aus S., seit 1810 in Pest, Großhändler bes. f. Wolle u. Getreide, Transportuntern., Bankier, Großgrundbes. in Puszta berény (Somogy, Ungarn), Yehoshu‘a Kosman (1789–1831), jüd. Gel., leitete e. Jeschiwa (Yeshiva) in Győrsziget (Ungarn), Schriftst.;– 1833 Franziska (1812–39), T d. Moses (Moritz Johann) Ullmann de Szitány (Szitáni) u. d. Veronika Hirschler; 1 S Albert (1834–1913), aus Pest, Großhändler, Bankier, kgl. ungar. Rat, Mitgl. d. Repräsentantenhauses d. ungar. RT (Magnatenhaus), dt. Vizekonsul in Budapest, Universalerbe v. W., 1869 Rr. d. Ordens d. Eisernen Krone II. Kl. (s. Wurzbach), 3 T Anna (1835–1919, Karoly Gf. Ferri, 1820–1909), Gabriele (Gabriella) (1837–1917, Vinzenz [Vince] Gf. Nemes de Hidvég et Oltszem, 1830–96, in Wien), Barbara (Borbála) (1838–61, Geza Rr. v. Wachtler, 1831–96).

  • Biographie

    Kurz nach seinem Schulabschluß 1828 trat W. in das Großhandels- und Bankhaus seines Vaters ein, an dem er als stiller Gesellschafter beteiligt war. Zu Beginn der 1840er Jahre verlegte er seine Geschäftstätigkeiten nach Wien und gründete hier 1849 das Bankhaus „Moriz Wodianer“, bei dem sein Vater stiller Gesellschafter war. Bereits ein Jahr zuvor war ihm mit der Beteiligung an der Emission einer Staatsanleihe und seiner Berufung in das Direktorium der österr. Nationalbank der erfolgreiche Einstieg auf dem Wiener Finanzplatz gelungen. Er machte sein Bankhaus, ohne dessen Mitwirkung keine Staatsanleihe in den folgenden Jahrzehnten emittiert wurde und das zudem als Hausbank für zahlreiche Vertreter der ungar. Aristokratie diente, zu einem der bekanntesten und bedeutendsten Häuser Wiens.

    W. war nicht nur Finanzexperte und an allen wichtigen Finanztransaktionen (Anleihen) in Konsortien gemeinsam mit dem Haus Rothschild beteiligt, sondern bekleidete im Bankensektor langjährig höchste Positionen. Er stand 1840–84 im Dienst der privilegierten österr. Nationalbank: 1841–56 war er als Aktionär Mitglied im Bankausschuß, trug als Mitglied des Direktoriums 1856–63 wesentlich bei zur Regelung der Staatsschulden bei der österr. Nationalbank und dem Gelingen der gegen Ende dieses Jahrzehnts in Angriff genommenen Währungsreform. 1863–78 war er einer der drei stellv. Gouverneure der österr. Nationalbank und hatte 1877/78 deren interimistische Leitung inne. In diesen beiden Jahren verhandelte W. federführend mit den ungar. Stellen über die Anpassung der Statuten des Noteninstituts aufgrund der mit dem Ausgleich von 1867 erlassenen Gesetze. Von 1878 bis zu seinem Tod war er mit maßgebender Stimme im Generalrat vertreten und gleichzeitig Mitglied des Hypothekar-Credit-Komitees sowie des Exekutiv- und Verwaltungskomitees der österr. Nationalbank.

    Konkurrierte W. 1855, als es ihm gelang, die Pariser Brüder Pereire als Investoren zu gewinnen und franz. Kapital für Österreich zu interessieren, noch mit der Rothschild-Gruppe, so war er bereits seit den späten 1850er Jahren Mitglied dieses Konsortiums. Dieses setzte sich anfangs aus den beiden Häusern Rothschild in Wien und Frankfurt/M., der „Credit-Anstalt“ sowie seinem Bankhaus zusammen und wurde in späteren Jahren mit der Beteiligung bedeutender Berliner Bankhäuser wie der „Bank für Handel und Industrie“, dem Bankhaus „S. Bleichröder“ oder der „Disconto-Gesellschaft“ erweitert. So übernahm dieses Konsortium nach dem Wiener Börsenkrach 1873 die Sanierung der in Schwierigkeiten geratenen „Boden-Credit-Anstalt“ und des „Wiener Bankvereins“.

    Mit dem Ziel, die Kreditwürdigkeit der ungar. Reichshälfte auf dem europ. Finanzmarkt zu stärken, konzentrierte sich die Tätigkeit des Bankhauses Wodianer in den 1870er Jahren zunehmend auf das Kgr. Ungarn, z. B. bei der Gründung der „Ungarischen Allgemeinen Creditbank“ 1867. Dabei konnte W. sowohl auf sein Netzwerk innerhalb der Donaumonarchie als auch auf seine internationalen Kontakte nach Paris und London zurückgreifen.

    Auch in der Industrie- und Verkehrsinfrastrukturfinanzierung war W. engagiert: 1846 an der Umwandlung der Vöslauer Kammgarnfabrik in eine Aktiengesellschaft beteiligt, stand W. über mehrere Jahrzehnte als Präsident an der Spitze des Unternehmens.

    Das Bankhaus Wodianer war z. B. geschäftlich engagiert bei der Ausgabe von Anleihen, bei der Finanzierung des Baus der Budapester Kettenbrücke, außerdem bei Unternehmensgründungen, etwa der „k. k. priv. österreichische Staats-Eisenbahn-Gesellschaft“ 1855 (1855 Vizepräs., 1874 Präs. d. Verw.rats). W. beteiligte sich auch an der Gründung|verschiedener Nebenbahnen, in deren Verwaltungsgremien er wichtige Positionen innehatte. Als Vizepräsident und Präsident des Verwaltungsrats der österr. Staats-Eisenbahn-Gesellschaft war er nach 1867 führend in die bis 1882 dauernden Verhandlungen mit ihren franz. Aktionären und den Vertretern der ungar. Staatsverwaltung über die Umwandlung der Bahn in die „k. k. priv. Österreichisch-ungarische Staats-Eisenbahn-Gesellschaft“ mit eigener Verwaltung in Budapest eingebunden und wurde danach als Präsident in den Verwaltungsrat der ungar. Staatsbahngesellschaft berufen. Gleichzeitig bekleidete er den Posten des Präsidenten im Verwaltungsrat der „k. k. Ersten Donau-Dampfschiffahrts-Gesellschaft“; diese beiden strategisch wichtigen Verkehrsunternehmen der Habsburgermonarchie verzeichneten unter seiner Ägide in den Jahren vor 1873 einen bedeutenden Aufschwung. Gegen Ende der 1870er und zu Beginn der 1880er Jahre dehnte W. seine Gründungstätigkeit weiter aus: 1881 stieg er in das Versicherungsgeschäft ein und war nach der 1881 erfolgten Gründung der k. k. Allgemeinen Assecuranz (Assecurazione Generali in Triest) in ihrem Verwaltungsrat vertreten. 1860–85 Präsident der Wiener Börse, gelang W. nach 1873 deren erfolgreiche Restrukturierung, womit Wien gleichzeitig als attraktiver Finanzplatz etabliert wurde. 1877 schloß er mit der Eröffnung des neuen Gebäudes der Wiener Börse am Ring nach 14jähriger Planungs- und Bauphase dieses von ihm geleitete Projekt ab. Bereits in den 1860er Jahren war W. zu einem der größten Großgrundbesitzer Ungarns aufgestiegen. 1870 war er als Mitglied des vom Niederösterr. Gewerbevereins gegründeten Garantiefonds, zu dessen Kapitalisierung er 100 000 fl. beitrug, für die Projektierung der Wiener Weltausstellung zuständig und leitete als Vizepräsident die Abteilung für den Orient.

    W. galt zeitgenössisch als einer der letzten wirklichen „Banquiers“ und zählte zur „haute finance“ der gesamten Monarchie. Er repräsentierte seit 1867 deren Dualismus, da er in Cisleithanien über seine hohen Positionen im Finanz- und Verkehrssektor und in Transleithanien über seine Geburt und den ausgedehnten Grundbesitz verankert war, wodurch er 1874 Mitglied der ungar. Magnatentafel wurde. Es gelang ihm immer wieder, zwischen den divergierenden Interessen der österr. und ungar. Regierungsstellen zu vermitteln und einen Ausgleich herbeizuführen.

    Seine „dualistische“ Einstellung kommt auch in seinem Testament zum Ausdruck, wodurch in beiden Reichshälften jeweils eine mit 50 000 fl. dotierte Stiftung errichtet wurde, deren halbjährlich ausgezahlten Erträgnisse unschuldig in Not geratenen Industriellen zufließen sollten (letzte Ankündigung e. Auszahlung 1917).

  • Auszeichnungen

    |österr. Orden d. Eisernen Krone III. Kl. (1858, II. Kl. 1863 u. I. Kl. 1885);
    Großkreuz d. Franz-Joseph-Ordens (1877).

  • Quellen

    Qu Österr. StA; Österr. Haus-, Hof- u. StA; Österr.-Ksl. Hofkal. f. d. J. 1885, S. 144 u. 188; Compass, Kal.jb. f. Handel, Ind. u. Verkehr, 1868; Compass, Kal.jb. f. Capital u. Grundbes., 1869; Compass, Kal.jb. f. Volkswirtsch. u. Finanzwesen, 1870–74; Compass, Finanzielles Jb. f. Österr. u. Ungarn, 1875–86 (Internet); Ztgg.: Allg. Wiener Ztg. v. 9.7.1885, S. 1 f.; Badener Bez.-Bl. v. 9.7.1885; Morgenpost v. 8.7.1885, S. 2; Neues Wiener Tagbl. v. 9.7.1885, S. 2; Prager Abendbl. v. 9.7.1885; Prager Tagbl. v. 9.5.1885, S. 6; Neue Freie Presse v. 8.7.1885, Abendbl., S. 1 f.; Der Tresor, Zs. f. Volkswirtsch. u. Finanzwesen 14, Bd. 22, Nr. 687 v. 9.5.1885, S. 1; Volkswirtsch. W.schr. 1885 Nr. 80, S. 22 f.

  • Literatur

    |Ein Jh. Creditanstalt-Bankver., hg. v. d. Creditanstalt-Bankver., 1957, S. 80;
    E. März, Österr. Ind.- u. Bankpol. in d. Zeit Franz Josephs I., Am Bsp. d. k. k. priv. Österr. Credit-Anstalt f. Handel u. Gewerbe, 1968, S. 237 f.;
    R. Granichstaedten-Cerva u. a., Altösterr. Untern., 1969, S. 138;
    S. Pressburger, Das österr. Noteninst. 1816–1966, 4 Bde., 1969, passim;
    F. Baltzarek, Die Gesch. d. Wiener Börse, 1973, S. 78–96;
    H. Grössing u. a., Rot-Weiß-Rot auf blauen Wellen, 150 J. DDSG, 1979, S. 172;
    F. Mathis, Big Business in Österr., 1987, S. 333 f.;
    G. Gaugusch, Wer einmal war, Das jüd. Großbürgertum 1800–1938, Bd. II, 2011, S. 1197;
    R. Sandgruber, Rothschild, Der Untergang d. Wiener Welthauses, 2018, S. 151;
    Wurzbach;
    ÖBL;
    Mitt. v. Georg Gaugusch, Dez. 2019 u. Juni 2022.

  • Porträts

    |Zeichnung, Abb. in: Der Humorist v. 16.7.1885.

  • Autor/in

    Charlotte Natmeßnig
  • Zitierweise

    Natmeßnig, Charlotte, "Wodianer von Kapriora, Moriz Freiherr (österreichischer Ritter 1858, Freiherr 1863 mit Prädikat „von Kapriora“)" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 369-371 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142929.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA