Wirth, Christian
- Lebensdaten
- 1885 – 1944
- Geburtsort
- Oberbalzheim bei Ulm
- Sterbeort
- bei Erpelle (heute: Hrpelje-Kozina, Slowenien)
- Beruf/Funktion
- Polizeibeamter ; SS-Sturmbannführer
- Konfession
- mehrkonfessionell
- Namensvarianten
-
- Wirth, Christian
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Wirth, Christian
| Polizeibeamter, SS-Sturmbannführer, * 24.11.1885 Oberbalzheim bei Ulm, † 26.5.1944 bei Erpelle (heute: Hrpelje-Kozina, Slowenien), ⚰ Costermano sul Garda (Italien). (evangelisch, später gottgläubig)
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Genealogie
V David (Küfer Kraus) (1839–1912), Küfermeister in O., S d. Johannes (1797–1881), Holzsetzer in O., u. d. Eva Walcher (1798–1871), aus Unterbalzheim;
M Anna Maria Walcher (?) (1847–1919);
16 Geschw (9 früh †);
– ⚭ 1910 Marie Bantel (* 1888);
4 K (2 früh †). -
Biographie
W. besuchte die Volksschule und wurde als Säger ausgebildet. Nach dem württ. Militärdienst 1905–10 arbeitete er bis 1913 in Heilbronn bei der Schutzpolizei, dann in Stuttgart bei der Kriminalpolizei. 1914–18 leistete er Kriegsdienst, zuletzt im Rang eines Offiziersstellvertreters, und kehrte 1919 in den württ. Polizeidienst zurück (1932 Kriminalinspektor).
W. war von 1922 bis zum Verbot 1923 Mitglied der NSDAP, trat 1931 wieder in die Partei und 1933 auch in die SA ein. Ab 1937 Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes (SD), wechselte er im Aug. 1939 von der SA in die SS.
Als Kriminaloberkommissar meldete er sich im Okt. 1939 zur von der „Kanzlei des Führers“ (KdF) organisierten „Aktion T4“, der Ermordung von Psychiatrieinsassen. W. verantwortete als Büroleiter in den „Euthanasie“ |Anstalten Grafeneck, Brandenburg/Havel und Hadamar die Organisation der Morde durch Vergasung mit Kohlenmonoxid, wählte das Personal aus und unterzeichnete gefälschte standesamtliche Sterbeurkunden zur Täuschung der Angehörigen der Opfer. Mitte 1940 wurde er zum Inspekteur aller „Euthanasie“ -Anstalten befördert.
Nach dem Stop der „Euthanasie“ im Reichsgebiet (Aug. 1941) wurde W. im Rahmen der unter Leitung Philipp Bouhlers (1899–1945) und Viktor Bracks (1904–1948) nach Ostpolen verlegten Vernichtungsaktionen in den Distrikt Lublin entsandt, um die dort von SS- und Polizeiführer Odilo Globocnik (1904–1945) begonnenen systematischen Morde an Juden zu unterstützen. Ab Dez. 1941 überwachte W. als Kommandant den Aufbau des Vernichtungslagers Belzec, wo im März 1942 die Tötungsaktionen begannen. W. holte viele seiner Untergebenen aus der „Aktion T4“ nach Ostpolen und setzte sie in Belzec sowie, mit der Ausdehnung des „Aktion Reinhardt“ genannten Genozids auf das ganze Generalgouvernement, in den Vernichtungslagern Sobibor und Treblinka ein. Seit 1.8.1942 war W. in Lublin „Inspekteur des SS-Sonderkommandos Aktion Reinhardt“ und damit für alle drei Lager verantwortlich. Er regelte den gesamten Prozeß der Beraubung und Ermordung durch die Vergiftung mit Kohlenmonoxid aus Auto- bzw. Panzermotoren. In der „Aktion Reinhardt“ starben etwa 1,8 Mio. Menschen, v. a. Juden aus Polen. W. war neben Globocnik Hauptverantwortlicher für diesen Teil des Holocaust.
Nach Abschluß der Mordaktion wurde W. im Aug. 1943 zum Kriminalrat und SS-Sturmbannführer befördert. Mit Globocnik, der nun Höherer SS- und Polizeiführer in der „Operationszone Adriatisches Küstenland“ war, wechselte er im Sept. 1943 nach Triest und leitete dort die „Abteilung R“, die die Deportation der dortigen Juden in die Vernichtungslager im Osten über das neuerrichtete Konzentrationslager Risiera di San Sabba organisierte. Im Nov. 1943 kehrte W. vorübergehend nach Lublin zurück, um die Ermordung der bis dahin in Zwangsarbeitslagern überlebenden Juden im Rahmen der „Aktion Erntefest“ zu überwachen. Nach der Rückkehr ins „Adriatische Küstenland“ wurde er bei der Bekämpfung des Widerstands eingesetzt und 1944 bei einem Partisanenüberfall in Erpelle getötet.
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Auszeichnungen
|E. K. II. u. I. Kl.;
goldene u. silberne württ. Mil.verdienstmedaille (1. Weltkrieg);
Kriegsverdienstkreuz I. Kl. mit Schwertern (1943). -
Literatur
|M. Tregenza, C. W., Inspekteur d. SS-Sonderkommandos „Aktion Reinhard“, in: Zeszyty Majdanka 15, 1993, S. 7–57 (P);
V. Rieß, in: K.-M. Mallmann u. G. Paul (Hg.), Karrieren d. Gewalt, 2005, S. 239–51 (P);
ders., in: Württ. Biogrr. III, 2017, S. 254–56;
S. Berger, Experten d. Vernichtung, Das T4-Reinhardt-Netzwerk in d. Lagern Belzec, Sobibor u. Treblinka, 2014;
St. Lehnstaedt, Der Kern d. Holocaust, Bełżec, Sobibór, Treblinka u. d. Aktion Reinhardt, 2017. -
Autor/in
Stephan Lehnstaedt -
Zitierweise
Lehnstaedt, Stephan, "Wirth, Christian" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 281-282 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142903.html#ndbcontent