Winkler, Wilhelm
- Lebensdaten
- 1884 – 1984
- Geburtsort
- Prag
- Beruf/Funktion
- Statistiker
- Konfession
- katholisch
- Namensvarianten
-
- Winkler, Wilhelm
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Winkler, Wilhelm
| Statistiker, * 29.6.1884 Prag, † 3.9.1984 Wien. (katholisch)
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Genealogie
V →Julius (1844–1907), Musiklehrer in P., S d. Vincenz (* 1805) u. d. Theresia Hlath (* 1810);
M Anna (1853–1916), T d. Joseph Sabitscher (* 1821) u. d. Josepha Hess (* 1824);
7 Geschw ;
– ⚭ 1) 1918 Klara Deutsch (1894–1956), aus W. oder Aussig, 2) 1958 Franziska Kunz, geb. Hacker (* 1919, ⚭ 1] N. N. Kunz, österr. Konsul in Brasilien), aus W.;
3 S aus 1) →Erhard M. (1921–2005), Prof. f. Geol. an d. Univ. of Notre Dame, South Bend (Indiana, USA), →Othmar (1923–2022), Prof. f. Statistik an d. Georgetown Univ. (Washington D. C., USA), →Berthold (1926–2009?), Dipl.-Kaufm., Fabr. in Caracas u. Freilassing, zuletzt in Traunstein (Oberbayern), 2 T aus 1) Hildegard (1926–2017?), in Old Coulsdon (London Borough of Croydon, England), Gertraud (1926–1944), in d. Heil- u. Pflegeanstalt Meseritz-Obrawalde (Pommern) ermordet. -
Biographie
Nach der Matura am Kleinseitner Dt. Gymnasium 1902 studierte W. Rechts- und Staatswissenschaften an der Dt. Univ. Prag. Der dt.tschech. Gegensatz in Böhmen prägte seine dt.-nationale politische Einstellung. Diese Auffassung bildete den Grund für sein späteres demographisch-statistisches Denken über Methoden der Abgrenzung und Klassifizierung ethnischer Gruppierungen. Während des Studiums interessierten ihn die staatswissen|schaftlichen Fächer, in die ihn die Professoren für Statistik, Verwaltungslehre und österr. Verwaltungsrecht →Heinrich Rauchberg (1860–1938) und →Arthur Spiethoff (1873–1957) einführten, mehr als die juristischen. Schon vor seiner Promotion zum Dr. iur. 1907 trat W. in Prag in den richterlichen Vorbereitungsdienst, unterbrochen von der Ableistung des einjährigen Militärdienstes. Seit 1909 Konzeptsbeamter im Statistischen Landesbüro des Kgr. Böhmen, seit 1912 Vizesekretär, bildete er sich in moderner Statistik weiter und besuchte Veranstaltungen zu höherer Mathematik an der TH Prag. Neue Ideen und Methoden aus England und Rußland überzeugten ihn, daß Statistik nicht nur auf Basis von Daten den Status der Gesellschaft beschreiben, sondern auch mit Hilfe statistischer Methoden und mathematischer Werkzeuge genaue Analysen durchführen solle. 1914 meldete W. sich als Kriegsfreiwilliger und war als Infanterieleutnant der Reserve an der serb. und ital. Front stationiert (Oberlt. 1914). 1915 schwer verwundet, traf er bei seinem Spitalaufenthalt bis Juni 1916 seinen früheren akademischen Lehrer für Nationalökonomie, →Othmar Spann (1878–1950), wieder. Als dieser für das Wissenschaftliche Komitee für Kriegswirtschaft des k. k. Kriegsministeriums in Wien tätig wurde, übertrug er W. 1916 die stellv. Leitung der Heeresstatistischen Abteilung. Im Dez. 1918 wurde W. Leiter des statistischen Dienstes im dt.-österr. Staatsamt für Heerwesen, 1919 statistischer Fachberater und damit als Ministerialsekretär Mitglied der dt.-österr. Delegation bei den Friedensverhandlungen in St. Germain.
Im Juli 1920 nahm W. seine Tätigkeit in der Abteilung für Bevölkerungsstatistik der österr. Statistischen Zentralkommission wieder auf (seit 1921 Österr. Bundesamt f. Statistik) und stieg 1925 zum Regierungsrat und Nachfolger von →Wilhelm Hecke (1869–1945) in die Führung der Abteilung für Bevölkerungsstatistik auf. Er führte die Familienstandstatistik und die österr. Volkszählung 1934 ein, die er zuvor von einer Zählung der anwesenden Bevölkerung auf die Zählung der Wohnbevölkerung umgestellt hatte. 1921 für Statistik an der Univ. Wien habilitiert, wurde W., der weiterhin die bevölkerungsstatistische Abteilung im Bundesamt leitete, Vorstand des von ihm gegründeten Instituts für Statistik der Minderheitsvölker, dem ersten statistischen Institut im dt.sprachigen Raum. Die hier entstandenen Publikationen zu Bevölkerungsstand und -bewegung der „Grenz- und Auslandsdeutschen“, nämlich das „Statistische Handbuch des gesamten Deutschtums“ (1927) und das „Statistische Handbuch der europäischen Nationalitäten“ (1931), erregten wegen ihrer neuartigen Methode Aufmerksamkeit (ao. Prof. 1927, wirkl. ao. Prof 1929, tit. o. Prof 1932). 1931–33 veröffentlichte W. den „Grundriß der Statistik“ (2 Bde., ²1947/48) als erstes dt. Statistiklehrbuch, in dem auch höhere Mathematik verwendet wurde.
Mit dem „Anschluß“ Österreichs geriet W., der sich als dt.-national empfand, vom Nationalsozialismus distanzierte, kritisch zur ungerechten Behandlung europ. Minderheiten geäußert und geweigert hatte, sich von seiner jüd. Ehefrau scheiden zu lassen, unter starken politischen Druck. Seine Kinder durften nicht studieren und seine geistig behinderte Tochter Gertraud wurde wahrscheinlich im Rahmen der NS„Euthanasie“ ermordet. Als Universitätsprofessor Ende Juli 1938 in den Ruhestand versetzt und als Abteilungsleiter im Bundesamt für Statistik im Mai 1938 fristlos entlassen, arbeitete er an seinem Lehrbuch „Grundkurs Demographie“ (unveröff.) und zu methodischen Fragen der Statistik.
Im Sept. 1945 wieder in den Dienststand der Univ. Wien aufgenommen, wurde er 1947 Ordinarius für Statistik (u. Demogr. u. Ökonometrie, em. 1955, Dekan d. jur. Fak. 1949–55). Daneben lehrte er seit 1948 als Honorarprofessor an der Hochschule für Welthandel in Wien. W. etablierte mit →Leopold Schmetterer (1919–2004) und →Adolf Adam (1918–2004) in seinem Institut den zuvor vom Unterrichtsministerium mehrmals abgelehnten viersemestrigen Lehrgang in mathematischer Statistik für Diplomstatistiker, der 1966 zur Einführung des regulären Vollstudiums der Statistik in Österreich führte. Aus der von W. an seinem Institut 1949 gegründeten Statistischen Arbeitsgemeinschaft entstand mit formaler Gründung 1951 in Wien die „Österreichische Statistische Gesellschaft“. W. begründete auch deren Organ, die „Statistische Vierteljahresschrift“, die 1957 in der Zeitschrift „Metrika“ aufging. Seine Forschungen in der Nachkriegszeit betrafen neu entstandene Methoden und die in den USA entwickelte Ökonometrie, zu der er 1952 das erste dt. Lehrbuch veröffentlichte. In seinem letzten Werk entfaltete er unter der Bezeichnung „Demometrie“ (1969) die Idee einer mathematisch präzisen „Bevölkerungsmesslehre“, in der er theoretische und angewandte Anteile der Statistik vereinte. Die z. T. durchaus lobenden Rezensionen im In- und Ausland führten allerdings nicht zur Ausbildung der Demometrie als eigene Abteilung der Demographie. Zu W.s Schülern zählen →Adolf Adam (1918–2004), →Gerhart Bruckmann (* 1932),|→Erich Wolfgang Streissler (* 1933), →Johann Pfanzagl (1928–2019) und →Kurt Weichselberger (1929–2016).
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Auszeichnungen
|Mitgl. d. Internat. Statist. Inst. (1926) u. d. Österr. Ak. d. Wiss. (1952);
Ehrenmitgl. d. ungar. statist. Ges. (1932), d. mexikan. geogr.-statist. Ges. (1932), d. Dt. Statist. Ges. (1954), d. Royal Statistical Soc. (1961) u. d. Internat. Statist. Inst. (1966);
HR (1937);
Dr. h. c. Univ. München (1959);
Dr. rer. pol. h. c. Univ. Wien (1965);
Österr. Ehrenkreuz f. Wiss. u. Kunst I. Kl. (1967);
Gr. Goldenes Ehrenzeichen f. Verdienste um d. Rep. Österr. (1980);
Gr. Silbernes Ehrenzeichen mit d. Stern f. Verdienste um d. Rep. Österr. (1984). -
Werke
|Stud. z. Österr. Soz.vers.vorlage, 1911;
Die soz. Lage d. Prager dt. Hochschulstudentenschaft, unter bes. Berücksichtigung ihrer Wohnverhältnisse, 1912;
Die Totenverluste d. österr.-ungar. Monarchie n. Nationalitäten, d. Altersgliederung d. Toten, Ausblicke in d. Zukunft, 1919;
Berufsstatistik d. Kriegstoten d. österr.-ungar. Monarchie, 1919;
Der Anteil d. nicht-dt. Volksstämme an d. österr.-ungar. Wehrmacht, 1919;
Dt.böhmens Wirtsch.kraft, in: R. Lodgman v. Auen (Hg.), Dt.böhmen, 1919, S. 1–6;
Berufsstatistik d. Kriegstoten d. österr.-ungar. Monarchie, 1919;
Vom Völkerleben u. Völkertod, 1920;
Sprachkarte v. Mitteleuropa, dt. Selbstbestimmungsrecht, 1921 (Karte);
The Population of the Austrian Republic, in: The Ann. of the American Ac. of Political and Social Science 98, 1921 S. 1–6;
Die statist. Verhältniszahlen, 1923;
Die Bedeutung d. Statistik f. d. Schutz d. nat. Minderheiten, 1923;
Völker u. Staaten in Mitteleuropa, 1924 (Karte);
Statistik, 1925;
Die Einkommensverschiebungen in Österr. im Weltkrieg, 1929;
Die Weltlage d. Statistik, 1930 (mit W. Breisky);
Der Geburtenrückgang in Österr., 1935;
Dt.tum in aller Welt, 1938;
Grundfragen d. Ökonometrie, 1951;
Typenlehre d. Demogr., 1952;
Die Österreicher im Ausland, 1955;
Mehrsprachiges demogr. Wb., 1960;
Von d. Demogr. z. Demometrie, in: Metrika 6, 1963, S. 187–98;
– W-Verz.: A. Pinwinkler, 2003 (s. L), S. 488–512. -
Literatur
|L. Schmetterer, in: Journ. of the Royal Statistical Soc., Series A, 148, 1985, H. 1, S. 67 (P);
ders., Tribute to W. W. at his 100th Anniversary, in: Internat. Statistical Review 52, 1984, H. 3, S. 227 f.;
A. Adam, W. W., in Honour of his 95th Birthday, ebd. 48, 1980, H. 1, S. 1 f.;
ders. (Hg.), FS W. W. z. 100. Geb.tag, 1984;
A. Pinwinkler, W. W., 2 Bde., Diss. Salzburg 2001;
ders., W. W., 1884–1984, e. Biogr., Zur Gesch. d. Statistik u. Demogr. in Österr. u. Dtld., 2003;
ders., W. W., 1884–1984, e. Leben f. d. Statistik, in: Archiv f. d. Gesch. d. Soziol. in Österr., Newsletter Nr. 24, 2003, S. 7–20;
A. Huber, in: 650 plus, Gesch. d. Univ. Wien (online; P);
Biogr. Lex. Demographie;
Hdb. völk. Wiss. -
Porträts
|Photogr., 1982, Abb. in: Pinwinkler, 1982 u. Pinwinkler, 2003 (s. L), S. 474;
Photogr., 1978, Abb. in: Schmetterer, 1984 (s. L), S. 227;
Photogr. (Archiv d. Univ. Wien, Bildarchiv). -
Autor/in
Rudolf Seising -
Zitierweise
Seising, Rudolf, "Winkler, Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 251-253 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142893.html#ndbcontent